Erbschaft – Teil VIII: Wein im Keller

Franky wartete und erwürgte seine Zeit in einem langsamen Todeskampf. Es gab für ihn nichts weiter zu tun. Er hätte das Haus weiter renovieren können oder wenigstens Pläne dafür schmieden. Aber er traute seinen Augen nicht mehr, die richtigen Farben, Stoffe und Hölzer dafür auszusuchen – fast so wenig, wie er seinen Händen traute, die Pläne vernünftig zu zeichnen.

Vor ein paar Tagen war er erneut im Keller gewesen. Er wollte nur die Werkzeuge holen, die er dort hatte liegen lassen. Die Zerstörung, die er dort unten angerichtet hatte, war immens. Sie wäre beeindruckend gewesen, hätte Franky sie mit sich selbst, mit seinen eigenen Händen, in Verbindung bringen können. Aber über seiner Erinnerung lag eine Art von Schleier – burgunderfarben, dachte er – der diese Nacht beinahe vollständig bedeckte. Er war in eine Art von Rausch verfallen, den er von sich abgetrennt hatte..

Seit der kalten Wäsche im Garten am Tag danach hatte er nicht zu zittern aufgehört. Der Staub und Schweiß dieser Nacht war wie Schlamm von ihm abgefallen. Trotzdem fühlte er sich schmutzig. Mit den Steinen im Keller schien Franky auch seine letzte Disziplin zertrümmert zu haben.

Das war vor einigen Tagen gewesen.

Seitdem… seitdem wartete er. Unschlüssig, was er tun sollte. Ängstlich vor dem, was er tun könnte.

Er hatte nicht viel hier, um sich zu beschäftigen – eine Reihe an alten Büchern hatte er mitgenommen, aber die ödeten ihn schnell an. Einen Fernseher oder auch nur ein Radio besaß er nicht, selbst wenn: Das Anwesen hatte noch keine weiteren Anschlüsse, solche Geräte wären also tot geblieben.

Und andere Menschen… Menschen wollte er nicht sehen. Diejenigen, die er kannte und die noch mit ihm reden würden, lebten in der selben Zeit, aus der Therese kam. Die selbe Zeit, die er loswerden wollte.

Franky zeichnete daher viel. Ein Hobby, das er über Jahre hinweg nicht ausgeübt hatte, obwohl er es als Kind geliebt hatte. Vielleicht, weil es ihn an seine Mutter erinnerte. Aber in dieser Zeit jetzt war es ganz ungetrübt von Erinnerungen. Die Zeichnungen floßen einfach aus seinen zitternden Fingern.

Er tat nicht viel anderes in diesen Tagen. Er schlief, wenn ihn die Müdigkeit überkam, oft erst gegen Mitternacht, und verbracht eine unruhige Ewigkeit in den Händen von Alpträumen. Von halben Erinnerungen, die ihm wieder hochkamen.

Am nächsten Tag begann er sofort mit dem Zeichnen, reinigte sich von diesen Gedanken seiner Nacht. Blatt um Blatt füllte er mit Graphit- oder Kohlezeichnungen. Als ihm die Stifte ausgingen, malte er mit Schmutz und Staub und den Wandfarben, die er als Exempel besorgt hatte. Als ihm das Papier ausging, verwendete er die Reste von Brettern, die er für die Küche verwendet hatte.

Auf diese Weise brachte er einige Tage herum, erwürgte sie, Minute um gedankenlose Minute, untr zeichnenden Fingern. Sie gingen unter in dem Dröhnen seiner Farben auf dem Holz, in dem Fauchen der Pinselhaare.

An einem dieser Tage drang ein Klopfen zu ihm durch. Ein zärtliches, aber bestimmtes Klopfen, das sich alle paar Minuten wiederholte. Tock-TockTock. Erst bemerkte er es nicht. Aber die Beharrlichkeit, mit der es ertönte, drang langsam zu Franky durch.

Die Sonne war schon lange untergegangen. Wie dunkel es im Salon wirklich war, in welcher Finsternis er vor sich hin gearbeitet hatte, wurde Franky erst bewusst, als er die Uhr auf seinem Handydisplay kontrollierte. Das Licht stach ihm in Augen, die seit Stunden kein helles Licht gesehen hatten.

Wieder dieses Klopfen. Franky blinzelte, dann sah er zum Flur hinüber. Sein Blick blieb an dem verkleideten Eingang zum Keller hängen, wie von selbst. Angespannt lauschte er…

und atmete erleichert aus. Das Klopfen kam von der Eingangstür.

Franky erhob sich von seinem Stuhl und streckte sich. Sein Rücken und seine Schultern schmerzten, so verkrampft hatte er dagesessen. Er war immer näher und näher an das Holz gerutscht, bis er kaum noch eine Nasenspitze davon entfernt war.

Mit steifen Beinen ging er zur Tür hinüber und öffnete.

Charlotte von Bützow stand vor seiner Schwelle. Sie hatte die Arme unter der Brust verschränkt und einen säuerlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt.

„Ich klopfe seit einer Viertelstunde“, sagte sie.

„Entschuldige“, sagte Franky. Er blinzelte. Die Straßenlaternen vor dem Haus brannten noch und auf der Straße war Verkehr. Es war eine ganz andere Welt dort draußen, so voller Farben und Lichter und Gerüche und Geräusche, dass sie ihn für einen Augenblick überwältigte.

„Darf ich reinkommen oder soll ich noch länger draußen stehen bleiben?“, sagte Charlotte und unterband seine müßigen Gedanken.

Schuldbewusst ging Franky beiseite. Er schloss die Tür hinter ihr, sie knippste das Licht im Flur an.

„Ist es schon Donnerstag?“, fragte Franky.

Charlotte zog eine schmale Augenbraue in die Höhe.

„Es ist Freitag. Ich hatte anrufen lassen, aber niemand war zu erreichen.“

Sie sah sich um, warf einen Blick in die Küche und den Salon. Als ob sie sicherstellen müsste, dass er nicht völlig im Dreck lebte.

Ihr Eindruck müsste durchwachsen sein, dachte Franky. Die unterste Etage war in Teilen von ihm renoviert worden, doch seit Therese ihn besucht hatte, war alles ein wenig versumpft. Immerhin war der Abwasch gemacht. Wenn auch nur, weil Franky in den letzten Tagen nicht viel gegessen hatte.

Franky ging derweil in die Küche. Er holte eine Weinflasche und zwei Gläser aus einem und ging dann in den Salon zurück. Charlotte stand mit dem Rücken zu ihm, über die Zeichnungen gebeugt, die er angefertigt hatte. Sie lagen alle auf dem Sekretär verteilt und die Anwältin hatte keine Scheu, einzelne davon hervor zu ziehen und zu betrachten.

„Sehr abstrakt“, sagte sie angesichts der scharfen Kanten, der ausgewaschenen Farben und der halbdunklen Erinnerungen an Träume, die er darauf verteilt hatte.

Franky runzelte die Stirn. Er war barfuß und war sicher, dass seine Schritte keine Geräusche machten. Er setzte sich auf die Couch, sagte:

„Es beschäftigt mich, während ich auf dich warte.“

Charlotte seufzte und rollte das Papier wieder zusammen.

„Weswegen wolltest du mit mir so dringend sprechen, dass es nicht am Telefon ging?“, fragte sie. Sie setzte sich nicht zu ihm auf die Couch, sondern blieb an den Sekretär gelehnt stehen.

Franky biss die Zähne zusammen. Wieso setzte sie sich nicht? Sie sollte sich setzen. Zu ihm. Wenigstens für einen Moment. Er wollte nicht, dass sie ging. Oder dass sie aussah, als wäre es ein Geschäftsbesuch.

„Es…“

Franky seufzte. Wo sollte er anfangen? Er konnte kaum einfach mit dem heraus platzen, was er wirklich von ihr wollte. Das würde ihm bestenfalls eine Ohrfeige einbringen. Bestenfalls.

In Gedanken rieb er sich die Wange.

„Es geht um das Haus“, sagte er. „Das Anwesen. Ich… Gott, ich hoffe, ich klinge nicht verrückt.“

„Nimmt es dich derart mit?“

„Ist es so offensichtlich?“ Er lachte aufgesetzt. „Ich dachte, ich hätte langsam ein Händchen dafür entwickelt.“

„Du siehst fürchterlich aus“, sagte Charlotte. Ihre Lippen hatten sich zu einem Ausdruck verzogen, den Franky nicht deuten konnte. Eine Mischung aus Witz und Mitleid vielleicht.

Aber der Ton, in dem sie das sagte, verletzte Franky am meisten. Er hatte keinen Spiegel zur Hand, aber sie musste wohl Recht haben. Er wusste nicht, wann er sich das letzte mal den fusseligen Bart rasiert oder überhaupt gepflegt hatte. Öl und Farbe klebten an seinen Fingern und Staub in seinen Haaren, wahrscheinlich hatte er auch Flecken im Bart.

„Ich schlafe schlecht“, sagte er. Als ob das eine Entschuldigung wäre. „Gar nicht, eigentlich. Wenn ich schlafe, bin ich wach.“

Abermals zog Charlotte eine Augenbraue in die Höhe.

„Was soll das denn heißen? Entweder schläft ein Mensch oder er ist wach, nicht? Andere Zustände gibt es kaum.“

„Ich… schlafe. Das heißt mein Körper schläft. Aber ich träume. Nicht normale Träume. Ich fühle mich wach dabei, aber gefangen in meinem Körper, in meinem Bett, und ich beobachte mich. Nicht meinen schlafenden Körper, sondern meinen vergangenen. Was ich erlebt habe. Ich träume nicht, sondern ich erinnere mich im Traum an all die Dinge, die ich getan habe. Die ich bereue. Wie eine kaputte Videokasette spiele ich sie ab, wieder und wieder. Wie ein Zuschauer in meiner eigenen Vergangenheit.“

Franky schüttelte den Kopf. Dann zerrte er den Korken mit den Zähnen aus dem Weinglas und goss den Wein ein.

„Egal“, sagte er und hielt ihr eines der Gläser hin. „Deswegen wollte ich nicht mit dir sprechen.“

Charlotte starrte ihn an. Ein unangenehmer Blick, der ihm das Herz schneller schlagen ließ. Es fühlte sich an, als wäre er nackt. Nicht auf die angenehme Art. Sondern eher, als würde sie ihm das Fleisch von den Knochen schälen und ihm in die Seele starren.

„Sondern…?“, fragte sie langsam, scheinbar unwillig, das Thema so einfach gehen zu lassen.

Sie war interessant daran. Das würde er sich merken. Vielleicht wäre es ein Vorwand, später noch mit ihr zu sprechen. Nur warum?

Sie nahm das Glas entgegen – einer ihrer Ringe sang, als er gegen das Glas stieß – und schwenkte es einen Augenblick unter der Nase. Dann erst nippte sie daran.

Franky leckte sich über die Lippen.

„Ich habe ein Problem mit dem Haus“, sagte er. „Und ich dachte mir, du könntest vielleicht helfen. Vielleicht weißt du etwas davon oder kennst jemanden oder…?“

„Ich bin Anwältin“, sagte sie, „keine Hausverwalterin.“

„Ja. Ja ich weiß. Entschuldige, das klang falsch. Ich hatte gehofft…“

Franky seufzte, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken.

„Komm mit. Bitte. Es ist einfacher, wenn ich es dir zeige“, sagte er.

Er ging in den Flur zurück, Weinglas und Flasche noch in der Hand. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie die Neugier langsam in ihr Überhand gewann.

Das Licht im Keller stach ihm in den Augen. Die neuen LED-Lampen glühten nicht, sie brannten, und das Licht, das sie auf weißgekalkte Wände warfen, war eisig.

Er ging durch die Gänge, langsam.

„Es ist im Keller. In der hintersten Kammer“, sagte er. Seine Stimme hallte und verbarg alle anderen Geräusche. Er ignorierte es. „Erst dachte ich, es wäre vielleicht dieser… Lustkeller gewesen, von dem du anfangs erzählt hast. Erinnerst du dich? Dass irgendwelche Geräusche zu hören gewesen wären vor hundert Jahren. Dass irgendjemand sich vielleicht amüsiert hätte und man es als ein schmutziges Familiengeheimnis begraben hat. Irgendwie hat mich dieser Gedanke nicht los gelassen… Und… Naja, ich habe danach gesucht. War mehr ein Zufall, dass ich ihn gefunden habe, wirklich.“

Er lachte nervös. Besser, er sagte ihr nicht die Wahrheit. Nicht diese jedenfalls.

„Aber etwas daran will mir nicht einleuchten. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich es.“

Sie kamen an den letzten Raum im Keller und Franky ging hinein. Der Raum war noch genau so verwüstet, wie er ihn zurück gelassen hatte. Er hatte die Werkzeuge nach oben geholt, weil er mit Brecheisen und Hammer ein Wandpanel im Dachgeschoß hatte heraus brechen wollen – aber Franky hatte es keine Minute länger als nötig dort unten ausgehalten. Selbst jetzt war ihm kalt, nur beim Anblick der grauenhaften Öffnung in der Wand. Dahinter leuchtete noch die alte Birne, deren orangenes Licht ihn erst auf die Existenz des geheimen Raumes aufmerksam gemacht hatte.

Charlotte kam hinterher und betrachtete die Verwüstung, die Franky in seinem Rausch angerichtet hatte. Eine Hand hatte sie um die Brust geschlungen, die andere, die mit dem Siegelring, der vorhin so gesungen hatte, umklammerte das Weinglas. Sie musste frieren in ihrer dünnen Bluse und den Strumpfhosen.

„Wieso um alles in der Welt…?“, fragte sie, dann verstummte sie. Sie hatte die Platte entdeckt, die Franky frei gelegt hatte. Ihr blieb der Atem weg. Franky hörte es in der stickigen Luft ganz deutlich. Sein eigener gepresster Atem war zu hören und das rauschende Blut in seinen Ohren und das Hämmern seines Herzens. Aber von ihr nichts. Kein einziger Laut.

Seine Anwälting drängte sich an ihm vorbei durch die Maueröffnung, die er geschlagen hatte. Franky blieb davor. Etwas in ihm hielt ihn davon ab, sich dieser Platte weiter zu nähern. Er drehte ihr die Seite zu und starrte in den unauffälligen Vorraum. In seinen Händen hielt er die Weinflasche und das Glas wie ein Ertrinkender einen Rettungsring.

Ab und an trank er daraus.

„Sieht fast wie ein Grab aus, nicht?“, sagte Franky.

Der Gedanke war ihm vor einiger Zeit gekommen. Nicht sofort. Zunächst hatte er sich keinen Reim darauf machen können. Aber in den letzten Tagen hatte er viel darüber nachgedacht. Wenn er zeichnete und abgelenkt war, dann kamen ihm manchmal solche Gedanken. Gedanken, die er wie alle anderen auf‘s Papier blutete und erst Tage später feststellte, dass er sie einmal gehabt hatte.

Was also, wenn es ein Grab wäre? Ein anonymes Grab im Keller des familären Anwesens. Was gab es für einen besseren Platz, einen Mord zu vertuschen, als den weitläufigen Keller? Eine neue Schicht Beton darüber gegossen, den Kellerraum selbst versiegeln… und niemand würde ihn je finden.

Außer durch Zufall.

Außer irgendjemand käme im Drogenrausch auf die Idee, seinen Liebeskummer an einer auffällig unauffälligen Kellerwand auszulassen.

Charlotte schwieg. Aus den Augenwinkeln sah Franky, wie sie über der Metallplatte kniete und sie sanft berührte. Ihre Hände fielen Franky dabei zum ersten Mal auf. Sie waren zierlich, schlank, mit wohl manikürten Fingernägeln. Nichts anderes hatte er erwartet, aber doch hatte er noch nie auf ihre Hände geachtet. Mit den Fingerkuppen fuhr sie über die Linien, spürte jeder Rille und jeder Gravur nach, wo er keine hatte finden können.. Franky wandte den Blick ab. Der Anblick ließ ihm schlecht werden. Als täte sie etwas unanständiges. Als wäre er ein Voyeur, der etwas intimes beobachtete.

Der Moment verflog, sobald Franky etwas sagte.

„Ich hatte gehofft, du wüsstest vielleicht… Als Anwältin der Familie…“

Charlotte versteifte sich plötzlich. Hatte sie für einen Augenblick vergessen, dass Franky hier war?

Ihre Stimme verriet nicht, ob der Fund sie verstörte. Im Gegenteil klang sie höchstens erregt. Sie zitterte, wie sie dort auf den Knien hockte und zärtlich über das Metall fuhr.

„Ob deine Vorfahren jemanden hier ermordet und in einem namenlosen Grab verscharrt haben – und ob wir den Vorfall vertuscht haben?“, fragte sie.

Franky stockte der Atem. Wenn sie es so sagte, klang es brutal.

„Sowas in der Art“, brachte er hervor. „Vielleicht hat… Gott, ich weiß auch nicht. Was soll ich davon halten, dass ich hier so ein Ding finde? Es könnte ein Sarg sein, nicht? Ein Kupfersarg?“
„Zink. Metallsärge sind aus Zink“, sagte Charlotte ohne aufzublicken.

„Meinetwegen eben Zink. Also könnte es so etwas sein?“

Charlotte erhob sich langsam wieder. Ohne den Blick von der Platte abzuwenden, sagte sie:

„Möglicherweise. Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen…“

„Herr Gott, Charlotte! Ich frage dich nicht, ob du jemanden getötet hast, sondern ob einer meiner Vorfahren jemanden… Ob hier ein Verbrechen geschehen ist oder sonst was! Wenn, dann müsste deine Kanzlei doch etwas wissen, oder? Seid ihr nicht seit hundert Jahren die Anwälte der Familie?“

„Einhundertfünfzig“, sagte Charlotte. Sie leckte sich über die Lippen. Als sie Franky endlich wieder ansah, kam ihr Blick ihm eisig vor. Nicht kühl, nicht ablehnend, sondern wie von einer dünnen Schicht milchigen Eises überzogen, der den Grund ihrer Seele vor ihm verbarg.


Der Blick dauerte nur einen seiner rasenden Herzschläge lang an. Dann sah sie wieder zu der Platte hinüber.

„Ich bezweifle zwar, dass wir offizielle Akten angelegt haben, wenn es… Nun, wenn es ein Mord sein sollte oder etwas anderes derart illegales. Nur ein Dummkopf würde ein Verbrechen derart katalogisieren, dass es bei einer Hausdurchsuchung gleich gefunden würde.“

Sie sah zurück zu Franky. Wieder musterte sie ihn, mit etwas anderen Augen dieses Mal.

„Aber möglich ist es?“, fragte er.
„Wir führen ein umfangreiches Familienarchiv, privat natürlich. Es können sich Briefe oder Tagebucheinträge finden… Die Platte scheint nicht viel älter als siebzig Jahre zu sein. Es ist möglich, dass ich etwas finde. Aber ich müsste wissen, wonach ich suche.“

Franky runzelte die Stirn. Er sah zu der Platte. Für ihn war sie zeitlos, eine Ewigkeit die in Metall gegossen worden war. Sie hätte genau so gut aus dem achtzehnten Jahrhundert stammen können.

„Nach Umbauten vielleicht? Ich meine, es ist möglich…“

Seine Kiefer mahlten.

„Es sind offensichtlich Umbauten vorgenommen worden, oder nicht? Vor einigen Jahrzehnten offenbar: Die Wand war massiv, wie der Rest des Kellers. Davon müssten sich Aufzeichnungen finden lassen, falls es über die Kanzlei gelaufen ist.“

Charlotte wich seinem Blick aus, sah zu der Metallplatte mit ihren unleserlichen Zeichen darauf.

„Möglich“, sagte sie vage. „Ich kann es nachprüfen, aber in den Aufzeichnungen deiner Familie dürftest du mehr Glück haben. Ist es wegen dieses… sagen wir es ist ein Sarg. Sagen wir, es ist ein Grab. Also ist es wegen dieses Sargs, dass du Alpträume hast?“

Franky bildete sich ein, das Eis unter seinen Füßen knarren zu hören. Er zog die Brauen zusammen, sah zu der Platte im Boden. Nur kurz, dann ballten sich ihm die Eingeweide zusammen. Er schüttelte den Kopf.

„Ja?“, sagte er. „Ich denke nicht. Vielleicht. Ich meine: Ich weiß nicht. Es ist sicherlich aufwühlend, ja, aber ich schlafe schlecht, eigentlich seit ich eingezogen bin. Es wird schlimmer seit ich den Raum hier gefunden habe. Aber ich denke es ist eine allgemeine Sache. Ich träume von all den schlechten Dingen, die ich getan habe. Vielleicht, weil ich mich frage, was meine Familie getan hat, wo mein Platz in der Welt ist, weißt du?“

Franky schüttelte den Kopf. Ihm war kalt bei dem Gedanken daran und er schob ihn ganz weit von sich.

„Gehen wir nach oben“, sagte er. „Dort ist es wärmer. Du musst in deinem Kostüm ja erbärmlich frieren.“

„Oh ja, ja natürlich.“, sagte Charlotte. Sie lächelte schief.

Als Franky sich in Bewegung setzte, zögerte sie einen Augenblick. Er sah aus dem Augenwinkel, wie ihr Lächeln schmolz und wie sie einen letzten Blick zurück über ihre Schulter warf. Zurück in den geheimen Raum.

Dann folgte sie Franky nach oben.

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