Erbschaft – Teil XI: Die Wahrheit

Franky rollte auf die Seite.

Flüssigkeit platzte aus seiner Kehle, bedeckte den Staub und die Papiere vor ihm. Angst und Magensäfte mischten sich mit Tropfen seines eigenen Bluts. Die Kehle schmerzte ihm, aber die Krämpfe hielten ihn im Griff, quetschten ihn aus, bis er nichts mehr zu geben hatte.

Es war hell im Salon. Die von ihm erst neu verlegte Glühbirne leuchtete alles in erbarmungslosem Detail aus.

Die verschmierten Papiere, die von Charlottes Flucht weiter im Raum verteilt worden waren.

Die übelriechende Galle vor ihm.

Die Stücke von Fleisch und Blut und Knochen, die an der hinteren Wand klebten.

Er bekam es nicht in den Griff. Nicht die Situation. Nicht was passiert war. Nicht das blutige Tagebuch vor ihm, beschmiert mit Angst und Erbrochenem.

Was zum Teufel war das gewesen?

Ein Ghoul, flüsterte etwas in ihm. Ein Stimmchen hinten in seinem Kopf, ganz leise und fast vergessen. Ein Leichenfresser.

Der Gedanke kam ungebeten, wie so viele andere in den letzten Nächten. Franky stemmte sich auf die Knie. Er fühlte sich schwach. Wie ein Welpe, den man im Nacken genommen und geschüttelt hatte.

Ein Leichenfresser… Was zum Teufel?

Franky schwankte zur Wand hinüber. Charlotte… Sie hatte den Schlosserhammer mit einer Kraft aus ihrem Körper gerissen, dass sie ihren Brustkorb weiter zertrümmert hatte – und den Hammer mühelos in die Wand gegraben. Franky zerrte daran. Einmal, zweimal, dann hielt er das Ding in den Händen.

Sie sollte tot sein, dachte Franky. Er hatte ihre Rippen zerschlagen, ihre Lunge war von hundert Knochensplittern durchbohrt worden. Und von einem vier Zentimeter langen Stachel aus rostfreiem Stahl.

Trotzdem war sie aufgestanden und gelaufen, als wäre alles in Ordnung.

Sie hatte noch sprechen können.

Charlotte von Bützow sollte schon seit Jahrzehnten tot sein, nicht erst seit heute. Hundert andre Dinge hätten sie vor Urzeiten töten sollen.

Franky blinzelte, schüttelte den Kopf. Als ob er die Gedanken vertreiben könnte. Woher wusste er diese Dinge? Wieso waren Sie in seinem Kopf?

Er blickte zu der Eiche im Garten hinüber. Sie war dunkel, im Mondlicht und dem Lichtschmutz der umgebenden Stadt beinahe nicht zu erkennen. Der Anblick ließ ihn erschaudern.

An Schlaf war nicht zu denken. Nicht heute. Nicht mit den Dingen, die er erlebt und gesehen hatte. Nicht so, wie er sich fühlte. Seine Gedanken rasten, sein Kopf war heiß wie ein überdrehter Motor. Er zitterte am ganzen Köprer – und er hielt den Hammer wie eine Waffe vor der Brust die ganze Zeit, bereit auf jeden Schatten einzuschlagen.

Und trotzdem fühlte er sich in einem Wachtraum gefangen.

Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge, die er nie gesehen hatte und die doch real waren. Wie die Träume, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gehabt hatte. Nur wo diese Episoden und Erinnerungen an seine Vergangenheit gewesen waren, waren diese Träume neu – oder jedenfalls zeigten sie nicht seine Vergangenheit.

Franky konnte nicht länger sagen, ob er träumte oder wachte oder ob er wachend in einen Traum gegangen war; ob sich unter seinen Füßen ein Weg in die Traumlande aufgetan und er hinein gegangen war, wie in einen anderen, einen unbekannten Raum in seinem eigenen Haus. Durch eine Tür, die nur in seinem Irrsinn existierte.

Sein Kopf füllte sich bis zum Bersten mit Trugbildern, mit Visionen aus anderen Zeiten und Orten.

Er sah die Stadt um sich herum, die Häuser rund um sein Anwesen, Monster aus Stahl und Glas und Beton, wie sie schrumpften.

Jahrzehnte flossen an ihm vorbei, zurück in die Vergangenheit. Bomben zerschmetterten die Gebäude ringsum, nur die Villa blieb stehen. Russische und Amerikanische Granaten und Geschosse zerschlugen die Straße, die Brauerei hinter dem Haus.
Trümmer türmten sich auf, der nächtliche Himmel entzündete sich.

Im Hagel der Geschosse, schleiften drei Männer einen Körper durch die Straßen. Ein zerschundener Leib in zerrissener Kleidung, blutig und in Fetzen. Man brachte ihn ins Haus, in den Keller. Franky sah das Gesicht seiner Mutter, die sich über den Leib beugte, der wie eine Puppe von den Männern gehalten wurde. Sie warfen ihn in ein Loch, sie gossen Bronze darüber… und seine Mutter schleuderte einen der Männer hinterher.

Seine Schreie ertranken in der Masse aus heißem Metall.

Franky schnappte nach Luft und fiel in die Gegenwart zurück.

Er war hier und heute, in dem von ihm frei geräumten Kellerloch. Eine blutbeschmierte Gestalt, die sich durch die Gänge und den Staub schleppte, in der einen Hand ein Hammer, in der anderen ein Brecheisen.

Eine fahle Kreatur, die den Mund zu einem wütenden Schrei öffnete. Ähnlich derjenigen, die vor sechzig Jahren dort begraben worden war.

„Was bist du?!“, fragte Franky. Die Worte hallten durch die Gänge. Ungehört, scheinbar, denn nur sein Echo antwortete ihm. Sein Echo und die aufgewirbelte Luft im Kellerloch.

Es war ganz still, ganz ruhig, als eine Stimme in seinem Kopf sagte:

Nur ein toter Lügner.“

Die Stimme gluckste. Ein dunkles, finsteres Geräusch, wie ein Morast in dem ein Mann sich verirrt hatte und ertrank.

Ein Geist, an die Fundamente dieses Anwesens gekettet; ein Zauberer, aus der wachen Welt verbannt in die Träume eines dünngeistigen Nachkommens.“

Franky zitterte und sah sich um. Niemand war mit ihm im Raum. Niemand sprach. Und trotzdem hörte er die Stimme in seinem Schädel.

Und er ahnte, von wo sie kam, wo sie ihren Ursprung hatte. Er fühlte es, wie er selten nur irgendetwas gefühlt hatte. Wie ein Finger, der an einer noch offenen, kaum verheilten Wunde zupft, war er sich dieses Gefühls sicher.

Und aus irgendeinem Grund konnte er nicht einfach fliehen. Etwas hielt ihn an diesen Ort gebunden, fesselte ihn an diese halbe Ruine.

Die Wahrheit, hörte er seine eigenen Gedanken, wie in weiter Ferne. Ich will die Wahrheit wissen und daran ist nichts falsches.

Aber waren es seine Gedanken, nur weil sie in seinem Kopf waren? Es war ein Gedanke, den Franky selbst denken würde, fand er, aber er fühlte sich fremd an. Genau wie die kalten Grabeshände, die an den Narben seines Geistes zupften. Und er war sich sicher, er fühlte es, in einer dunklen, versteckten Ecke seiner Seele, dass es diese Stimme war, die sich in seine Gedanken geschlichen hatte und ihm Lügen zuflüsterte oder verführerische Wahrheiten.

Nur was Franky selbst dachte und was zu denken sich ihm aufdrängte, vermischte sich, wurde untrennbar. Er konnte nicht mehr unterscheiden, welche Gedanken er selbst dachte und welche sich von außen in seinen Kopf schlichen.

Sie alle kamen mit der gleichen Stimme zu ihm.

Je näher er der geheimen Kammer in seinem Keller kam, je näher er der Kupferplatte kam, die irgendetwas dort unten verborgen hielt, desto untrennbarer wurden die Gedanken in seinem Kopf.

Nur eine Gestalt war deutlich für ihn, eine Ahnung, die sich ihm aufdrängte und die er nicht mit einzelnen Gedanken, sondern nur mit dem Denken an sich in Verbindung bringen konnte. Eine rauchige, alte Figur, aber ohne Körper. Wie ein Nebel in Menschengestalt, der sich in Gedanken so leicht schleichen konnte wie ihn geschlossene Zimmer oder vergrabene Keller.

Du willst die Wahrheit, sagte sie. Und ich kann sie dir schenken. Genau wie deine Freiheit.

Franky lachte ein bitteres Lachen.

„Was auch immer du bist – wenn es dich wirklich gibt und ich nicht nur den Verstand verliere…“

Muss sich das ausschließen?

„Wenn es dich gibt… wie könntest du mir meine Freiheit schenken? Freiheit wovon? Ich habe mehr Geld, als ich je im Leben ausgeben könnte. Ich kann gehen, irgendwohin, nach Amerika oder Japan, und mein Leben in Frieden verbringen. Und du… du liegst in einem Kupfergrab in meinem Keller. Gott weiß, warum und wozu und wie – aber du bist der Gefangene hier. Nicht ich. Ich bin frei. Ich kann gehen.“

Du kannst weglaufen, schnarrte die Stimme. Das ist alles. Weglaufen vor einem Schatten. Nicht einmal deinem Eigenen. Ahhh… So viele Dinge, die du noch lernen musst, die ich dir beibringen kann. Du bist reich – na und? Was ist Reichtum, ohne den Mut, ihn einzusetzen? Du vergeudest ihn im Versuch, deiner Mutter zu entkommen. Leugne es nicht, ich habe es in deinen Träumen gesehen.

Franky zuckte zusammen, als hätte die Stimme ihm eine Ohrfeige gegeben. Er fühlte es. Die Stimme… Sie hatte auch seine Träume mit kalten Händen betatscht, hatte seine Erinnerungen umgegraben und mit knorrigen Fingern darin gestochert auf der Suche. Nur wonach?

Hatte sie sich von seinen Alpträumen, von seinen Erinnerungen und Gedanken genährt, Frankys schlechte Entschuldigung eines schlechten Gewissens ausgesaugt wie eine Spinne ein gefangenes Insekt? Oder war sie einfach gelangweilt gewesen, einsam?

Er starrte auf die Platte vor sich, auf ihre Windungen, die er nicht verstehen konnte, nicht einmal wirklich sehen. Sie verschwammen vor seinen Augen, wie ein schneebedecktes Feld in der Mittagssonne.

„Wieso tust du das?“, fragte Franky und wurde immer leiser und leiser, denn er fürchtete sich vor seinen Gedanken und Hintergedanken. Und vor der Antwort.


Weil ich das gleiche will, wie du, mein Junge. Frei sein. Ich bin wie du. Oder ich kann es sein, wenn du nicht achtsam bist. Ich bin ein Gefangener deiner lieben Frau Mama und du, Frank, bist mir ähnlich. Steht es so schlecht um die Welt, dass Miteid mit einem Mitgefangenen dir verdächtig scheint?

Franky sank auf die Knie. Vor ihm diese Grabplatte, diese Tür zwischen Wachen und Traum, die er nicht einmal wirklich sehen, geschweige denn verstehen konnte. Die Platte war eisig unter seinen Fingern. Grabeskälte, die sich ihm bis in die Knochen fraß. Als Franky die Hand fortzog, blieben Fetzen seiner Haut an dem kalten Metall hängen. Blut tropfte aus den Rissen in seiner Hand.

Befreie mich und ich zeige dir die Geheimnisse, die deine Mutter ins Grab geworfen hat – in ihres und in meines.

Die Stimme dröhnte jetzt, eifrig, gierig auf ihre Freiheit.

Franky schob sie beiseite und auch seine eigenen Gedanken. Er wollte an nichts weiter denken als den Hammer in seiner Hand, an das Gefühl von schwerem Eisen und einem klaren Ziel.

Wenn er den Verstand verlor… was war dann dabei, seinen Irrsinn auszuleben? Wenn er verrückt war… wenn er geistig krank war, dann seit so langer Zeit, dass es keine Heilung dafür gab. Dann hatte sich die Krankheit bis ins Mark gefressen und war so sehr ein Teil von ihm, dass er nicht mehr zwischen ihr und sich unterscheiden könnte.

Das Brecheisen stürzte auf die Platte nieder. Franky packte sie mit beiden Händen, hob sie über seinen Kopf. Wieder und wieder rammte er den gehärteten Stahl vor sich auf den Boden. Es gab nichts in seinem Kopf als diesen Drang, die Kupferplatte zu zerstören. Immer und immer wieder, wie ein Rammbock, knallte das Brecheisen vor seinen Knien auf den Boden. Bis seine Muskeln erschöpft und seine Arme taub und seine Gedanken ganz leise geworden waren.

Nicht ein Kratzer war auf dem Metall zu sehen. Es war makellos wie an dem Tag, als Franky es aus dem Beton gebrochen hatte. Nicht einmal die Gravuren waren zerkratzt oder undeutlicher als ohnehin schon. Nur das Eisen in seinen Händen hatte sich verborgen.

Die Stimme in seinem Kopf verlachte seine Anstrengungen.

Beherzt, aber unnütz, mein Kind. Deine Mutter war irre und ihr Meister grausam, aber sie waren nicht unfähig. Was mich hier hält, ist stärker als alles Eisen. Blut und Knochen binden mich und nichts anderes wird diese Fesseln lösen.

Franky atmete schwer. Es war kalt geworden in der engen Kammer unter seinem Anwesen. Sein Atem kristallisierte vor ihm, und vor Schweiß und Kälte fing er zu zittern an. Die Arme sanken ihm. Er ließ einen schweren, tiefen Seufzer hören.

„Wer bist du?“, fragte er. „Verliere ich den Verstand?“

Du kannst nicht verlieren, was du nie besessen hast, oder? Und du kannst nicht finden, was immer schon ein Teil von dir war. Ich bin ein Teil von dir, Frank.

Das Lachen der Stimme dröhnte in seinem Kopf. Es war das wärmste hier im Raum, ein väterliches, sorgendes Geräusch, das seinen Geist einhüllte wie eine warme Decke, während sein Leib fror.

Ich bin Athanasius Roth und du, du bist Fleisch von meinem Fleisch, das Kind meiner Kinder. Nur entfernt verwandt vielleicht, aber doch. Über deinen Vater, offensichtlich.

Ich bin eingesperrt für ein Verbrechen, das auch du begangen hast, Junge. Das hier war mein Heim, meine Zuflucht vor der Welt, lange vor deiner Geburt. Und wie du wollte ich mehr wissen, als die Welt dort draußen mir zugestehen wollte.“

Er fror. Franky fror bitterlich, aber er konnte nicht aufstehen, nicht in das Haus oben gehen, wo er auch nur gefroren hätte. Jeder Schatten dort war kühl, schon als er eingezogen war, hatte das Haus nichts von der sommerlichen Wärme aufgenommen.

Seine Beine erlaubten es ihm nicht, aufzustehen. Und seine Arme waren zu schwach, ihn empor zu stemmen.
Also saß er dort, in seinem dunklen Keller und starrte auf die Metallplatte, auf diesen Kupfersarg, von dem eine unnatürliche Kälte ausging.

Auf die Windungen darin, die ein Bild formten, das er nicht verstand. Das sich fin seinen Geist fraß.

Willst du mich und dich befreien? Dann schreibe dir diese Wahrheit ins Fleisch, dröhnte die Stimme von Athanasius Roth in seinen Gedanken. Schreib dir die Magie meines Kerkers in die Brust, Frank, und stiehl deiner Mutter das einzige Geheimnis, das sie wirklich vor dir verbergen wollte: Mich.

Erbschaft – Teil 10: Festgenagelt

Franky verlor seinen Verstand und obwohl er ihn sehr schätzte, trauerte er doch nicht darum.

Er saß im Salon seines herrschaftlichen Anwesens. Und wie das Anwesen selbst im Großen, so war der Salon im Kleinen ein halb renoviertes und halb verfallener Schutthaufen, in dessen Zentrum sich ein Berg an sich Rätseln und Geheimnissen auftürmte.

Rätsel, an deren Lösung sein Verstand verstummte. Machte es ihm etwas aus? War er sich dessen überhaupt bewusst?

Es schien unsinnig zu sein, sich diese Fragen zu stellen.

Ihre Bedeutung war gering. Seine Mutter war – unzweifelhaft – tot. Und was immer auch sie noch vor ihm versteckt hatte, sie hatte die Wahrheit mit ins Grab genommen. Ihre Wohnung war ausgeräumt, seit mehr als einem Monat besenrein. Franky selbst hatte ein Kommando an kräftigen Entrümplern hinein gelassen – Männer mit kleinen Köpfen und breiten Händen, die alles unterschiedslos in Säcke und Kisten gestopft und danach verbrannt hatten.

Nichts von seiner Mutter war übrig. Nichts als die Briefe vor ihm.

Und dieses Bild in seinen Händen.

Ein Foto in Schwarz-Weiß, datiert auf den 7.8.1932. Das Mädchen darauf war unzweifelhaft seine Mutter, so unzweifelhaft wie es der Leichnam gewesen war, den er vor einigen Wochen auf einer Edelstahlschiene unter einem weißen Tuch identifiziert hatte.

Nur dass seine Mutter nicht in den zwanziger Jahren geboren worden sein konnte. Dann wäre sie siebzig bei seiner Geburt gewesen.

Sie war zwanzig gewesen, die Heirat mit seinem Vater war früh geschehen. Eine überstürzte, leidenschaftliche Hochzeit, hatte sie erzählt, mit einem leidenschaftlichen jungen Mann. Und wie alle Leidenschaft war sie irgendwann an sich selbst zerbrochen.

Seine Mutter war keine Greisin gewesen bei seiner Geburt und auch nicht in seiner Kindheit. Sie war immer jung gewesen und hübsch, selbst ihre Verbitterung hatte das nicht auslöschen können.

Eine ganz Weile saß er so dort, vor diesem Haufen, der für ihn nur Unsinn enthielt. Der sein ganzes Leben eine Lüge scholt – und eine schlechte noch dazu.

An wen sich wenden? An die Polizei? Womit denn? Mit einer diffusen Geschichte über eine Tote, die viel älter sein sollte, als sie war? Mit vagen Alpträumen wegen eines alten Hauses und Vermögens in Millionenhöhe? Vielleicht sollte er ihnen von dem seltsamen Fund in seinem Keller erzählen, von dem Verdacht, es könnte sich um ein Grab handeln.

Der Gedanke verweilte einen Moment lang bei ihm. Er sah vor seinem inneren Auge die Staatsbüttel kommen, mit Hammer und Picke würden sie das gesamte Fundament umgraben, würden hervor holen, was immer dort verborgen war… und sie würden unzweifelhaft auf ihn fallen als dem einzigen Verdächtigen. Wem sollten sie sonst die Schuld dafür geben? Seiner toten Mutter, die in Wahrheit fünfzig Jahre älter gewesen sein sollte, als alle ihre Papiere besagten?

Franky verwarf die Idee. Zu gefährlich. Am Ende würde man ihm nur Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte.

Und womöglich sein Vermögen pfänden.

Dann überlegte er, sich psychologische Hilfe zu holen, seiner Situation mit professioneller – und diskreter – Hilfe auf die Spur zu kommen. Wäre das nicht originell? Reicher Erbe geht wegen Mutterkomplexen zum Seelenklempner: Fühle mich ungeliebt, nirgendwo zuhaus. Ich habe hier nur diese zwei Millionen Euro und das große, kalte Anwesen, in dem niemand mit mir leben will. Helfen Sie mir, Doc, ich will mich doch nur lieben, wie ich bin.


Frankys Lachen hallte durch den Salon und rüttelte an den Türen. Ein bitteres Geräusch, das ihn selbst erschreckte. Es war zu befreit. Zu ehrlich mit sich selbst.

Nein. Er brauchte Antworten und die würde er nicht in seinem Inneren finden. Nicht, ohne sich in diesem Labyrinth zu verlaufen.

Also griff er zu seinem Telefon. Mechanisch wählte er eine Nummer, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gewählt hatte, sobald er ein Problem hatte. Es klingelte nur kurz, dann melde sich eine männliche Stimme.

„Roth hier. Habe Neuigkeiten für Charlotte, brauche ihre Hilfe. Augenblicklich. Sagen Sie ihr Bescheid.“

Die Stimme versuchte, Zeit zu schinden. Sie habe ein Meeting, ein wichtiges, würde bei nächster Gelegenheit zurück rufen. Was es denn gäbe, ob er etwas ausrichten könne?

Franky beschloss, das Spiel mitzuspielen.

„Ein gewisser Leopold von Schlüsselburg war hier“, log er, „und stellt Fragen. Sehr unangenehme Fragen über den Tod meiner Mutter. Und die Rechtmäßigkeit meiner Erbschaft.“

Vage bleiben, Aussagen offen halten. Er hatte keine Ahnung, wer das sein sollte, nur dass seine Mutter ihn für wichtig gehalten hatte.

Und dass seine Mutter Charlotte offenbar gehasst und diesen von Schlüsselburg geliebt hatte.

„Bitte, sie soll schnell kommen“, sagte Franky.

Dann legte er auf und sah den Schatten beim Wandern zu. In seinem Kopf kreisten Gedanken, die er nicht zu denken wagte, die er an den Rand seines Bewusstseins schob und ängstlich beobachtete.

Was nur, was tust du jetzt, Franky?

Verlangst du Antworten? Baust dich vor ihr auf und sagst du bist kein Kind mehr, du erträgst die Wahrheit jetzt?

Sein Blick fiel auf den Hammer. Er war schwer, aber Franky hatte ihn einige Male geschwungen. Er hatte Übung darin. Und wenn er damit eine Ziegelmauer einschlagen konnte… wäre er im Zweifelsfall eine gute Keule. Gut genug, um Antworten aus Charlotte von Bützow heraus zu holen.

Die Frau, die nicht die Anwältin seiner Mutter war, ihm aber ihre Erbschaft verschafft hatte.

Der Gedanke kam ihm ganz plötzlich, ungebeten. Wie die Fragen zuvor. Wie die Wut über Therese vor einiger Zeit.

Was sie wohl gerade tat?

Fickt einen anderen, der weniger rumheult.
Es war das erste Mal, dass er wieder an sie gedacht hatte seitdem. Wirklich an sie gedacht hatte und nicht nur an diesen Abend.

Franky schüttelte den Kopf, als ob das diese Gedanken vertreiben könnte. Therese war nicht hier. Und wenn sie wusste, was gut für sie war, würde sie weg bleiben.

Es klingelte. Franky sah von seinem Papierhaufen auf, durch den dunklen Salon, zu der Eingangstür am anderen Ende des Hauses. Es war Nacht, draußen wie drinnen.

„Tür ist offen“, brüllte er und hörte nur einen Moment später, wie sie hinter dem Gast ins Schloss fiel.

Sie kam mit einem dunklen, wiegenden Gang ins Haus. Ihr Gesicht lag in den Schatten, aber es war unzweifelhaft Charlotte. Das aggressive Klacken ihrer Schuhe verriet sie. Sie stachen beinahe in den Boden, obwohl sie ganz flach waren.

Das Glitzern in ihren Augen sah er, noch bevor ihr Gesicht in den dünnen Lichtkreis des Mondlichts hinter ihm trat. Es war dasselbe Glitzern, das er bei seiner Mutter hin und wieder gesehen hatte. Eine Mischung aus Hingabe und Verachtung.

Sie knippste das Licht mit einem Fingerschnipsenan, das Glitzern verschwand aus ihren Augen. Charlotte besah sich den Haufen Papiere mit hochgezogenen Brauen. Sie sah ihn, inmitten der alten Papiere sitzend, an den Sekretär seiner Mutter gelehnt, im dunkeln. Wieder einmal. Und sie sah die alten Papiere.

Nicht gerade ein beeindruckender Anblick. Ein Mann umgeben von den Liebesbriefen und Tagebüchern seiner toten Mutter. Ziemlich erbärmlich eigentlich. Aber Franky wollte sie nicht länger beeindrucken.


„Das ging schnell“, sagte er, ohne die Uhrzeit zu kennen. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen.

Charlotte ignorierte es.

„Leopold von Schlüsselburg war hier?“, fragte sie.

Franky hätte gelacht, wenn er noch Humor gehabt hätte.

„Du brauchst eine Woche, um mir bei juristischen Sachen zu helfen, aber du hörst den Namen von diesem Kerl und bist hier. Sehr interessant.“, sagte er.

Sein Tonfall war trocken. Er war zu müde für Sarkasmus.

Die Frau überging die Bemerkung. Sie kam näher, bis zum Rand des Papierbergs vor ihm.

„Hat er die Polizei eingeschaltet?“, fragte Charlotte.

Franky zuckte mit den Schultern, verzog die Mundwinkel.

„Ich weiß nicht, hab nie mit ihm geredet. Keine Ahnung, wer der Kerl ist. Bei mir war keine Polizei. Und ich bislang auch noch nicht bei ihr.“

Franky warf ihr einen der Briefe zu, die er gelesen hatte. Von seiner Mutter an diesen Leopold von Schlüsselburg. Charlotte fischte ihn mit spitzen Fingern aus der Luft. „Ich habe nur seinen Namen gelesen. Dachte, er interessiert dich vielleicht. Mehr als ich wahrscheinlich. Und ich musste dringend mit dir reden.“

Charlotte zog die Brauen zusammen. Ihr Gesicht zeigte kaum eine Regung, als sie den Brief überflog. Es war eine Maske aus Fleisch, die sie aufgesetzt hatte, aber sie hatte wohl vergessen, ihr Gefühle einzuschnitzen. Nur dieser Ausdruck von Misstrauen war zu erkennen. Diese Mischung aus Hingabe und Verachtung, die Franky sein halbes Leben lang begleitet hatte.

Sie ließ den Brief aus ihren Händen gleiten. Er schwebte zu den restlichen Unterlagen hinab.

„Was soll das sein?“, fragte sie.

„Das wüsste ich gerne von dir. Meine Mutter hat mich aus dem Testament gestrichen. Sie sagt es dort selbst, auch in ihrem Tagebuch steht es. Keinen Pfennig, heißt es. Nicht für mich, nicht so lange das Haus noch steht… Und trotzdem bin ich der Alleinerbe, weil es gar kein Testament gab. Komisch, oder?“

Charlotte blieb ausdruckslos.

„Sehr“, sagte sie. „Vielleicht hat sie es sich anders überlegt und ihren letzten Willen geändert oder ihn vernichtet? Oder es ist in ihrem Chaos nicht gefunden worden. Bei uns in der Kanzlei hat sie nie eines hinterlegt.“

„Und ihre Wohnung habe ich vollständig verschrotten lassen. Wie schade.“

Franky sah zu Charlotte auf. Sie starrte ihn mit einem Blick an, der seine Augen schmerzte. Als ob ihr Blick ihm die Augen verbrennen würde. Wie nach einer durchwachten Nacht voller Alpträume.

„Aber zum Glück hast du als ihre Anwältin ja den letzten Erben ausfindig gemacht und dem Gesetz genüge getan“, sagte er.

„Bereust du, dass ich dir aus deinem Loch heraus geholfen habe? Dir Reichtum geschenkt habe, von dem du nie etwas ahntest? Dir ein Leben wieder gegeben habe, von dem du nicht einmal wusstest, dass es dir gestohlen wurde?“

„Du leugnest es nicht?“

Charlotte lachte. Ein Geräusch wie von Glocken, klar und hell und stechend in den Ohren.

„Was sollte ich denn abstreiten?“, fragte sie.

„Dass du gelogen hast!“

Franky sprang auf. Sein Gesicht war rot, sein Herz hämmerte ihm in der Brust. Er fühlte diese Wut in sich aufkommen, diese maßlose und ohnmächtige Wut, dass jeder in seinem Leben ihn immer nur belog. Dass die Wahrheit darüber, warum sein Leben so verkorkst war, wie es war, mit seiner Mutter zusammen im Grab faulte – oder auf irgendeiner Mülldeponie der Stadt.

„Dass du mich benutzt hast, aus weiß Gott für einem Grund! Um meiner Mutter etwas auszuwischen? Diesem von Schlüsselburg, ihrer angeblichen Familie?“

Charlotte verdrehte die Augen. Mit der Fußspitze durchwühlte sie den Berg an Papieren vor sich, suchte nach spannenderen Dokumenten darin. Eine beiläufige Geste, beinahe wie gelangweilt. Von Franky, von seiner Verzweiflung.

„Nicht alles dreht sich um dich, Franky-Boy“, sagte sie und bückte sich nach einer ärztlichen Untersuchung. „Die Sache hat sogar sehr wenig mit dir zu tun. Eigentlich nichtmal mit Schlüsselburg. Ich fürchtete nach deinem Anruf schon, er hätte von der Sache erfahren… Aber vielleicht wird er nach all der Zeit doch langsam weich im Schädel. Du, mein Kleiner, warst ein Zufall. Ein glücklicher für mich, ein unglücklicher für deine werte Frau Mama.“

„Schlampe.“

Das Wort hinterließ einen ekelhaften Geschmack in seinem Mund, wie fauliges Fleisch, das man gerade noch rechtzeitig ausspuckte.

„Miststück!“, brüllte er. Die selbe hilflose Wut, die er bei Therese gespürt hatte. Bei seiner Mutter. Bei jeder anderen Person in seinem Leben, die ihm je etwas bedeutet hatte. Diese Unfähigkeit, das zu bekommen, was er wollte. Den Job, von dem er leben könnte, die Freunde, vor denen er sich nicht schämte. Die Antworten, die er verstehen konnte.


Im nächsten Moment war Charlotte an seiner Kehle. Ihre schlanken Finger bohrten sich in sein Fleisch, ihre Nägel stachen. Blut floß, heiß und dick, aus seinem Nacken. Ihre Augen waren ganz nah an seinen. Ihr Blick brannte ihm in den Augen, die zu glühen schienen. Ihr Atem kroch bittersüß über seine Wangen.

„Benutzt?“, fragte sie. „Wozu sollte man dich schon benutzen können? Ich habe dir die Richtung gewiesen, Franky-Boy, aber in den Abgrund bist du ganz allein gesprungen. Sehenden Auges. Oder hast du gefragt, woher ihr Geld kam? Hast du dein schönes neues Leben abgelehnt? Nein. Du wolltest es. Schiebe jetzt nicht mir dafür die Schuld zu.“

Sie hielt ihn gegen den Sekretär gepresst. Beinahe mühelos drückte sie ihm die Luft ab und brach ihm fast das Rückgrat, indem sie in gegen die Kante des Schreibtisches schlug.

Langsam quetschte sie das Leben aus ihm heraus.

Seine Gedanken rasten, stauten sich in seinem Kopf, der zu zerspringen drohte.

Dann, ein Lichtbltz.

Der Hammer.

Seine Hand tastete hinter sich, bekam den harten Griff zu fassen. Er schleuderte ihn in einem weiten Bogen herum, kugelte sich fast den Arm dabei aus. Die Spitze traf. Erst ein Klatschen, dann ein Krachen. Von Eisen auf Fleisch, dann auf Knochen. Charlotte jaulte auf. Ein tierisches Geräusch. Wie ein Hund, der getreten wurde.

Ein großer, aggressiver Hund ohne Leine.

Ihr Griff hielt ihn weiter umklammert. Franky röchelte, hieb erneut zu. Die Spitze bohrte sich zwischen ihre Rippen. Ein Knacken, ein Brechen das in seinen Ohren donnerte. Dann ein weiteres Wutgeheul, das sie zur Seite schleuderte und Franky mit sich riss. Der Papierberg zerstob in Blut und Staub und Knochensplittern.


Sie rangen. Charlotte packte seine Kehle, hämmerte ihm den Schädel gegen das Parkett. Ihre Knie rammten ihm den Brustkorb und den Magen auf den Erdboden. Sie war leicht, aber kräftig. Mühelos trieb sie ihm die Luft und allen Widerstand aus.

Sie war viel kräftiger, als ihre schmale Gestalt vermuten ließ. Viel kräftiger als sie mit gebrochenen Rippen und einem Hammer im Brustkorb sein sollte, der noch aus der Ruine ihres Oberteils heraus ragte.

Sie packte den Schaft mit schlanken Händen. Ein Ruck befreite ihn aus ihrer Wunde. Blut spritzte auf Franky, es war warm. Ihres oder seines, er war sich nicht sicher.

Charlotte schrie auf. Ein Geräusch wie von Lust und Schmerz und Wahnsinn. Der Hammer krachte in den Haufen Bilder auf der anderen Seite des Salons.

Charlotte hockte über ihm, hielt ihn auf dem Boden wie ein Insekt. Sie atmete schwer. Franky sah es durch das faustgroße Loch in ihrem Brustkorb. Der fleischige Sack blähte sich auf, drückte sich gegen die weißen Zähne, die aus ihrem Oberteil kamen.

Ihr Atem roch ganz anders, als er ihn in Erinnerung hatte. Nach Staub und Asche und alten Büchern. Er überdeckte den Gestank ihres Blutes, das weiter auf ihn tropfte.

Franky schnappte nach Luft. Regen konnte er sich nicht. Nicht einmal atmen.

„Ich hasse es, wenn ihr sowas macht. Wenn eure kleinen Pissgehirne glauben, ihr könntet alleine irgendwas auf die Reihe kriegen, ihr reichen Muttersöhnchen. In Wahrheit, Franky-Boy, bin ich doch der einzige, der dir hier die Stange hält. Wo wärst du ohne mich? Hm? Mittellos in irgendeinem Loch in Kreuzberg. Oder diese Schläger, Jimmy und Johnny, hätten dir die Beine gebrochen. Weil du ohne mich mittellos wärst und hilflos.“

Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Charlotte presste die Zähne aufeinander, knurrte wie ein wildes Tier. Sie bäumte sich unter Schmerzen auf, als sie Luft schnappte.

„Ja, ich hab das Testament deiner Mutter gestohlen und es verbrannt. Ich habe mich in den Nachlass deiner Mutter geschlichen, um ihn dir zuzuspielen. Und? Was jetzt? Gibst du deine unrechtmäßige Erbschaft zurück?“

Franky spürte, wie sich ihre Finger um seinen Hals lockerten. Er rang nach Luft. Seine Augäpfel drohten, ihm aus dem Schädel zu springen. Seine Stimme war rauh, ganz gepresst.

„Wieso?“, fragte er.

„Weil ich es wollte. Weil deine Hure von Mutter mich bestohlen hat. Und ich werde es mir zurückholen. Bis auf den letzten Tropfen.“

„Wieso… lebst du noch?“, keuchte Franky hervor.

Das ließ Charlotte innehalten. Sie sah an sich hinab, folgte dann mit dem Blick der Flugbahn des Hammers. Bemerkte die Stücke von Blut und Fleisch und Knochen, die von ihr in einem Bogen bis zur Wand führten. Ihr Lachen hatte nichts menschliches an sich, sondern hatte alle Zurückhaltung verloren. Es klang wie ein Hund, der den Mond anheulte.

Charlotte biss die Zähne zusammen. Sie litt offenbar, aber allein dass sie bei Bewusstsein war, war ein Wunder. Geschweige denn, dass sie sprechen und Franky überwältigen konnte.

„Weil ich wie deine Mami bin, Franky-Boy. Ich fresse kleine Kinder wie dich, mit Haut und Haar, und sauge ihnen das Leben aus den Knochen.“

Ihre Grimasse kam seinem Gesicht noch näher. Sie fletschte die Zähne, kauerte über ihm. Geifer tropfte auf seine Wangen und vermengte sich mit ihrem Blut.

Franky konnte es fühlen. Diesen Druck in seinem Schädel, wie er ihn schon vor einer Weile gespürt hatte. Bei Therese. Als er sie heraus geworfen hatte wegen irgendeines Impulses, eines Gedanken, der nicht zu ihm gehört hatte. Einen Gedanken, der er bis in die seltsame Kammer unter dem Keller verfolgt hatte.

Es war wie ein psychische Ohrfeige, die ihn erfasste und für einen Augenblick das Bewusstsein raubte und alles auslöschte, was nicht zu dieser Ohrfeige gehörte.

Das Brennen in seinen Augen hörte auf. Eine Klarheit und eine Ruhe kam über ihn, wie bei einem Reh im Scheinwerferlicht. Das Gefühl, dass Charlotte ihm mit ihrem Blick die Augen ausbrannte, ebbte ab.

Auch Charlotte spürte es. Sie wurde davon zurück geworfen, wie von einer unsichtbaren Hand nach hinten geschleudert.

Es war ein einziges Wort, das in seinem Kopf dröhnte und das aus der Nacht zu kommen schien, das er aber nicht erfassen konnte.

Ein einziges Wort, das sich ihm einprägte, sich ihm in die Seele fraß.

Nein.

Niemand hatte es ausgesprochen, niemandes Kehle hatte es formuliert. Aber es war dort, zwischen ihm und der blutigen Frau über ihm, und sie beide hatten es gehört.

Charlotte sprang auf. Mit einer Gewandtheit, die er ihr bei ihrer Verletzung nicht zugetraut hatte, war sie auf den Beinen und wich langsam von ihm zurück. Sie riss die Augen auf und presste eine Hand auf ihre Brust. Nicht auf das faustgroße Loch darin, durch das sich Teile ihrer Lunge zwängten, sondern auf ihr Herz.

Sie wirkte verletzter und verletzlicher in diesem kurzen Moment, als sie es wegen des Hammers in ihrem Brustkorb je getan hatte.

Langsam ging sie rückwärts, rutschte kurz auf einem blutigen Stück Papier aus und fing sich mit Mühe wieder.

„Versuch, nicht wegzulaufen!“, zischte Charlotte ihm zu.

Dann war sie verschwunden und ließ Franky keuchend zurück.

Erbschaft – Teil IX: Ein Berg aus Ungereimtheiten

Erbschaft – Kapitel IX: Ein Berg aus Geheimnissen

Franky hatte einen Traum, der anders als die anderen war und einen schlechten Geschmack in seinem Mund hinterließ.

Bislang hatte er immer von seinen eigenen Erfahrungen geträumt, hatte wieder und wieder die schäbigsten, düstersten Momente seines Lebens durch gestanden. Dieser Traum dagegen… Er konnte sich nicht an die Ereignisse darin erinnern.

Es war nicht die selbe Flüchtigkeit von normalen Träumen, wegen der man sich nicht an die Nächte erinnern konnte. Noch schlief Franky und doch kam ihm der Traum flüchtig vor. Irgendwie war es anders. Der Traum selbst war klar – Franky stand, in seinen Schlafanzug mit der aufgedruckten Maus und Ente, vor der Schlafzimmertür seiner Eltern. Der Türrahmen fühlte sich greifbar an unter seinen Händen, echt. Die Worte seiner Mutter, die er durch den Türspalt belauschte, fraßen sich in sein Bewusstsein und er war sich sicher, er würde sie nie wieder vergessen.

„Eine Lüge!“, schrie sie, „Unser aller Leben ist eine Lüge und seines ein Unfall!“

Der Satz prägte sich ihm eben so wie das schmerzerfüllte Gesicht seines Vaters ein und das Wutgeheul, mit dem sein Vater sich auf seine Mutter stürzte.

Es war dieser Schrei und was darauf folgte, die ihn aus dem Schlaf rissen.

Der Traum lungerte noch herum, blieb im Morgengrauen vor seinen Augen schweben. Das Bild von seinem Vater über seiner Mutter, die Hände um ihren Hals gelegt.

Es war, als wäre die Erinnerung, die er geträumt hatte, selbst verschüttet. Und er hätte nicht sagen können, ob es Wirklichkeit oder Einbildung war, was er träumte. Ob sein Unterbewusstsein nur begann, lange verschüttete Erinnerungen hervor zu holen, oder ihn zu belügen.

Aber da war dieses Gefühl in ihm, das sein Mutter etwas mit der Sache zu tun hatte. Dass sie etwas vor ihm verborgen hatte – noch mehr als seine Erbschaft. Noch viel mehr.

Franky machte sich rasch an die Arbeit.

Noch vor dem Frühstüclk schaffte er alles beiseite, was sich über die letzten Wochen im Salon angesammelt hatte. Die Werkzeuge warf er auf einen Haufen in der Ecke, das Baumaterial direkt daneben. Die Couch und alle Tische und Stühle, die er irgendwann hierher getragen hatte, zerrte er auf die Gegenüberliegende Seite des Raumes. Am Ende hatte er die gesamte Mitte des Salons freigelegt, sodass nur noch die blanken Bohlen des Fußbodens zu sehen waren.

Dann ging er in den ersten Stock, in das Musikzimmer, das er mehr oder weniger zu einem Lagerraum umfunktioniert hatte. Einige seiner alten Sachen lagen dort herum, der Kleidung, die er zwar ersetzt, aber nicht ausgetauscht hatte. Genau wie die Kisten, die er aus der Wohnung seiner verstorbenen Mutter mitgenommen hatte. Eine nach der anderen trug er sie hintunter in den Salon und schüttete ihren Inhalt auf einen Haufen zusammen.

Er musste dieser Sache auf den Grund gehen. Aus irgendeinem Grund hatte er es vor sich hergeschoben, seit er hierher gezogen war. Er hatte die Unterlagen immer wieder und wieder beiseite geräumt, hatte die Kisten umgestapelt, um an anderen Kram zu kommen. Bis er sie schließlich für einige Wochen vergessen hatte. Womöglich hatte er gar nicht wissen wollen, was sich dort befand, was seine Mutter noch vor ihm verborgen hatte.

Er hatte sie loswerden wollen, selbst ihre eigenen Erinnerungen.

Aber sein Unterbewusstsein war noch nicht mit ihr fertig. Die Träume hatten es ihm gezeigt. Wieder und wieder hatten sie sich um seine Mutter gedreht, um ihre Lügen, ihre kleinen Grausamkeiten. Wie sie ihn erst aus ihren Armen stieß, weil er irgendein Andenken von ihr angefasst hatte, und ihn ohrfeigte – nur um ihn im nächsten Augenblick wieder zu drücken und zu herzen und bitterlich zu weinen.

Wieder und wieder hatte er davon geträumt. Irgendetwas musste es bedeuten, irgendetwas musste es ihm sagen wollen. Dort in seinem Inneren klaffte eine Narbe, die in all der Zeit nicht geheilt war und die nun aufzureißen begann.

Und Franky war der Überzeugung, dass nur die Wahrheit sie endgültig verschließen könnte.

Was er an Dokumenten vor sich fand, war ein weiteres Sammelsurium aus Unsinn. Ein kleiner Ausschnitt aus dem Leben seiner Mutter, die Schwachsinn wie Schätze gehortet hatte.

Er fand weitere Arztbriefe und Rechnungen und Unterlagen, die es nicht in den Ordner geschafft hatten, den er bei seiner ersten Durchsicht gefunden hatte. Es waren harmlose Dinge dabei, gemischt mit den Anfängen ihrer Todeskrankheit und den letzten. Stundenlang sortierte er sie, ohne ihre Krankheit darum auch nur einen Augenblick lang besser zu verstehen.

Ein Geschwür in ihrem Kopf hatte sie getötet. So viel war man sich sicher, so viel hatte die Obduktion und alle vorherigen Untersuchungen ergeben. Aber wie es dorthin gekommen war und wie es in nur wenigen Wochen derart hatte wuchern können und wie es bei dieser Größe derart lange unentdeckt hatte bleiben können – das gab ihm wie auch den Ärzten gleichermaßen Rätsel auf. Die Krankheit war rasch fortgeschritten und hatte sie noch schneller getötet.

Beinahe von einem Monat auf den anderen.

Weiter unten im Berg ihrer Ungereimtheiten fand er Briefe, allesamt undatiert, aber scheinbar älter. Viele davon waren wieder und wieder geöffnet und aus den Umschlägen genommen worden, sodass sie an den Rändern ganz abgenutzt waren. Liebesbriefe seines Vaters, die er sich kaum zu lesen traute. Als er sie schließlich öffnete, berührten sie ihn. Sie waren weichherzig und sanftmütig und an eine Frau gerichtet, die es für Franky nie gegeben hatte. Die eine Seite gehabt haben musste, die mit seinem Vater zusammen gestorben war.

Auch persönliche Korrespondenz mit Bekannten war darunter gemischt. Briefe von einem „L.v.S.“, der seine Schreiben mit einem extravaganten Siegel verschloss. Der Inhalt blieb für Franky hinter den von archaischem Sütterlin verborgen. Und selbst dort, wo er einige Worte entziffern konnte, ergaben sie für ihn keinen Sinn.

Aber es war kein einziges Schreiben an Charlotte darunter. Oder an oder von einer „Kanzlei von Büchow“. Er fand eine einzige juristische Auseinandersetzung mit „Kanzlei C. Von Bülow“. Und diese war aus dem Jahr, in dem sein Vater gestorben war. Es ging um einen Rechtsstreit über Eigentümerschaft des Hauses, in dem Charlotte die Gegenseite vertrat, einen unbekannten Verwandten Frankys väterlicherseits, von dem er noch nie gehört hatte und den Charlotte mit keinem Wort erwähnt hatte.

Das war alles gewesen, was er in ihren Unterlagen gefunden hatte.

Mehr Rätsel. Mehr Zweifel.

Einige Minuten saß Franky nur dort, umgeben von all dem bürokratischen Unrat, den seine Mutter angehäuft hatte, und versuchte zu atmen. Es war erstaunlich schwer, sich nur darauf zu konzentrieren. Auf das atmen. Die kreiselnden Gedanken in seinem Kopf kamen ihm immer wieder dazwischen, drückten ihm die Luft ab. Er fühlte, wie sich dieselbe Schleife aus Fragen,ifel. Verzweiflung und Selbsthass zurück zu fallen, die ihn als Jugendlicher begleitet hatte, enger und enger um seine Brust legte. Wie sie zupackte.

Wieso? Wieso war es ihm unmöglich, dieser Frau zu entkommen. Er konnte Sie nicht einmal begraben, um sie los zu sein. Wie ein Geist verfolgten ihre Untaten und ihre Geheimnisse ihn weiter und brachten ihn um den Schlaf – selbst in einem Haus, dass sie offenbar selbst nicht gewollt und von dem sie ferngeblieben war. Vielleicht würde er sich damit abfinden, dachte Franky, während er auf den Papierberg vor sich starrte, der ihn vernunftlos anschwieg. Irgendwann in ein paar Jahren vielleicht, nach etwas Therapie und ein wenig kathartischer Wut könnte er diese Sache beiseite lassen. Sich damit abfinden, dass seine Mutter keine geheime Agenda gehabt hatte, um sein Leben zu ruinieren. Dass sie einfach nur verrückt geworden war vor Trauer, eine arme, kranke Frau, die von ihrem Leben überfordert war.

Dass er nur der Kollateralschaden eines kaputten Lebens war. Nicht mehr. Und nicht weniger.

Dann fiel ihm ein, dass Charlotte gelogen haben musste. Sie war nicht die Anwältin seiner Mutter gewesen, jedenfalls fand er keinen Hinweis darauf. Das Haus gehörte ihm, daran gab es nichts zu rütteln. Er hatte die Besitzurkunde oben in einem kleinen Kästchen zu liegen und sie war mehrfach von den Behörden bestätigt worden. Wieso also hatte sie versucht, es seiner Mutter nach dem Tod seines Vaters abzusprechen?

Nein, dachte Franky und schüttelte den Kopf, es musste ihr Vater gewesen sein oder wem immer die Kanzlei zuvor gehört hatte. Charlotte konnte unmöglich damals bereits praktiziert haben. Franky war zwei Jahre alt gewesen, als sein Vater starb, und Charlotte war kaum älter als er.

Franky kroch zu dem Sekretär seiner Mutter hinüber. In den Schubladen fanden sich noch einige ihrer Unterlagen. Nichts, was ihm weiterhalf. Unwichtiges Zeug, fand er, und riss die Fächer mit roher Gewalt heraus. Zeichnungen und Skizzen und alte Fotos flogen durch die Gegend und vermischten die Papiere hinter ihm erneut zu einem undeutlichen Haufen.

Leise, beinahe heimlich, fiel ein schmales Büchlein heraus. Braunes Leder, ganz weich, mit einem schwarzen Federhalter, der daran geklemmt war.

Das Tagebuch seiner Mutter. Eines davon zumindest, den Daten und den freien Seiten am Ende nach zu schließen das letzte davon. Weiß Gott, wo die anderen geblieben waren. Vielleicht waren sie in den Bergen von Schundliteratur untergegangen, die Franky aus ihrer Wohnung hatte entfernen lassen. Vielleicht war Maria Johanna Roth selbst sie losgeworden, hatte sie verbrannt, um sich ihren eigenen Erinnerungen entziehen zu können.

Franky würde es nie erfahren. Aber was in diesem Büchlein zu lesen war, reichte aus, um ihn zu erschüttern.

Elfter Mai:

„Habe in den letzten Tagen meine alten Journalien durchgeblättert. Es ist ein seltsames Gefühl. So viele Erinnerungen, gute, schlechte, vergessene. Sie sind alles, was ich noch habe.

Urgroßvater hat mich fallen gelassen. Ich spüre es. Er weicht mir aus. Der verhasste Dr. Federer antwortet an seiner statt auf meine Anrufe, meine Briefe. Komme ich zu einem persönlichen Gespräch, hat er keine Zeit für mich und Dr. Federer wimmelt mich ab, vertröstet mich.

Ich habe mich geweigert, ihm meinen Sohn zu opfern und nun zahle ich den Preis dafür. Ich werde alt werden. Nein. Ich werde verwelken. Mein Alter wird zu mir aufschließen, ich kann ihm nicht länger entkommen. Es hat bereits begonnen, ich kann es fühlen. Der Entzug macht sich bemerkbar. Meine Haut wird schlaff und grau, meine Gedanken sind wirr und nebelig.

Habe Urgroßvater seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Wenn er nicht… wenn er nicht… Eine Woche noch. Dann wird es nicht mehr aufzuhalten sein. Ich glaube nicht, dass die Ärzte mir helfen könnten. Keine Medizin der Welt kann das.

Viel mehr als einige Wochen werde ich nicht haben. Ich weiß es.

Vor einigen Tagen hatte ich einen schlechten Traum. Er war anders als die anderen, nicht so wirr. Er war sehr klar und deutlich. Mir träumte, das alte Anwesen stünde wieder in neuem Glanz. Ein fürchterlicher Gedanke, der mich den Rest der Nacht nicht schlafen ließ.“

Dreizehnter Mai:

„War heute im Anwesen, hielt die Ungewissheit nicht länger aus. Musste wissen, ob jemand in meiner Abwesenheit… Aber nichts hat sich dort verändert. Nicht seit er gestorben ist.

Es verrottet, Jahrzehnt um Jahrzehnt etwas mehr. Ich hatte gehofft, seinen Untergang noch zu erleben, aber… Der Zustand ist erbärmlich. Bald wird es zusammen fallen. Urgroßvater wird es zu betonieren, sobald es in seinem Besitz ist. Er wird es einreißen, den Keller mit Zement füllen und eine Tankstelle darauf errichten oder e Und das Ding, das darunter schläft, wird niemandem mehr ein Leid zufügen können. Nicht mir wenigstens. Nicht mir.

Ich muss sicherstellen, dass es so kommt. Es darf nicht dieser Bützow oder einem ihrer Schergen in die Hände fallen.“

Der fünfzehnte Mai:

„Habe Frank aus meinem Testament gestrichen.

Ein letzter Schritt. Es ist seltsam, wie lange ich mich ihm verweigert habe. Es war dumm, so lange zu warten. So ist es besser. Sicherer für ihn.

Vielleicht ist er in Amerika. Ich hoffe es. Ich hoffe er hat den Verstand besessen, so weit von mir zu fliehen, wie er nur konnte. Es war ein Fehler, seinen Vater zu lieben. Die Linie hätte mit ihm sterben sollen, nicht mit meinem Kind.

Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass von Bützow noch lauert. Auf einen letzten Augenblick der Schwäche, bevor es mit mir zuende geht. Urgroßvater will davon nichts hören, nicht von mir jedenfalls. Aber ich muss sicher sein, dass Franky nicht von seinem Erbe erfährt. Das ist der einzige Weg. Urgroßvater würde ihn töten.

Das Geld wäre mir gleichgültig, ich würde es ihm gönnen. Urgroßvater braucht es nicht, er hat mir erlaubt, es zu behalten. Aber die Häuser… Die Häuser darf Frank nie bekommen. Nicht dieses jedenfalls.

Es ist besser, wenn er glaubt, ich hasse ihn und habe ihn aus meinem Leben ganz verbannt. Ich fürchte, ihn nur neugierig zu machen, wenn ihm mein Geld in die Hände fällt. Es soll an das Charoninstitut gehen, sobald ich nicht mehr bin. Urgroßvater wird wütend sein, wenn er davon erfährt – er hasst sie mit einer Leidenschaft, die mir nicht begreiflich ist.

Und ich fürchte, Kontakt zu Frank aufzunehmen. Wenn ich ihn finden kann, dann auch Sie – das kann ich nicht ertragen. Nicht nach all der Mühe.

Es ist besser, Fehler zu vergessen.“

Das war der letzte Eintrag, der Frank interessierte. Die anderen waren ihm unverständlich. Wirres Zeug über einen Urgroßvater, von dem er nie etwas gehört hatte – die Familie seiner Mutter war tot, das hatte sie mehrfach gesagt – oder ausschweifende Beschreibungen ihrer Schmerzen. Sie war in den letzten Wochen ihres Lebens rapide gealtert, aber bei so klarem Verstand gewesen, das sie alles festgehalten hatte, in jedem ekelhaften Detail.

Zwischen den letzten Einträgen steckten eine handvoll Bilder. Mutter musste während ihrer letzten Tage Trost in ihnen gefunden und sich an frühere Zeiten erinnert haben.

Franky betrachtete sie eine Zeit lang unschlüssig.

Es waren Bilder seines Vaters, die er noch nie gesehen hatte und an die er sich nicht erinnerte. Die sie wohl vor ihm geheim gehalten hatte, aus ihrer gemeinsamen Jugend, wie es schien. Immerhin ihn hatte sie geliebt.

Ein Hochzeitsbild war dabei, in der kleinen Kapelle nicht weit von hier, nur von seinem Vater und ihr vor dem Altar. Seine Mutter war so schön und jung darauf, wie er sie in Erinnerung hatte. Eine herrische Frau mit einem klaren Blick und einem gewinnenden Lächeln, das er bewunderte und fürchtete. Eine Frau, die nichts mit den scheußlichen Bildern zu tun hatte, die er zuletzt von ihr gesehen hatte, ausgemergelt und sterbenskrank.

Und ein Bild, das sie in ihrer Jugend zeigte, als ein junges Mädchen mit blonden Zöpfen und einem frechen Grinsen umgeben von ihrer Familie beim Abendessen.

Ein Bild, das vergilbt und angelaufen war und dessen schwarz-weiß langsam gelbstichig wurde.

Auf der Rückseite stand in derselben geschwungenen Handschrift der mysteriösen Briefe geschrieben:

Maria Johanna von Schlüsselburg.

Siebter August Neunzehnhundertzweiunddreißig.

Erbschaft – Teil VIII: Wein im Keller

Franky wartete und erwürgte seine Zeit in einem langsamen Todeskampf. Es gab für ihn nichts weiter zu tun. Er hätte das Haus weiter renovieren können oder wenigstens Pläne dafür schmieden. Aber er traute seinen Augen nicht mehr, die richtigen Farben, Stoffe und Hölzer dafür auszusuchen – fast so wenig, wie er seinen Händen traute, die Pläne vernünftig zu zeichnen.

Vor ein paar Tagen war er erneut im Keller gewesen. Er wollte nur die Werkzeuge holen, die er dort hatte liegen lassen. Die Zerstörung, die er dort unten angerichtet hatte, war immens. Sie wäre beeindruckend gewesen, hätte Franky sie mit sich selbst, mit seinen eigenen Händen, in Verbindung bringen können. Aber über seiner Erinnerung lag eine Art von Schleier – burgunderfarben, dachte er – der diese Nacht beinahe vollständig bedeckte. Er war in eine Art von Rausch verfallen, den er von sich abgetrennt hatte..

Seit der kalten Wäsche im Garten am Tag danach hatte er nicht zu zittern aufgehört. Der Staub und Schweiß dieser Nacht war wie Schlamm von ihm abgefallen. Trotzdem fühlte er sich schmutzig. Mit den Steinen im Keller schien Franky auch seine letzte Disziplin zertrümmert zu haben.

Das war vor einigen Tagen gewesen.

Seitdem… seitdem wartete er. Unschlüssig, was er tun sollte. Ängstlich vor dem, was er tun könnte.

Er hatte nicht viel hier, um sich zu beschäftigen – eine Reihe an alten Büchern hatte er mitgenommen, aber die ödeten ihn schnell an. Einen Fernseher oder auch nur ein Radio besaß er nicht, selbst wenn: Das Anwesen hatte noch keine weiteren Anschlüsse, solche Geräte wären also tot geblieben.

Und andere Menschen… Menschen wollte er nicht sehen. Diejenigen, die er kannte und die noch mit ihm reden würden, lebten in der selben Zeit, aus der Therese kam. Die selbe Zeit, die er loswerden wollte.

Franky zeichnete daher viel. Ein Hobby, das er über Jahre hinweg nicht ausgeübt hatte, obwohl er es als Kind geliebt hatte. Vielleicht, weil es ihn an seine Mutter erinnerte. Aber in dieser Zeit jetzt war es ganz ungetrübt von Erinnerungen. Die Zeichnungen floßen einfach aus seinen zitternden Fingern.

Er tat nicht viel anderes in diesen Tagen. Er schlief, wenn ihn die Müdigkeit überkam, oft erst gegen Mitternacht, und verbracht eine unruhige Ewigkeit in den Händen von Alpträumen. Von halben Erinnerungen, die ihm wieder hochkamen.

Am nächsten Tag begann er sofort mit dem Zeichnen, reinigte sich von diesen Gedanken seiner Nacht. Blatt um Blatt füllte er mit Graphit- oder Kohlezeichnungen. Als ihm die Stifte ausgingen, malte er mit Schmutz und Staub und den Wandfarben, die er als Exempel besorgt hatte. Als ihm das Papier ausging, verwendete er die Reste von Brettern, die er für die Küche verwendet hatte.

Auf diese Weise brachte er einige Tage herum, erwürgte sie, Minute um gedankenlose Minute, untr zeichnenden Fingern. Sie gingen unter in dem Dröhnen seiner Farben auf dem Holz, in dem Fauchen der Pinselhaare.

An einem dieser Tage drang ein Klopfen zu ihm durch. Ein zärtliches, aber bestimmtes Klopfen, das sich alle paar Minuten wiederholte. Tock-TockTock. Erst bemerkte er es nicht. Aber die Beharrlichkeit, mit der es ertönte, drang langsam zu Franky durch.

Die Sonne war schon lange untergegangen. Wie dunkel es im Salon wirklich war, in welcher Finsternis er vor sich hin gearbeitet hatte, wurde Franky erst bewusst, als er die Uhr auf seinem Handydisplay kontrollierte. Das Licht stach ihm in Augen, die seit Stunden kein helles Licht gesehen hatten.

Wieder dieses Klopfen. Franky blinzelte, dann sah er zum Flur hinüber. Sein Blick blieb an dem verkleideten Eingang zum Keller hängen, wie von selbst. Angespannt lauschte er…

und atmete erleichert aus. Das Klopfen kam von der Eingangstür.

Franky erhob sich von seinem Stuhl und streckte sich. Sein Rücken und seine Schultern schmerzten, so verkrampft hatte er dagesessen. Er war immer näher und näher an das Holz gerutscht, bis er kaum noch eine Nasenspitze davon entfernt war.

Mit steifen Beinen ging er zur Tür hinüber und öffnete.

Charlotte von Bützow stand vor seiner Schwelle. Sie hatte die Arme unter der Brust verschränkt und einen säuerlichen Gesichtsausdruck aufgesetzt.

„Ich klopfe seit einer Viertelstunde“, sagte sie.

„Entschuldige“, sagte Franky. Er blinzelte. Die Straßenlaternen vor dem Haus brannten noch und auf der Straße war Verkehr. Es war eine ganz andere Welt dort draußen, so voller Farben und Lichter und Gerüche und Geräusche, dass sie ihn für einen Augenblick überwältigte.

„Darf ich reinkommen oder soll ich noch länger draußen stehen bleiben?“, sagte Charlotte und unterband seine müßigen Gedanken.

Schuldbewusst ging Franky beiseite. Er schloss die Tür hinter ihr, sie knippste das Licht im Flur an.

„Ist es schon Donnerstag?“, fragte Franky.

Charlotte zog eine schmale Augenbraue in die Höhe.

„Es ist Freitag. Ich hatte anrufen lassen, aber niemand war zu erreichen.“

Sie sah sich um, warf einen Blick in die Küche und den Salon. Als ob sie sicherstellen müsste, dass er nicht völlig im Dreck lebte.

Ihr Eindruck müsste durchwachsen sein, dachte Franky. Die unterste Etage war in Teilen von ihm renoviert worden, doch seit Therese ihn besucht hatte, war alles ein wenig versumpft. Immerhin war der Abwasch gemacht. Wenn auch nur, weil Franky in den letzten Tagen nicht viel gegessen hatte.

Franky ging derweil in die Küche. Er holte eine Weinflasche und zwei Gläser aus einem und ging dann in den Salon zurück. Charlotte stand mit dem Rücken zu ihm, über die Zeichnungen gebeugt, die er angefertigt hatte. Sie lagen alle auf dem Sekretär verteilt und die Anwältin hatte keine Scheu, einzelne davon hervor zu ziehen und zu betrachten.

„Sehr abstrakt“, sagte sie angesichts der scharfen Kanten, der ausgewaschenen Farben und der halbdunklen Erinnerungen an Träume, die er darauf verteilt hatte.

Franky runzelte die Stirn. Er war barfuß und war sicher, dass seine Schritte keine Geräusche machten. Er setzte sich auf die Couch, sagte:

„Es beschäftigt mich, während ich auf dich warte.“

Charlotte seufzte und rollte das Papier wieder zusammen.

„Weswegen wolltest du mit mir so dringend sprechen, dass es nicht am Telefon ging?“, fragte sie. Sie setzte sich nicht zu ihm auf die Couch, sondern blieb an den Sekretär gelehnt stehen.

Franky biss die Zähne zusammen. Wieso setzte sie sich nicht? Sie sollte sich setzen. Zu ihm. Wenigstens für einen Moment. Er wollte nicht, dass sie ging. Oder dass sie aussah, als wäre es ein Geschäftsbesuch.

„Es…“

Franky seufzte. Wo sollte er anfangen? Er konnte kaum einfach mit dem heraus platzen, was er wirklich von ihr wollte. Das würde ihm bestenfalls eine Ohrfeige einbringen. Bestenfalls.

In Gedanken rieb er sich die Wange.

„Es geht um das Haus“, sagte er. „Das Anwesen. Ich… Gott, ich hoffe, ich klinge nicht verrückt.“

„Nimmt es dich derart mit?“

„Ist es so offensichtlich?“ Er lachte aufgesetzt. „Ich dachte, ich hätte langsam ein Händchen dafür entwickelt.“

„Du siehst fürchterlich aus“, sagte Charlotte. Ihre Lippen hatten sich zu einem Ausdruck verzogen, den Franky nicht deuten konnte. Eine Mischung aus Witz und Mitleid vielleicht.

Aber der Ton, in dem sie das sagte, verletzte Franky am meisten. Er hatte keinen Spiegel zur Hand, aber sie musste wohl Recht haben. Er wusste nicht, wann er sich das letzte mal den fusseligen Bart rasiert oder überhaupt gepflegt hatte. Öl und Farbe klebten an seinen Fingern und Staub in seinen Haaren, wahrscheinlich hatte er auch Flecken im Bart.

„Ich schlafe schlecht“, sagte er. Als ob das eine Entschuldigung wäre. „Gar nicht, eigentlich. Wenn ich schlafe, bin ich wach.“

Abermals zog Charlotte eine Augenbraue in die Höhe.

„Was soll das denn heißen? Entweder schläft ein Mensch oder er ist wach, nicht? Andere Zustände gibt es kaum.“

„Ich… schlafe. Das heißt mein Körper schläft. Aber ich träume. Nicht normale Träume. Ich fühle mich wach dabei, aber gefangen in meinem Körper, in meinem Bett, und ich beobachte mich. Nicht meinen schlafenden Körper, sondern meinen vergangenen. Was ich erlebt habe. Ich träume nicht, sondern ich erinnere mich im Traum an all die Dinge, die ich getan habe. Die ich bereue. Wie eine kaputte Videokasette spiele ich sie ab, wieder und wieder. Wie ein Zuschauer in meiner eigenen Vergangenheit.“

Franky schüttelte den Kopf. Dann zerrte er den Korken mit den Zähnen aus dem Weinglas und goss den Wein ein.

„Egal“, sagte er und hielt ihr eines der Gläser hin. „Deswegen wollte ich nicht mit dir sprechen.“

Charlotte starrte ihn an. Ein unangenehmer Blick, der ihm das Herz schneller schlagen ließ. Es fühlte sich an, als wäre er nackt. Nicht auf die angenehme Art. Sondern eher, als würde sie ihm das Fleisch von den Knochen schälen und ihm in die Seele starren.

„Sondern…?“, fragte sie langsam, scheinbar unwillig, das Thema so einfach gehen zu lassen.

Sie war interessant daran. Das würde er sich merken. Vielleicht wäre es ein Vorwand, später noch mit ihr zu sprechen. Nur warum?

Sie nahm das Glas entgegen – einer ihrer Ringe sang, als er gegen das Glas stieß – und schwenkte es einen Augenblick unter der Nase. Dann erst nippte sie daran.

Franky leckte sich über die Lippen.

„Ich habe ein Problem mit dem Haus“, sagte er. „Und ich dachte mir, du könntest vielleicht helfen. Vielleicht weißt du etwas davon oder kennst jemanden oder…?“

„Ich bin Anwältin“, sagte sie, „keine Hausverwalterin.“

„Ja. Ja ich weiß. Entschuldige, das klang falsch. Ich hatte gehofft…“

Franky seufzte, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken.

„Komm mit. Bitte. Es ist einfacher, wenn ich es dir zeige“, sagte er.

Er ging in den Flur zurück, Weinglas und Flasche noch in der Hand. Aus den Augenwinkeln konnte er sehen, wie die Neugier langsam in ihr Überhand gewann.

Das Licht im Keller stach ihm in den Augen. Die neuen LED-Lampen glühten nicht, sie brannten, und das Licht, das sie auf weißgekalkte Wände warfen, war eisig.

Er ging durch die Gänge, langsam.

„Es ist im Keller. In der hintersten Kammer“, sagte er. Seine Stimme hallte und verbarg alle anderen Geräusche. Er ignorierte es. „Erst dachte ich, es wäre vielleicht dieser… Lustkeller gewesen, von dem du anfangs erzählt hast. Erinnerst du dich? Dass irgendwelche Geräusche zu hören gewesen wären vor hundert Jahren. Dass irgendjemand sich vielleicht amüsiert hätte und man es als ein schmutziges Familiengeheimnis begraben hat. Irgendwie hat mich dieser Gedanke nicht los gelassen… Und… Naja, ich habe danach gesucht. War mehr ein Zufall, dass ich ihn gefunden habe, wirklich.“

Er lachte nervös. Besser, er sagte ihr nicht die Wahrheit. Nicht diese jedenfalls.

„Aber etwas daran will mir nicht einleuchten. Und je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger verstehe ich es.“

Sie kamen an den letzten Raum im Keller und Franky ging hinein. Der Raum war noch genau so verwüstet, wie er ihn zurück gelassen hatte. Er hatte die Werkzeuge nach oben geholt, weil er mit Brecheisen und Hammer ein Wandpanel im Dachgeschoß hatte heraus brechen wollen – aber Franky hatte es keine Minute länger als nötig dort unten ausgehalten. Selbst jetzt war ihm kalt, nur beim Anblick der grauenhaften Öffnung in der Wand. Dahinter leuchtete noch die alte Birne, deren orangenes Licht ihn erst auf die Existenz des geheimen Raumes aufmerksam gemacht hatte.

Charlotte kam hinterher und betrachtete die Verwüstung, die Franky in seinem Rausch angerichtet hatte. Eine Hand hatte sie um die Brust geschlungen, die andere, die mit dem Siegelring, der vorhin so gesungen hatte, umklammerte das Weinglas. Sie musste frieren in ihrer dünnen Bluse und den Strumpfhosen.

„Wieso um alles in der Welt…?“, fragte sie, dann verstummte sie. Sie hatte die Platte entdeckt, die Franky frei gelegt hatte. Ihr blieb der Atem weg. Franky hörte es in der stickigen Luft ganz deutlich. Sein eigener gepresster Atem war zu hören und das rauschende Blut in seinen Ohren und das Hämmern seines Herzens. Aber von ihr nichts. Kein einziger Laut.

Seine Anwälting drängte sich an ihm vorbei durch die Maueröffnung, die er geschlagen hatte. Franky blieb davor. Etwas in ihm hielt ihn davon ab, sich dieser Platte weiter zu nähern. Er drehte ihr die Seite zu und starrte in den unauffälligen Vorraum. In seinen Händen hielt er die Weinflasche und das Glas wie ein Ertrinkender einen Rettungsring.

Ab und an trank er daraus.

„Sieht fast wie ein Grab aus, nicht?“, sagte Franky.

Der Gedanke war ihm vor einiger Zeit gekommen. Nicht sofort. Zunächst hatte er sich keinen Reim darauf machen können. Aber in den letzten Tagen hatte er viel darüber nachgedacht. Wenn er zeichnete und abgelenkt war, dann kamen ihm manchmal solche Gedanken. Gedanken, die er wie alle anderen auf‘s Papier blutete und erst Tage später feststellte, dass er sie einmal gehabt hatte.

Was also, wenn es ein Grab wäre? Ein anonymes Grab im Keller des familären Anwesens. Was gab es für einen besseren Platz, einen Mord zu vertuschen, als den weitläufigen Keller? Eine neue Schicht Beton darüber gegossen, den Kellerraum selbst versiegeln… und niemand würde ihn je finden.

Außer durch Zufall.

Außer irgendjemand käme im Drogenrausch auf die Idee, seinen Liebeskummer an einer auffällig unauffälligen Kellerwand auszulassen.

Charlotte schwieg. Aus den Augenwinkeln sah Franky, wie sie über der Metallplatte kniete und sie sanft berührte. Ihre Hände fielen Franky dabei zum ersten Mal auf. Sie waren zierlich, schlank, mit wohl manikürten Fingernägeln. Nichts anderes hatte er erwartet, aber doch hatte er noch nie auf ihre Hände geachtet. Mit den Fingerkuppen fuhr sie über die Linien, spürte jeder Rille und jeder Gravur nach, wo er keine hatte finden können.. Franky wandte den Blick ab. Der Anblick ließ ihm schlecht werden. Als täte sie etwas unanständiges. Als wäre er ein Voyeur, der etwas intimes beobachtete.

Der Moment verflog, sobald Franky etwas sagte.

„Ich hatte gehofft, du wüsstest vielleicht… Als Anwältin der Familie…“

Charlotte versteifte sich plötzlich. Hatte sie für einen Augenblick vergessen, dass Franky hier war?

Ihre Stimme verriet nicht, ob der Fund sie verstörte. Im Gegenteil klang sie höchstens erregt. Sie zitterte, wie sie dort auf den Knien hockte und zärtlich über das Metall fuhr.

„Ob deine Vorfahren jemanden hier ermordet und in einem namenlosen Grab verscharrt haben – und ob wir den Vorfall vertuscht haben?“, fragte sie.

Franky stockte der Atem. Wenn sie es so sagte, klang es brutal.

„Sowas in der Art“, brachte er hervor. „Vielleicht hat… Gott, ich weiß auch nicht. Was soll ich davon halten, dass ich hier so ein Ding finde? Es könnte ein Sarg sein, nicht? Ein Kupfersarg?“
„Zink. Metallsärge sind aus Zink“, sagte Charlotte ohne aufzublicken.

„Meinetwegen eben Zink. Also könnte es so etwas sein?“

Charlotte erhob sich langsam wieder. Ohne den Blick von der Platte abzuwenden, sagte sie:

„Möglicherweise. Ich kann natürlich nicht mit Sicherheit sagen…“

„Herr Gott, Charlotte! Ich frage dich nicht, ob du jemanden getötet hast, sondern ob einer meiner Vorfahren jemanden… Ob hier ein Verbrechen geschehen ist oder sonst was! Wenn, dann müsste deine Kanzlei doch etwas wissen, oder? Seid ihr nicht seit hundert Jahren die Anwälte der Familie?“

„Einhundertfünfzig“, sagte Charlotte. Sie leckte sich über die Lippen. Als sie Franky endlich wieder ansah, kam ihr Blick ihm eisig vor. Nicht kühl, nicht ablehnend, sondern wie von einer dünnen Schicht milchigen Eises überzogen, der den Grund ihrer Seele vor ihm verbarg.


Der Blick dauerte nur einen seiner rasenden Herzschläge lang an. Dann sah sie wieder zu der Platte hinüber.

„Ich bezweifle zwar, dass wir offizielle Akten angelegt haben, wenn es… Nun, wenn es ein Mord sein sollte oder etwas anderes derart illegales. Nur ein Dummkopf würde ein Verbrechen derart katalogisieren, dass es bei einer Hausdurchsuchung gleich gefunden würde.“

Sie sah zurück zu Franky. Wieder musterte sie ihn, mit etwas anderen Augen dieses Mal.

„Aber möglich ist es?“, fragte er.
„Wir führen ein umfangreiches Familienarchiv, privat natürlich. Es können sich Briefe oder Tagebucheinträge finden… Die Platte scheint nicht viel älter als siebzig Jahre zu sein. Es ist möglich, dass ich etwas finde. Aber ich müsste wissen, wonach ich suche.“

Franky runzelte die Stirn. Er sah zu der Platte. Für ihn war sie zeitlos, eine Ewigkeit die in Metall gegossen worden war. Sie hätte genau so gut aus dem achtzehnten Jahrhundert stammen können.

„Nach Umbauten vielleicht? Ich meine, es ist möglich…“

Seine Kiefer mahlten.

„Es sind offensichtlich Umbauten vorgenommen worden, oder nicht? Vor einigen Jahrzehnten offenbar: Die Wand war massiv, wie der Rest des Kellers. Davon müssten sich Aufzeichnungen finden lassen, falls es über die Kanzlei gelaufen ist.“

Charlotte wich seinem Blick aus, sah zu der Metallplatte mit ihren unleserlichen Zeichen darauf.

„Möglich“, sagte sie vage. „Ich kann es nachprüfen, aber in den Aufzeichnungen deiner Familie dürftest du mehr Glück haben. Ist es wegen dieses… sagen wir es ist ein Sarg. Sagen wir, es ist ein Grab. Also ist es wegen dieses Sargs, dass du Alpträume hast?“

Franky bildete sich ein, das Eis unter seinen Füßen knarren zu hören. Er zog die Brauen zusammen, sah zu der Platte im Boden. Nur kurz, dann ballten sich ihm die Eingeweide zusammen. Er schüttelte den Kopf.

„Ja?“, sagte er. „Ich denke nicht. Vielleicht. Ich meine: Ich weiß nicht. Es ist sicherlich aufwühlend, ja, aber ich schlafe schlecht, eigentlich seit ich eingezogen bin. Es wird schlimmer seit ich den Raum hier gefunden habe. Aber ich denke es ist eine allgemeine Sache. Ich träume von all den schlechten Dingen, die ich getan habe. Vielleicht, weil ich mich frage, was meine Familie getan hat, wo mein Platz in der Welt ist, weißt du?“

Franky schüttelte den Kopf. Ihm war kalt bei dem Gedanken daran und er schob ihn ganz weit von sich.

„Gehen wir nach oben“, sagte er. „Dort ist es wärmer. Du musst in deinem Kostüm ja erbärmlich frieren.“

„Oh ja, ja natürlich.“, sagte Charlotte. Sie lächelte schief.

Als Franky sich in Bewegung setzte, zögerte sie einen Augenblick. Er sah aus dem Augenwinkel, wie ihr Lächeln schmolz und wie sie einen letzten Blick zurück über ihre Schulter warf. Zurück in den geheimen Raum.

Dann folgte sie Franky nach oben.

Erbschaft – Teil VII: Rausch und Rage

Franky ertrug es nicht mehr. Die Bilder. Die Geräusche in seinem Kopf. Theresens Stimme, die diesen einen Satz wiederholte, diesen sinnlosen Satz, den sie gesagt hatte. So lange, bis er alle Bedeutung verloren hatte.

Und die Bilder, die er sah, während er auf seinem Bett lag, wie ein Opfertier alle viere von sich gestreckt, und aus dem Fenster in den dunklen Garten schauend.

Dieser Baum. Er verhöhnte ihn.

Vielleicht klang es verrückt – vielleicht war es verrückt – aber je länger Franky dort in seinem Zimmer lag, auf seinem Bett… In seinem Zimmer. Das klang als hätte Mutter ihn ohne Abendessen ins Bett geschickt! Je länger er dort in seinem Schlafzimmer lag, im zweiten Stock seines Anwesens, und mit schweren Augen aus dem Fenster starrte, desto mehr regte ihn dieser Baum auf.

Diese elende Schandmal stand dort im Garten, inmitten der Wildnis, und tat, als wäre nichts.

Als wäre sein ganzes Bemühen, das Anwesen zu renovieren und sich zu eigen zu machen, spurlos an ihr und diesem überwucherten Garten vorbei gegangen. War sie ja auch, denn Franky hatte nicht einmal Hand daran gelegt, seit er hier war. Weder hatte er den Müll entfernt, der sich dort angesammelt hatte, noch das Gras gestützt oder das trockene Geholz entfernt.

Es war ein irrsinniger Gedanke, dass dieser Baum – eine bescheuerte Pflanze, die dort seit fünfzig Jahren stand – ihn weiter verhöhnen sollte.

Aber er zefraß Franky. Genau wie die Stimme, die diesen Gedanken begleitete. Theresens Stimme, die diesen Satz wiederholte, endlos kreisend, und langsam allen Inhalt aus den Worten saugte. Bis sie nur noch leere Hülsen von Lauten waren, die in seinem leeren Kopf umher polterten.

Wieso hatte er so darauf reagiert? Weshalb war er derart zornig geworden, dass er sie gepackt und hinaus geworfen hatte?

Diese Wut war nicht von ihm gekommen. Sie hatte sich in seinen Kopf geschlichen – nein, sie war hinein gestürmt und hatte alle Türen aufgestoßen, die sie finden konnte. Aber sie war nicht von Franky gekommen. Ihm gehörte diese Wut nicht.

Er hatte Therese nicht einfach fortgejagt. Nicht, solange er nicht einmal wirklich sagen konnte, was ihn an diesem Satz gestört hatte. Und je länger er dort lag, im Dunkel seines Schlafzimmers, desto weniger schien ihm dieser Satz von Bedeutung zu sein. Desto mehr schien diese Wut ihm fremd.

Sie war von einer anderen Stelle gekommen.

Nur von wo?, dachte Franky und fand und fand keine Antwort darauf.

Bis ihm ein Gedanke kam, so verrückt wie seine plötzliche Abneigung gegen den Garten.

Diese Wut, diese Abneigung gegen Therese als einen Eindrling in seinem Leben, einen Störenfried, der alles durcheinander brachte, was er hier aufgebaut hatte… war vom Haus gekommen.

Sie war von dort unten gekommen. Von diesem geheimen Raum in seinem Keller vielleicht. Oder es war das Anwesen selbst gewesen, diese Atmosphäre, diese Geschichte, die hier in der Luft lag. Seine Geschichte, die Geschichte seiner Familie, die er erst noch entdecken und sich zu eigen machen musste. Vielleicht hatte er Therese plötzlich und einer Art geisterhaftem Impuls folgend loswerden wollen, damit sie ihn nicht an das altbekannte, dröge Leben in Armut und Einsamkeit ketten konnte.

So etwas war nicht unmöglich. Er hatte von solchen Dingen gehört. Von besonders starken Emotionen und Geschichten, die sich in einen Ort einschrieben, die als eine Art elektromagnetisches Echo in der Zeit nachhallten, bis sie… gehört wurden. Von einem Trottel wie ihm, der unwissend hinein stolperte.

Seine Gedanken kreisten darum. Um dieses Haus. Um seine Geheimnisse, die er nicht verstand, und die ihn zu Dingen trieben, von denen er nicht sicher war, ob er sie wollte.

Schließlich sprang er auf.

Er musste es wissen. Franky sprang die Treppen hinunter in der Dunkelheit des Abends, nahm ganze Treppenabsätze auf einmal, bis er im Flur war. Er rannte in den Salon, ging auf alle Viere. Im schlechten Licht sah er wenig, musste alles Werkzeug in die Hände nehmen, um zu finden, was er suchte. Hammer, Brechstange, Handschuhe. Sie stanken noch nach Fabrik, nach Gummi und Chemie, aber sie schmiegten sich an seine Hände, als hätten sie nie andere gekannt.

Dieses Mal hielten die Glühbirnen im Keller den Strom aus, leuchteten Franky den Weg bis in den letzten Raum, aus dem das seltsame Licht gekommen war, das letzte Mal.

Dieses Mal gab es dort nichts zu sehen. Ein ganz gewöhnlicher Raum, leer bis auf einiges Gerümpel. Und bis auf ein ungutes Gefühl in Frankys Magen.

Es staubte, als Franky begann, mit der Brechstange auf die Wand einzuschlagen. Sie war alt und nicht besonders fest verfügt. Eine schlampige Arbeit, die unter Frankys Gewalt Stück für Stück nachgab. Gips und Ziegel flogen auseinander, ein erstes Loch öffnete sich unter seinen Schlägen. Franky rammte das gebogene Ende der Brechstange hinein, zerrte mit einer Hand an den Steinen, mit der anderen hebelte er am Eisen.

Er kämpfte sich durch seinen Husten, riss weiter Stein von Stein, bis er von Staub und Schutt umgeben war. In kaum einer Stunde hatte er einen Durchgang geschlagen, eine Bresche in der Kellermauer, breit und hoch genug, um gebückt hindurch zu gehen.

Er schwitzte, trotz der Kälte. War es im Keller immer schon so kalt gewesen? Kühl, ja, aber so kalt, dass sich ihm trotz der großen Anstrengung die Nackenhaare aufstellten? Es musste der Schweiß sein, sagte er sich. Die plötzliche Abkühlung, nachdem er seine Arbeit beendet hatte.

Der ganze Raum war von zerschellten Ziegeln erfüllt, von Staub und Gipsresten, die sich ihm auf die Arme legten. Franky atmete schwer, aber flach. Der Staub reizte seine Lungen und er hustete, wenn er zu viel davon einatmete. Er zog sich das Hemd über Nase und Mund und ging durch das gähnende Loch in der Wand.

Der Raum dahinter… war leer bis auf Staub und alte Luft. Luft, die seit Jahrzehnten dort gestanden hatte, und Staub und Spinnweben, die sich dort gesammelt hatten. Gerümpel stapelte sich in den Ecken. Franky sah sich um mit der Hast eines Getriebenen, eines Wahnsinnigen, der den heißen Atem der Vernunft im Nacken hat. Mit den Händen tastet er über die Wände, suchte nach einer Lücke darin, einem Hinweis, irgendeinem Grund, der seine Raserei rechtfertigte.

Wand um Wand fand er nur Beton. Die gegossenen Fundamente seines Anwesens und der Kellerwände, an denen sein Brecheisen abglitt. Wände, genau wie alle anderen, an denen er auf dem Weg hierhin vorbei gekommen war..

Er trommelte dagegen, warf sich gegen die Wände in einer heulenden Wut, die keinen konkreten Auslöser hatte, außer die enttäuschte Hoffnung eines Mannes, der nicht selbst für seine Taten verantwortlich sein wollte. Es half nichts. Die Wände gaben kein weiteres Geheimnis preis. Er schien nur auf einen Raum gestoßen zu sein, der aus unerfindlichen Gründen versiegelt worden war. Vielleicht um eine neue Wand einzuziehen, die früher einmal als Weinregal gedient hatte. Vielleicht um irgendeinen Pfusch zu verbergen. Vielleicht um die Möbel hier wegzuschließen, die auf die perversen Gelüste eines Vorfahren deuteten. Gepolsterte Möbel mit Hand- und Fußfesseln daran, Liegen in unnatürlichen und extravaganten Positionen – vielleicht der Lustkeller, von dem Charlotte nur Gerüchte gehört hatte.

Vielleicht gab es überhaupt gar keinen Grund und seine Mutter oder irgendein anderer seiner verrückten Vorfahren hatte diesen Raum gehasst und wollte ihn loswerden.

Franky sank auf die Knie. Zum zweiten Mal an diesem Tag umschlang er seine Knie in Verzweiflung. Nur, dass es diesmal kein Geräusch gab, dem er die Schuld dafür geben konnte. Da war nur Stille und sich langsam setzender Staub.

Er blickte über die Zerstörung, die er in der letzten Stunde angerichtet hatte.

Das war alles, was es ihm eingebracht hatte: Zerstörung. Sinnlose. Er hatte der Wut freien Lauf lassen können, sich davon reinigen, zumindest für eine Zeit.

Dort, zu seinen Füßen in der Mitte des Raumes, waren Brechstange und Hammer aufgeschlagen, als er sie in seinem Wutgeheul beiseite geschleudert hatte. Sie hatten den Boden beschädigt, so kräftig hatte Franky sie geworfen. Der Hammerkopf hatte sich beim Aufprall gelockert.

Franky rutschte auf den Knien hinüber, die er sich auf dem rauen Boden aufschürfte. Den Staub und den Schmutz wischte er beiseite. Dort! Dort, wo der Hammer aufgeschlagen und ein kleines Loch gerissen hatte, dort glänzte es. Er griff sich die Brechstange und begann, auf den Fußboden einzuprügeln. Splitter flogen, aber er hörte nicht auf. Der Boden platzte unter seinen Schlägen auf, wie eine dünne Haut die eine noch schwärende Wunde verbarg. Und er offenbarte ewas, mit dem Franky nicht gerechnet hätte.

Eine Platte aus roter Bronze. Es war eine große Platte und wahrscheinlich war sie massiv. Es hatte nicht hohl geklungen, als er mit dem Brecheisen darauf gestoßen war, nicht nach einem darunterliegenden Hohlkörper. Rasch hatte Franky eine Fläche von etwa einem Meter im Quadrat freigelegt und schien dennoch nur einen Ausschnitt freigelegt zu haben. Jedenfalls machte das, was auf der Platte abgebildet war, nur als Ausschnitt einen Sinn.

Es war ein Muster darin eingeätzt oder eingetrieben oder eingelassen, er konnte es nicht sagen. Er konnte tatsächlich nicht einmal sagen, was es darstellen sollte. Es war zu verschlungen, zu wirr um irgendeinen klaren Gedanken davon fassen zu können. Es macht den Eindruck, als würde es nirgendwo beginnen und nirgendwo enden, als wäre es absichtlich dort in den Boden eingelassen und verborgen worden, um irgendein verrottendes Geheimnis zu bewahren.

Nur welches?

Er konnte eine Figur in einer Robe ausmachen, mit einer grässlichen Maske. Er sah Sterne, die schwarz aussahen, obwohl dem Muster alle Farben bis auf Rot fehlten. Er sah drei Figuren, die Tiere waren und zugleich Bettler, und eine endlose Reihe an Schnörkeln, Symbolen, Mustern und Buchstaben und Worten, die er nicht verstand.

Sie brannten sich kalt in seinen Verstand, aber gleich, wie lange er dort auf den Knien vor dieser Platte saß, er begriff nicht, was er sah. Er konnte sich auf keines der Elemente konzentrieren – sobald er eines davon in den Blick nahm, verschwamm es, wurde undeutlich, ging in dem Gewirr aller anderen unter. Sobald er das Ganze in den Blick nehmen wollte, begann sein Kopf zu schmerzen.

Irgendwann gab er auf. Die Anstrengung des Tages und die Verausgabungen der Nacht hatten ihn ermüdet.

Franky schleppte sich bis in den zweiten Stock – Werkzeuge und Handschuhe ließ er achtlos im Keller liegen – und fiel in sein Bett. Er ignorierte den Staub, der sich mit dem Schweiß auf seiner Haut zu einer Art lehmigem Film verbunden hatte. Die Dusche funktionierte noch immer nicht. Heute hatte er nicht die Kraft für eine kalte Wäsche in der Regentonne.

Morgen, sagte er sich. Morgen würde er sich waschen und am Morgen die Müdigkeit und Lethargie vertreiben.

Er rollte herum, und griff nach dem Kästchen, das auf dem Boden lag. Dort war es hingefallen, als er aufgesprungen war. Ein wenig seines Inhalts war heraus gefallen. Ein Beutelchen mit weißen Steinen musste er vom Boden sammeln – zum Glück hatte es sich nicht geöffnet sondern seinen kostbaren Inhalt bewahrt. Die Spritzen waren noch an Ort und Stelle und nicht verbogen. Er zündete eine der Kerzen auf dem Fensterbrett mit einem langen Räucherstäbchen and und begann seine Reise aus dieser Welt in eine andere.

Sein Schlaf war tief und schlecht. Nach jener ersten Nacht hatte er nicht mehr so unruhig geschlafen, hatte sich nicht derart von einem Alptraum in einen anderen gestürzt.

Er träumte von seiner Vergangenheit. Nicht von seiner Kindheit – die hatte er mit seiner Mutter zusammen begrabe – sondern von seinem Leben seitdem.

Aber er träumte von Therese. Sie ließ ihn nicht los. Die Erinnerungen an sie und an andere wie sie klammerten sich an seinen schlafenden Geist. Oder besser gesagt: Sein Geist klammerte sich an diese Erinnerungen, so wie er sich in seinen wachen Stunden an ihr warmes Fleisch geklammert hate. Sie hatten ihm Geborgenheit gegeben – Therese und andere Frauen hatten in den letzten Jahren immer eine Art von Anker gebildet für ihn. Er konnte sich nicht auf sie verlassen, aber er konnte sich mit ihnen zumindest von sich selbst ablenken.

Es war, als ob er im Geiste seine gesamte Vergangenheit noch einmal durchlebte. Nicht nur mit ihr, mit Therese, sondern mit allen Frauen, die er je gehabt hatte. Seine Vergangenheit mit allen Menschen, die ihm etwas bedeutet hatten in seinem Leben aus Sucht und Armut und Verbitterung, dem er nun langsam entkam. Ohne Erbarmen zerrten seine Träume ihn durch die zehn Jahre, die er ohne seine Mutter gelebt, die er so gut es ging ohne eine Erinnerung, ohne eine Spur seiner Herkunft verbracht hatte. Und sie zeigten ihm all die alten Sünden, für die er sich schämte, rissen jede alte Wunde wieder auf.

Er träumte von seiner ersten Liebe, die ihn betrogen hatte. Davon, wie er sich vor ihr erniedrigt hatte, um sie halten zu können, um um alles in der Welt nicht allein sein zu müssen mit sich und seinem Leben und seinen Gedanken, sondern jemanden bei sich zu haben. Wie viel er vor ihr geweint hatte, um sie zu überzeugen, bei ihm zu bleiben. Und wie sie ihn schließlich doch verlassen hatte, weil er sie dafür verachtete, dass sie ihn danach noch geduldet hatte.

Er träumte von seinem einem Freund, den er vor Jahren verloren hatte. Wie er ihn im Gefängnis zunächst noch besucht hatte für einige Monate. Dann aber nicht mehr. Weil er sich vor seinen neuen Freunden dafür schämte, jemanden zu kennen, der eingesessen hatte. Weil er sich schämte, davon gekommen zu sein, während Jakob gefasst worden war. Und weil er dieser Scham nicht mehr begegnen wollte.

Und zuletzt… zuletzt sah er, wie er Therese von sich stieß. Nicht, weil sie etwas getan hatte, das ihn verletzte. Sondern weil sein Anblick ihn an die Zeit erinnerte, die er mit ihr verbracht hatte. Und an die schlechte Zeit, vor der er geflohen war.

Solche Erinnerungen liefen vor seinem geistigen Auge ab, er durchlebte sie die ganze Nacht wieder und wieder. Mehrfach schreckte er auf, gerade lange genug um zu begreifen, dass er geschlafen hatte und nun aufgewacht war – dann sank er zurück in einen unruhigen Schlaf, der ihn in feinen Ketten aus Schuld und Angst hielt.

Als er am nächsten Morgen erwachte, glaubte er für einen Augenblick nicht, dem Schlaf entkommen zu sein. Erst als langsam die Sonne aufging und der Weg ihres Lichts auf den Wänden ihm das Verstreichen der Zeit ankündigte, blickte er auf die Uhr neben seinem Bett.

Was ihm in seinem unruhigen hin und herwerfen wie Tage der Qual und der Schuldgefühle vorgekommen war, hatte kaum mehr als sechs Stunden angedauert. Der Rausch hatte die Zeit für ihn verdünnt. In wenigen Stunden waren Jahre seines Lebens an ihm vorbei gezogen.

Franky fiel zurück in seine Kissen, die ganz feucht von seinem Schweiß waren und klebrig vom Schmutz, den er aus dem Keller hinauf getragen hatte. Zitternd atmete er ein. Tief und tiefer, bis seine Brust zu platzen drohte.

Der Geruch von Asche und altem Räucherwerk klebte ihm in den Lungen.

Er wusste, was er tun würde. Was er immer tat, wenn es ihm schlecht ging.

Erbschaft – Teil VI: Ein ganz neues Inneres

Die zersprungenen Glühbirnen und die verbrannte Pizza verdarben Franky für eine ganze Weile die Laune. Nicht nur hatte er ein Stück Holzkohle aus dem Ofen ziehen müssen, der danach vollständig unbrauchbar geworden war – er trug auch Verletzungen davon. Erst später am Abend entdeckte er sie, als er sich das Gesicht wusch: Die zersplitterten Glühbirnen hatten ihm das Gesicht zerschrammt. Obwohl Franky sein Gesicht in den Armen verborgen hatte, hatten einige der Splitter sich ins Fleisch gebohrt und winzige Schnitte gerissen. Winzig, aber tief.

Eine Viertelstunde stand er mit Pinzette und Handspiegel im Garten über der Regentonne und zog sich Glas aus Wangen und Stirn.

Nach diesem Tag hatte er genug von dem halbfertigen Elend.

Früh am nächsten Morgen begann Franky, das Stromnetz im gesamten Haus auszutauschen.

Die Denkmalvorschriften waren entsetzlich und für ihn als Laien undurchsichtig. Aber er war sie mit Charlotte bereits einige Male durchgegangen – und er fand rasch einige Arbeiter, die ihm auf Bestellung das Material und Werkzeuge für diesen Umbau zusammen stellten. Natürlich fühlten sie sich genötigt darauf hinzuweisen, die Arbeit von Fachkräften wie ihnen wäre schneller, sauberer und vor allem: schöner.

Franky aber störte sich wenig daran. Er bezahlte ihnen das Material und sagte, er würde eben zurück kommen und sie zweimal bezahlen, wenn er es selbst nicht schaffen würde.

Aber er schaffte es. Es dauerte einige Tage, einige Wochen sogar, genau genommen, aber Franky schaffte es. Er riss die alten Kabel aus der gesamten Bausubstanz heraus und Stück für Stück, Meter für Meter, ersetzte er sie durch neue. Mehr als einmal fing er sich einen elektrischen Schlag, verbrannte sich oder zerstörte mit Unwissen einen Verteiler oder eine Sicherung. Aber am Ende – mit viel Hilfe und aller Geduld, die nur ein Mann haben kann, für dessen Lebtag Andere sorgen – hatte er das Netz im Haus ausgetauscht und sogar einen neuen Verteiler installiert. Natürlich hatte er für einige Dinge Hilfe angeheuert – Fachkräfte, die nach seinen Vorgaben die komplexeren Aufgaben übernahmen – aber trotz ihrer Witze mussten sie zugeben, dass am Ende der Strom floss und das Netzt stabil war.

Es war nicht schön, aber es funktionierte. Franky war unersättlich stolz in diesem Augenblick.

Es war ein Stolz, der sich nahtlos in sein nächstes Projekt fügte, das ihn für weitere Tage vollkommen in seinem Bann hielt: Seinen Geschmack ausleben. Franky bildete sich viel darauf ein. Seine Fähigkeit, schöne Dinge zu erkennen und ästhetisch zusammen zu stellen, hielt er für ungebrochen. Und nun, da zumindest die Elektrik im Haus weitgehend funktionierte, konnte er sich an die Inneneinrichtung machen.

Er begann mit der Küche, was sich als komplizierter als gedacht erwies. Die elektrischen Geräte selbst waren rasch besorgt.Moderne Kühlschranke und Herde gab es an jeder Ecke und in tausend bisweilen sehr individuellen Ausführungen. Aber das exakte Holz mit dem exakten Farbton und dem exakten Geruch zu besorgen, den er haben wollte, war eine Herausforderung.

Ganze Tage brachte er damit zu, sich in Geschäften alle möglichen und unmöglichen Kombinationen von Hölzern, Lackierungen und Ölen vorstellen zu lassen, sie zu betasten, zu riechen und sorgfältig auszuwählen.

Keine davon entsprach seinem Geschmack.

Schließlich fand Franky eine Baumschule im Südosten der Stadt, beinahe schon in Brandenburg, die ihm frisch genau jene Baum fällten und zerteilten, von dem er sich am meisten angezogen hatte.

Sie richteten sich in der Küche wundervoll ein, wie er fand, diese Kombination aus Pinien- und Tannenholz, die er von Hand zuhause zusammen setzte. Stück für Stück wirkte die alte Küche lebendiger. Mit einem neuen Anstrich, mit warmen und kräftigen Hölzern, die Plätze für Geschirr trugen, das er noch nicht besaß, wirkte sie beinahe einladend.

Und es war das Werk nur seiner Hände, wie er sich sagte, seiner Hände ganz allein, mit denen er sich hier Stück für Stück ein Heim aus dem Schutt erschuf.

Solcher und ähnlicher Art waren die Gedanken, die Franky im Kopf umgingen, als ihn ein Hämmern störte. Ein erst zaghaftes, dann aber ziemlich lautes Klopfen, das ihn selbst im Salon erreichte, wo er gerade das Werkzeug verstaute.

Es kam von der Haustür, die noch in dem selben schäbigen Zustand war, wie er sie vorgefunden hatte vor…

Franky stutzte, als er die abblätternde Farbe sah. Vor gut sechs Wochen mittlerweile war er zum ersten Mal durch diese Tür getreten. Mit Charlotte, die ihm das Haus gezeigt hatte.

Erneutes Hämmern zerrte ihn aus seinen Gedanken. Missmutig stapfte er nach vorne, riss die Tür auf und fand…

Therese. Seine Freundin, die mit einem spöttischen Lächeln vor seinem Haus stand.

„Hast du mich nicht gehört?“, fragte sie.

Franky sah sie an, als wäre sie eine Fremde. So unerwartet war ihr Auftauchen. Auf jeder ihrer Seiten standen zwei große Taschen und sie hatte einen großen Rucksack um die Schultern geschlungen. Ihre eine Hand ruhte auf ihrer Hüfte und sie hatte eine Augenbraue inquisitorisch nach oben gezogen.

Sie sah so aus, wie er sie in Erinnerung hatte. Ein wenig besser sogar.

„Habe wohl vergessen, die Klingel anzuschließen“, sagte Franky und zuckte mit den Schultern. „Was machst du hier? Wieso hast du nicht angerufen?“

Therese deutete mit der linken Hand auf die Taschen zur ihren Füßen, als wäre das Erklärung genug.

„Ich dachte mir, ich überrasche dich mit Abendessen!“

„Das hast du.“

Sie schürzte die Lippen, blickte an Franky hinunter. An seinen staubigen Knien und der aufgerissenen Jeans, an dem weißen Hemd, das er bis zu den Oberarmen hochgerollt hatte. Und auf den Rissen und Flecken an seinen Unterarmen und Händen, wo er sich in den letzten Tagen verbrannt oder geschnitten hatte.

„Lässt du mich noch rein, oder…?“

„Gott ja, bitte verzeih. Komm rein“, sagte er und trat beiseite. „Soll ich dir was abnehmen?“

„Sehr lieb von dir“, sagte Therese und ging an ihm vorbei ins Haus. Die Taschen ließ sie dort stehen, wo sie sie fallen gelassen hatte: Vor der Haustür. Franky nahm sie an sich und ging dann hinter Therese in den Salon, der hinten im Erdgeschoß lag.

Die Einzelteile der Einrichtung lagen noch herum. Sägespäne und Holzreste bedeckten den Boden. In einer Ecke lagen die Reste der Kabel und elektrischen Leitungen, die er eben noch sortiert und weggeräumt hatte. Alles bedeckte eine Aura von Unvollendung und Umbruch.

Franky ließ die Taschen neben einem Haufen an Werkzeug zu Boden gleiten, neben dem Sekretär seiner Mutter.

Therese machte große Augen über alles. Sie ging mit der Neugier einer Katze auf Erkundung. Die über die Wochen gewachsene Sammlung an technischen Spielereien und Werkzeugen, die Haufen von Baumaterial, die Kisten mit Besitztümern seiner Mutter – alles besah sie sich ganz genau.

„Ein richtiges kleines Palais hast du hier“, sagte sie und zwinkerte ihm zu.

Franky lachte. Irgendetwas fühlte sich komisch an. Aber er konnte nicht sagen, was es was. Als ob er fremd hier wäre. Als ob, mit einem Mal, das Haus ihm fremd geworden wäre und er sich nicht mehr hier befinden sollte. Als ob es nicht mehr sein Anwesen war, jetzt, wo Therese da war.

Die Erkenntnis tat weh. Ihm sicherlich so viel wie ihr: Er wollte sie nicht hierhaben.

„Es braucht noch einiges an Arbeit“, sagte er. „Aber sie gefällt mir. Es ist gut. Ich tue etwas. Und wenn ich Abends ins Bett gehe, sehe ich, was ich getan habe.“

Therese schlich zu dem Sekretär herüber, an dem Franky noch lehnte und die Arme verschränkt hatte. Die Neugier war ihr anzusehen. Aus den Augenwinkeln sah sie immer wieder zu den Schränkchen und Schubladen herüber, die Franky unabsichtlich mit den Taschen blockiert hatte.

„Ja, das sieht man gleich“, sagte sie und blickte in den Garten hinaus, der sich endlos vor ihr erstreckte. Überwuchert von Gräsern, die Franky den Sommer über nicht geschnitten hatte und zugemüllt von Dingen, die Franky noch nicht aus dem Weg geräumt hatte.

„Der Garten ist ja riesig! Wie groß ist das Grundstück?“

Sie presste ihr Gesicht an das kühle Glas, als könnte sie dadurch besser durch die Verwilderung sehen und abschätzen, wie viel Arbeit Franky noch vor sich hatte.

Franky folgte ihrem Blick. Die Eiche zog ihn magisch an, die dort einsam in der Mitte stand und fühlte, wie sich sein Magen umdrehte. Er dachte an den Raum im Keller. Er hatte ihn ganz vergessen über die letzten Wochen, aber jetzt brannte er sich wieder in sein Gedächtnis. Der Raum, der zugemauert worden war und sich direkt unterhalb der Eiche befinden musste.

Den Baum hatte er ebenso ignoriert, irgendwie. Nicht nur in seiner Planung – wollte er ihn fällen oder stehen lassen? – sondern auch in seinem Blick. Es war, als wäre der ganze Garten für ihn überhaupt nicht dort gewesen. Als endete das Grundstück bei der Terasse.

„Knapp ein Hektar“, sagte Franky. Er zwang seinen Blick fort von der Eiche, hin zu den ehemaligen Brauereigebäuden in gut vierzig Metern Entfernung. „Aber einige der Gebäude dort zählen noch dazu. Siehst du das dort, den hohen Klinkerbau aus roten Ziegelsteinen mit dem Caritas-Wappen auf der Wand? Der steht eigentlich auf meinem Grund und Boden. Bringt eine hübsche Summe ein jeden Monat.“

Therese staunte weiter und beäugte alles mit Bewunderung und Faszination. Es schien, als könnte sie sich gar nicht satt sehen an alle dem. Als gäbe es mit jedem Blick eine neue Seite an dem Mann zu entdecken, mit dem sie seit fast zwei Jahren zusammen war. Franky dagegen wurde ungeduldig.

„Bist du mit deiner Besichtigung fertig?“, fragte er, vielleicht etwas zu plötzlich. „Ich wollte noch hier aufräumen, damit ich morgen den Salon hier anfangen kann. Maße nehmen, Pläne machen, du weißt schon.“

„Bist du wirklich so kalt?“, fragte sie. Sie stand am Fenster zum Garten und starrte ihn ungläubig an. „Seit Wochen habe ich nichts von dir gesehen oder gehört oder mit dir gesprochen. Du rufst nicht an, du gehst nicht raus, nicht mit mir. Es ist, als wärst du untergetaucht oder aus meinem Leben verschwunden. Da mache ich mir Sorgen. Ist das wirklich so schwer zu verstehen?“

Franky biss sich auf die Unterlippe. Er überlegte einen Moment. Schwer war es wirklich nicht. Aber er konnte ihr auch schlecht sagen, dass sie gehen sollte, oder? Dass ihre bloße Anwesenheit hier ihn irritierte wie ein Insektenstich an einer schwer zu erreichbaren Stelle. Das würde ihr weh tun. Und schlimmer noch: Es würde sie nicht beruhigen und sie würde nur noch mehr Fragen stellen. Wieder kommen.

Aus irgendeinem Grund wollte er das nicht.

Er lies die Arme sinken, zwang sich zu einem Lächeln.

„Nein. Nein ist es nicht. Bitte entschuldige. Ich bin nur… Mein Kopf ist in letzter Zeit ganz bei mir. Ich denke nicht viel an andere. Noch weniger als sonst. Tut mir leid.“

Er griff sich wieder die Taschen.

„Gut, du wolltest mich mit einem Abendessen überraschen, also zeig mal, was du mitgebracht hast.“

Franky führte seine Freundin in die Küche, die sie noch mehr als den Salon und den Garten bewunderte. Ihre schlanken Finger strichen über das Holz der Arbeitsfläche, über das geölte Pinienholz des Tisches. Sie sog den Geruch ein, den die Küche verströmte. Nach Öl und Gewürzen und irgendwie, fand sie, unverkennbar Franky.

„Es riecht nach dir“, sagte sie. „So wie du immer gerochen hast. Ganz eigenartig.“

„Ist ja auch alles von mir gemacht worden“, sagte Franky. Den Stolz in seiner Stimme wollte er nicht unterdrücken. „Alles bis auf die zu feinen Kleinigkeiten, die habe ich vorher anfertigen lassen.“ Er begann, die Taschen auszuräumen, während sie sich unterhielten.

„Von außen sieht es so schäbig aus“, sagte Therese. „So verlassen.“

„Ja. Die Fassade kommt als letztes. Hoffentlich noch vor dem ersten Schnee. Sonst wird es wohl all zu kalt. Vorher will ich die anderen Stockwerke einrichten. Ich denke das wird einfach werden. Jedenfalls einfacher als den Strom neu zu verlegen. Jetzt ist es eigentlich nur noch Inneneinrichtung.“

Auf dem Tisch stapelte sich das Essen – und das Geschirr. Therese musste schwer zu tragen gehabt haben, offenbar. Neben Fleisch, Gemüse und Konservendosen fand sich noch allerlei Zeug, das sie wohl für wichtig gehalten hatte. Mokkakannen, Schneebesen, Messer diverser Größen, eine Reihe an Hygieneartikeln. Es waren Dinge, an die Franky selbst in seinem Leben wohl nie gedacht hätte, obwohl er sie jetzt, wo er sie in den Händen hielt, vermisste.

Franky hielt ein stark duftendes Beutelchen in die Höhe. Es war quietschbunt, mit Sternchen darauf, und duftete nach Rosen, nach ätherischen Ölen und Seife.

„Ich habe keine Badewanne“, sagte er. „Ich wasche mich in der Regentonne draußen im Garten. Was soll ich mit Badekugeln und Seifen?“

Therese lachte und winkte ab.

„Behalt es trotzdem. Irgendwann baust du einen Jacuzzi ein. Dann komme ich vorbei und du hast schon einmal etwas da, damit es auch ein schöner Abend wird.“

Franky zog die Augenbrauen nach oben, sagte aber nichts dazu. Stattdessen deutete auf den Küchentisch vor sich, der vor Essen beinahe überlief.

„Was für eine Kompanie hast du denn vor zu bekochen?“, fragte Franky.

„Ich kenn dich“, sagte Therese. „Du isst seit Wochen nur Pizza und trinkst Pulverkaffee.“

„Vielleicht. Vielleicht esse ich aber auch sehr abwechslungsreich.“

„Döner ist keine Abwechslung. Also heb es auf und iss hin und wieder was richtiges. In ein paar Tagen wirst du mir dankbar sein, wenn dir die Calzone zu den Ohren rauskommt.“

Franky lachte und vergaß für einen Augenblick seine Irritation mit ihr.

„Meinetwegen“, sagte er. „Also, was wollen wir kochen?“

Therese kam zu ihm an den Tisch, nahm einiges vom frischen Gemüse beiseite.

„Ich dachte an ein Curry? Ich wusste nicht, ob du einen Herd oder nur einen Gaskocher hast, also ein Curry. Das lässt sich in einer Pfanne machen und wir können alles dazu werfen.“

Franky stimmte zu und sie machten sich gemeinsam an das Kochen ihres Abendessens. Für diesen einen, kurzen, Augenblick war es Franky wieder wie früher. Sie lachten, sie scherzten und stritten über unsinnige Details von Kunst und Philosophie, während sie Gemüse schälten und Fleisch brieten. Es war wie früher, als er noch oft bei ihr gewesen war, um aus seiner Wohnung und vor den Trotteln dort zu entfliehen. Oder als sie bei ihm gewesen war, um ihm die Stimmung etwas aufzuhellen, wenn er sich wieder dumm und ungeliebt vorgekommen war.

Und es erinnerte ihn schmerzlich daran, dass er sich davon trennen wollte. Er hatte es sich nicht eingestehen wollen über die letzten Tage und Wochen, aber Therese war immer unwichtiger in seinem Leben geworden. Er hatte weniger und weniger an sie gedacht und mehr und mehr nur an dieses Anwesen. An dieses Haus und was er damit machen wollte. Wie er es retten könnte. Wie er sich retten könnte aus dem Loch, das sein altes Leben gewesen war.

Der Gedanke an seine Beziehung, egal wie offen, egal wie freizügig sie auch gewesen war, war ihm immer weiter in die Ferne gerückt. Sie erinnerte ihn nur noch an diese Augenblicke, während denen sie bei ihm gestanden hatte – und daran, wie Elend ihm in dieser Zeit gewesen war.

Sie aßen im Salon, eingekeilt zwischen den unaufgeräumten Resten vergangener und zukünftiger Pläne von Franky, auf dem nackten Bode, den sie notdürftig frei gekehrt hatten. Und sie unterhielten sich

Alles war gut.

Bis zu diesem einen Moment. Diesem einen Satz, der ihr aus dem Mund kam und der ihn nicht los ließ.

Es war eine Kleinigkeit. Ein kleiner, winziger Satz, der für sich genommen eigentlich sinnlos war, keine Bedeutung hatte. Aber er stach ihm im Gehör und er dröhnte ihm im Schädel, bis er aufsprang.

Er konnte diesen Satz nicht verzeihen, obwohl er ihn nicht einmal hätte wiederholen können – nicht in diesem Augenblick und auch später nicht.

Aber in Franky gab es nur einen Gedanken, der sich in ihn gefressen hatte, seit Therese im Abendlicht in sein Haus gekommen war. Seit er sich eingestanden hatte, dass sie ihn irritierte, hatte ihn dieser Gedanke ausgehöhlt – und nun brach Franky über ihm zusammen. Werd diese Frau los!, dröhnte es in ihm und er konnte nicht anders, als gehorchen.

Franky stieß sie von sich, als hätte sie ihn gebissen oder als wäre sie giftig.

„Was meinst du?“, fragte Therese. Sie zuckte vor ihm zurück, auf die andere Seite der Couch. Sie hatte Augen, ganz groß, und ihre blaue Iris verschwand beinahe völlig in dem weiß dahinter. Franky kochte das Blut.

„Deswegen bist du hier, damit ich wieder zurück komme zu euch? Damit ich weiter in diesem Elend vor mich hinsieche und den Dummköpfen ihren Scheiß hinterher räume? Ist es das? Sind sie so neidisch auf mich, dass sie dich hierher schicken?““

„Was? Nein! Wieso uns? Wer ist „euch“, Franky? Nur zu mir. Ich vermisse dich!“

„Blödsinn“, rief Franky. Er ballte die Fäuste, machte einen Schritt zurück, stolperte beinahe über die Schüssel, aus der er eben noch gemeinsam mit Therese gegessen hatte. „Mir ging es gut hier! Mir ging es gut, bis du hier aufgetaucht bist und jetzt fängst du wieder damit an, wie toll es war und wie schön und wie sehr ich vermisst wrden. Und das werde ich nicht. Ich weiß es. Ihr vermisst mich nicht. Ich vermisse euch nicht. Keinen von euch.“

„Was?“, fragte Therese. Sie blinzelte und wagte nicht, sich zu rühren.

„Verschwinde!“, sagte er. „Verschwinde und komm nie wieder.“

Franky zerrte Therese hoch und stieß sie in den Flur.

„Hau ab!“, sagte Franky. Er rief es. Brüllte es, so laut er nur konnte. Damit sie ging. Damit sie ganz von selbst ging, ehe er irgendetwas tat, was er bereute. Sie anfasste – und festhielt oder noch ärger von sich stieß. Er hatte Angst davor, was er tun würde. Und wollte es nicht heraus finden.

Sie hörte nicht. Sie stand dort mit diesem Blick, als hätte er sie geschlagen und als wäre sie angewachsen an Ort und Stelle.

In Franky explodierte wieder dieser Satz, der ihn nicht mehr losließ. Er sprang nach vorn, packte Therese an den Oberarmen und stieß sie aus der Eingangstüre hinaus, die er hinter ihr zuwarf.

Er hörte sie auf der anderen Seite. Weinen, klopfen, trommeln. Ihre Worte schwammen in dem Lärm zusammen, zu einer undeutlichen Masse aus Flehen und Drohen und Wut, die er nicht verstand, auch gar nicht verstehen wollte.

Franky sank zusammen in seinem Flur, in dem noch immer der Staub und Schmutz der letzten Jahrzehnte im Teppich lag. Er umklammerte seine Knie und schloss die Augen.

Aber nur kurz.

Dann ging er in sein Schlafzimmer zurück. Nach oben, in den zweiten Stock, mit Blick auf den Garten. Dort holte er unter dem Bett ein kleines Kästchen hervor, das er dort bei seinem Einzug verstaut, aber in all der Zeit nicht angeschaut hatte. Ein Kästchen voller Nadeln und Pülverchen und Löffelchen, mit denen er sich in seinem Bett verkroch.

Und er entkam der Welt mit seinen Blicken auf diese verdammte Eiche.

Und der Raum darunter ließ ihn nicht los.

Erbschaft – Teil V: Durchgebrannt

Franky schwitzte und fror gleichzeitig. Im Haus – und im Schatten des Hauses – war es kalt, obwohl es immer noch August war. Er setzte eine Kiste im Salonzimmer ab, hinten im Haus, hinter dem Treppenhaus, mit Blick auf den Hintergarten. Sie war schwer, entsetzlich schwer, und seine Muskeln brannten. Der Schatten kühlte ihn ab, die Haare auf seinen nackten Armen und den Schultern stellten sich auf. Er schüttelte sich und stapfte wieder hinaus in die Sonne.

Im Leihwagen warteten noch drei solcher Kisten. Er hatte die letzten Tage damit zugebracht, sie mit demjenigen Zeug zu füllen, das er aufheben wollte. Die letzten Besitztümer seiner Mutter, die irgendetwas bedeuteten. Eine Kiste enthielt nichts als ihre Unterlagen – Steuern, Krankenakten, Geldbücher, alles, was er bei seiner letzten Plünderung übersehen hatte. Eine Kiste fasste alles an Schmuck und Silberbesteckt, auf den Franky Wert legte – Erbmasse, die aussah, als ob sie schon seit einigen Jahrzehnten im Besitz der Familie war und nicht wirklich seiner Mutter gehört hatte. Oder wenn es Maria Julia gehört hatte, dann nur auf dieselbe Art, wie das Anwesen ihr gehört hatte: Nämlich unrechtmäßig.
Die letzte Kiste war die schwerste und entielt nur Tand, den er aus irgendeinem Grund noch nicht dem Vergessen übergeben wollte: Bilder und Grafiken, die seine Mutter angefertigt hatte; ihre Tagebücher, Briefe seines Vaters und anderer von vor dreißig Jahren. Hauptsächlich persönliche Dinge.

Alles andere war dort geblieben, in der Wohnung seiner Mutter. Die Räumungsfirma würde in einigen Tagen alles entfernen, dann musste er sich nie wieder damit auseinander setzen. Diese vier Kisten im Auto waren die letzten Reste seiner Mutter. Vier Kisten machten die Summe ihres Lebens aus, alles in allem. Und das meiste davon waren Erinnerungsstücke an ihren Ehemann, nicht an sie.
Im Augenblick verspürte er keinen Drang, tiefer in ihre Geschichte zu blicken. Franky wollte gar nicht wissen, ob ihre Krankheit schuld an ihrem abscheulichen Verhalten war, ob er sich schlecht fühlen sollte dafür, sie verlassen zu haben. Vielleicht hätte er dann anders über sie gedacht und noch war er nicht bereit, die Wut in seinem Bauch loszulassen. Noch hasste er sie. Nur war er nicht dumm genug, deswegen alles zu verbrennen. Nicht, solange er vielleicht aus ihren Aufzeichnungen und Briefen noch etwas über seinen Vater und andere Familie lernen konnte.

Diese Dinge aus der Wohnung in das Anwesen zu bringen, war leicht gewesen. Er hatte einen Wagen gemietet, ein paar Umzugskarton aufgetrieben und voll geräumt und sie einzeln in sein neues Heim getragen, wo sie in einer Ecke des Erdgeschosses einen kleinen Turm scheußlicher Erinnerungen bildeten.
Nur ein Stück bereitete ihm Schwierigkeiten: Der Sekretär seiner Mutter. Irgendwie hatte Franky ihn aus der Wohnung und in den Fahrstuhl gehievt. Ihn von dort ins Auto zu bekommen, war mit einigem Ziehen und Zerren machbar gewesen. In den großen Wagen hatte er ihn mit Geduld auch bekommen.

Jetzt stand er damit auf dem Bordstein vor seinem Haus und fand vor sich eine Vielzahl neuer Probleme. Da war das Gartentor, das so schmal war, dass er unmöglich mit dem Wagen hindurch kam. Also musste er den Tisch tragen. Alleine. Was beim Gewicht von einer gefühlten Tonne nicht eben leicht war. Irgendwie schaffte er es aber. Zentimeter für Zentimeter zog er ihn über den Asphalt, durch das Gartentor, über den Kiesweg.
Dann war da die Treppe. Er hatte die Vorstellung, den Sekretär im Arbeitszimmer aufzustellen, direkt unter dem Fenster mit Blick auf den Garten. Nur war das im zweiten Stock, Franky allein und das Treppenhaus eng und der Tisch massiv. Er zog und schob und zerrte ihn einige Stufen hinauf, aber jedes Mal entglitt er ihm und raste wieder auf den Absatz hinunter.

Nach einer guten Stunde gab Franky auf. Er schob den Sekretär bis in den Salon, zu den anderen Sachen aus der Wohnung seiner Mutter, und beließ ihn dort.
Später würde er ohnehin Hilfe anheuern, sagte er sich. Wenn er die oberen Etagen umräumen und ausräumen und neu möblieren und die Mansarde entrümpeln musste. Solange konnte das Ungeheuer gut unten bleiben. Dort störte es nicht und würde sich sogar ganz gut machen. Er könnte von dort aus dem Fenster schauen, wenn er am Sekretär sitzen und Unterlagen durch gehen würde; er könnte jeden Tag sehen, wie hübsch er den Garten aufgeräumt und wieder gepflegt hatte.
Also blieb der Sekretär im Salon.

Franky verschnaufte. Es war saukalt und er war hungrig.
Einen Kühlschrank besaß er zwar nicht – es hatte sich bislang nicht ergeben und er wollte zunächst entrümpeln und einige Dinge auf Vordermann bringen, ehe er sich einrichtete – aber eine große Kühltruhe. Die war zwar nicht ans Stromnetz angeschlossen, aber mit säckeweise Eis befüllt und hielt zumindest für eine Weile kühl. Neben einer ganzen Menge Dosenbier auch einige Fertiggerichte. Von denen ernährte er sich, wenn er nicht einmal den Pizzaboten sehen wollte.

Der elektrische Herd stöhnte sich ins Leben. Er ächzte und brummte, als Strom durch die alten Heizdrähte floß und sie wärmte. Für einen Moment sah es aus, als würde er seiner Pflicht stand halten – dann knallte es und alles wurde dunkel. Der Herd wurde kalt, die Kühltruhe wurde warm.

Er gab ein Geräusch von sich, wie ein besiegter Mann dem die Luft ausgeht. Den Lichtschalter knippste er ein paar Mal, ohne dass sich etwas tat.
Die Sicherung, dachte er, oder eine Überlastung vom Netz. So oder so musste er wohl zum Verteiler. Die Kabel waren alt, im besten Fall aus den 1930ern. Eher noch waren es die ganz alten Stromkabel, die mittlerweile verrottet waren. Aus einer Zeit als Strom gerade erst erfunden worden war.

Es war das erste Mal, dass er in den Keller sah. Bislang hatte er keinen Drang verspürt, dort hinunter zu gehen und das zu finden, was Charlotte so diplomatisch einen Lustkeller genannt hatte. Unsinnig wäre das gewesen, und er hatte genug damit zu tun, den Rest des Hauses immer wieder mal zu reparieren. Außerdem wollte er nicht wirklich wissen, wie der Pornokeller von reichen Landbesitzern des letzten Jahrhunderts aussah.
Aber dort unten mussten die Sicherungen – falls es welche gab – und der Verteilerkasten irgendwo sein. Und damit auch die Lösung seiner Stromprobleme.
Der Eingang lag im Treppenhaus, versteckt hinter der Verkleidung. Der Flur, hinten zum Salon, führte geraden Wegs daran vorbei. Wenn man nicht wusste, dass sich in einem der Wandpanele ein Griff versteckte, dort unter der Treppe, wo man vielleicht einen Schrank erwarten konnte, würde man einfach daran vorbei gehen.
Franky hatte ihn aber bereits gefunden und öffnete ihn nun wieder.

Kalt war es. Nicht kühl, wie im Schatten oder im Rest des Hauses, sondern kalt. Er knippste die Taschenlampe an, die er sich zugelegt hatte, und griff sich seinen Werkzeugkoffer.
Werkzeugkoffer war eigentlich schon zu viel gesagt – er hatte sich im Baumarkt ein fertiges Set mit Hammer und Schraubenset geholt, das zumindest seinen Dienst erfüllte.

Er fand den Sicherungskasten leicht genug, er hing nur den Gang hinunter an der Wand und war von der Tür aus sichtbar. Er war eingestaubt, aber im dünnen Licht der Taschenlampe konnte Franky eindeutig Fingerabdrücke ausmachen. Irgendjemand hatte sich in den letzten Jahren also zumindest notdürftig darum gekümmert.
Die Blechverkleidung öffnete sich mit einem Quietschen und entblößte ihre nackten Drähte und Kabel vor ihm. Es war, wie Franky vermutet hatte: Die Sicherung war durchgebrannt.
Glücklicherweise hatte wer auch immer zuletzt am Sicherungskasten gewesen war, noch einige übrig gelassen. Sie lagen unter einer dicken Staubschicht im Kasten auf dem Boden. Franky schraubte eine neue ein, dann steckte er die kleine Packung mit Sicherungen weg. Er würde neue kaufen, wenn er das nächste Mal im Baumarkt war. Falls es das Modell noch gab.
Er betätigte den Lichtschalter. Die Elektrik zuckte kurz, fing sich aber und ein dünnes, kaltes Licht legte sich über die Backsteine im Keller.

Franky seufzte. Für den Augenblick funktionierte zumindest das Licht, auch wenn es manchmal ausfiel. Aber er würde das ganze Netz austauschen oder modernisieren müssen und zwar bald – wenn es bereits bei dem alten Herd in der Küche ausfiel, würde es modernere Geräte wie Klimaanlage, Computer und Kühlschrank unmöglich aushalten.
Er klappte den Sicherungskasten wieder zu und machte sich auf den Weg nach oben.

Kurz vor der Treppe zögerte er. Die Härchen auf seinen Armen, auf seinem Nacken, stellten sich ohne ersichtlichen Grund auf. Es war nicht wegen der Kälte, obwohl er in seinem Hemd und seinen kurzen Hosen fror. Es war auch nicht das Gefühl, das Kinder manchmal in einem dunklen Keller haben. Es war keine ziellose Angst vor der Dunkelheit oder dem Abgrund.
Eine Art von Druck lastete auf ihm, wie bei einem Flugzeug das schnell in die Höhe steigt. Nur drückte es ihm nicht auf die Ohren, sondern auf die Schläfen, auf seinen Geist. Er bohrte sich in seinen Hinterkopf mit glühenden Krallen. Ihm war, als würde sein Gehirn anschwellen und wachsen und gegen seine Schädelplatte pressen, bis sie zerspringen müsste.
Dann knallte es und alle Welt sprang aus der Fassung.
Franky riss die Augen auf. Der Druck in ihm zog sich erst zusammen, dehnte sich dann aus. Franky barg das Gesicht in seinem Ellbogen, warf sich auf den Boden.
Staubiges Glas rieselte neben ihm zur Erde. Er wagte kaum zu atmen. Seine Brust presste sich zusammen wie eine leere Dose.

Dann, unvermittelt, ließ der Druck nach. Der Druck auf seinem Schädel und auf seiner Brust und es wurde ganz still im Keller, der ganz finster war.
Er blinzelte und sah sich um.

Alle Lampen waren gleichzeitig zersprungen, der ganze Keller dunkel. Selbst seine Taschenlampe hatte er in diesem Augenblick fallen gelassen und die kleine Birne darin war zersprungen.

Nur von hinter ihm kam ein dünner Streifen Licht. Ganz am anderen Ende, ganz versteckt, brannte eine einsame Funzel vor sich hin und warf ein Lichtlein in die Dunkelheit.
Es war genau genommen nicht einmal das. Das Licht musste aus einem Nebenraum kommen und von etwas blockiert werden, so dünn war es.
Und es war die letzte Lampe im ganzen Gebäude, so wie der Knall sich angehört hatte.

Die Neugier überkam Franky und er ging dem Lichtlein nach.

Der Keller war weitläufig. Viel weitläufiger, als er gedacht hatte. Bis er dort beim Licht ankam, dauerte es gute fünfzig Schritt. Er kam an einigen Räumen vorbei, die früher Weinkeller gewesen sein mussten: Hohe Gewölbe mit Platz für große Tonnen an den Seiten und einige Gestelle zur Lagerung von Flaschen.
Aber nichts, was an einen Pornokeller erinnert hätte. Franky verzog das Gesicht. Beinahe schade, dachte er, auch in der Mansarde war kein derartiges Mobiliar untergestellt. Jedenfalls nichts, von dem er sich vorstellen könnte… Schade. Es wäre ein nettes Gesprächsthema mit Charlotte gewesen. Ihr schienen diese Dinge überhaupt nichts aus zu machen.

Mit jedem Schritt tiefer in das Zwielicht wurde das Licht deutlicher, das ihm den Weg schien – oder er gewöhnte sich schlicht an das Halbdunkel und sah besser. Und was er sah machte ihn neugierig.

Der Raum, aus dem das Licht zu kommen schien… war leer. Die Glühbirne hier war, wie alle anderen auch, zersprungen. Aber aus irgendwo musste noch eine intakt sein, denn er sah es ganz deutlich: Licht, das sich durch die Dunkelheit im Keller schnitt. Nur seine Quelle konnte er nicht ausmachen. Als ob es ohne eine Glühbirne oder Lampe leuchtete, frei, diffus von überall und nirgendwo.

Franky ging zur Tür zum Raum, dort, wo der Lichtstreifen zuerst seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Er fasste mit der Hand hinein – und warf einen Schatten. Mit dem Blick verlängerte er die Linie von seinem Schatten zur vermeintlichen Quelle. Das Licht musste aus dem hinteren Teil kommen, der nur ganz undeutlich zu sehen war.

Er runzelte die Stirn und sah sich um. Im Raum befanden sich nur Reste von Möbeln und Polstern, auseinander genommen, gestapelt und notdürftig verstaut. Die Wände wirkten normal. Nur an der Decke, dort hinter der zersprungenen Glühbirne, die noch zur Hälfte in ihrer Fassung steckte, entdeckte er etwas.

Ein Kabel führte an der Decke entlang und verschwand hinter derselben Mauer, von der das Licht zu kommen schien. Nicht im Haus, nicht auf dem Weg nach oben… Sondern einfach hinter einer Wand.
Franky stutzte und schritt durch die Ansammlung von Möbeln hinüber. Eine Wand, weiß. Glatt und kahl wie ein Spiegel, der nur Schatten wiedergab. Wenn seine Orientierung ihn nicht im Stich ließ, befand er sich unter dem Garten, irgendwo in der Nähe der Eiche. Und die hatte keinen Stromanschluss.

Mit dem Griff der Taschenlampe klopfte Franky gegen die Wand. Es klang hohl dahinter, aber auch massiv. Die Wand war jedenfalls kein Rigips, sondern aus Backsteinen zusammen gesetzt. Jünger, als der Rest des Kellers, aber auch wieder nicht so jung. Hätte er Ahnung vom Bauwesen gehabt, hätte er gesagt, dass sie vor den 50er Jahren hoch gezogen worden war. Seitdem hätte man für Zwischenwände einfache Gipskartonplatten verwendet.
Franky aber wusste nichts davon und wunderte sich lediglich, warum es in seinem Haus eine Wand gab, hinter der eine Stromleitung verschwand. Er stemmte die Hände in die Seiten, klopfte noch einmal mit der Taschenlampe gegen die Wand und richtete nichts an dem Rätsel aus.

Er runzelte die Stirn und nahm sich vor, die Sache bald zu untersuchen. Wenn er sich wegen der Stromleitungen im Baumarkt umsah, würde er ein Brecheisen kaufen und sich dahinter umsehen. Im Augenblick konnte er nur mit einer Taschenlampe bewaffnet nicht viel gegen eine Steinwand ausrichten. Nicht einmal, wenn er große Lust verspürt hätte, Wände einzureißen. Und mit Sicherheit gab es auch dagegen irgendeine Verordnung oder ein Denkmalgesetz, das solche Dinge unter Strafe stellte. Als ob nachträglich in die Bausubstanz geklatschte Elektroleitungen und Wände schützenswert wären.

Franky seufte und fluchte über all die Vorschriften, die ihm das Leben schwer machten. Dann folgte er seinen Schritten zurück zum Verteilerkasten. Noch bevor er dort war, stieg ihm die Panik in die Nase.
Und der Geruch von Feuer und Qualm.

Der Ofen hatte wieder Strom – und Franky hatte ihn angeschaltet, bevor er die Sicherung wieder eingedreht hatte.
Fluchend hastete er die Stiege hinauf, um seine neue alte Villa vor dem Feuer eines verbrannten Mittagessens zu bewahren. Und für den Augenblick war der geheimnisvolle Raum in seinem Keller vergessen.

Elfenbein – Teil III: Ein unerfreulicher Besuch

Auf diesen beinahe ungeheuerlichen und beinahe allen Beteiligten noch für lange Zeit unverständlichen Vorfall folgten einige Wochen von erdrückender Gewöhnlichkeit. Eine Zeit lang verfolgten sie noch die Ideen, die ihnen am Ende jener Nacht gekommen waren, und versuchten in ihren eigenen Laborarbeiten dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Die Privatstunden bei ihrem Professor halfen ihnen dabei wenig. Es gab keinen Schall, keinen Rauch, keine Schmerzen und keinen düsteren Meister Josef. Nur den Professor von Falkenrath, der mit geübter Miene die gedanklichen Wunder vollbrachte, die die vier Studenten von ihm bereits gewohnt waren.

Es war ein Rätsel gewesen, das er ihnen aufgegeben hatte und das sich freilich nicht in einigen Stunden lösen ließ und sie so für Monate in Beschlag nahm. Karl versuchte über Wochen hinweg, dem Meister das Geheimnis zu entlocken. Immer wieder hatte er gestichelt, hatte Fragen gestellt, die durchaus hinterlistig und voller Fallen waren – aber umsonst.

Mit der Zeit war er offen provokant geworden. Um irgendeine Reaktion des Meisters hervorzurufen, hatte er vor ihnen allen an den Fähigkeiten des Meisters gezweifelt, hatte sie für Scharlatanerie erklärt und Augenwischerei. Nur um ihn auf irgendeine Weise aus der Façon zu bringen und dazu zu bewegen, sich zu einer Verteidigung seiner Thesen hinreißen zu lassen.

Aber nichts folgte daraus.

Der Meister trug sein überhebliches Schweigen wie einen Mantel, ließ seine Protegés sich den Kopf über das Geheimnis seiner Vorführung zerbrechen. Er demonstrierte nicht noch einmal seine Kräfte, sondern ließ sie experimentieren oder verteilte seltsamste Aufgaben.

Aufsätze über die mögliche Quelle einer Reihe von Versteinerungen im Berlin der Jahre zwischen den Kriegen sollten sie schreiben, weiters Träumereien über die Methoden des Girolamo Segato, der Medusa von Florenz, oder Abhandlungen über den Galvanismus.

Einmal nur deutete er an, von einem Pierre Borel sprechen zu wollen und etwas, dass dieser die „essentiellen Salze“ nannte – zog sich aber rasch von diesem Thema zurück, so als wolle er selbst nicht darüber reden. Als wäre allein die Erwähnung dieses Namens zu viel. In all der Zeit aber verlor er kein direktes Wort mehr über die Prima Materia, die gefunden zu haben er behauptete.

Sie alle waren überzeugt, dass es mit diesem Rätsel etwas auf sich haben musste, noch jenseits des Rätsels selbst. Dass die Lösung, die der Professor von ihnen zu erwarten schien, mit einer Belohnung einher gehen würde, die größer war als das bloße Wissen über des Rätsels Lösung. Eine Idee hatte sich bei Ihnen fest gesetzt, die nichts weniger besagte als dass dieses Rätsel ihre letzte Prüfung wäre. Die eigentlich abschließende Prüfung ihrer Studien bei Professor von Falkenrath.

Karl trieb es in den Wahnsinn. Während die anderen sich in Arbeit stürzten und weiter der Führung des Professors in ihren Studien folgten, verzweifelt auf der Suche nach irgendeinem übersehenen Hinweis, schien er daran zugrunde zu gehen. Wie von einem inneren Zwang getrieben rutschte er über die folgenden Monate in einen Abgrund des Denkens. Sein rechter Arm brannte alle neunundzwanzig Tage: Ein scharfer, reißender Schmerz, von seiner Handfläche bis hinunter zu seinem Ellenbogen, genau entlang der Wunden, die in jener Nacht so schnell verheilt waren. Der Schmerz spornte ihn an, erinnerte ihn daran, dass es keine Einbildung gewesen war.

Es war zu beobachten, wie er sich nach den Stunden mit dem Meister noch in der Nähe des Hauses herum trieb, wie er versuchte außerhalb der strikten Hierarchie des Instituts zu Ergebnissen oder wenigstens Hinweisen zu gelangen. Alles ohne nennenswerten Erfolg. Er fehlte während der regulären Stunden und blieb dem Alltag der Akademie immer häufiger fern.

Kamen seine Mitbewohner – und, wie er langsam zu glauben begann, seine Rivalen um die Gunst des Professors – des Abends nach in ihre gemeinsame Wohnung, so fanden sie ihn im Arbeitszimmer zwischen Büchern versunken. Zwischen dicken Folianten, in Leder eingebunden, die sich mit all dem befassten, wovon der Meister nur in jenen halben Absätzen zu flüstern wagte.

Während Schlüsselburg und Löwenstern darüber spotteten – wann hatte schließlich eine Literaturrecherche je ein naturwissenschaftliches Problem gelöst? Als nächstes würde er anfangen, in der Bibel nach Hinweisen zu suchen – war Georg Strauß beeindruckt und besorgt gleichermaßen. Er und die anderen zwei waren keineswegs faul, sondern schlugen sich die Abende in den Laboren des Instituts um die Ohren und versuchten mit jedem ihnen bekannten Trick die Ergebnisse des Professors zu wiederholen. Woche um Woche verbrachten sie bis spät in die Nacht hinein über ihren Petrischalen und Blutproben, die sie anreicherten, eindampften, potenzierten – alles ohne Resultate, die einer Erwähnung wert gewesen wären. Ihr Wissen und ihre vier Jahre chemisches und biologisches Studium versagten völlig. Und obwohl Karl sich ihren gemeinsamen Laborversuchen und selbst dem gemeinschaftlichen Leben im Dormitorium mehr und mehr entzog, schien er sich vollständig, mit Leib und Seele, diesem Rätsel hinzugeben.

Besorgt war Georg lediglich wegen der Wege, die Karl auf der Suche nach der Lösung einschlug.

Einmal hatte er ihm Abendessen bringen wollen, nachdem er wieder einmal nicht aus seinem Zimmer heraus gekommen war. Georg fand ihn am Schreibtisch, zusammen gesunken zwischen all dem Papier, den Federhalter noch in der Hand.

Vorsichtig hatte Georg einige der Bücher beiseite geschoben und den Teller auf einen freien Flecken Tisch abgestellt. Seine Neugier, mit der er die Buchtitel gelesen und die offenen Abhandlungen überflogen hatte, hatte sich rasch in Sorge verwandelt, vielleicht sogar Angst.

Er kannte nur wenige der Namen und Titel, hauptsächlich aus Andeutungen des Professors. Es waren Namen, die er aus seinen eigenen Studien nicht kannte, die in der Welt der vernünftigen Wissenschaft keine Rolle spielten, die vergessen, verboten worden waren: Ludwig Prinn. Friedrich von Junzt. Olaus Wormius und andre, die selbst in den dunkelsten Tiefen der Pseudowissenschaft nur geflüstert wurden.

Zu blutrünstig waren die Zeichnungen, zu geheimniskrämerisch die verborgenen Andeutungen der Autoren. Georg sah sie nur flüchtig, an diesem Abend überflog nur die Anmerkungen, die Karl auf seinem Notizblock gemacht hatte. Und er war bestürzt.

Es waren wirklich Abhandlungen über den Stein der Weisen, den sie alle noch vor wenigen Wochen zu Irrsinn erklärt hatten. Auszüge und Kommentare zum Buch der toten Namen, wie darin wohl magische und beinahe magische Rituale und Anleitungen enthalten wären, um aus der Seele selbst einen solchen Stein zu fertigen und mit ihm dämonische Wunder zu vollbringen.

Aschebach erklärte später nie, woher er diese Bände hatte, aus welcher scheußlichen Bibliothek er diese düsteren Bücher zog mit ihren Abbildungen, ihren Grausamkeiten und Ritualen, die in dünnster Tinte ihre Obszönitäten verkündeten. Aber es war nicht die naturwissenschaftliche Abteilung ihres Instituts, soviel war gewiss, und Georg wagte es nicht, zu fragen. Mehr und mehr zögerte er, seinem Mitbewohner und Kommilitonen auf seinen Wegen zu folgen. Sie entfernten sich voneinander, in ihren Studien und ihrem Leben, aus dem Karl sich mehr und mehr entfernte.

Immer weniger war er ein Teil der Studiengemeinschaft, die sich in den letzten Jahren im Dormitorium heraus gebildet hatte. Selbst bei den privaten Stunden des Professors war er schweigsam und mürrisch und schlug den gemeinsamen Heimweg aus, um noch ein paar kostbare Minuten auf Falkenrath lauern zu können.

Alles, was Georg als Hinweis auf sein seltsames Verhalten blieb, war ein kleiner Stempel am unteren Rand des Buchrückens gewesen. Ein Zeichen, das er für sich behielt und auch nicht mit den anderen teilte: Soavita.

Karl aber verlor sich in den Büchern, die er aus diesem Loch gezogen hatte, das wohl das Soavita sein musste. Er wühlte in all den Lügen und Geheimnissen nach dem Staubkörnchen Wahrheit, nach dem einen Puzzlestück, das ihm das Rätsel um seine eigene Wunderheilung lösen könnte.

Bis er es gefunden zu haben glaubte.

Bis eines Nachts – Monate, nachdem der Meister seine Fähigkeit demonstriert und sich wieder in Schweigen gehüllt hatte; Wochen, nachdem der Vorfall fast wieder in Vergessenheit geraten war über Prüfungen, über Vorlesungen, Aufsätzen, anatomischen Praktika, nachdem sie sich fast an das seltsame Verhalten Karls gewöhnt hatten – ihn die Erkenntnis traf.
Bis er Georg aus dem Schlaf rüttelte.

Karls Gesicht war rot, trotz des blassen Mondlichtes, das durch die Fenster fiel. Aufgequollen, als hätte er eine Weile nicht geschlafen. Als wären die wenigen Minuten unbequemen Schlafes auf dem Schreibtisch zusammen gesunken die einzigen gewesen, die er in Monaten bekommen hätte.

„Ich habe sein Rätsel gelöst“, sagte Karl, das Gesicht ganz nahe an seinem. Er lächelte breit und irgendwie fiebrig. Er war Georg unangenehm nahe, berührte beinahe sein Gesicht mit seiner Nase.

„Was? Rätsel? Lösung?“, fragte Georg, der sich schlaftrunken aufsetzte. Sie hatten Einzelzimmer, allesamt. Einzelne Zimmer für ihr Privatleben in der großen Altbauwohnung und teilten sich lediglich Arbeitszimmer, Küche und derlei Räume.

Karl war mitten in der Nacht eingedrungen, schien aber nichts ungewöhnliches daran zu finden. Oder seine Erkenntnis für wichtiger zu halten als Georgs Privatsphäre.

Karl nickte.

„Das Geheimnis des Meisters und seiner Urmaterie. Jedenfalls glaube ich das.“

Georg tastete nach seinem Nachttisch, kniff die Augen zusammen, als ihm die Uhrzeit ins Gesicht sprang.

„Es ist drei Uhr in der Nacht“, sagte er gequält. „Kann das nicht warten?“

Karl schnaubte verächtlich und rückte von Georg ab. Sein Geruch blieb noch zurück. Ein Geruch wie von… Leder und Staub, stellte Georg fest. Sein Mitbewohner entfernte sich von seinem Bett und durch das schmale Zimmer. Richtung Fenster, das er ohne zu fragen öffnete und sich hinaus lehnte. Die kalte Nachtluft umspülte ihn, floss an ihm vorbei ins Zimmer und trug mit sich den Geruch von Schweiß und Angst. Ein Geruch, der Georg erst jetzt auffiel.

„Nein“, sagte Karl, schüttelte den Kopf. „Nein, kann es nicht. Das hier ist eine überaus wichtige Angelegenheit. Sie könnte die Welt verändern, verstehst du? Sie könnte…Bei Gott, es ist vielleicht die wichtigste Entdeckung seit dem Penicillin. Wichtiger.“

Georg setzte sich auf, rieb sich die noch müden Augen.

„Warum erzählst du es dann mir?“, fragte er.

Karl drehte den Kopf kurz über die Schulter, betrachtete seinen unfreiwilligen Mitbewohner mit einem Ausdruck, so als sei seine Frage unsinnig und ihm überhaupt nicht in den Sinn gekommen. „Weil ich wissen muss, ob ich verrückt bin“, sagte Karl.

Georg starrte ihn einen Augenblick lang an.

„Was?“, fragte er.

„Es ist…Meine Erklärung für das, was der Professor tat, ist eine ganz und gar irrsinnige. Eine, die ich vor wenigen Wochen noch verlacht hätte, für unmöglich gehalten hätte, selbst als ich in die Tiefen des Geisteslebens vorgestoßen bin. Eine Erklärung, die alles, was ich je geglaubt habe, eine Lüge nennt oder wenigstens eine Täuschung. Was wiederum bedeutet, dass ich womöglich verrückt geworden bin… oder die Welt ist es.

Ich brauche jemanden, der von klarem Verstand ist und darüber urteilen kann, wer der Verrückte ist.“

Karl drehte sich nun vollständig zu Georg, lehnte sich an das Fensterbrett. Es lag keine Freude in seinem Witz, kein schelmischer Witz. Nicht einmal eine Wut, wie er sie vor einigen Wochen gezeigt hatte. Nur kalte, müde Berechnung, die die Möglichkeit seines eigenen Wahnsinns in Betracht zog wie eine volatile chemische Reaktion und Vorsichtsmaßnahmen dagegen traf.

„Das meinte ich nicht“, sagte Georg. Er schüttelte den Kopf. „Ich meinte: Warum erzählst du es mir und nicht einem der anderen??“

Karl zog sich auf das Fensterbrett und holte eine gelbliche, zerknautsche Packung Zigaretten aus seiner Hosentasche. Er hatte zu rauchen angefangen, als einziger von ihnen, während der letzten Monate. Es beruhigte ihn, sagte er, half seinen Nerven und der Müdigkeit. Beschäftigte den Körper, den er mit seinen akademischen Abenteuern so sehr vernachlässigte.

Ungefragt zündete er sich eine an und sagte dann:

„Du bist nicht eifersüchtig auf mich, wie Strauß es tut. Jaja, ich weiß, er ist nicht eifersüchtig, er ist ein arroganter Mistkerl, dessen Überlegenheitskomplex von mir herausgefordert wird und das verträgt er nicht, meinetwegen. Löwenstern neigt er zu Esoterik und diesem ganzen Schwachsinn mit seinem ständigen Eskapismus.“

Karl schnaubte wieder, pustete dabei den Rauch durch seine Nase. Ein langer, anhaltender Strom.

„Nein, du musst mein Verstand sein heute Nacht“, sagte er, „und kein anderer.“

„Und wenn ich nicht will?“

„Werden wir nie erfahren, ob das Elixier der Unsterblichkeit nicht doch nur die Phantasie eines greisen Exzentrikers ist.¨

Georg biss sich auf die Unterlippe. Noch immer starrte er, ohne sich so Recht einen Reim auf diese Angelegenheit machen zu können, zum Fenster, und sah Karl beim rauchen zu. Schließlich, nachdem er wohl eine Weile überlegt hatte, seufzte er.

„Wie stellst du dir die Sache vor?“, fragte er.

„Vertraust du mir?“

„Nein.“

„Gut“, sagte Karl und lächelte wieder dieses melancholische Lächeln, das seine eigene Irrsinnigkeit für genau so möglich hielt, wie seine eigene Genialität.

Georg runzelte die Stirn. Etwas an Karl faszinierte ihn in diesem Augenblick. Etwas an der Art, wie er sich benahm, wie er größere Geheimnisse andeutete, ohne sie beim Namen zu nennen. Die gleiche, unerträgliche Art des Meisters – mit der dieser ihn noch jedes Mal in seinen Bann zog.

„Lass mich erzählen, was ich gefunden habe. Du musst nur zuhören und prüfen, ob ich an irgendeiner Stelle etwas erzähle, das… Nun, nicht unwahrscheinlich scheint, denn alle diese Dinge sind ungeheuerlich, irrwitzig und eigentlich, bei Licht betrachtet, unmöglich. Dennoch ist jeder einzelne Schritt meiner Gedanken logisch gewesen und hat mich zu diesem Punkt geführt. Ich muss wissen, ob sie… nein, ob ich dir irre erscheine, wenn ich sie erzähle. Mehr verlange ich nicht.“

Für einen Moment zögerte Georg. Der junge Mann, der dort am Fenster stand, kaum dreiundzwanzigjährig, schien in diesem Augenblick besessen von irgendeiner Idee. Eine Gewissheit steckte in der lässigen Art, mit der er dort lungerte, und eine Überzeugung, die seinem sonderlichen Verhalten eine gewisse Berechtigung zu sprach – gleich viel, wie sehr Georg sich über diese späte Stunde wunderte.

Schließlich aber nickte er und bedeutete Karl, fortzufahren.

„Ich wusste nicht, ob die wilden Behauptungen des Meisters der Wahrheit entsprachen“, erklärte Karl. „Aber ich hatte zumindest gespürt, was wahr daran war. Dass es kein Trick war, wie du behauptet hattest, sondern tatsächlich…dass tatsächlich eine Kraft in dieser Flüssigkeit lag, die alle herkömmliche Medizin bei weitem übersteigt. Ich habe es damals gesagt, als wir uns darüber unterhalten haben: Was, wenn das Blut wirklich das Leben ist?“

Ich habe der Prima Materia, wie er es nannte, nachgeforscht. Selbst den alchemistischen Unsinn habe ich nicht außer Acht gelassen bei meinen Recherchen, obgleich natürlich vieles davon späteren Beobachtungen nicht stand gehalten hat. Wie du weißt, hat noch Newton selbst einige Experimente dieser Art durchgeführt, hat den lebenden Mineralien nachgespürt und ekstatisch seine Beobachtungen zum Arbor Saturnae festgehalten und von lebenden Steinen und beseelten Geisterbäumen berichtet.“

„Erst in der jüngeren Zeit wurde ich fündig. Eine beiläufige Erwähnung eines gewissen ‚Alchemysten und Chymiker Kunckel‘, der hier, in dieser Stadt, in seiner Goldmacherhütte das rote Elixier herzustellen behauptete. Eine Behauptung, die kühn ist, sicher, so kühn wie die des Professors. Die durch die vielen Gerüchte des einfachen Volkes sicherlich übertrieben wurden – so wie die Gerüchte um diesen Segato und seine Versteinerungs- und Hexenkünste. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das noch etwas vor der Zeit der Aufklärung gewesen sein muss und in jedem Fall das Volk nur allzu bereit war, Schauergeschichten zu verbreiten.“

Schweigen senkte sich in dem Zimmer, das nur vom langsamen Abbrennen von Karls Zigarette erfüllt war.

„Laut der Gedenksteine, der Tafeln und aller Verzeichnisse starb der Mann, der sich Kunckel nannte, um 1703 herum. Jedenfalls ist dieses Datum auf den Grabstein auf der Pfaueninsel eingetrieben, an der Stelle wo früher sein Laboratorium gestanden haben muss.

Und trotzdem tauchen spätere Schriften auf, deren Verfasser er gewesen sein muss. Schriften unter falschen Namen, die seinem Duktus folgen, seinem Stil. Die seine Theorien aufgreifen, selbst die obskursten und arkanen Sätze von ihm heraus nehmen und seine Experimente bestätigen. Ich habe es selbst geprüft, Georg, ich habe all die Schritte, das ritualisierte Gefasel nachvollzogen und es ist unmöglich. Niemand kann diese Verfahren bestätigen, aber diese Bücher anonymer Verfasser behaupten es im gleichen Atemzug wie sie sein Werk loben.“

Georg zuckte mit den Schultern, ablehnend und wie immer mit raschen Erklärungen bei der Hand.

„Dann irrt sich die Datierung eben, dann hat er ein paar Jahrzehnte länger gelebt und versucht sich selbst seinen Platz in der Geschichtsschreibung zu sichern. Was ist dabei?“

„Ja, das hat er wohl. Länger als es möglich sein sollte. Diese Schriften erscheinen bis fast 1920 – und dann erst unter dem Namen eines gewissen Rudolf Falkenrath…“, sagte Karl.

Georg kniff die Augen zusammen, schüttelte den Kopf, als könne er die Worte aus seinem Geist ausschließen.

„Unmöglich“, sagte er.

„Nicht, wenn er die Prima Materia besitzt“, sagte Karl. „Nicht, wenn er wirklich die Unsterblichkeit erfunden hat.“

„Du irrst dich“, erklärte Georg, schüttelte abermals den Kopf. „Es ist unmöglich. Der Professor ist ein Mann, ein gewöhnlicher Mann, es gibt Aufzeichnungen über seine Geburt, wahrscheinlich seine Schulabschlüsse und weiß Gott was noch. Es ist unmöglich, diese Dinge heutzutage zu vertuschen.“

Karls Gesicht zeigte wieder die Spuren der Wut, die ihn vor einigen Wochen so entstellt und ihn unabsichtlich das Glas hatten zerschmettern lassen.

„Wer redet denn vom alten Falkenrath? Himmel, er ist eine Marionette, eine Puppe. Der Honig, mit dem der wahre Meister seine Fliegen fängt. Der Lockduft des Prestige und der Anerkennung an der Akademie, das wonach sich junge Kerle wie wir sehnen – nach Ruhm und Macht und Lob.

Wozu fragst du? Liegt das nicht auf der Hand, wozu?

So, wie der Alte die Materia hergestellt hat damals, mit einer Menge meines Blutes… machst du dir eine Vorstellung, wie viel Leben es fordert, einen Kelch davon zu erbringen? Wie viel Blut und Leben vergossen werden muss für kaum ein Jahrzehnt seines unheilvollen, perversen Lebens?“

„Du musst dich irren. Du kannst nicht Recht haben.“ Georg war schockiert und wie erstarrt. Er fühlte sich kalt, trotz der lauen Frühlingsnacht vor seinem Fenster fröstelte ihn und er zog die Decke fester um sich. „Du darfst nicht Recht haben“, sagte er und sprach aus, was Karl selbst wohl gedacht, als er ihn geweckt hatte.

„Und wenn es wahr ist? Wenn es doch wahr ist und diese Männer länger auf der Erde wandeln, als es Menschen möglich sein sollte?

Dann haben sie Dinge erreicht, die man uns unser ganzes Leben als unmöglich vorgebetet hat. Kannst du dir auch nur vorstellen, worüber diese Geister sich unterhalten mögen? Können wir uns in unseren kühnsten Träumen auch nur vorstellen, welche Fragen sie nach dreihundert Jahren noch beschäftigen mögen?“

Georg konnte es sich vorstellen. Georg konnte sich erträumen, was für dunkle Geheimnisse diese Männer wohl austauschen mochten. Wie von den Lippen dieses Kunckel die Weisheit dreier Jahrhunderte tropfte. Wie sich in seinem Herz das gestohlene Blut Hunderter sammelte, wie die Leben, die er ihnen gestohlen hatte, den Tod von ihm abhielten und ihm Geheimnisse der Welt zuflüsterten, die zu erforschen mehr als nur ein Leben lang dauern würde.

Er glaubte nicht an diese Prima Materia, diesen angeblichen Urstoff, in den der Meister Blut verwandeln zu können behauptete. Auch wenn er mit eigenen Augen gesehen hatte, wie sich eine klaffende Wunde an Karls Unterarm schloss. Auch wenn der Meister vor seinen Augen das frisch vergossene Blut Karls potenziert und in einen winzigen Tropfen von solcher Macht verwandelt hatte.

Georg konnte nicht daran glauben, durfte nicht.

„Du bist verrückt“, flüsterte er, „Du musst dich irren.“

Karl stieß sich von seinem Platz am Fenster ab. Mit raschen Schritten hatte er das Zimmer durchquert und war wieder bei Georg. In seiner Hand die noch qualmende Zigarette, die sich langsam in den Filter fraß.

Seine Kiefer pressten sich aufeinander, trieben die Sehnen in seinem dünnen Nacken hervor.

Er beherrschte sich, auf Armeslänge von Georg entfernt, der von diesem Ausbruch überrascht und verunsichert war, wie von der ganzen Scharade, die Karl hier aufführte.

Er starrte nur für einige Sekunden, die Hände zu Fäusten geballt. Ein Blick von Enttäuschung, von Verachtung. Von Scham, so viel Zeit und Worte an einen Tauben verschwendet zu haben.

Bis die heiße Glut seine Finger erreichte und sich in sein Fleisch brannte, bis der Schmerz ihn aus seiner Starre riss. Karl zuckte mit der Hand, ließ den rauchenden Stummel fallen.

Ohne ein weiteres Wort verschwand er im Dunkel des Flurs und ließ seinen Studienkollegen allein in dessen Zimmer zurück.

Georg hatte Angst nach jener Nacht.
Nicht so sehr um sich selbst, obwohl er die Tür hinter Karl Aschebach verschloss und bei angeschaltetem Licht auf den Morgen wartete. Obwohl die Anspannung erst von ihm wich, als Strauß und Löwenstern ihm beim Frühstück versicherten, es wäre für sie eine ganz gewöhnliche Nacht gewesen. In der Tat sei nicht die ganze Welt verrückt geworden, sondern höchstens Aschebach, der endgültig von seinen absurden Recherchen eingeholt worden war.

Karl aber blieb fort. Nicht in dieser Nacht und nicht in der folgenden.

Die anderen lachten zunächst und sagten sie hätten es ja immer schon gewusst: Für diesen doppelten Streß und den ständigen Druck zweier Studien gleichzeitig – und das bei ihrem anspruchsvollen und exzentrischen Professor selbst – war er einfach nicht gemacht. Es wäre das beste, wenn er aufgab. So behinderte er sie nicht mit seinen irrsinnigen Ideen und Tagträumen.

Nach vier Tagen wurden auch sie nervös. Georg sah es ihnen an. Trotz der Sticheleien und der abfälligen Bemerkungen, dass Karl wohl das Weite gesucht hatte, war dort Sorge in ihren Augen. Sie blieben wie er lange auf im Gemeinschaftsraum, fanden Ausreden, warum sie sich um Mitternacht noch nicht wie gewöhnlich zurückzogen, sondern mit verstohlenen Blicken auf die Uhr ausharrten und warteten.

Nach sechs Tagen…

Nach sechs Tagen war es Zeit für die nächste Sitzung und ihrer aller Anspannung erreichte ihren Höhepunkt.

Wer nicht zu den Sitzungen des Profesors erschien, wer seine Zeit verschwendete, der war raus. Mit dem wollte Von Falkenrath nichts mehr zu schaffen haben und der wurde von ihm zurück gestoßen in die Bedeutungslosigkeit der tausenden gewöhnlichen ‚Laborratten‘ der Akademie. So wie es vor Karl schon Dutzenden Anderen der „Besten“ ihres Jahresgangs ergangen war, mit denen sie vor Jahren noch das Labor geteilt hatten.

Georg zögerte seinen Aufbruch bis zum letztmöglichen Augenblick hinaus. Unruhig ging er in dem Gemeinschaftszimmer ihrer Wohnung auf und ab, in der vagen Hoffnung, Karl würde noch im letzten Moment durch die Türe stolpern. Betrunken vielleicht oder unter Drogen, seinen Fieberwahn mit irgendwelchen Substanzen erklärend, und Georg könne ihn dem Professor vor die Füße werfen, damit er um seinen Platz am Institut und großherrliche Milde betteln konnte.

Aber Karl blieb fort und Georg nichts anderes übrig, als sich alleine auf den Weg durch das Villenviertel zu begeben, wenn er nicht selbst noch hinausgeworfen werden wollte.

Er eilte sich, zum Anwesen des Professors zu kommen, mit seinem gusseisernen Zaun und dem gepflegten Garten.

Dennoch wagte es nicht gleich, hinein zu gehen. Wagte es nicht, das Haus zu betreten, und fürchtete sich, die Dämpfe einzuatmen, den stickigen Rauch in seine Lungen zu lassen und dem Mann unter die Augen zu treten, der womöglich, vielleicht, mit dem Bösen im Bunde war.

Ein absurder Gedanke, ein irrationaler Gedanke, rief er sich in Erinnerung und trat ein.

Sein Blick glitt langsam durch das Laboratorium des Meisters. Strauß und Löwenstern waren schon länger anwesend. Beide standen am Fenster, die Köpfe zusammen gesteckt. Sie unterhielten sich nicht, blickten sich nicht einmal an, sondern stierten in die Nacht hinaus, jeder ein Gefangener seiner eigenen Stimmung.

Meister Josef kam kurz darauf herein, wie gewohnt in seinem schwarzen Talar. Sein Blick war der eines Habichts, seine Miene hinterlistig und verborgen unter einem halbseidenen Lächeln.
Sie begannen ihren Unterricht, ohne dass Karl Aschebach noch aufgetaucht wäre. Ohne dass der Meister ein Wort über ihn verloren hatte. Stattdessen fuhr er wie gewohnt fort, ihnen die Fehler der letzten Woche aufzuzeigen und sie mit seinen rauchigen Worten auf ein weiteres Experiment vorzubereiten. Eines, dessen Kerntück erneut die Prima Materia sein sollte, jener dickflüssige, geheimnisvolle Stoff, in den er Blut umwandeln zu können behauptete.

Georg erschauderte, als der Meister die kleine Phiole aus seinem Ärmel holte und erneut mit diesem ehrfürchtigen Gesicht zeigte. Mit diesem Blick der Lust und des Fiebers, als trüge er etwas heiliges zwischen seinen Fingerspitzen.

„Das Blut ist das Leben“, flüsterte der Meister erneut.

Und Georg wusste nun woher das Blut kam.

Elfenbein – Teil II: Ein zerrissenes Gespräch

Die frische Abendluft hatte den Bann gebrochen, den „Meister Josef“ über sie gelegt hatte. Mit dem ersten Schritt in den Abend hinein und aus dem privaten Laboratorium des Professors hinaus hatten sich ihre Köpfe geklärt. Stück für Stück waren sie alle wieder zu Besinnung gekommen – Löwenstern und Schlüsselburg lachten bereits wieder über den „Meister“ und seine Tricks.

Über Universitätsprofessor Josef von Falkenrath, Doktor der Biochemie und Lehrkörper an der Akademie, der darauf bestand seine privaten Stunden im altmodischen Talar und mit allerlei Tand und Zauber zu begehen. Derselbe Professor, der ihnen mit seiner Stiftung und Protektion ein gehöriges Maß an universitären Privilegien verschafft hatte. Nicht das geringste darunter war das Dormitorium, das ihnen vom Institut zur Verfügung gestellt wurde und zu dem sie sich rasch nach dem Ende der Privatstunden beim Professor begeben hatten.

Es lag nicht weit vom Anwesen des Professors in Dahlem entfernt, vielleicht zwanzig oder dreißig Wegminuten. „Dormitorium“ war eigentlich schon zu viel gesagt, viel mehr handelte es sich um eine durchaus üppige Wohnung in einem üblichen Wohnhaus. Das Gebäude selbst war dem Charoninstitut der Akademie angegliedert und diente als Unterkunft für einige der Studenten und Stipendianten, die dem Institut besonders vielversprechend schienen. Dormitorium nannten sie es nur, um sich über die altmodische und miefige Art des Instituts und vor allem des Professors lustig zu machen. Beide – das Institut wie auch der Professor – machten ein großes Gehabe um die Geheimnisse, die sie wohl teilten mit den Studenten und dass, nach abgeschlossenem Studium, sie mehr als bloße Menschen wären, sondern Anteil an unfassbaren Mysterien hätten.

Darin zumindest waren sie den arroganten Scharlatanen und Göttern in Weiß nicht unähnlich, zu denen sie sich gerne aufplusterten.

Der Heimweg nach den monatlichen Sitzungen war wie gewöhnlich ereignislos und mit einer seltsamen Stimmung durchsetzt. Sie alle fühlten sich gelöst nach der Anspannung der letzten Minuten und stellten das voreinander ausgiebig zur Schau.

Sie nahmen die knorrigen Treppen mit ihren Eichengeländern zügig, ohne in Schweiß auszubrechen, und scherzten miteinander. Sie warfen ihre dünnen Jacken und Taschen ohne einen Blick nebeneinander in die Ecke ihres gemeinsamen Wohnzimmers.

Es gab, eigentlich, keinen Grund für sie, wachzubleiben.

Der Abend war bereits spät und auch für die Protegés des Professors galten die üblichen Pflichten und Veranstaltungen eines Studenten – der Labordienst begann früh am nächsten Morgen und auch sie waren davon nicht entbunden. Dann hieß es wieder Geräte reinigen und Assistenzarbeiten übernehmen für die Doktoranden und in den Pausen ihre eigenen Arbeiten voranbringen.

Dennoch lungerten sie alle nach ihrer Ankunft in der Wohnung noch im Gemeinschaftsraum herum. Jeder von Ihnen hatte seinen eigenen dünnen Vorwand vorzubringen:

Strauß und Schlüsselburg waren in einem überaus spannendem und wichtigem Gespräch über irgendeine Belanglosigkeit vertieft, einen Film, den sie vor kurzem gesehen oder ein Theaterstück, das sie besucht hatten. Löwenstern hatte sich mit einem Buch in seinen Sessel zurück gezogen und blätterte dort lustlos darin herum. Mehrfach überflog er die selben paar Seiten, blätterte vor und wieder zurück, ohne sich wirklich in der Geschichte über einen nicht existenten Ritter zu verlieren. Aschebach hatte sich rasch einen Gin Tonic eingeschenkt und wanderte unruhig, das Glas in seiner rechten Hand, am hinteren Ende des Raumes entlang. Vor den Fenstern ging er auf und ab.

Sein Verhalten zeigte, wie sich alle im Raum fühlten, auch, wenn sie es nicht offen zeigten: Rastlos und unsicher, was von dem Geschehen des Abends zu halten sei.

Eine Frage hing in der Luft. Eine, auf die keiner von ihnen eine Antwort wusste und sie darum nicht zu stellen wagte.

Karl Aschebach starrte auf seinen rechten Unterarm, wo vor kaum einer Stunde noch ein tiefer Schnitt geklafft hatte. Die anderen drei und ihre Gespräche sanken in den Hintergrund, verschwanden in dem Rauschen, das sich die letzte knappe Stunde in seinen Ohren gebildet hatte. Er streckte den Arm, drehte das Handgelenk und beugte den Ellbogen, strich mit den Fingern der linken Hand wieder und wieder über darüber. Wie um die Festigkeit seines Fleisches zu überprüfen, ob alles am Platz war und funktionierte oder wie eine dünne Schicht Kleber bei der geringsten Bewegung aufreißen würde.

Endlich brach er die geschäftige Stille im Raum.

„Ich wüsste zu gerne, woher er es hat“, sagte er.

Georg Schlüsselburg und Ludwig Strauß sahen sich an. Schlüsselburg wandte sich um, musterte Karl Aschebachs Arm und sagte schlicht: „Ein Trick.“

Löwenstern blickte von seinem Buch auf. Er sah Schlüsselburg an und lächelte auf eine Art, die die beiden unsympathisch machen musste. So eine Art von Lächeln, die ein verstecktes Wissen andeutete und auch, dass dieses Wissen nicht geteilt werden würde.

„Mit Sicherheit ein Trick. Ein künstliches Eiweiß vielleicht, das als eine Art von neuer Haut fungiert und die Wunde oberflächlich verschließt. Die Australier haben dergleichen erfunden, habe ich gehört, und sogar für den Feldeinsatz im Militär getestet in Form eines simplen Sprays.“

Aschebach schüttelte den Kopf, strich sich über den Unterarm.

„So fühlt es sich nicht an“, sagte er. „Es fühlt sich nicht wie ein Verband an oder eine zweite Haut, sondern wie meine eigene, mein eigenes Fleisch.“

„Und wenn es kein Trick war?“, fragte Ludwig Strauß. „Wenn er wirklich diese Macht besitzt, von der er erzählt hat?“
Schlüsselburg begann zu lachen – ein meckerndes, hämisches Geräusch, so als hielte er es für eine Unmöglichkeit. „Glaubst du nicht, er würde ein solches Allheilmittel längst der Öffentlichkeit vorgestellt haben? Wenn es die Wahrheit wäre…Wenn…er mit synthetischem Blut all das könnte, was er eben behauptet hat – ihm wäre mehr als nur ein Nobelpreis sicher. Man würde seinen Namen in jeder Unfallstation der Welt preisen. Der Mann wäre ein Heiliger.“

Sein Lachen breitete sich aus. Es durchdrang die nervöse Entspannung im Raum, steckte auch Strauß und Löwenstern an, die sich gegenseitig ihres Lachens versicherten.

„Als ob Falkenrath diese Dinge geheim halten könnte. Als ob er nicht vor jedem damit prahlen und um Anerkennung und Respekt buhlen würde“, sagte Löwenstern.

„Als ob einer, der sich in Alchemistenroben wirft, nicht vor der ganzen Akademie mit seinem geheimen Wissen angeben würde“, sagte Strauß.

Sie lachten alle leise, jeder für sich verzweifelt darauf aus, diese Frage zu beantworten, die im Raum schwebte. Diese Zweifel zu zerstreuen und in einer dünnen, eleganten Erklärung zusammen zu setzen, die in ihre Welt passte. In alles, was sie von der Akademie gelernt hatten.

Ein Klirren zerstörte diese fragile Hoffnung. Es war vom Fenster gekommen, wo Aschebach zuvor in die Nacht hinaus geblickt hatte. Noch immer hatte er der Gruppe den Rücken zugewandt, hatte sie das ganze Gespräch über nicht weiter beachtet und hielt seinen Kopf in die dünne Nachtluft. Gin und Blut tropfte ihm die Hand und den Arm hinab.

Niemand hatte gesehen, was geschehen war. Das dicke Glas schien einfach in seiner Hand zerborsten zu sein, die Scherben steckten ihm noch im Fleisch.

„Es war kein Trick“, sagte er. Seine Stimme war ruhig geblieben, aber als er sich umdrehte, war er zittrig. Sein Gesicht war kreideweiß, seine Augen glühten wie von Fieber. Sie bohrten sich in Georg Schlüsselburgs Gesicht, als könne er ihn dazu zwingen zu sehen, was er selbst gesehen hatte.

Alle sahen ihn mit einer Irritation an, einer Mischung aus Neugier und Angst, die bei jedem von Ihnen unterschiedlich war.

Löwenstern hatte eine Augenbraue hochgezogen, seine Augen wanderten immer wieder zu seinem Roman zurück, den er weiter zu lesen vorgab. Er war es, der als erstes wieder das Wort ergriff.

„Du hast einen besseren Vorschlag?“, fragte er. Sein Ton war flach, beinahe eine Feststellung.

Schlüsselburg blieb stumm. Nichts aus Angst vor Aschebach, vermutlich, er war aus seiner Familie gröberes gewöhnt. Aber er sah angespannt hinüber und und erwartete die Antwort, die Aschebach wohl geben mochte.

Karl blieb sie ihm noch schuldig. Er ging zur Küchenzeile hinüber, wo er sich den Gin bereitet hatte, und wusch sich die Hand. Er atmete gepresst. Stück um Stückchen zog er die Scherben aus der Innenseite seiner Hand, legte sie auf ein Küchenpapier neben der Spüle. Dabei starrte er nach unten, auf die Mischung aus Blut und Alkohol, die in den Abfluss ran. Er wirkte von sich selbst überrascht, von seinem Aussetzer, sagte aber:

„Nein, ich habe keinen besseren Vorschlag. Ich weiß nur, dass eure schwachsinnig sind.“

Löwenstern schnaubte, lehnte sich in seinem Sessel weiter zurück.
Strauß dagegen verrenkte sich beinahe in seinem Sitzplatz, drehte sich über die Lehne hinweg, um seinen Oberkörper näher zu Aschebach zu bringen. Er zog ein besorgtes Gesicht, zuckte zusammen, wann immer sich Aschebach einen größeren Splitter aus dem Fleisch zog.

„Es ist unmöglich, dass er wirklich den Stein der Weisen gefunden hat“, sagte Strauß. „Vielleicht – und ich sage vielleicht – ist es denkbar, die Regeneration irgendwie zu beschleunigen, meinetwegen. Irgendein synthetisches oder angereichertes Blut, das den Eindruck einer Wunderheilung erweckt.

Aber das Panazee? Ich bitte dich. Weniger exzentrische Männer haben in den letzten dreitausend Jahren danach gesucht und es nicht gefunden. Es muss ein Trick sein.“

Karl hatte sein Hemd bis zum Ellbogen hoch gekrempelt. Er zeigte seinen Unterarm, seine rechte Handfläche. Es war keine Spur davon geblieben, dass vor einigen Stunden erst ein tiefer Schnitt dort geklafft hatte. Kein rosanes, junges Fleisch zog sich durch seine ansonsten gebräunte Haut. Kein Schorf verdeckte eine heilende Wunde.

Selbst seine Handfläche, in der vor wenigen Minuten noch Glassplitter gesteckt hatten, die sichtbar für sie alle geblutet hatte, hatte die Blutung bereits gestoppt. Die Verletzungen schienen weniger tief zu sein, als sie angenommen hatten… oder sie heilten bereits.

„Das hier ist kein Trick“, sagt er. Abwechselnd schloss und öffnete er die Faust. „Keine Illusion. Euch kann er getäuscht haben, vielleicht, aber mich nicht. Ich habe das Skalpell in meinem Fleisch gespürt, habe den Schmerz in meinem Arm gespürt. Die Wunde war echt und was auch immer er getan hat – sie ist weg.“

„Was ist es dann?“, fragte Strauß. Beinahe war er aufgesprungen, hielt sich aber noch an den Armlehnen seines Sessels fest. Seine Finger krallten sich um ihre Enden, er lehnte gefährlich nach vorne. „Was, wenn es wirklich… Wenn er wirklich…

Was, wenn in den alchemistischen Texten Wahrheit steckt?“

„Das ist nicht dein Ernst“, sagte Löwenstern.

Auch Schlüsselburg schüttelte den Kopf. Er schwenkte seine Soda.

„Unmöglich“, sagte er. „Die Alchemie ist in ihrem Grundsatz falsch. Die Welt ist nicht in der magischen Analogie sondern in der kritischen Analyse zu begreifen. Es muss eine technische Erklärung dafür geben, eine physiologische, keine psychische.“

„Es muss eine wissenschaftliche Erklärung dafür geben“, setzte Löwenstern nach, „und keine magische.“

„Eine vernünftige und erklärbare.“

Strauß zog die Augenbrauen zusammen, presste die Kiefer aufeinander. Er sah zu Karl hinüber. Der hatte den Effekt selbst erfahren, der würde zumindest wissen, ob es im Reich des möglichen wäre…

Aber er starrte nur in das Nichts, schloss seine Hand wieder und wieder.

„Natürlich“, sagte Karl. Seine Stimme unterbrach ihr Gespräch. Sie wandten sich zu ihm um, als erwarteten sie von ihm eine Lösung. Die Art, wie er dieses Wort ausgesprochen hatte, hatte sie aufhorchen lassen. Als ob ihm ein Geistesblitz widerfahren wäre.

Er sah auf, blickte Schlüsselburg ins Gesicht und schien etwas sagen zu wollen. Dann besann er sich, lächelte nur.

„Natürlich“, sagte er, ganz anders als eben noch, „ist es irrwitzig anzunehmen, dass unser Professor tatsächlich ein Blutmagier und Hexer ist.

Aber vielleicht… vielleicht ist an diesem einen Satz, den er gesagt hat, ja etwas wahres dran, wenn schon alles andere irgendein Trick sein mag. Vielleicht ist das Blut wirklich das Leben.“

Elfenbein – Teil I: Eine fragwürdige Erfahrung

„Andere Professoren würden euch glauben machen, dass ihr eine fleischliche Maschine seid. Eine komplexe Maschine vielleicht, aber am Ende doch nicht mehr als ein Gerät aus Schläuchen, Röhren und einigen Pumpen, die euch antreiben. Ein Automaton, dessen Teile nach Belieben ausgetauscht und neu verdrahtet werden können. Und ihr als Biologe und Mediziner seid nicht mehr als ein Mechaniker, der Fehler darin findet und behebt.

Es ist aber von größter Wichtigkeit, dass ihr eines dabei nie vergesst. Denn dies ist die simple, die volle Wahrheit.“

Meister Josef, wie er sich hier nannte, hatte eine staubige Stimme. Eine Art von düsterer Schwere lag darin, die bei einem Mann seines Amtes selten anzutreffen war, ihn aber vor allen anderen auszeichnete. Eine Stimme, die grollte und grummelte und donnerte und selbst in der heutigen Zeit leicht einen ganzen Saal zu fesseln vermochte.

Um so leichteres Spiel hatte sie mit dem kleinen Laboratorium. Josefs braune Augen wanderten über die vier jungen Gesichter vor ihm, legten sich einen Moment auf jedes einzelne von ihnen.

Studenten, die er in den letzten Jahren ausgebildet hatte, als sie noch als Schüler mit besonderer Begabung an die Akademie gekommen waren. Er hatte sie aus der bedeutungslosen Schlacke des Studiums gehoben, mit Stipendien unterstützt und ihnen Türen geöffnet, die sie auf sich selbst angewiesen nicht einmal bemerkt hätten.

Diese vier, die hier mit eifrigen Gesichtern vor seinem Labortisch standen, waren die sorgsam ausgewählte Ernte der letzten Jahre. Und sie waren dankbar dafür, hingen an seinen Lippen und nahmen jeden Brocken aus seinem Mund auf – die Weisheiten ebenso wie die Lügen und Halbwahrheiten.

„Das Blut ist das Leben.“

Der Satz schwebte bedrohlich über ihren Köpfen wie von dem dicken Duft nach Asche, Eisen und Blut getragen. In der stickigen Luft des abendlichen Laboratoriums schien er als ein Rätsel auf und ließ sie alle die Stirn runzeln.

Die Herren Studenten – Ludwig Strauß, Georg Schlüsselburg und Dietrich Löwenstern – hatten die Stirn in Falten gelegt, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie blickten nachdenklich drein, bemüht um eine gedankenvolle Schwere, die seinem Rätsel gerecht wurde. Es war klar, dass sie nicht auch nur eine Idee davon hatten, was er ihnen erzählte.

Karl Aschebach dagegen… Er verkniff sich ein Grinsen, bemühte um ein ernstes Gesicht, konnte aber das Zucken seiner Mundwinkel und das belustigte Aufleuchten seiner Augen nicht verhindern.

Josef bemerkte es.

„Ja, Karl?“, fragte er, eine buschige Augenbraue gehoben.

„Es ist nichts, Herr. Bitte verzeiht“, sagte Karl und eilte sich, den Kopf zu senken.

„Oh nein, nein, bitte. Teile deine Freude mit uns. Erkläre doch, was so amüsant ist an meinem Unterricht.“

Die so kraftvolle und grollende Stimme war gefährlich ruhig geworden. Jene Art von ruhiger Höflichkeit, die nur auf einen Fehltritt lauerte. Ein tiefes Geräusch aus seiner alten Kehle.

Karl schien sich dessen vollauf bewusst zu sein, denn seine Augen huschten umher, suchten die Blicke der anderen Lehrlinge, die sich weigerten, ihn anzusehen.

So war es immer gewesen. Einer von ihnen wagte sich vor in Arroganz oder Idiotie und der Rest beobachtete, wie es ihm erging. Stets bemüht um den eigenen Vorteil war nicht viel Liebe zwischen ihnen. Ein Überbleibsel aus der Zeit vielleicht, als sie alle noch einige wenige Konkurrenten unter hunderten jungen Männern und Frauen waren, die sich an der Akademie um Anerkennung balgten.

Mühsam nur fasste Karl seinen Mut und sagte:

„Der Satz ist pathetisch. Natürlich ist der Mensch mehr als nur eine biologische Maschine – aber nur das Blut kann es nicht sein. Leben ist systemisch zu begreifen, als Zusammenspiel der wundervollen Prozesse, der vom Blut nur aufrecht erhalten und mit Treibstoff versorgt wird. Wir alle kennen die Forschungen der Russen. Brukhonenko hat diese These schon in den vierzigern bewiesen.“

Zu ihrer aller Überraschung gackerte Josef leise und nickte.

„Gewiss, gewiss. Das Blut allein ist gewöhnlich nur der Träger, ein Bote anderer Stoffe, die das Leben aufrecht erhalten. Bei gewöhnlichen Menschen.“

Ein hinterlistiger Ausdruck schlich sich in seine Augen, ein launischer, boshafter Ausdruck als sei Karl trotz der bestätigenden Worte in seine Falle getappt.

Meister Josef strich sich über die dunkle Robe, die er zu diesen privaten Lehrstunden zu tragen pflegte. Ein scharlachroter Talar, der von der Zeit bereits verdunkelt worden war und an den Säumen mit allerlei silbernen Mustern bestickt war. Seine breite Hand griff in den linken Ärmel und zog eine winzige Phiole daraus hervor. Zwischen Daumen und Zeigefinger haltend brachte er sie vor die neugierigen Blicke seiner Studenten, die sich näher an den Tisch drängten, um sie zu betrachten.

Sie war kaum so groß wie sein kleiner Finger und dünner im Durchmesser, mehr ein Splitter als ein echtes Glas. Verschlossen war sie mit einem zierlichen Stopfen aus Silber, der direkt in eine Kette überging, die dem Meister um das Handgelenk liegen musste.

Hinter dem klaren, dünnen Glas, befand sich etwas, das Blut sein mochte. Es war den Studenten nicht fremd. Seit Monaten untersuchten sie gewöhnliches Menschenblut bereits in allerlei Experimenten, die die Akademie kaum gut heißen würde. Sie spalteten es in seine Bestandteile, lösten die Metalle daraus oder reicherten es mit künstlichen Stoffen an, um seine Leistung zu steigern, um es von Giften zu befreien oder wirksamer zu gestalten. Ganz ähnlich, wie Sportler oder Soldaten bisweilen ihr Blut mit gewissen Mitteln versetzten, um furchtloser oder athletischer zu werden.

Sie hatten sich öfter gefragt, woher dieses Material ihrer Forschung wohl kam, waren aber ausnahmsweise einhellig zu der Erkenntnis gelangt, dass ein Professor sicher seine Mittel und Wege hätte. Besonders Georg Schlüsselburg hatte angemerkt, dass der Meister weitreichende Verbindungen in der Akademie und vor allem den medizinischen Fakultäten des Charoninstituts hatte. Es wäre ihm ein leichtes, Spenderblut aus den Blutbanken zu beschaffen.

Die Flüssigkeit, die er ihnen aber nun präsentierte, war anders und doch auch wieder nicht. Im Rauch des Laboratoriums schien es fast schwarz zu sein, dunkler als das gewöhnliche Blut, mit dem sie bisher hantiert hatten. Es bewegte sich auch anders, als Meister Josef es langsam drehte und wandte. Nicht, wie gewöhnliches Blut, sondern zähflüßiger.

Auch war es eine lächerlich geringe Menge, kaum mehr als ein Fingerhut voll.

„Ein einzelner Tropfen hiervon enthält die Essenz von dutzenden oder hunderten Leben, die er aufgesogen hat wie ein trockener Schwamm das Wasser. Dieser eine, einzelne Tropfen ist potent genug, selbst klaffende Wunden zu heilen“, erklärte Meister Josef ehrfürchtig.

„Die ganze Phiole ist genug, jemanden vom Totenbett zu holen, sein Leben um Jahre zu verlängern. Dieses Blut hier ist dicker, essenzieller als alles, was euch bekannt ist. In ihm liegt die Kraft eines vollen Lebens. Ein ganzer Kelch davon…“

Der alte Herr schauderte wohlig beim Gedanken, seine Hand begann zu zittern vor ihren Augen.

Schweigen hatte sich ausgebreitet, nur das Zischen der Geräte und das Dampfen des kleinen Schmelzofens schwebte in der Luft. Die Studenten wagten kaum zu atmen, selbst Karl war gefangen genommen worden von den Versprechungen, die ihr Meister tat.

„Diese Vitalisten mit ihrer Theorie der Lebenskraft waren keine vollkommenen Narren“, fuhr er fort. „Was auch immer die Lehrmedizin ihnen nachsagen will: Es ist keine völlig falsche Vorstellung, dass frisches Blut einen gesundenden Effekt hat. Dass es den gebrechlichen Körper zu verjüngen vermag, dass dem Lebendigen eine eigene Kraft zukommt, die verborgen ist in seinen Eingeweiden und im Spiel der Chemikalien. Solange es das richtige Blut ist, das echte, gibt es in einem gewissen Sinne eine vis vitalis.

Er schmunzelte, schob seine alten Lippen zu einem gehässigen Lächeln zurecht, das die Stimmung im Raum weiter strapazierte. Seine tabakgelben Zähne zeigten sich, wie so oft, wenn er sich einen Spaß machte.

„Sie hatten bloß den falschen Stoff zur Verfügung, das abgestandene und beinahe dünne Blut eines gewöhnlichen Menschen. Das hier dagegen…“

Er hob die winzige Phiole weiter, ein Stückchen höher als seinen eigenen Kopf, sodass er sie über den Rand seiner dünnen Brille hinweg ansah.

„Das hier ist das wahre Blut, meine Herren, essentialisiert und angereichert. Es ist die Materia Prima“

Seine braunen Augen wandten sich von dem Gefäß ab, wanderten wieder zu seinen Lehrlingen. Sie alle starrten zu der Phiole empor mit einer Mischung aus Neugier und Unglaube. Auf ihren Gesichtern konnte er die Fragen ablesen, die ihnen durch den Kopf gingen. Wie es sein könnte, ob es sein könnte? Ob wirklich in diesem zarten Gläschen dort in seiner Hand das Geheimnis des Lebens stecken könnte, das diese jungen Studenten der Medizin schon so lange suchten? Dem sie ihre Karriere als Ärzte und Heiler verschrieben hatten?

Sie alle blickten mit einer gewissen Verwunderung hinauf.

Alle bis auf Karl, dem nicht nur der Zweifel ins Gesicht geschrieben stand – sondern die Abscheu. Der Widerwille gegen die pathetischen Übertreibungen, gegen die Versprechungen, die ihm wie eine weitere Falle erscheinen mussten. Eine Lüge ihres Meisters, um sie zu verunsichern, ihren kritischen Geist zu prüfen.

„Gib mir deinen Arm, Junge“, sagte der Meister zu ihm und streckte seine freie Hand erwartungsvoll vor.

Karl legte den Blick darauf, unsicher.
Es war eine knochige Hand, von blauen Venen knotig durchzogen. Die Nägel waren gelb vom vielen Tabak, den sie in Pfeifen stopften, von den Chemikalien, mit denen er hantierte. Die Finger waren lang, schmal und feingliedrig. Eine knorrige Klaue mehr, die sich ihm fordernd entgegen streckte.

Karl zögerte noch, blickte wieder zu seinen Freunden und Konkurrenten, die sich seinen Blicken abermals entzogen.

Meister Josef wurde ungeduldig. Er schnellte nach vorn, packte Karls Unterarm und zog ihn zu sich über den Tisch. Nägel bohrten sich in sein weiches Fleisch, Geräte schepperten zur Seite, als der Student mit dem Oberkörper auf die Keramikfläche zwischen sich und dem Meister knallte.

Karl entfuhr ein Schrei, der sich durch den Labordunst schraubte.Die Anderen stoben auseinander, machten einen halben Schritt zurück, waren aber unfähig den Blick abzuwenden vom Schauspiel. Auch Karl war gefangen in makaberer Faszination.

Der Alte war kräftiger als seine schlaffe Gestalt, das graue Haar und der zerzauste Backenbart vermuten lassen würde. Sein Griff erstickte Karls Gegenwehr im Keim, verdrehte ihm den Arm ohne Anstrengung und ließ ihn in dieser unangenehmen Position verharren – den Oberkörper auf die vordere Hälfte des Tisches gepresst, den Arm erhoben und halb gedreht.

Mit einer fließenden Bewegung ergriff der Meister ein Skalpell auf dem Tisch und brachte Karl einen klaffenden Schnitt von gut zwanzig Zentimetern Länge bei, quer über den Arm.

Blut rann Karls Fleisch entlang, floss über die feinen Adern seines Unterarmes und die dicker werdenden Muskelstränge. Er beobachtete, wie es sich in der Beuge seines Ellbogens sammelte, um schließlich herunter zu tropfen in eines der vielen Gefäße auf dem Labortisch.

Auf Karl machte der Fall der Tropfen den Eindruck der äußersten Langsamkeit. Als weigerte sich das Blut, seinen Körper zu verlassen und strebte danach, so lange als möglich an seinem Fleisch zu kleben.

Endlich aber, nach einer halben Ewigkeit, traf der Tropfen auf die Oberfläche eines gewöhnlichen Tiegels. Er schwebte über der gläsernen Oberfläche, benetzte sie und zersprang in winzige Teile. „Eins“, zählte Karl in Gedanken mit.

Ein weiterer Tropfen fiel von seinem Arm herab, gesellte sich zu den Trümmern des ersten.

„Zwei“, zählte er weiter.

Noch einer und noch einer. In immer rascherer Folge, bis aus den Tropfen ein Rinnsal wurde, ein kleiner Strom, der sich warm über sein Fleisch ergoss und in kaltem Glas endete.

Tränen standen ihm in den Augen, während er sein Leben entkommen sah und ihm übel wurde.

Bis der Tiegel zur Hälfte gefüllt war.

Meister Josef ließ das silberne Skalpell fallen und holte erneut die Phiole aus seinem Ärmel. Er reckte sie in die Höhe, bis sie gleichauf mit derjenigen Hand war, die Karls Handgelenk umklammert hielt. Wie ein heiliger Mann bei der Messe bewegte er sich langsam, wählte seine Worte achtsam.

Mit Daumen und Zeigefinger löste er den filigranen Drehverschluss des Gläschens und brachte seine Hände näher beisammen. Karl jaulte auf, als ein kurzer Ruck seinen Arm höher in die Luft zog. Die Anderen kamen näher heran, betrachteten seine Wunde. Der Meister ignorierte seine Schmerzenslaute für den Augenblick.

Stattdessen wandte er sich an die ganze Gruppe.

„Fürchtet euch nicht, Zeuge von etwas zu werden, das die Welt ein Wunder nennen würde oder Hexerei. Denn es ist nichts weiter als der Sieg des Verstandes über die Natur.“

Dann senkte er die Öffnung der Phiole andächtig, brachte die Flüssigkeit darin in Bewegung, bis sich ein einzelner, dunkler Tropfen daran sammelte. Ein Tropfen, der mit unendlicher Langsamkeit in die Wunde fiel, die der Professor eben in das Fleisch seines Studenten geschnitten hatte.

Und vor ihrer aller Augen…schloss sie sich.

Der einzelne Tropfen der Prima Materia schlängelte sich durch das rote, klaffende Fleisch, floss durch die blutige Wunde und hinterließ nur frische, junge Haut.

Meister Josef entließ sein Handgelenk ohne große Worte, aber mit einem Ausdruck vollster Zufriedenheit im Gesicht. Noch schwach vom Schock kam Karl auf die Beine, schwankte nach hinten zu den anderen, den Blick ungläubig auf seinen Arm gerichtet, so wie sie.

Noch ehe sie recht begreifen konnten, was geschehen war, forderte die knurrige Stimme des alten Meisters wieder ihre Aufmerksamkeit.

„Sie zweifeln nicht länger an meinen Worten, meine Herren. Sehr gut. Da wir diese kleine Störung nun beiseite gewischt haben, wollen wir mit dem regulären Teil des Abends fortfahren. Hier vor mir in diesem Tiegel befindet sich nichts als frisches, junges Blut – so frisch, tatsächlich, das kein Zweifel an seiner Herkunft bestehen kann.“

Wieder zogen sich seine Lippen zu jenem gehässigen Lächeln auseinander. Erneut schwenkte er die Phiole vorsichtig, über dem Tiegel diesmal, und entlockte ihr einen weiteren Tropfen,

Zunächst geschah gar nichts. Der einzelne Tropfen der Prima Materia versank im Tiegel und schien vollständig darin verloren zu gehen.

Dann aber begann das Blut zu reagieren.

In der Mitte des Tiegels bildete sich zunächst ein karmesinroter Fleck, der sich deutlich vom ungleich helleren Blut Karls abhob. Die Flüssigkeit geriet vom Zentrum her in Bewegung, als koche sie. Es war, als hätte der Meister Natriumsulfit in gewöhnliches Wasser gegeben, so heftig und rasch begann die Flüssigkeit zu blubbern.

Die erste, hellere, Masse verblieb in der Mitte des Tiegels. Das gewöhnliche Blut rund herum brach auseinander. Es spaltete sich selbst auf, zertrennte sich in Tropfen und Pfützen, spritzte an die Wände des Tiegels, als versuche es vor dem Fremdkörper in seiner Mitte zu fliehen.

Dünne Fäden streckten sich von der Prima Materia aus in die Masse des Blutes. Eine Art von Puls ergriff die ganze Flüssigkeit darin, ließ sie erbeben und… sog sie zurück. Das Blut kroch zurück, Millimeter um Millimeter, auf das Zentrum des Tiegels zu. Auf den einzelnen Tropfen zu, der alles aufnahm. Der das viele Blut aufnahm wie ein ausgedörrter Schwamm den Regen, ohne dabei an Masse zuzulegen.

Zurück blieb eine kleiner Tropfen von karmesinroter Färbung, der im Neonlicht des Labors schimmerte. Kaum größer als derjenige Tropfen, den der Meister in den blutigen Tiegel hinein gegeben hatte.

Meister Josef senkte seine Arme wieder, schob seine Hände in die Ärmel seiner Robe zurück, mit ihnen die Phiole. Sie alle krochen näher, um das wunderliche Überbleibsel dieses Experiments zu bestaunen.

„Nun, meine Herren: Denken sie über das eben gesehene sorgsam nach. Bis nächsten Monat erwarte ich von jedem von ihnen zweitausend Wörter über die Mängel des vitalistischen Ansatzes und was ihrer Meinung nach für diesen wundersamen Prozess, dessen Zeuge sie soeben waren, tatsächlich verantwortlich ist. Wir werden das Rätsel in der nächsten Sitzung lösen.“