Erbschaft – Teil VII: Rausch und Rage

Franky ertrug es nicht mehr. Die Bilder. Die Geräusche in seinem Kopf. Theresens Stimme, die diesen einen Satz wiederholte, diesen sinnlosen Satz, den sie gesagt hatte. So lange, bis er alle Bedeutung verloren hatte.

Und die Bilder, die er sah, während er auf seinem Bett lag, wie ein Opfertier alle viere von sich gestreckt, und aus dem Fenster in den dunklen Garten schauend.

Dieser Baum. Er verhöhnte ihn.

Vielleicht klang es verrückt – vielleicht war es verrückt – aber je länger Franky dort in seinem Zimmer lag, auf seinem Bett… In seinem Zimmer. Das klang als hätte Mutter ihn ohne Abendessen ins Bett geschickt! Je länger er dort in seinem Schlafzimmer lag, im zweiten Stock seines Anwesens, und mit schweren Augen aus dem Fenster starrte, desto mehr regte ihn dieser Baum auf.

Diese elende Schandmal stand dort im Garten, inmitten der Wildnis, und tat, als wäre nichts.

Als wäre sein ganzes Bemühen, das Anwesen zu renovieren und sich zu eigen zu machen, spurlos an ihr und diesem überwucherten Garten vorbei gegangen. War sie ja auch, denn Franky hatte nicht einmal Hand daran gelegt, seit er hier war. Weder hatte er den Müll entfernt, der sich dort angesammelt hatte, noch das Gras gestützt oder das trockene Geholz entfernt.

Es war ein irrsinniger Gedanke, dass dieser Baum – eine bescheuerte Pflanze, die dort seit fünfzig Jahren stand – ihn weiter verhöhnen sollte.

Aber er zefraß Franky. Genau wie die Stimme, die diesen Gedanken begleitete. Theresens Stimme, die diesen Satz wiederholte, endlos kreisend, und langsam allen Inhalt aus den Worten saugte. Bis sie nur noch leere Hülsen von Lauten waren, die in seinem leeren Kopf umher polterten.

Wieso hatte er so darauf reagiert? Weshalb war er derart zornig geworden, dass er sie gepackt und hinaus geworfen hatte?

Diese Wut war nicht von ihm gekommen. Sie hatte sich in seinen Kopf geschlichen – nein, sie war hinein gestürmt und hatte alle Türen aufgestoßen, die sie finden konnte. Aber sie war nicht von Franky gekommen. Ihm gehörte diese Wut nicht.

Er hatte Therese nicht einfach fortgejagt. Nicht, solange er nicht einmal wirklich sagen konnte, was ihn an diesem Satz gestört hatte. Und je länger er dort lag, im Dunkel seines Schlafzimmers, desto weniger schien ihm dieser Satz von Bedeutung zu sein. Desto mehr schien diese Wut ihm fremd.

Sie war von einer anderen Stelle gekommen.

Nur von wo?, dachte Franky und fand und fand keine Antwort darauf.

Bis ihm ein Gedanke kam, so verrückt wie seine plötzliche Abneigung gegen den Garten.

Diese Wut, diese Abneigung gegen Therese als einen Eindrling in seinem Leben, einen Störenfried, der alles durcheinander brachte, was er hier aufgebaut hatte… war vom Haus gekommen.

Sie war von dort unten gekommen. Von diesem geheimen Raum in seinem Keller vielleicht. Oder es war das Anwesen selbst gewesen, diese Atmosphäre, diese Geschichte, die hier in der Luft lag. Seine Geschichte, die Geschichte seiner Familie, die er erst noch entdecken und sich zu eigen machen musste. Vielleicht hatte er Therese plötzlich und einer Art geisterhaftem Impuls folgend loswerden wollen, damit sie ihn nicht an das altbekannte, dröge Leben in Armut und Einsamkeit ketten konnte.

So etwas war nicht unmöglich. Er hatte von solchen Dingen gehört. Von besonders starken Emotionen und Geschichten, die sich in einen Ort einschrieben, die als eine Art elektromagnetisches Echo in der Zeit nachhallten, bis sie… gehört wurden. Von einem Trottel wie ihm, der unwissend hinein stolperte.

Seine Gedanken kreisten darum. Um dieses Haus. Um seine Geheimnisse, die er nicht verstand, und die ihn zu Dingen trieben, von denen er nicht sicher war, ob er sie wollte.

Schließlich sprang er auf.

Er musste es wissen. Franky sprang die Treppen hinunter in der Dunkelheit des Abends, nahm ganze Treppenabsätze auf einmal, bis er im Flur war. Er rannte in den Salon, ging auf alle Viere. Im schlechten Licht sah er wenig, musste alles Werkzeug in die Hände nehmen, um zu finden, was er suchte. Hammer, Brechstange, Handschuhe. Sie stanken noch nach Fabrik, nach Gummi und Chemie, aber sie schmiegten sich an seine Hände, als hätten sie nie andere gekannt.

Dieses Mal hielten die Glühbirnen im Keller den Strom aus, leuchteten Franky den Weg bis in den letzten Raum, aus dem das seltsame Licht gekommen war, das letzte Mal.

Dieses Mal gab es dort nichts zu sehen. Ein ganz gewöhnlicher Raum, leer bis auf einiges Gerümpel. Und bis auf ein ungutes Gefühl in Frankys Magen.

Es staubte, als Franky begann, mit der Brechstange auf die Wand einzuschlagen. Sie war alt und nicht besonders fest verfügt. Eine schlampige Arbeit, die unter Frankys Gewalt Stück für Stück nachgab. Gips und Ziegel flogen auseinander, ein erstes Loch öffnete sich unter seinen Schlägen. Franky rammte das gebogene Ende der Brechstange hinein, zerrte mit einer Hand an den Steinen, mit der anderen hebelte er am Eisen.

Er kämpfte sich durch seinen Husten, riss weiter Stein von Stein, bis er von Staub und Schutt umgeben war. In kaum einer Stunde hatte er einen Durchgang geschlagen, eine Bresche in der Kellermauer, breit und hoch genug, um gebückt hindurch zu gehen.

Er schwitzte, trotz der Kälte. War es im Keller immer schon so kalt gewesen? Kühl, ja, aber so kalt, dass sich ihm trotz der großen Anstrengung die Nackenhaare aufstellten? Es musste der Schweiß sein, sagte er sich. Die plötzliche Abkühlung, nachdem er seine Arbeit beendet hatte.

Der ganze Raum war von zerschellten Ziegeln erfüllt, von Staub und Gipsresten, die sich ihm auf die Arme legten. Franky atmete schwer, aber flach. Der Staub reizte seine Lungen und er hustete, wenn er zu viel davon einatmete. Er zog sich das Hemd über Nase und Mund und ging durch das gähnende Loch in der Wand.

Der Raum dahinter… war leer bis auf Staub und alte Luft. Luft, die seit Jahrzehnten dort gestanden hatte, und Staub und Spinnweben, die sich dort gesammelt hatten. Gerümpel stapelte sich in den Ecken. Franky sah sich um mit der Hast eines Getriebenen, eines Wahnsinnigen, der den heißen Atem der Vernunft im Nacken hat. Mit den Händen tastet er über die Wände, suchte nach einer Lücke darin, einem Hinweis, irgendeinem Grund, der seine Raserei rechtfertigte.

Wand um Wand fand er nur Beton. Die gegossenen Fundamente seines Anwesens und der Kellerwände, an denen sein Brecheisen abglitt. Wände, genau wie alle anderen, an denen er auf dem Weg hierhin vorbei gekommen war..

Er trommelte dagegen, warf sich gegen die Wände in einer heulenden Wut, die keinen konkreten Auslöser hatte, außer die enttäuschte Hoffnung eines Mannes, der nicht selbst für seine Taten verantwortlich sein wollte. Es half nichts. Die Wände gaben kein weiteres Geheimnis preis. Er schien nur auf einen Raum gestoßen zu sein, der aus unerfindlichen Gründen versiegelt worden war. Vielleicht um eine neue Wand einzuziehen, die früher einmal als Weinregal gedient hatte. Vielleicht um irgendeinen Pfusch zu verbergen. Vielleicht um die Möbel hier wegzuschließen, die auf die perversen Gelüste eines Vorfahren deuteten. Gepolsterte Möbel mit Hand- und Fußfesseln daran, Liegen in unnatürlichen und extravaganten Positionen – vielleicht der Lustkeller, von dem Charlotte nur Gerüchte gehört hatte.

Vielleicht gab es überhaupt gar keinen Grund und seine Mutter oder irgendein anderer seiner verrückten Vorfahren hatte diesen Raum gehasst und wollte ihn loswerden.

Franky sank auf die Knie. Zum zweiten Mal an diesem Tag umschlang er seine Knie in Verzweiflung. Nur, dass es diesmal kein Geräusch gab, dem er die Schuld dafür geben konnte. Da war nur Stille und sich langsam setzender Staub.

Er blickte über die Zerstörung, die er in der letzten Stunde angerichtet hatte.

Das war alles, was es ihm eingebracht hatte: Zerstörung. Sinnlose. Er hatte der Wut freien Lauf lassen können, sich davon reinigen, zumindest für eine Zeit.

Dort, zu seinen Füßen in der Mitte des Raumes, waren Brechstange und Hammer aufgeschlagen, als er sie in seinem Wutgeheul beiseite geschleudert hatte. Sie hatten den Boden beschädigt, so kräftig hatte Franky sie geworfen. Der Hammerkopf hatte sich beim Aufprall gelockert.

Franky rutschte auf den Knien hinüber, die er sich auf dem rauen Boden aufschürfte. Den Staub und den Schmutz wischte er beiseite. Dort! Dort, wo der Hammer aufgeschlagen und ein kleines Loch gerissen hatte, dort glänzte es. Er griff sich die Brechstange und begann, auf den Fußboden einzuprügeln. Splitter flogen, aber er hörte nicht auf. Der Boden platzte unter seinen Schlägen auf, wie eine dünne Haut die eine noch schwärende Wunde verbarg. Und er offenbarte ewas, mit dem Franky nicht gerechnet hätte.

Eine Platte aus roter Bronze. Es war eine große Platte und wahrscheinlich war sie massiv. Es hatte nicht hohl geklungen, als er mit dem Brecheisen darauf gestoßen war, nicht nach einem darunterliegenden Hohlkörper. Rasch hatte Franky eine Fläche von etwa einem Meter im Quadrat freigelegt und schien dennoch nur einen Ausschnitt freigelegt zu haben. Jedenfalls machte das, was auf der Platte abgebildet war, nur als Ausschnitt einen Sinn.

Es war ein Muster darin eingeätzt oder eingetrieben oder eingelassen, er konnte es nicht sagen. Er konnte tatsächlich nicht einmal sagen, was es darstellen sollte. Es war zu verschlungen, zu wirr um irgendeinen klaren Gedanken davon fassen zu können. Es macht den Eindruck, als würde es nirgendwo beginnen und nirgendwo enden, als wäre es absichtlich dort in den Boden eingelassen und verborgen worden, um irgendein verrottendes Geheimnis zu bewahren.

Nur welches?

Er konnte eine Figur in einer Robe ausmachen, mit einer grässlichen Maske. Er sah Sterne, die schwarz aussahen, obwohl dem Muster alle Farben bis auf Rot fehlten. Er sah drei Figuren, die Tiere waren und zugleich Bettler, und eine endlose Reihe an Schnörkeln, Symbolen, Mustern und Buchstaben und Worten, die er nicht verstand.

Sie brannten sich kalt in seinen Verstand, aber gleich, wie lange er dort auf den Knien vor dieser Platte saß, er begriff nicht, was er sah. Er konnte sich auf keines der Elemente konzentrieren – sobald er eines davon in den Blick nahm, verschwamm es, wurde undeutlich, ging in dem Gewirr aller anderen unter. Sobald er das Ganze in den Blick nehmen wollte, begann sein Kopf zu schmerzen.

Irgendwann gab er auf. Die Anstrengung des Tages und die Verausgabungen der Nacht hatten ihn ermüdet.

Franky schleppte sich bis in den zweiten Stock – Werkzeuge und Handschuhe ließ er achtlos im Keller liegen – und fiel in sein Bett. Er ignorierte den Staub, der sich mit dem Schweiß auf seiner Haut zu einer Art lehmigem Film verbunden hatte. Die Dusche funktionierte noch immer nicht. Heute hatte er nicht die Kraft für eine kalte Wäsche in der Regentonne.

Morgen, sagte er sich. Morgen würde er sich waschen und am Morgen die Müdigkeit und Lethargie vertreiben.

Er rollte herum, und griff nach dem Kästchen, das auf dem Boden lag. Dort war es hingefallen, als er aufgesprungen war. Ein wenig seines Inhalts war heraus gefallen. Ein Beutelchen mit weißen Steinen musste er vom Boden sammeln – zum Glück hatte es sich nicht geöffnet sondern seinen kostbaren Inhalt bewahrt. Die Spritzen waren noch an Ort und Stelle und nicht verbogen. Er zündete eine der Kerzen auf dem Fensterbrett mit einem langen Räucherstäbchen and und begann seine Reise aus dieser Welt in eine andere.

Sein Schlaf war tief und schlecht. Nach jener ersten Nacht hatte er nicht mehr so unruhig geschlafen, hatte sich nicht derart von einem Alptraum in einen anderen gestürzt.

Er träumte von seiner Vergangenheit. Nicht von seiner Kindheit – die hatte er mit seiner Mutter zusammen begrabe – sondern von seinem Leben seitdem.

Aber er träumte von Therese. Sie ließ ihn nicht los. Die Erinnerungen an sie und an andere wie sie klammerten sich an seinen schlafenden Geist. Oder besser gesagt: Sein Geist klammerte sich an diese Erinnerungen, so wie er sich in seinen wachen Stunden an ihr warmes Fleisch geklammert hate. Sie hatten ihm Geborgenheit gegeben – Therese und andere Frauen hatten in den letzten Jahren immer eine Art von Anker gebildet für ihn. Er konnte sich nicht auf sie verlassen, aber er konnte sich mit ihnen zumindest von sich selbst ablenken.

Es war, als ob er im Geiste seine gesamte Vergangenheit noch einmal durchlebte. Nicht nur mit ihr, mit Therese, sondern mit allen Frauen, die er je gehabt hatte. Seine Vergangenheit mit allen Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten in seinem Leben aus Sucht und Armut und Verbitterung, dem er nun langsam entkam. Ohne Erbarmen zerrten seine Träume ihn durch die zehn Jahre, die er ohne seine Mutter gelebt, die er so gut es ging ohne eine Erinnerung, ohne eine Spur seiner Herkunft verbracht hatte. Und sie zeigten ihm all die alten Sünden, für die er sich schämte, rissen jede alte Wunde wieder auf.

Er träumte von seiner ersten Liebe, die ihn betrogen hatte. Davon, wie er sich vor ihr erniedrigt hatte, um sie halten zu können, um um alles in der Welt nicht allein sein zu müssen mit sich und seinem Leben und seinen Gedanken, sondern jemanden bei sich zu haben. Wie viel er vor ihr geweint hatte, um sie zu überzeugen, bei ihm zu bleiben. Und wie sie ihn schließlich doch verlassen hatte, weil er sie dafür verachtete, dass sie ihn danach noch geduldet hatte.

Er träumte von seinem einem Freund, den er vor Jahren verloren hatte. Wie er ihn im Gefängnis zunächst noch besucht hatte für einige Monate. Dann aber nicht mehr. Weil er sich vor seinen neuen Freunden dafür schämte, jemanden zu kennen, der eingesessen hatte. Weil er sich schämte, davon gekommen zu sein, während Jakob gefasst worden war. Und weil er dieser Scham nicht mehr begegnen wollte.

Und zuletzt… zuletzt sah er, wie er Therese von sich stieß. Nicht, weil sie etwas getan hatte, das ihn verletzte. Sondern weil sein Anblick ihn an die Zeit erinnerte, die er mit ihr verbracht hatte. Und an die schlechte Zeit, vor der er geflohen war.

Solche Erinnerungen liefen vor seinem geistigen Auge ab, er durchlebte sie die ganze Nacht wieder und wieder. Mehrfach schreckte er auf, gerade lange genug um zu begreifen, dass er geschlafen hatte und nun aufgewacht war – dann sank er zurück in einen unruhigen Schlaf, der ihn in feinen Ketten aus Schuld und Angst hielt.

Als er am nächsten Morgen erwachte, glaubte er für einen Augenblick nicht, dem Schlaf entkommen zu sein. Erst als langsam die Sonne aufging und der Weg ihres Lichts auf den Wänden ihm das Verstreichen der Zeit ankündigte, blickte er auf die Uhr neben seinem Bett.

Was ihm in seinem unruhigen hin und herwerfen wie Tage der Qual und der Schuldgefühle vorgekommen war, hatte kaum mehr als sechs Stunden angedauert. Der Rausch hatte die Zeit für ihn verdünnt. In wenigen Stunden waren Jahre seines Lebens an ihm vorbei gezogen.

Franky fiel zurück in seine Kissen, die ganz feucht von seinem Schweiß waren und klebrig vom Schmutz, den er aus dem Keller hinauf getragen hatte. Zitternd atmete er ein. Tief und tiefer, bis seine Brust zu platzen drohte.

Der Geruch von Asche und altem Räucherwerk klebte ihm in den Lungen.

Er wusste, was er tun würde. Was er immer tat, wenn es ihm schlecht ging.

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