Erbschaft – Teil V: Durchgebrannt

Franky schwitzte und fror gleichzeitig. Im Haus – und im Schatten des Hauses – war es kalt, obwohl es immer noch August war. Er setzte eine Kiste im Salonzimmer ab, hinten im Haus, hinter dem Treppenhaus, mit Blick auf den Hintergarten. Sie war schwer, entsetzlich schwer, und seine Muskeln brannten. Der Schatten kühlte ihn ab, die Haare auf seinen nackten Armen und den Schultern stellten sich auf. Er schüttelte sich und stapfte wieder hinaus in die Sonne.

Im Leihwagen warteten noch drei solcher Kisten. Er hatte die letzten Tage damit zugebracht, sie mit demjenigen Zeug zu füllen, das er aufheben wollte. Die letzten Besitztümer seiner Mutter, die irgendetwas bedeuteten. Eine Kiste enthielt nichts als ihre Unterlagen – Steuern, Krankenakten, Geldbücher, alles, was er bei seiner letzten Plünderung übersehen hatte. Eine Kiste fasste alles an Schmuck und Silberbesteckt, auf den Franky Wert legte – Erbmasse, die aussah, als ob sie schon seit einigen Jahrzehnten im Besitz der Familie war und nicht wirklich seiner Mutter gehört hatte. Oder wenn es Maria Julia gehört hatte, dann nur auf dieselbe Art, wie das Anwesen ihr gehört hatte: Nämlich unrechtmäßig.
Die letzte Kiste war die schwerste und entielt nur Tand, den er aus irgendeinem Grund noch nicht dem Vergessen übergeben wollte: Bilder und Grafiken, die seine Mutter angefertigt hatte; ihre Tagebücher, Briefe seines Vaters und anderer von vor dreißig Jahren. Hauptsächlich persönliche Dinge.

Alles andere war dort geblieben, in der Wohnung seiner Mutter. Die Räumungsfirma würde in einigen Tagen alles entfernen, dann musste er sich nie wieder damit auseinander setzen. Diese vier Kisten im Auto waren die letzten Reste seiner Mutter. Vier Kisten machten die Summe ihres Lebens aus, alles in allem. Und das meiste davon waren Erinnerungsstücke an ihren Ehemann, nicht an sie.
Im Augenblick verspürte er keinen Drang, tiefer in ihre Geschichte zu blicken. Franky wollte gar nicht wissen, ob ihre Krankheit schuld an ihrem abscheulichen Verhalten war, ob er sich schlecht fühlen sollte dafür, sie verlassen zu haben. Vielleicht hätte er dann anders über sie gedacht und noch war er nicht bereit, die Wut in seinem Bauch loszulassen. Noch hasste er sie. Nur war er nicht dumm genug, deswegen alles zu verbrennen. Nicht, solange er vielleicht aus ihren Aufzeichnungen und Briefen noch etwas über seinen Vater und andere Familie lernen konnte.

Diese Dinge aus der Wohnung in das Anwesen zu bringen, war leicht gewesen. Er hatte einen Wagen gemietet, ein paar Umzugskarton aufgetrieben und voll geräumt und sie einzeln in sein neues Heim getragen, wo sie in einer Ecke des Erdgeschosses einen kleinen Turm scheußlicher Erinnerungen bildeten.
Nur ein Stück bereitete ihm Schwierigkeiten: Der Sekretär seiner Mutter. Irgendwie hatte Franky ihn aus der Wohnung und in den Fahrstuhl gehievt. Ihn von dort ins Auto zu bekommen, war mit einigem Ziehen und Zerren machbar gewesen. In den großen Wagen hatte er ihn mit Geduld auch bekommen.

Jetzt stand er damit auf dem Bordstein vor seinem Haus und fand vor sich eine Vielzahl neuer Probleme. Da war das Gartentor, das so schmal war, dass er unmöglich mit dem Wagen hindurch kam. Also musste er den Tisch tragen. Alleine. Was beim Gewicht von einer gefühlten Tonne nicht eben leicht war. Irgendwie schaffte er es aber. Zentimeter für Zentimeter zog er ihn über den Asphalt, durch das Gartentor, über den Kiesweg.
Dann war da die Treppe. Er hatte die Vorstellung, den Sekretär im Arbeitszimmer aufzustellen, direkt unter dem Fenster mit Blick auf den Garten. Nur war das im zweiten Stock, Franky allein und das Treppenhaus eng und der Tisch massiv. Er zog und schob und zerrte ihn einige Stufen hinauf, aber jedes Mal entglitt er ihm und raste wieder auf den Absatz hinunter.

Nach einer guten Stunde gab Franky auf. Er schob den Sekretär bis in den Salon, zu den anderen Sachen aus der Wohnung seiner Mutter, und beließ ihn dort.
Später würde er ohnehin Hilfe anheuern, sagte er sich. Wenn er die oberen Etagen umräumen und ausräumen und neu möblieren und die Mansarde entrümpeln musste. Solange konnte das Ungeheuer gut unten bleiben. Dort störte es nicht und würde sich sogar ganz gut machen. Er könnte von dort aus dem Fenster schauen, wenn er am Sekretär sitzen und Unterlagen durch gehen würde; er könnte jeden Tag sehen, wie hübsch er den Garten aufgeräumt und wieder gepflegt hatte.
Also blieb der Sekretär im Salon.

Franky verschnaufte. Es war saukalt und er war hungrig.
Einen Kühlschrank besaß er zwar nicht – es hatte sich bislang nicht ergeben und er wollte zunächst entrümpeln und einige Dinge auf Vordermann bringen, ehe er sich einrichtete – aber eine große Kühltruhe. Die war zwar nicht ans Stromnetz angeschlossen, aber mit säckeweise Eis befüllt und hielt zumindest für eine Weile kühl. Neben einer ganzen Menge Dosenbier auch einige Fertiggerichte. Von denen ernährte er sich, wenn er nicht einmal den Pizzaboten sehen wollte.

Der elektrische Herd stöhnte sich ins Leben. Er ächzte und brummte, als Strom durch die alten Heizdrähte floß und sie wärmte. Für einen Moment sah es aus, als würde er seiner Pflicht stand halten – dann knallte es und alles wurde dunkel. Der Herd wurde kalt, die Kühltruhe wurde warm.

Er gab ein Geräusch von sich, wie ein besiegter Mann dem die Luft ausgeht. Den Lichtschalter knippste er ein paar Mal, ohne dass sich etwas tat.
Die Sicherung, dachte er, oder eine Überlastung vom Netz. So oder so musste er wohl zum Verteiler. Die Kabel waren alt, im besten Fall aus den 1930ern. Eher noch waren es die ganz alten Stromkabel, die mittlerweile verrottet waren. Aus einer Zeit als Strom gerade erst erfunden worden war.

Es war das erste Mal, dass er in den Keller sah. Bislang hatte er keinen Drang verspürt, dort hinunter zu gehen und das zu finden, was Charlotte so diplomatisch einen Lustkeller genannt hatte. Unsinnig wäre das gewesen, und er hatte genug damit zu tun, den Rest des Hauses immer wieder mal zu reparieren. Außerdem wollte er nicht wirklich wissen, wie der Pornokeller von reichen Landbesitzern des letzten Jahrhunderts aussah.
Aber dort unten mussten die Sicherungen – falls es welche gab – und der Verteilerkasten irgendwo sein. Und damit auch die Lösung seiner Stromprobleme.
Der Eingang lag im Treppenhaus, versteckt hinter der Verkleidung. Der Flur, hinten zum Salon, führte geraden Wegs daran vorbei. Wenn man nicht wusste, dass sich in einem der Wandpanele ein Griff versteckte, dort unter der Treppe, wo man vielleicht einen Schrank erwarten konnte, würde man einfach daran vorbei gehen.
Franky hatte ihn aber bereits gefunden und öffnete ihn nun wieder.

Kalt war es. Nicht kühl, wie im Schatten oder im Rest des Hauses, sondern kalt. Er knippste die Taschenlampe an, die er sich zugelegt hatte, und griff sich seinen Werkzeugkoffer.
Werkzeugkoffer war eigentlich schon zu viel gesagt – er hatte sich im Baumarkt ein fertiges Set mit Hammer und Schraubenset geholt, das zumindest seinen Dienst erfüllte.

Er fand den Sicherungskasten leicht genug, er hing nur den Gang hinunter an der Wand und war von der Tür aus sichtbar. Er war eingestaubt, aber im dünnen Licht der Taschenlampe konnte Franky eindeutig Fingerabdrücke ausmachen. Irgendjemand hatte sich in den letzten Jahren also zumindest notdürftig darum gekümmert.
Die Blechverkleidung öffnete sich mit einem Quietschen und entblößte ihre nackten Drähte und Kabel vor ihm. Es war, wie Franky vermutet hatte: Die Sicherung war durchgebrannt.
Glücklicherweise hatte wer auch immer zuletzt am Sicherungskasten gewesen war, noch einige übrig gelassen. Sie lagen unter einer dicken Staubschicht im Kasten auf dem Boden. Franky schraubte eine neue ein, dann steckte er die kleine Packung mit Sicherungen weg. Er würde neue kaufen, wenn er das nächste Mal im Baumarkt war. Falls es das Modell noch gab.
Er betätigte den Lichtschalter. Die Elektrik zuckte kurz, fing sich aber und ein dünnes, kaltes Licht legte sich über die Backsteine im Keller.

Franky seufzte. Für den Augenblick funktionierte zumindest das Licht, auch wenn es manchmal ausfiel. Aber er würde das ganze Netz austauschen oder modernisieren müssen und zwar bald – wenn es bereits bei dem alten Herd in der Küche ausfiel, würde es modernere Geräte wie Klimaanlage, Computer und Kühlschrank unmöglich aushalten.
Er klappte den Sicherungskasten wieder zu und machte sich auf den Weg nach oben.

Kurz vor der Treppe zögerte er. Die Härchen auf seinen Armen, auf seinem Nacken, stellten sich ohne ersichtlichen Grund auf. Es war nicht wegen der Kälte, obwohl er in seinem Hemd und seinen kurzen Hosen fror. Es war auch nicht das Gefühl, das Kinder manchmal in einem dunklen Keller haben. Es war keine ziellose Angst vor der Dunkelheit oder dem Abgrund.
Eine Art von Druck lastete auf ihm, wie bei einem Flugzeug das schnell in die Höhe steigt. Nur drückte es ihm nicht auf die Ohren, sondern auf die Schläfen, auf seinen Geist. Er bohrte sich in seinen Hinterkopf mit glühenden Krallen. Ihm war, als würde sein Gehirn anschwellen und wachsen und gegen seine Schädelplatte pressen, bis sie zerspringen müsste.
Dann knallte es und alle Welt sprang aus der Fassung.
Franky riss die Augen auf. Der Druck in ihm zog sich erst zusammen, dehnte sich dann aus. Franky barg das Gesicht in seinem Ellbogen, warf sich auf den Boden.
Staubiges Glas rieselte neben ihm zur Erde. Er wagte kaum zu atmen. Seine Brust presste sich zusammen wie eine leere Dose.

Dann, unvermittelt, ließ der Druck nach. Der Druck auf seinem Schädel und auf seiner Brust und es wurde ganz still im Keller, der ganz finster war.
Er blinzelte und sah sich um.

Alle Lampen waren gleichzeitig zersprungen, der ganze Keller dunkel. Selbst seine Taschenlampe hatte er in diesem Augenblick fallen gelassen und die kleine Birne darin war zersprungen.

Nur von hinter ihm kam ein dünner Streifen Licht. Ganz am anderen Ende, ganz versteckt, brannte eine einsame Funzel vor sich hin und warf ein Lichtlein in die Dunkelheit.
Es war genau genommen nicht einmal das. Das Licht musste aus einem Nebenraum kommen und von etwas blockiert werden, so dünn war es.
Und es war die letzte Lampe im ganzen Gebäude, so wie der Knall sich angehört hatte.

Die Neugier überkam Franky und er ging dem Lichtlein nach.

Der Keller war weitläufig. Viel weitläufiger, als er gedacht hatte. Bis er dort beim Licht ankam, dauerte es gute fünfzig Schritt. Er kam an einigen Räumen vorbei, die früher Weinkeller gewesen sein mussten: Hohe Gewölbe mit Platz für große Tonnen an den Seiten und einige Gestelle zur Lagerung von Flaschen.
Aber nichts, was an einen Pornokeller erinnert hätte. Franky verzog das Gesicht. Beinahe schade, dachte er, auch in der Mansarde war kein derartiges Mobiliar untergestellt. Jedenfalls nichts, von dem er sich vorstellen könnte… Schade. Es wäre ein nettes Gesprächsthema mit Charlotte gewesen. Ihr schienen diese Dinge überhaupt nichts aus zu machen.

Mit jedem Schritt tiefer in das Zwielicht wurde das Licht deutlicher, das ihm den Weg schien – oder er gewöhnte sich schlicht an das Halbdunkel und sah besser. Und was er sah machte ihn neugierig.

Der Raum, aus dem das Licht zu kommen schien… war leer. Die Glühbirne hier war, wie alle anderen auch, zersprungen. Aber aus irgendwo musste noch eine intakt sein, denn er sah es ganz deutlich: Licht, das sich durch die Dunkelheit im Keller schnitt. Nur seine Quelle konnte er nicht ausmachen. Als ob es ohne eine Glühbirne oder Lampe leuchtete, frei, diffus von überall und nirgendwo.

Franky ging zur Tür zum Raum, dort, wo der Lichtstreifen zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er fasste mit der Hand hinein – und warf einen Schatten. Mit dem Blick verlängerte er die Linie von seinem Schatten zur vermeintlichen Quelle. Das Licht musste aus dem hinteren Teil kommen, der nur ganz undeutlich zu sehen war.

Er runzelte die Stirn und sah sich um. Im Raum befanden sich nur Reste von Möbeln und Polstern, auseinander genommen, gestapelt und notdürftig verstaut. Die Wände wirkten normal. Nur an der Decke, dort hinter der zersprungenen Glühbirne, die noch zur Hälfte in ihrer Fassung steckte, entdeckte er etwas.

Ein Kabel führte an der Decke entlang und verschwand hinter derselben Mauer, von der das Licht zu kommen schien. Nicht im Haus, nicht auf dem Weg nach oben… Sondern einfach hinter einer Wand.
Franky stutzte und schritt durch die Ansammlung von Möbeln hinüber. Eine Wand, weiß. Glatt und kahl wie ein Spiegel, der nur Schatten wiedergab. Wenn seine Orientierung ihn nicht im Stich ließ, befand er sich unter dem Garten, irgendwo in der Nähe der Eiche. Und die hatte keinen Stromanschluss.

Mit dem Griff der Taschenlampe klopfte Franky gegen die Wand. Es klang hohl dahinter, aber auch massiv. Die Wand war jedenfalls kein Rigips, sondern aus Backsteinen zusammen gesetzt. Jünger, als der Rest des Kellers, aber auch wieder nicht so jung. Hätte er Ahnung vom Bauwesen gehabt, hätte er gesagt, dass sie vor den 50er Jahren hoch gezogen worden war. Seitdem hätte man für Zwischenwände einfache Gipskartonplatten verwendet.
Franky aber wusste nichts davon und wunderte sich lediglich, warum es in seinem Haus eine Wand gab, hinter der eine Stromleitung verschwand. Er stemmte die Hände in die Seiten, klopfte noch einmal mit der Taschenlampe gegen die Wand und richtete nichts an dem Rätsel aus.

Er runzelte die Stirn und nahm sich vor, die Sache bald zu untersuchen. Wenn er sich wegen der Stromleitungen im Baumarkt umsah, würde er ein Brecheisen kaufen und sich dahinter umsehen. Im Augenblick konnte er nur mit einer Taschenlampe bewaffnet nicht viel gegen eine Steinwand ausrichten. Nicht einmal, wenn er große Lust verspürt hätte, Wände einzureißen. Und mit Sicherheit gab es auch dagegen irgendeine Verordnung oder ein Denkmalgesetz, das solche Dinge unter Strafe stellte. Als ob nachträglich in die Bausubstanz geklatschte Elektroleitungen und Wände schützenswert wären.

Franky seufte und fluchte über all die Vorschriften, die ihm das Leben schwer machten. Dann folgte er seinen Schritten zurück zum Verteilerkasten. Noch bevor er dort war, stieg ihm die Panik in die Nase.
Und der Geruch von Feuer und Qualm.

Der Ofen hatte wieder Strom – und Franky hatte ihn angeschaltet, bevor er die Sicherung wieder eingedreht hatte.
Fluchend hastete er die Stiege hinauf, um seine neue alte Villa vor dem Feuer eines verbrannten Mittagessens zu bewahren. Und für den Augenblick war der geheimnisvolle Raum in seinem Keller vergessen.

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