Erbschaft – Teil VI: Ein ganz neues Inneres

Die zersprungenen Glühbirnen und die verbrannte Pizza verdarben Franky für eine ganze Weile die Laune. Nicht nur hatte er ein Stück Holzkohle aus dem Ofen ziehen müssen, der danach vollständig unbrauchbar geworden war – er trug auch Verletzungen davon. Erst später am Abend entdeckte er sie, als er sich das Gesicht wusch: Die zersplitterten Glühbirnen hatten ihm das Gesicht zerschrammt. Obwohl Franky sein Gesicht in den Armen verborgen hatte, hatten einige der Splitter sich ins Fleisch gebohrt und winzige Schnitte gerissen. Winzig, aber tief.

Eine Viertelstunde stand er mit Pinzette und Handspiegel im Garten über der Regentonne und zog sich Glas aus Wangen und Stirn.

Nach diesem Tag hatte er genug von dem halbfertigen Elend.

Früh am nächsten Morgen begann Franky, das Stromnetz im gesamten Haus auszutauschen.

Die Denkmalvorschriften waren entsetzlich und für ihn als Laien undurchsichtig. Aber er war sie mit Charlotte bereits einige Male durchgegangen – und er fand rasch einige Arbeiter, die ihm auf Bestellung das Material und Werkzeuge für diesen Umbau zusammen stellten. Natürlich fühlten sie sich genötigt darauf hinzuweisen, die Arbeit von Fachkräften wie ihnen wäre schneller, sauberer und vor allem: schöner.

Franky aber störte sich wenig daran. Er bezahlte ihnen das Material und sagte, er würde eben zurück kommen und sie zweimal bezahlen, wenn er es selbst nicht schaffen würde.

Aber er schaffte es. Es dauerte einige Tage, einige Wochen sogar, genau genommen, aber Franky schaffte es. Er riss die alten Kabel aus der gesamten Bausubstanz heraus und Stück für Stück, Meter für Meter, ersetzte er sie durch neue. Mehr als einmal fing er sich einen elektrischen Schlag, verbrannte sich oder zerstörte mit Unwissen einen Verteiler oder eine Sicherung. Aber am Ende – mit viel Hilfe und aller Geduld, die nur ein Mann haben kann, für dessen Lebtag Andere sorgen – hatte er das Netz im Haus ausgetauscht und sogar einen neuen Verteiler installiert. Natürlich hatte er für einige Dinge Hilfe angeheuert – Fachkräfte, die nach seinen Vorgaben die komplexeren Aufgaben übernahmen – aber trotz ihrer Witze mussten sie zugeben, dass am Ende der Strom floss und das Netzt stabil war.

Es war nicht schön, aber es funktionierte. Franky war unersättlich stolz in diesem Augenblick.

Es war ein Stolz, der sich nahtlos in sein nächstes Projekt fügte, das ihn für weitere Tage vollkommen in seinem Bann hielt: Seinen Geschmack ausleben. Franky bildete sich viel darauf ein. Seine Fähigkeit, schöne Dinge zu erkennen und ästhetisch zusammen zu stellen, hielt er für ungebrochen. Und nun, da zumindest die Elektrik im Haus weitgehend funktionierte, konnte er sich an die Inneneinrichtung machen.

Er begann mit der Küche, was sich als komplizierter als gedacht erwies. Die elektrischen Geräte selbst waren rasch besorgt.Moderne Kühlschranke und Herde gab es an jeder Ecke und in tausend bisweilen sehr individuellen Ausführungen. Aber das exakte Holz mit dem exakten Farbton und dem exakten Geruch zu besorgen, den er haben wollte, war eine Herausforderung.

Ganze Tage brachte er damit zu, sich in Geschäften alle möglichen und unmöglichen Kombinationen von Hölzern, Lackierungen und Ölen vorstellen zu lassen, sie zu betasten, zu riechen und sorgfältig auszuwählen.

Keine davon entsprach seinem Geschmack.

Schließlich fand Franky eine Baumschule im Südosten der Stadt, beinahe schon in Brandenburg, die ihm frisch genau jene Baum fällten und zerteilten, von dem er sich am meisten angezogen hatte.

Sie richteten sich in der Küche wundervoll ein, wie er fand, diese Kombination aus Pinien- und Tannenholz, die er von Hand zuhause zusammen setzte. Stück für Stück wirkte die alte Küche lebendiger. Mit einem neuen Anstrich, mit warmen und kräftigen Hölzern, die Plätze für Geschirr trugen, das er noch nicht besaß, wirkte sie beinahe einladend.

Und es war das Werk nur seiner Hände, wie er sich sagte, seiner Hände ganz allein, mit denen er sich hier Stück für Stück ein Heim aus dem Schutt erschuf.

Solcher und ähnlicher Art waren die Gedanken, die Franky im Kopf umgingen, als ihn ein Hämmern störte. Ein erst zaghaftes, dann aber ziemlich lautes Klopfen, das ihn selbst im Salon erreichte, wo er gerade das Werkzeug verstaute.

Es kam von der Haustür, die noch in dem selben schäbigen Zustand war, wie er sie vorgefunden hatte vor…

Franky stutzte, als er die abblätternde Farbe sah. Vor gut sechs Wochen mittlerweile war er zum ersten Mal durch diese Tür getreten. Mit Charlotte, die ihm das Haus gezeigt hatte.

Erneutes Hämmern zerrte ihn aus seinen Gedanken. Missmutig stapfte er nach vorne, riss die Tür auf und fand…

Therese. Seine Freundin, die mit einem spöttischen Lächeln vor seinem Haus stand.

„Hast du mich nicht gehört?“, fragte sie.

Franky sah sie an, als wäre sie eine Fremde. So unerwartet war ihr Auftauchen. Auf jeder ihrer Seiten standen zwei große Taschen und sie hatte einen großen Rucksack um die Schultern geschlungen. Ihre eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte und sie hatte eine Augenbraue inquisitorisch nach oben gezogen.

Sie sah so aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Ein wenig besser sogar.

„Habe wohl vergessen, die Klingel anzuschließen“, sagte Franky und zuckte mit den Schultern. „Was machst du hier? Wieso hast du nicht angerufen?“

Therese deutete mit der linken Hand auf die Taschen zur ihren Füßen, als wäre das Erklärung genug.

„Ich dachte mir, ich überrasche dich mit Abendessen!“

„Das hast du.“

Sie schürzte die Lippen, blickte an Franky hinunter. An seinen staubigen Knien und der aufgerissenen Jeans, an dem weißen Hemd, das er bis zu den Oberarmen hochgerollt hatte. Und auf den Rissen und Flecken an seinen Unterarmen und Händen, wo er sich in den letzten Tagen verbrannt oder geschnitten hatte.

„Lässt du mich noch rein, oder…?“

„Gott ja, bitte verzeih. Komm rein“, sagte er und trat beiseite. „Soll ich dir was abnehmen?“

„Sehr lieb von dir“, sagte Therese und ging an ihm vorbei ins Haus. Die Taschen ließ sie dort stehen, wo sie sie fallen gelassen hatte: Vor der Haustür. Franky nahm sie an sich und ging dann hinter Therese in den Salon, der hinten im Erdgeschoß lag.

Die Einzelteile der Einrichtung lagen noch herum. Sägespäne und Holzreste bedeckten den Boden. In einer Ecke lagen die Reste der Kabel und elektrischen Leitungen, die er eben noch sortiert und weggeräumt hatte. Alles bedeckte eine Aura von Unvollendung und Umbruch.

Franky ließ die Taschen neben einem Haufen an Werkzeug zu Boden gleiten, neben dem Sekretär seiner Mutter.

Therese machte große Augen über alles. Sie ging mit der Neugier einer Katze auf Erkundung. Die über die Wochen gewachsene Sammlung an technischen Spielereien und Werkzeugen, die Haufen von Baumaterial, die Kisten mit Besitztümern seiner Mutter – alles besah sie sich ganz genau.

„Ein richtiges kleines Palais hast du hier“, sagte sie und zwinkerte ihm zu.

Franky lachte. Irgendetwas fühlte sich komisch an. Aber er konnte nicht sagen, was es was. Als ob er fremd hier wäre. Als ob, mit einem Mal, das Haus ihm fremd geworden wäre und er sich nicht mehr hier befinden sollte. Als ob es nicht mehr sein Anwesen war, jetzt, wo Therese da war.

Die Erkenntnis tat weh. Ihm sicherlich so viel wie ihr: Er wollte sie nicht hierhaben.

„Es braucht noch einiges an Arbeit“, sagte er. „Aber sie gefällt mir. Es ist gut. Ich tue etwas. Und wenn ich Abends ins Bett gehe, sehe ich, was ich getan habe.“

Therese schlich zu dem Sekretär herüber, an dem Franky noch lehnte und die Arme verschränkt hatte. Die Neugier war ihr anzusehen. Aus den Augenwinkeln sah sie immer wieder zu den Schränkchen und Schubladen herüber, die Franky unabsichtlich mit den Taschen blockiert hatte.

„Ja, das sieht man gleich“, sagte sie und blickte in den Garten hinaus, der sich endlos vor ihr erstreckte. Überwuchert von Gräsern, die Franky den Sommer über nicht geschnitten hatte und zugemüllt von Dingen, die Franky noch nicht aus dem Weg geräumt hatte.

„Der Garten ist ja riesig! Wie groß ist das Grundstück?“

Sie presste ihr Gesicht an das kühle Glas, als könnte sie dadurch besser durch die Verwilderung sehen und abschätzen, wie viel Arbeit Franky noch vor sich hatte.

Franky folgte ihrem Blick. Die Eiche zog ihn magisch an, die dort einsam in der Mitte stand und fühlte, wie sich sein Magen umdrehte. Er dachte an den Raum im Keller. Er hatte ihn ganz vergessen über die letzten Wochen, aber jetzt brannte er sich wieder in sein Gedächtnis. Der Raum, der zugemauert worden war und sich direkt unterhalb der Eiche befinden musste.

Den Baum hatte er ebenso ignoriert, irgendwie. Nicht nur in seiner Planung – wollte er ihn fällen oder stehen lassen? – sondern auch in seinem Blick. Es war, als wäre der ganze Garten für ihn überhaupt nicht dort gewesen. Als endete das Grundstück bei der Terasse.

„Knapp ein Hektar“, sagte Franky. Er zwang seinen Blick fort von der Eiche, hin zu den ehemaligen Brauereigebäuden in gut vierzig Metern Entfernung. „Aber einige der Gebäude dort zählen noch dazu. Siehst du das dort, den hohen Klinkerbau aus roten Ziegelsteinen mit dem Caritas-Wappen auf der Wand? Der steht eigentlich auf meinem Grund und Boden. Bringt eine hübsche Summe ein jeden Monat.“

Therese staunte weiter und beäugte alles mit Bewunderung und Faszination. Es schien, als könnte sie sich gar nicht satt sehen an alle dem. Als gäbe es mit jedem Blick eine neue Seite an dem Mann zu entdecken, mit dem sie seit fast zwei Jahren zusammen war. Franky dagegen wurde ungeduldig.

„Bist du mit deiner Besichtigung fertig?“, fragte er, vielleicht etwas zu plötzlich. „Ich wollte noch hier aufräumen, damit ich morgen den Salon hier anfangen kann. Maße nehmen, Pläne machen, du weißt schon.“

„Bist du wirklich so kalt?“, fragte sie. Sie stand am Fenster zum Garten und starrte ihn ungläubig an. „Seit Wochen habe ich nichts von dir gesehen oder gehört oder mit dir gesprochen. Du rufst nicht an, du gehst nicht raus, nicht mit mir. Es ist, als wärst du untergetaucht oder aus meinem Leben verschwunden. Da mache ich mir Sorgen. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?“

Franky biss sich auf die Unterlippe. Er überlegte einen Moment. Schwer war es wirklich nicht. Aber er konnte ihr auch schlecht sagen, dass sie gehen sollte, oder? Dass ihre bloße Anwesenheit hier ihn irritierte wie ein Insektenstich an einer schwer zu erreichbaren Stelle. Das würde ihr weh tun. Und schlimmer noch: Es würde sie nicht beruhigen und sie würde nur noch mehr Fragen stellen. Wieder kommen.

Aus irgendeinem Grund wollte er das nicht.

Er lies die Arme sinken, zwang sich zu einem Lächeln.

„Nein. Nein ist es nicht. Bitte entschuldige. Ich bin nur… Mein Kopf ist in letzter Zeit ganz bei mir. Ich denke nicht viel an andere. Noch weniger als sonst. Tut mir leid.“

Er griff sich wieder die Taschen.

„Gut, du wolltest mich mit einem Abendessen überraschen, also zeig mal, was du mitgebracht hast.“

Franky führte seine Freundin in die Küche, die sie noch mehr als den Salon und den Garten bewunderte. Ihre schlanken Finger strichen über das Holz der Arbeitsfläche, über das geölte Pinienholz des Tisches. Sie sog den Geruch ein, den die Küche verströmte. Nach Öl und Gewürzen und irgendwie, fand sie, unverkennbar Franky.

„Es riecht nach dir“, sagte sie. „So wie du immer gerochen hast. Ganz eigenartig.“

„Ist ja auch alles von mir gemacht worden“, sagte Franky. Den Stolz in seiner Stimme wollte er nicht unterdrücken. „Alles bis auf die zu feinen Kleinigkeiten, die habe ich vorher anfertigen lassen.“ Er begann, die Taschen auszuräumen, während sie sich unterhielten.

„Von außen sieht es so schäbig aus“, sagte Therese. „So verlassen.“

„Ja. Die Fassade kommt als letztes. Hoffentlich noch vor dem ersten Schnee. Sonst wird es wohl all zu kalt. Vorher will ich die anderen Stockwerke einrichten. Ich denke das wird einfach werden. Jedenfalls einfacher als den Strom neu zu verlegen. Jetzt ist es eigentlich nur noch Inneneinrichtung.“

Auf dem Tisch stapelte sich das Essen – und das Geschirr. Therese musste schwer zu tragen gehabt haben, offenbar. Neben Fleisch, Gemüse und Konservendosen fand sich noch allerlei Zeug, das sie wohl für wichtig gehalten hatte. Mokkakannen, Schneebesen, Messer diverser Größen, eine Reihe an Hygieneartikeln. Es waren Dinge, an die Franky selbst in seinem Leben wohl nie gedacht hätte, obwohl er sie jetzt, wo er sie in den Händen hielt, vermisste.

Franky hielt ein stark duftendes Beutelchen in die Höhe. Es war quietschbunt, mit Sternchen darauf, und duftete nach Rosen, nach ätherischen Ölen und Seife.

„Ich habe keine Badewanne“, sagte er. „Ich wasche mich in der Regentonne draußen im Garten. Was soll ich mit Badekugeln und Seifen?“

Therese lachte und winkte ab.

„Behalt es trotzdem. Irgendwann baust du einen Jacuzzi ein. Dann komme ich vorbei und du hast schon einmal etwas da, damit es auch ein schöner Abend wird.“

Franky zog die Augenbrauen nach oben, sagte aber nichts dazu. Stattdessen deutete auf den Küchentisch vor sich, der vor Essen beinahe überlief.

„Was für eine Kompanie hast du denn vor zu bekochen?“, fragte Franky.

„Ich kenn dich“, sagte Therese. „Du isst seit Wochen nur Pizza und trinkst Pulverkaffee.“

„Vielleicht. Vielleicht esse ich aber auch sehr abwechslungsreich.“

„Döner ist keine Abwechslung. Also heb es auf und iss hin und wieder was richtiges. In ein paar Tagen wirst du mir dankbar sein, wenn dir die Calzone zu den Ohren rauskommt.“

Franky lachte und vergaß für einen Augenblick seine Irritation mit ihr.

„Meinetwegen“, sagte er. „Also, was wollen wir kochen?“

Therese kam zu ihm an den Tisch, nahm einiges vom frischen Gemüse beiseite.

„Ich dachte an ein Curry? Ich wusste nicht, ob du einen Herd oder nur einen Gaskocher hast, also ein Curry. Das lässt sich in einer Pfanne machen und wir können alles dazu werfen.“

Franky stimmte zu und sie machten sich gemeinsam an das Kochen ihres Abendessens. Für diesen einen, kurzen, Augenblick war es Franky wieder wie früher. Sie lachten, sie scherzten und stritten über unsinnige Details von Kunst und Philosophie, während sie Gemüse schälten und Fleisch brieten. Es war wie früher, als er noch oft bei ihr gewesen war, um aus seiner Wohnung und vor den Trotteln dort zu entfliehen. Oder als sie bei ihm gewesen war, um ihm die Stimmung etwas aufzuhellen, wenn er sich wieder dumm und ungeliebt vorgekommen war.

Und es erinnerte ihn schmerzlich daran, dass er sich davon trennen wollte. Er hatte es sich nicht eingestehen wollen über die letzten Tage und Wochen, aber Therese war immer unwichtiger in seinem Leben geworden. Er hatte weniger und weniger an sie gedacht und mehr und mehr nur an dieses Anwesen. An dieses Haus und was er damit machen wollte. Wie er es retten könnte. Wie er sich retten könnte aus dem Loch, das sein altes Leben gewesen war.

Der Gedanke an seine Beziehung, egal wie offen, egal wie freizügig sie auch gewesen war, war ihm immer weiter in die Ferne gerückt. Sie erinnerte ihn nur noch an diese Augenblicke, während denen sie bei ihm gestanden hatte – und daran, wie Elend ihm in dieser Zeit gewesen war.

Sie aßen im Salon, eingekeilt zwischen den unaufgeräumten Resten vergangener und zukünftiger Pläne von Franky, auf dem nackten Bode, den sie notdürftig frei gekehrt hatten. Und sie unterhielten sich

Alles war gut.

Bis zu diesem einen Moment. Diesem einen Satz, der ihr aus dem Mund kam und der ihn nicht los ließ.

Es war eine Kleinigkeit. Ein kleiner, winziger Satz, der für sich genommen eigentlich sinnlos war, keine Bedeutung hatte. Aber er stach ihm im Gehör und er dröhnte ihm im Schädel, bis er aufsprang.

Er konnte diesen Satz nicht verzeihen, obwohl er ihn nicht einmal hätte wiederholen können – nicht in diesem Augenblick und auch später nicht.

Aber in Franky gab es nur einen Gedanken, der sich in ihn gefressen hatte, seit Therese im Abendlicht in sein Haus gekommen war. Seit er sich eingestanden hatte, dass sie ihn irritierte, hatte ihn dieser Gedanke ausgehöhlt – und nun brach Franky über ihm zusammen. Werd diese Frau los!, dröhnte es in ihm und er konnte nicht anders, als gehorchen.

Franky stieß sie von sich, als hätte sie ihn gebissen oder als wäre sie giftig.

„Was meinst du?“, fragte Therese. Sie zuckte vor ihm zurück, auf die andere Seite der Couch. Sie hatte Augen, ganz groß, und ihre blaue Iris verschwand beinahe völlig in dem weiß dahinter. Franky kochte das Blut.

„Deswegen bist du hier, damit ich wieder zurück komme zu euch? Damit ich weiter in diesem Elend vor mich hinsieche und den Dummköpfen ihren Scheiß hinterher räume? Ist es das? Sind sie so neidisch auf mich, dass sie dich hierher schicken?““

„Was? Nein! Wieso uns? Wer ist „euch“, Franky? Nur zu mir. Ich vermisse dich!“

„Blödsinn“, rief Franky. Er ballte die Fäuste, machte einen Schritt zurück, stolperte beinahe über die Schüssel, aus der er eben noch gemeinsam mit Therese gegessen hatte. „Mir ging es gut hier! Mir ging es gut, bis du hier aufgetaucht bist und jetzt fängst du wieder damit an, wie toll es war und wie schön und wie sehr ich vermisst wrden. Und das werde ich nicht. Ich weiß es. Ihr vermisst mich nicht. Ich vermisse euch nicht. Keinen von euch.“

„Was?“, fragte Therese. Sie blinzelte und wagte nicht, sich zu rühren.

„Verschwinde!“, sagte er. „Verschwinde und komm nie wieder.“

Franky zerrte Therese hoch und stieß sie in den Flur.

„Hau ab!“, sagte Franky. Er rief es. Brüllte es, so laut er nur konnte. Damit sie ging. Damit sie ganz von selbst ging, ehe er irgendetwas tat, was er bereute. Sie anfasste – und festhielt oder noch ärger von sich stieß. Er hatte Angst davor, was er tun würde. Und wollte es nicht heraus finden.

Sie hörte nicht. Sie stand dort mit diesem Blick, als hätte er sie geschlagen und als wäre sie angewachsen an Ort und Stelle.

In Franky explodierte wieder dieser Satz, der ihn nicht mehr losließ. Er sprang nach vorn, packte Therese an den Oberarmen und stieß sie aus der Eingangstüre hinaus, die er hinter ihr zuwarf.

Er hörte sie auf der anderen Seite. Weinen, klopfen, trommeln. Ihre Worte schwammen in dem Lärm zusammen, zu einer undeutlichen Masse aus Flehen und Drohen und Wut, die er nicht verstand, auch gar nicht verstehen wollte.

Franky sank zusammen in seinem Flur, in dem noch immer der Staub und Schmutz der letzten Jahrzehnte im Teppich lag. Er umklammerte seine Knie und schloss die Augen.

Aber nur kurz.

Dann ging er in sein Schlafzimmer zurück. Nach oben, in den zweiten Stock, mit Blick auf den Garten. Dort holte er unter dem Bett ein kleines Kästchen hervor, das er dort bei seinem Einzug verstaut, aber in all der Zeit nicht angeschaut hatte. Ein Kästchen voller Nadeln und Pülverchen und Löffelchen, mit denen er sich in seinem Bett verkroch.

Und er entkam der Welt mit seinen Blicken auf diese verdammte Eiche.

Und der Raum darunter ließ ihn nicht los.

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