Erbschaft – Teil IX: Ein Berg aus Ungereimtheiten

Erbschaft – Kapitel IX: Ein Berg aus Geheimnissen

Franky hatte einen Traum, der anders als die anderen war und einen schlechten Geschmack in seinem Mund hinterließ.

Bislang hatte er immer von seinen eigenen Erfahrungen geträumt, hatte wieder und wieder die schäbigsten, düstersten Momente seines Lebens durch gestanden. Dieser Traum dagegen… Er konnte sich nicht an die Ereignisse darin erinnern.

Es war nicht die selbe Flüchtigkeit von normalen Träumen, wegen der man sich nicht an die Nächte erinnern konnte. Noch schlief Franky und doch kam ihm der Traum flüchtig vor. Irgendwie war es anders. Der Traum selbst war klar – Franky stand, in seinen Schlafanzug mit der aufgedruckten Maus und Ente, vor der Schlafzimmertür seiner Eltern. Der Türrahmen fühlte sich greifbar an unter seinen Händen, echt. Die Worte seiner Mutter, die er durch den Türspalt belauschte, fraßen sich in sein Bewusstsein und er war sich sicher, er würde sie nie wieder vergessen.

„Eine Lüge!“, schrie sie, „Unser aller Leben ist eine Lüge und seines ein Unfall!“

Der Satz prägte sich ihm eben so wie das schmerzerfüllte Gesicht seines Vaters ein und das Wutgeheul, mit dem sein Vater sich auf seine Mutter stürzte.

Es war dieser Schrei und was darauf folgte, die ihn aus dem Schlaf rissen.

Der Traum lungerte noch herum, blieb im Morgengrauen vor seinen Augen schweben. Das Bild von seinem Vater über seiner Mutter, die Hände um ihren Hals gelegt.

Es war, als wäre die Erinnerung, die er geträumt hatte, selbst verschüttet. Und er hätte nicht sagen können, ob es Wirklichkeit oder Einbildung war, was er träumte. Ob sein Unterbewusstsein nur begann, lange verschüttete Erinnerungen hervor zu holen, oder ihn zu belügen.

Aber da war dieses Gefühl in ihm, das sein Mutter etwas mit der Sache zu tun hatte. Dass sie etwas vor ihm verborgen hatte – noch mehr als seine Erbschaft. Noch viel mehr.

Franky machte sich rasch an die Arbeit.

Noch vor dem Frühstüclk schaffte er alles beiseite, was sich über die letzten Wochen im Salon angesammelt hatte. Die Werkzeuge warf er auf einen Haufen in der Ecke, das Baumaterial direkt daneben. Die Couch und alle Tische und Stühle, die er irgendwann hierher getragen hatte, zerrte er auf die Gegenüberliegende Seite des Raumes. Am Ende hatte er die gesamte Mitte des Salons freigelegt, sodass nur noch die blanken Bohlen des Fußbodens zu sehen waren.

Dann ging er in den ersten Stock, in das Musikzimmer, das er mehr oder weniger zu einem Lagerraum umfunktioniert hatte. Einige seiner alten Sachen lagen dort herum, der Kleidung, die er zwar ersetzt, aber nicht ausgetauscht hatte. Genau wie die Kisten, die er aus der Wohnung seiner verstorbenen Mutter mitgenommen hatte. Eine nach der anderen trug er sie hintunter in den Salon und schüttete ihren Inhalt auf einen Haufen zusammen.

Er musste dieser Sache auf den Grund gehen. Aus irgendeinem Grund hatte er es vor sich hergeschoben, seit er hierher gezogen war. Er hatte die Unterlagen immer wieder und wieder beiseite geräumt, hatte die Kisten umgestapelt, um an anderen Kram zu kommen. Bis er sie schließlich für einige Wochen vergessen hatte. Womöglich hatte er gar nicht wissen wollen, was sich dort befand, was seine Mutter noch vor ihm verborgen hatte.

Er hatte sie loswerden wollen, selbst ihre eigenen Erinnerungen.

Aber sein Unterbewusstsein war noch nicht mit ihr fertig. Die Träume hatten es ihm gezeigt. Wieder und wieder hatten sie sich um seine Mutter gedreht, um ihre Lügen, ihre kleinen Grausamkeiten. Wie sie ihn erst aus ihren Armen stieß, weil er irgendein Andenken von ihr angefasst hatte, und ihn ohrfeigte – nur um ihn im nächsten Augenblick wieder zu drücken und zu herzen und bitterlich zu weinen.

Wieder und wieder hatte er davon geträumt. Irgendetwas musste es bedeuten, irgendetwas musste es ihm sagen wollen. Dort in seinem Inneren klaffte eine Narbe, die in all der Zeit nicht geheilt war und die nun aufzureißen begann.

Und Franky war der Überzeugung, dass nur die Wahrheit sie endgültig verschließen könnte.

Was er an Dokumenten vor sich fand, war ein weiteres Sammelsurium aus Unsinn. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben seiner Mutter, die Schwachsinn wie Schätze gehortet hatte.

Er fand weitere Arztbriefe und Rechnungen und Unterlagen, die es nicht in den Ordner geschafft hatten, den er bei seiner ersten Durchsicht gefunden hatte. Es waren harmlose Dinge dabei, gemischt mit den Anfängen ihrer Todeskrankheit und den letzten. Stundenlang sortierte er sie, ohne ihre Krankheit darum auch nur einen Augenblick lang besser zu verstehen.

Ein Geschwür in ihrem Kopf hatte sie getötet. So viel war man sich sicher, so viel hatte die Obduktion und alle vorherigen Untersuchungen ergeben. Aber wie es dorthin gekommen war und wie es in nur wenigen Wochen derart hatte wuchern können und wie es bei dieser Größe derart lange unentdeckt hatte bleiben können – das gab ihm wie auch den Ärzten gleichermaßen Rätsel auf. Die Krankheit war rasch fortgeschritten und hatte sie noch schneller getötet.

Beinahe von einem Monat auf den anderen.

Weiter unten im Berg ihrer Ungereimtheiten fand er Briefe, allesamt undatiert, aber scheinbar älter. Viele davon waren wieder und wieder geöffnet und aus den Umschlägen genommen worden, sodass sie an den Rändern ganz abgenutzt waren. Liebesbriefe seines Vaters, die er sich kaum zu lesen traute. Als er sie schließlich öffnete, berührten sie ihn. Sie waren weichherzig und sanftmütig und an eine Frau gerichtet, die es für Franky nie gegeben hatte. Die eine Seite gehabt haben musste, die mit seinem Vater zusammen gestorben war.

Auch persönliche Korrespondenz mit Bekannten war darunter gemischt. Briefe von einem „L.v.S.“, der seine Schreiben mit einem extravaganten Siegel verschloss. Der Inhalt blieb für Franky hinter den von archaischem Sütterlin verborgen. Und selbst dort, wo er einige Worte entziffern konnte, ergaben sie für ihn keinen Sinn.

Aber es war kein einziges Schreiben an Charlotte darunter. Oder an oder von einer „Kanzlei von Büchow“. Er fand eine einzige juristische Auseinandersetzung mit „Kanzlei C. Von Bülow“. Und diese war aus dem Jahr, in dem sein Vater gestorben war. Es ging um einen Rechtsstreit über Eigentümerschaft des Hauses, in dem Charlotte die Gegenseite vertrat, einen unbekannten Verwandten Frankys väterlicherseits, von dem er noch nie gehört hatte und den Charlotte mit keinem Wort erwähnt hatte.

Das war alles gewesen, was er in ihren Unterlagen gefunden hatte.

Mehr Rätsel. Mehr Zweifel.

Einige Minuten saß Franky nur dort, umgeben von all dem bürokratischen Unrat, den seine Mutter angehäuft hatte, und versuchte zu atmen. Es war erstaunlich schwer, sich nur darauf zu konzentrieren. Auf das atmen. Die kreiselnden Gedanken in seinem Kopf kamen ihm immer wieder dazwischen, drückten ihm die Luft ab. Er fühlte, wie sich dieselbe Schleife aus Fragen,ifel. Verzweiflung und Selbsthass zurück zu fallen, die ihn als Jugendlicher begleitet hatte, enger und enger um seine Brust legte. Wie sie zupackte.

Wieso? Wieso war es ihm unmöglich, dieser Frau zu entkommen. Er konnte Sie nicht einmal begraben, um sie los zu sein. Wie ein Geist verfolgten ihre Untaten und ihre Geheimnisse ihn weiter und brachten ihn um den Schlaf – selbst in einem Haus, dass sie offenbar selbst nicht gewollt und von dem sie ferngeblieben war. Vielleicht würde er sich damit abfinden, dachte Franky, während er auf den Papierberg vor sich starrte, der ihn vernunftlos anschwieg. Irgendwann in ein paar Jahren vielleicht, nach etwas Therapie und ein wenig kathartischer Wut könnte er diese Sache beiseite lassen. Sich damit abfinden, dass seine Mutter keine geheime Agenda gehabt hatte, um sein Leben zu ruinieren. Dass sie einfach nur verrückt geworden war vor Trauer, eine arme, kranke Frau, die von ihrem Leben überfordert war.

Dass er nur der Kollateralschaden eines kaputten Lebens war. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Dann fiel ihm ein, dass Charlotte gelogen haben musste. Sie war nicht die Anwältin seiner Mutter gewesen, jedenfalls fand er keinen Hinweis darauf. Das Haus gehörte ihm, daran gab es nichts zu rütteln. Er hatte die Besitzurkunde oben in einem kleinen Kästchen zu liegen und sie war mehrfach von den Behörden bestätigt worden. Wieso also hatte sie versucht, es seiner Mutter nach dem Tod seines Vaters abzusprechen?

Nein, dachte Franky und schüttelte den Kopf, es musste ihr Vater gewesen sein oder wem immer die Kanzlei zuvor gehört hatte. Charlotte konnte unmöglich damals bereits praktiziert haben. Franky war zwei Jahre alt gewesen, als sein Vater starb, und Charlotte war kaum älter als er.

Franky kroch zu dem Sekretär seiner Mutter hinüber. In den Schubladen fanden sich noch einige ihrer Unterlagen. Nichts, was ihm weiterhalf. Unwichtiges Zeug, fand er, und riss die Fächer mit roher Gewalt heraus. Zeichnungen und Skizzen und alte Fotos flogen durch die Gegend und vermischten die Papiere hinter ihm erneut zu einem undeutlichen Haufen.

Leise, beinahe heimlich, fiel ein schmales Büchlein heraus. Braunes Leder, ganz weich, mit einem schwarzen Federhalter, der daran geklemmt war.

Das Tagebuch seiner Mutter. Eines davon zumindest, den Daten und den freien Seiten am Ende nach zu schließen das letzte davon. Weiß Gott, wo die anderen geblieben waren. Vielleicht waren sie in den Bergen von Schundliteratur untergegangen, die Franky aus ihrer Wohnung hatte entfernen lassen. Vielleicht war Maria Johanna Roth selbst sie losgeworden, hatte sie verbrannt, um sich ihren eigenen Erinnerungen entziehen zu können.

Franky würde es nie erfahren. Aber was in diesem Büchlein zu lesen war, reichte aus, um ihn zu erschüttern.

Elfter Mai:

„Habe in den letzten Tagen meine alten Journalien durchgeblättert. Es ist ein seltsames Gefühl. So viele Erinnerungen, gute, schlechte, vergessene. Sie sind alles, was ich noch habe.

Urgroßvater hat mich fallen gelassen. Ich spüre es. Er weicht mir aus. Der verhasste Dr. Federer antwortet an seiner statt auf meine Anrufe, meine Briefe. Komme ich zu einem persönlichen Gespräch, hat er keine Zeit für mich und Dr. Federer wimmelt mich ab, vertröstet mich.

Ich habe mich geweigert, ihm meinen Sohn zu opfern und nun zahle ich den Preis dafür. Ich werde alt werden. Nein. Ich werde verwelken. Mein Alter wird zu mir aufschließen, ich kann ihm nicht länger entkommen. Es hat bereits begonnen, ich kann es fühlen. Der Entzug macht sich bemerkbar. Meine Haut wird schlaff und grau, meine Gedanken sind wirr und nebelig.

Habe Urgroßvater seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Wenn er nicht… wenn er nicht… Eine Woche noch. Dann wird es nicht mehr aufzuhalten sein. Ich glaube nicht, dass die Ärzte mir helfen könnten. Keine Medizin der Welt kann das.

Viel mehr als einige Wochen werde ich nicht haben. Ich weiß es.

Vor einigen Tagen hatte ich einen schlechten Traum. Er war anders als die anderen, nicht so wirr. Er war sehr klar und deutlich. Mir träumte, das alte Anwesen stünde wieder in neuem Glanz. Ein fürchterlicher Gedanke, der mich den Rest der Nacht nicht schlafen ließ.“

Dreizehnter Mai:

„War heute im Anwesen, hielt die Ungewissheit nicht länger aus. Musste wissen, ob jemand in meiner Abwesenheit… Aber nichts hat sich dort verändert. Nicht seit er gestorben ist.

Es verrottet, Jahrzehnt um Jahrzehnt etwas mehr. Ich hatte gehofft, seinen Untergang noch zu erleben, aber… Der Zustand ist erbärmlich. Bald wird es zusammen fallen. Urgroßvater wird es zu betonieren, sobald es in seinem Besitz ist. Er wird es einreißen, den Keller mit Zement füllen und eine Tankstelle darauf errichten oder e Und das Ding, das darunter schläft, wird niemandem mehr ein Leid zufügen können. Nicht mir wenigstens. Nicht mir.

Ich muss sicherstellen, dass es so kommt. Es darf nicht dieser Bützow oder einem ihrer Schergen in die Hände fallen.“

Der fünfzehnte Mai:

„Habe Frank aus meinem Testament gestrichen.

Ein letzter Schritt. Es ist seltsam, wie lange ich mich ihm verweigert habe. Es war dumm, so lange zu warten. So ist es besser. Sicherer für ihn.

Vielleicht ist er in Amerika. Ich hoffe es. Ich hoffe er hat den Verstand besessen, so weit von mir zu fliehen, wie er nur konnte. Es war ein Fehler, seinen Vater zu lieben. Die Linie hätte mit ihm sterben sollen, nicht mit meinem Kind.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass von Bützow noch lauert. Auf einen letzten Augenblick der Schwäche, bevor es mit mir zuende geht. Urgroßvater will davon nichts hören, nicht von mir jedenfalls. Aber ich muss sicher sein, dass Franky nicht von seinem Erbe erfährt. Das ist der einzige Weg. Urgroßvater würde ihn töten.

Das Geld wäre mir gleichgültig, ich würde es ihm gönnen. Urgroßvater braucht es nicht, er hat mir erlaubt, es zu behalten. Aber die Häuser… Die Häuser darf Frank nie bekommen. Nicht dieses jedenfalls.

Es ist besser, wenn er glaubt, ich hasse ihn und habe ihn aus meinem Leben ganz verbannt. Ich fürchte, ihn nur neugierig zu machen, wenn ihm mein Geld in die Hände fällt. Es soll an das Charoninstitut gehen, sobald ich nicht mehr bin. Urgroßvater wird wütend sein, wenn er davon erfährt – er hasst sie mit einer Leidenschaft, die mir nicht begreiflich ist.

Und ich fürchte, Kontakt zu Frank aufzunehmen. Wenn ich ihn finden kann, dann auch Sie – das kann ich nicht ertragen. Nicht nach all der Mühe.

Es ist besser, Fehler zu vergessen.“

Das war der letzte Eintrag, der Frank interessierte. Die anderen waren ihm unverständlich. Wirres Zeug über einen Urgroßvater, von dem er nie etwas gehört hatte – die Familie seiner Mutter war tot, das hatte sie mehrfach gesagt – oder ausschweifende Beschreibungen ihrer Schmerzen. Sie war in den letzten Wochen ihres Lebens rapide gealtert, aber bei so klarem Verstand gewesen, das sie alles festgehalten hatte, in jedem ekelhaften Detail.

Zwischen den letzten Einträgen steckten eine handvoll Bilder. Mutter musste während ihrer letzten Tage Trost in ihnen gefunden und sich an frühere Zeiten erinnert haben.

Franky betrachtete sie eine Zeit lang unschlüssig.

Es waren Bilder seines Vaters, die er noch nie gesehen hatte und an die er sich nicht erinnerte. Die sie wohl vor ihm geheim gehalten hatte, aus ihrer gemeinsamen Jugend, wie es schien. Immerhin ihn hatte sie geliebt.

Ein Hochzeitsbild war dabei, in der kleinen Kapelle nicht weit von hier, nur von seinem Vater und ihr vor dem Altar. Seine Mutter war so schön und jung darauf, wie er sie in Erinnerung hatte. Eine herrische Frau mit einem klaren Blick und einem gewinnenden Lächeln, das er bewunderte und fürchtete. Eine Frau, die nichts mit den scheußlichen Bildern zu tun hatte, die er zuletzt von ihr gesehen hatte, ausgemergelt und sterbenskrank.

Und ein Bild, das sie in ihrer Jugend zeigte, als ein junges Mädchen mit blonden Zöpfen und einem frechen Grinsen umgeben von ihrer Familie beim Abendessen.

Ein Bild, das vergilbt und angelaufen war und dessen schwarz-weiß langsam gelbstichig wurde.

Auf der Rückseite stand in derselben geschwungenen Handschrift der mysteriösen Briefe geschrieben:

Maria Johanna von Schlüsselburg.

Siebter August Neunzehnhundertzweiunddreißig.

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