Hendrik Schakal – Teil II: Gefühle in Öl

Achtundzwanzig Tage verstrichen. Achtundzwanzig Tage, an die ich mich nur bruchstückhaft erinnern kann. Während deren ich so intensiv lebte, wie nie zuvor.

Achtundzwanzig Tage, bis es zur Behandlung meines kranken Geistes nötig war, die nächste Phiole des guten Doktors einzunehmen.

Es war ein erhabenes Gefühl und schrecklich. Haben Sie jemals die Kontrolle über sich verloren, wahrhaft einen Rausch gehabt, eine Raserei der Seele? Das und nichts anderes habe ich während dieser Tage durchlebt. Wie in einem Wildwasserstrom zogen Gefühle, Erinnerungen, selbst Menschen, an mir vorbei. Ich griff nach einigen davon, bekam aber keinen zu fassen. Sie entglitten mir wie die rettenden Äste am Ufer einer nassen Hand entglitten.

Als ich aus dem Strom auftauchte, schmerzte mir alles. Meine Augen glühten. Sie glühten, sie brannten wie kleine, braune Kohlen und sie versengten alles, worauf mein Blick sich legte. Ich lag auf dem Boden meines Zimmers und starrte an die Decke. Sie war die einzige Stelle im Raum, die nicht mit Bildern oder Skizzen angefüllt war. Die einzige freie Fläche, weiß und unschuldig, die ich ansehen konnte, um meinen Gedanken ein wenig Ruhe zu geben. Ich versuchte, mich an die vergangenen Wochen zu erinnern, aber ich bekam nichts aus mir heraus. Keine klaren Gedanken jedenfalls. Es waren Eindrücke, die ich zu fassen bekam. Wie das Nachbrennen der Sonne auf der Netzhaut.

Aus den Augenwinkeln sah ich die Bilder, die ich in den letzten Tagen gemalt haben musste, und erschauderte. Um sie alle legte sich eine Aureole, eine Halo. Sie quälten mich mit einer Intensität, die ich nicht beschreiben kann. Ich sah sie so deutlich vor mir, wie ich Sie jetzt vor mir sitzen sehe, mit der aderblauen Marmorierung ihres Fleisches, so wie ich das Loch in Ihrem linken Hosenbein und die fehlende Manschette sehe. Ich verschloss die Augen vor ihnen.

Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein Geruch von verbranntem Tee, von Nadelwald und altem Stoff überfiel mich. Keine Schritte waren zu hören, die Witwe Feodorowna verharrte in der Tür.

Mein Zimmer musste einen wilden Anblick bieten. Dutzende, wenn nicht hunderte Bilder und Skizzen lagen, hingen, klebten und stapelten sich auf jeder freien Fläche. An Schrank, Schreibtisch, Fensterbrett und Regalen. Inmitten meiner Bilder, umgeben von Farbe und Farbpaletten und dem dicken Gestank von Öl, der sich so tief in meine Haare und Kleidung gefressen hatte, dass ich ihn gar nicht mehr wahrnahm, lag ich. Wie eine ausgequetschte Tube Farbe.

Die alte Frau zögerte. Ich öffnete die Augen. Sie fühlten sich glasig an, wie ausgebrannt. Ich beobachtete sie. Sie betrachtete die Bilder. Die Grimassen, die ich gezeichnet, die Auren, die ich um sie her gemalt hatte. Von zwei Dutzend Leinwänden grinste sie die rohe Emotionalität des Menschen an. Lassnig war ein Nichts dagegen, noch viel zu konkret, viel zu formhaft. Sie gab den Körpern eine Seele – ich aber hatte der Seele Farben gegeben.

Es musste ein grässlicher Anblick sein.

„Kommen Sie ruhig“, sagte ich. „Verzeihen Sie die Unordnung, ich bin nicht dazu gekommen. Nehmen Sie die Dinge ruhig beiseite, setzen Sie sich, wenn Sie mögen.“

Die Witwe schlich durch den Bilderwald, versuchte, auf keine der Rahmen oder Leinwände zu treten, wich den Pinseln und Farbtöpfen aus. Einige Zeit später stand sie über mir, ihr Gesicht halb verdeckt von dem Silbertablett in ihren Händen.

Der Tee darauf kochte noch. Er roch wie ein Tannenwald. Stark, schwarz, mit einem distinkten Raucharoma.

„Sie arbeiten zu viel“, sagte sie. Ich fühlte ihren Blick durch das Zimmer streifen, wie ich eine fremde Hand in meinem Kopf gefühlt hätte.

Ich schnaubte.

„Ich arbeite noch nicht genug. Sie wissen, wie es vorher war? Wie Zähne ziehen.“

Die Wohnung, in der ich mich damals einquartiert hatte, gehörte ihr. Einer alte Frau, sechzig oder siebzig Jahre, die seit ich sie kannte von der Pension ihres Mannes lebte. Er musste ein russischer General oder wenigstens Offizier gewesen sein, dem Sie nach dem Krieg nachgefolgt war. Als er gestorben war, hatte sie Ihre Heimat bereits seit vierzig oder fünfzig Jahren nicht mehr gesehen und war daher in der Stadt geblieben.

Nur war ihr ihre große Wohnung zu kalt, sehen Sie? Zu einsam, um sie mit nichts als Geistern und Katzen zu füllen. Also vermietete sie einige Zimmer an Leute wie mich. Und Johann Wagner.

„Es stinkt hier“, sagte sie. Sie hatte den Tee auf den Schreibtisch gestellt, der noch übersät war mit Skizzenblättern, Zeichnungen, heraus gerissenen Fotografien. Sie öffnete die Fenster und die Luft stach mir in die Augen. Fast erstickte sie mich, diese kalte Luft.

Ich richtete mich auf. Die Alte umgab ein dünner Film. Wie eine Ölschicht auf dem Wasser, hätte ich vielleicht gesagt. Oder die selbe Art von Aureole, die meine Bilder umgab. Wenn ich mich anstrengte, konnte ich in diesem schwimmenden Gebilde Farben erkennen, die sie und ihre Gefühle dominierten. Knallpinkes Mitgefühl mit mir, Großzügigkeit in Rosa und unter allem – wie ein Spiegel – eine silbrige Traurigkeit.

Ich blinzelte den Eindruck fort und goss uns beiden etwas von ihrem Tee ein. Sie setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl.

Ich wärmte mich an dem Becher in meiner Hand, starrte den aufsteigenden Wasserdampf an. Immerhin schrie er mir nicht sein Seelenleben entgegen. Aber selbst dort, selbst in dieser Bewegung von Vapor, entdeckte ich Schönheit. Entdeckte ich Gefühle, die aus mir heraus kamen.

Mir juckte es in den Fingern, ich suchte mit dem Blick nach einem Pinsel, der diesen feinen Tanz einfangen könnte.

„Ich mache mir Sorgen um Sie“, sagte Feodorowna.

Meine Aufmerksamkeit schnappte zu ihr zurück. Sie hatte ein eingefallenes Gesicht, runzlig, wie es nur Menschen haben konnten, die nicht nur die Nazis, sondern auch die Stalinisten überlebt hatten. Es war nicht grau, nicht alt. Sondern weiß, als hätte ihr Leben alle Farbe aus ihr heraus gesaugt. Sie gebleicht, bis nichts mehr als Knochen und Leib an ihr war.

„Die Miete diesen Monat wird pünktlich sein“, sagte ich. „Ich werde die letzten Monate auch sofort bezahlen können. Zweifeln Sie nicht daran: Ich werde eines dieser Bilder verkaufen können oder drei.“

„Genau das macht mir Sorgen. Sie arbeiten so viel. So plötzlich.“

Ich leckte mir die Zähne, wich ihrem Blick aus. Er war Nadeln, die meine Blase durchdrangen.

„Es ist eben ein spontaner Anfall. Eine Inspiration, Feodorowna, die ich lange nicht gespürt habe. Als wären Ketten von mir abgefallen.“

„Es ist beängstigend. Sie sind nicht mehr sie selbst.“ Dumpf hörte ich das Tapsen ihres Eheringes auf dem silbernen Becher. Sie war unruhig. Ich wusste, was gleich kommen würde. Was immer kam, wenn Sie mir Tee brachte, nur um ein Gespräch zu suchen.

„Sehen Sie mich an, Hendrik.“

Wie eine Mutter zu einem ungehörigen Kind. Oder eine Großmutter zu ihrem Enkel. Ich folgte ihrem Befehl. Selbst ihre Augen waren grau. Silbriggrau, wie der Spiegel auf dem Grund ihrer Seele. Als würde aus ihrem Gesicht kein Mensch sehen, sondern ein Engel. Ein Wesen, das diese Welt hinter sich gelassen hatte, das nur noch im Leib am Leben war, dem die Zeit aber alles menschliche heraus gebleicht hatte. Ich spürte in meinen Fingern dieselbe neue Unruhe, den Drang einen Pinsel zu nehmen und sie in Ewigkeit zu bannen, bevor sie verschwand. Bevor mir die Inspiration wieder flüchtete.

„Nehmen Sie Drogen?“

„Was?“

Ich blinzelte.

„Nehmen Sie Drogen?“, fragte sie wieder. „Lügen Sie nicht. Ich habe das bei anderen Jungen gesehen. Bei Soldaten. Erst Kriegszittern, das bis in die Träume reicht. Dann Lethargie und zerrüttete Nerven. Dann greifen sie zu Drogen. Zu Pervitin und was es heute nicht noch alles gibt. Dann bricht es aus ihnen heraus: Härter, intensiver als sie je zuvor waren.“

Ich lachte und schüttete mir den Tee über die Hand und die Oberschenkel. Das heiße Brennen spürte ich kaum.

„Nein“, sagte ich.

Ich überlegte einen Augenblick, schüttelte den Kopf.

„Das heißt ja“, sagte ich, „aber auf Anordnung des Arztes. Ich habe mich in Behandlung begeben, vor einigen Wochen. Wegen dieser… dieser Zustände. Sie entsinnen sich? Ich kam erst spät zurück. Der Arzt gab mir ein Mittel und ich habe es eingenommen. Vor einigen Tagen war ich erneut bei ihm, er hat sich meine Fortschritte angesehen und gab mir das zweite Mittel.“

„Also nehmen Sie Drogen.“

„Unter Aufsicht eines Arztes, ja.“

Feodorowna runzelte die Stirn. Sie schien nachzudenken, sagte aber nichts. Sie griff in die Schublade, die ich ihr angewiesen hatte, und zog die Phiole heraus. Wie die erste war sie klein, mit einem Korken und einem Wachsiegel versehen, und enthielt eine beinahe schwarze, zähe Flüssigkeit.

„Mir gefällt es nicht“, sagte sie. Sie ließ die Phiole auf einen Stapel Skizzen fallen, stand auf. Sie war so klein, dass sie meine sitzende Gestalt kaum um einen Kopf überragte.

„Es ist gefährlich“, sagte sie. Ihre Stimme war hart geworden.

„Unsinn. Sie machen sich unnötige Sorgen, Feodorowna. Ich bin in Höchstform, so energiegeladen wie noch nie in meinem Leben…“

„Sehen Sie sich ihre Bilder an“, befahl sie. Sie nahm willkürlich eines davon hervor, hielt es so, dass ich es sehen konnte.

Es zeigte die Fratze eines Mannes. Obwohl sein Gesicht normal schien, von keiner Narbe oder Regung verzerrt, wirkte es entstellt. Hass sprang daraus hervor. Rot und Purpur mischte sich zu mörderischen Intentionen, die nur zu bereit schienen, aus der Leinwand heraus zu greifen. Als wolle er die Pranken um den Hals des Betrachters legen und ihn würgen.

Ich erinnerte mich nicht, es gemalt zu haben.


„Das sind nicht sie“, sagte Feodorowna. „Ich weiß nicht, wer das ist, wer dieses Bild gemalt hat, aber nicht Sie. Sie könnten so etwas nicht.“

Ich sprang auf. Tee spritzte auf den Boden, auf die Papiere.

„Weil ich nicht gut genug bin? Ist es das, was sie sagen? Dass ich zu schlecht bin, diese Bilder zu malen, dass ich Drogen brauche, um fähig zu sein? Ich kann malen, Feodorowna, ich kann malen wie kein zweiter und diese Bilder, sie sind nichts, nicht einmal ein Anfang. Sie sind die Aufwärmübungen eines Genies, des nächsten Pollock! Wieso können Sie so etwas nur sagen?“

Ich hatte nicht bemerkt, dass ich die Stimme erhoben hatte. Aber das hatte ich. Feodorowna wich zurück, das Bild wie einen Schild vor sich haltend.

„Weil Sie nicht böse sind“, sagte sie.

Sie flüsterte. Sie sah so klein aus, so zerbrechlich. Wie eine Puppe, nicht wie ein Mensch. Ich könnte sie schütteln. Mit einer Hand hätte ich sie schütteln und fortschleudern können. Wie eine Puppe.

„Diese Bilder sind böse. Sie zeigen das schlechteste im Menschen. Ich habe Sie mir angesehen, als Sie fort waren. Wenn Sie ausgehen, um im Schlamm und Schmutz der Stadt zu suchen, dann lassen Sie Ihre Tür unverschlossen. Das sind nicht Sie, Hendrik. Das ist Wut und Hass und Lust und Gier und Neid, die Sie malen. Aber nicht sich. Nicht das, was in Ihnen ist.“

Ihre Worte verletzten mich. Ich weiß nicht, ob es die ersten Anzeichen des Entzugs waren oder ihr Tonfall, aber ich fiel nach hinten, auf mein Bett. Ich weinte. Der Becher fiel endgültig aus meiner Hand. Der Tee ruinierte die letzten Skizzen, an denen ich gearbeitet hatte.

Feodorowna legte das Bild behutsam zur Seite, mit dem Gesicht nach unten. Als fürchte Sie, wenn Sie es zerstörte, würde ein Geist aus den Rissen und Löchern der Leinwand steigen. Sie sank neben mir auf die Matratze, legte mir die Hand auf die Schulter.

„Ich weiß“, flüsterte ich. „Aber ich muss. Ich muss einfach. Sie können sich nicht vorstellen… Mag sein, dass das nicht ich bin in diesen Bildern. Aber es ist jemand, irgendjemand. Vorher war ich ein Niemand. Und das sind meine Bilder. Verstehen Sie? Ich kann nicht… Ich kann nicht nicht malen. Ich muss es. Und ich selbst, ich kann nicht malen. Nicht mehr. Seit Jahren nicht. Sie erinnern sich? An diese Qualen? Diesen Frust? Mit der Miete im Rückstand für sieben Monate, weil ich nicht ein erbärmliches Portrait verkauft das ganze Jahr? Weil ich seit Jahren nicht eines beendet habe?“

„Hendrik“, sagte sie und ihre Stimme war ganz weich, ganz sanft. Wie Balsam auf meiner rohen Seele. „Ist es das Wert? Sich selbst zu verlieren, meine ich?“

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf, barg ihn in den Händen. Die nächsten Worte fielen mir so unendlich schwer, noch so viel schwerer als meine Entscheidung, einen Arzt aufzusuchen.

„Aber ich ertrage mich auch selber nicht.

Ich kann nicht ich selbst sein… Und ich kann nicht, nicht anders sein. Nicht mit Drogen, nicht ohne. Es ist ein Rausch, eine Raserei der Seele. Aber was soll ich tun? In meinem Elend liegen? Ich kann nicht anders. Ich muss doch etwas tun.“

Feodorowna stand auf.

„Ich habe Angst vor Ihnen, wenn Sie so sind, Hendrik“, sagte sie. Sie war ganz leise, ganz behutsam. Als fürchte sie, ein falsches Wort könnte mich in diese Wut zurück stoßen, die ich gezeigt hatte. Ich weiß, dass ich es ebenso fürchtete.

„Ich habe Angst, dass Sie… Dass sie etwas tun, das sie vielleicht bereuen. Nur um irgendetwas zu fühlen. Sie sind nicht kalt, Hendrik. Tief in ihrem Inneren leben Sie. Egal, was Sie glauben oder behaupten. Tief in Ihnen drinnen leben Sie noch und Sie müssen nur wieder zu sich selbst finden.“

„Ich weiß nicht wie“, sagte ich. „ich weiß es nicht.“

Die Witwe hob den Silberbecher auf, den ich fallen gelassen hatte. Sie stellte ihn zu ihrem auf das Tablett zurück und ging halb hinaus.

„Wenn Sie jemals Hilfe brauchen“, sagte sie, „oder nur jemanden zum reden… Ich bin hier für Sie. Vergessen Sie das nie, Hendrik. Und jetzt kommen Sie, wir wischen den Tee vom Boden. Und sie räumen diese grässlichen Bilder aus dem Weg oder verbrennen Sie und morgen… Wir werden sehen, wie Sie sich morgen fühlen. Dann entscheiden Sie.“

Einen Augenblick zögerte ich, atmete die kühle Luft ein, die durch das Fenster strömte. Sie hatte den Ölgestank vertrieben und erstickte mich nicht länger. Dann machte ich mich ans Werk, die Bilder aus dem Weg zu räumen. Ich musste Raum schaffen für neue Bilder – und neue Gefühle.

Als ich an dem angekommen war, das Feodorowna wie einen Schild gegen mich benutzt hatte, hielt ich inne. Ich entsann mich nicht, es gemalt zu haben. Die Erinnerung war in einem dieser Tage verloren gegangen, die sich meinem bewussten Zugriff entzogen.

Aber ich sah, was ihr solches Unbehagen bereitete, obwohl sie nichts von Farben, von Komposition und Material verstand. Es war lebendig. Nicht lebensecht, keine Nachahmung, sondern wirklich lebendig, wie aus Fleisch und Blut.

Und in meinem Hinterkopf meldete sich eine leise, eine hässliche Stimme.

Es war nicht mit Farbe gemalt.

Alt

„I feel like I‘m being yanked around on a chain I can‘t see. Like I‘m an automaton, driven by impulse, by raw emotion.

Aber wenn ich sie nicht nehme… Bin ich ein Automat ohne Antrieb. Eine zerschlagene Maschine ohne Motor. Verstehen Sie? Ich fühle gar nichts dann, oder ich fühle alles. Einen anderen Weg gibt es nicht. Ist es nicht besser, ist es nicht besser, alles zu fühlen, als gar nichts? Ein Gefäß zu werden für die Gefühle anderer, die mich aus diesen Bildern anspringen? Auch wenn es schlecht ist?“

Hendrik Schakal – Teil I: Die Sonne meiner Seele

Mein Untergang begann mit einem Arztbesuch.

Ich hatte damals seit einigen Jahren Probleme mit dem, was man meinen Geisteszustand nennen könnte – Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Lethargie, das übliche – und mich nach einigen Überwindungen entschieden, die Hilfe eines Fachmanns in Anspruch zu nehmen.

Dieses Vertrauen war nur der erste in einer langen Reihe von Fehltritten, die mich mit einigen Umwegen schließlich in die Hölle führten.

Nicht die sprichwörtliche, ich bitte mein Leiden Ernst zu nehmen und nicht mit religiösen Gefühlen zu verspotten. Ich meine die wirkliche Hölle, die die anderen Menschen sind. Die wir im täglichen Miteinander errichten. Dieselbe, in der jedem Gesicht seine versteckte Bösartigkeit eingeschrieben sind, in der in jeder Geste eine Hinterhältigkeit zu lesen ist.

Ich weiß, dass Ihnen all das wie das Gestammel eines Irren vorkommen muss. Und ich gebe Ihnen recht. Bevor ich mich freiwillig der ärztlichen Untersuchung unterwarf, war ich bloß ein Irrer. Ich war lethargisch, geistig blind gegenüber meinen eigenen Bedürfnissen und denen anderer – aber doch harmlos. Wirklich sehen lernte ich erst danach. Der Prozess, den ich beim Nervenarzt durchlief, öffnete mir die Augen für diese Wahrheit in mir selbst.

Ich sehe seitdem klarer die Hässlichkeit in meiner eigenen Seele, falls sie denn existiert.

Ich erinnere mich, wie ich dort saß, in dem großen Büro des Herrn Doktor im Dachgeschoss seines Sanatoriums. Wie viel Furcht ich vor ihm hatte, der sich doch nach bestem Wissen und Gewissen bemühte, meiner Krankheit auf den Grund zu gehen. Ich war nervös, weil ich den halben Tag in den Gängen und Wartezimmern der Anstalt verbracht und weil ein Arzt nach dem anderen kurz mit mir gesprochen und mir die selben Fragen wie der vorherige gestellt hatte, nur, um mich dann an den nächsthöheren zu übergeben.

Es war eine kleine Irrfahrt gewesen. Mit jeder verstreichenden Stunde wurde ich unruhiger. Es war eine endlose Ungeduld in mir. Zwar hatte ich eingesehen oder jedenfalls vermutet, dass meine Heilung einige Zeit in Anspruch nehmen würde, doch derart lange Wartezeiten und Ungewissheit…

Gegen Abend schließlich landete ich dort. Im Büro des Anstaltsleiters.

Ein jovialer Mann, schien es mir damals, mit einem altmodischen Backenbart und einem freundlichen Blick, der mit aller Gewissenhaftigkeit die Untiefen meiner Seele erforschte.

Ich hatte die Hände zwischen den Knien und starrte auf die Unterlagen vor ihm. Ich kam mir albern vor, als er die von mir angegebenen Beschwerden vorlas. Wie ein kleiner Junge, der eine Dummheit gestanden hatte und nun von Erwachsenen dafür belächelt wurde.

„Sie sind beständig müde und antriebslos“, sagte der Doktor, „fühlen Ihre Triebe unterdrückt, wie gedämpft und sehen sich in Ihrer Arbeit beeinträchtigt.“

Ich nickte, ohne etwas zu sagen.

„Sie sind Künstler und fühlen sich blockiert.“

„Maler, genau genommen“, sagte ich.

„Sie wollen sich selbst einliefern lassen“, sagte der Doktor. „Weil sie sich in ihrem Geisteszustand beschädigt sehen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Er hatte mir noch gar keine Fragen gestellt, die ganze Zeit nicht. Ich glaube, er wiederholte überhaupt nur meine eigenen Antworten, die ich seinen Kollegen bereits gegeben hatte.

„So ist es.“

„Hm“, brummte der Doktor. „Ich liebe Malerei. Besonders natürlich Füssli und Friedrich. Die modernsten und verständigsten Köpfe unserer Zeit.

Sehen sie mich bitte an, Hendrik. Ich darf doch Hendrik sagen?“

„Natürlich, Herr Doktor“, sagte ich, ohne aufzublicken.

„Hm“, macht der Doktor wieder. „Sie sind freiwillig zu uns gekommen, sehe ich das richtig?“

„Ganz recht. Weil ich… weil ich mich für krank halte. Im Kopf eben. Krank im Geist, nicht im Körper. Obwohl auch der sich schwach anfühlt. Es sticht und zieht an allen Stellen. Ich… Ich war einmal gesund. Früher. Jetzt nicht mehr.“

Ich leckte mir die Lippen, starrte zwischen meinen Knien hindurch. Des Doktors Büro verfügte über einen Teppich mit sehr feinem Muster. Silbergewirkt, dachte ich, mit vielen Wirrungen und Irrungen und Heraldik. Ich glaubte sogar, einen Schlüssel darin zu erkennen, nach dem Muster alter Märchenbücher.

Irgendetwas in mir sträubte sich, ihm in die Augen zu sehen. Selbst als ich den Blick endlich hob, sah ich ihm auf die Ohren oder das Kinn. Aber nicht in die Augen.

„Und wie glauben Sie, dass wir Ihnen helfen können, Hendrik?“

„Das… Also das weiß ich nicht. Deswegen bin ich ja hier. Weil ich nicht weiter weiß. Weil ich leide.““

„Also dieses Urteil müssen Sie schon dem Fachmann überlassen“, sagte der Doktor. Er hatte eine Augenbraue nach oben gezogen. Sie war buschig wie ein Pinsel aus Eberhaar, und verlieh ihm trotz seiner belustigten Miene einen tyrannischen Blick.
„Also Hendrik, das ist höchst irregulär. Sie dagegen scheinen mir gänzlich regulär. Üblicherweise kommen unsere Patienten nicht freiwillig zu uns, sie verstehen? Und normalerweise lässt sich schnell heraus finden, inwiefern sie… Verrückt ist ein hässliches Wort. Sagen wir also: Inwiefern diese Menschen geistig abnorm sind.“

Ich zögerte einen Augenblick und wünschte, ich hätte eine gute Antwort darauf gehabt. Vielleicht hätte ich dann mein Problem ernstlich behandeln können.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Sie werden es versuchen müssen. So, wie es derzeit steht, halte ich sie vielleicht für ein wenig erschöpft, aber diese Dinge sind normal. Vor allem unter Kreativen sind solche Phasen ganz gewöhnlich.“

„Mein… mein Leben ist grau. Ich lebe es, bewusst und bestimmt und rational, aber… Aber ich fühle nichts. Verstehen Sie? Ich fühle mich wie gefangen in meinem eigenen Verstand. Als würde ich hinter dicken Gitterstäben sitzen und eine Welt dort draußen betrachten, von der ich kein Teil bin. Es gibt keine Gefühle in mir, in meiner Welt. Nur dort draußen. Aber dort komme ich nicht hin.“

Der Doktor betrachtete mich einen Augenblick lang eindringlich. Irgendetwas in mir, irgendeine Verzweiflung in mir, ließ mich aufblicken. Ich fühlte mich, als ob sein Blick sich in meinen Geist fraß, als ob er all das in meinen Augen las, was ich zu sagen nicht in der Lage gewesen war. Mir war, als wäre ein Gewicht nicht von meiner Brust genommen, sondern dort heraus gerissen worden.

„Hm“, sagte der Doktor wieder und nickte dieses Mal. „Wenn die Sache sich so verhält.“

Der Doktor wuchtete sich hoch. Eine beeindruckende Gestalte, dachte ich. Trotz seiner geringen Körpergröße war er ein Mann von Format. Etwas an der Art, wie er sich bewegte. Er ging zu den Regalen, die die eine Seite des Büros einnahmen. Zwischen den Büchern und den Eichenschränken befand sich ein Medizinschränkchen, vielleicht ein Drittel so breit wie er. Aus der Innentasche seiner Weste holte er einen schweren Eisenschlüssel und öffnete den Schrank.

Eine endlose Aneinanderreihung von Tigelchen, Fläschchen, Phiolen, Dosen und Büchsen öffnete sich vor ihm. Aus der obersten Schublade, ganz hinten versteckt, holte er ein Kästchen und ging mit ihm – ohne den Medizinschrank hinter sich zu schließen – zum Sekretär zurück, von wo aus ich ihm zugesehen.

Der Doktor stellte das Kästchen vor mir ab, aber gerade außer Reichweite, und strich mit seinen Handschuhen darüber. Beinahe streichelte er es, als wäre ihm lieb und teuer, was darin war.

Das Kästchen war vielleicht eine Elle lang, eine Hand breit und ebenso tief. Es war schwarz, aus einem matten Holz, das ich nicht identifizieren konnte. Eingelegt war es mit feinem Silber. Das selbe Muster wie auf dem Teppich fand sich darauf: Eine Burg mit zwei Schlüsseln anstelle von Türmen.

Ein weiterer Schlüssel, den der Doktor dieses Mal an einer Kette um seinen Hals trug, öffnete die zierliche Silberschnalle. Das Kästchen schnappte auf. Ich konnte seinen Inhalt nicht sehen, nur wie der Doktor vorsichtig und ehrfurchtsvoll hineingriff, um eine winzige Phiole zu produzieren, die er zwischen Daumen und Mittelfinger hielt.

Er legte sie zur Seite auf ein Polster aus Samt, das ich dort erst nicht bemerkt hatte, dann schloss er die geheimnisvolle Box wieder. Der Schlüssel verschwand unter seinem Hemd.

„Wenn Sie willens sind, Hendrik, sich unserer Behandlung zu unterwerfen – und wenn Sie es aus ihrem eigenen freien Willen heraus tun – so kann ich Ihnen dieses Panazee verabreichen.“

Ich runzelte die Stirn und nickte. Damals hätte ich alles versucht, alles, um aus diesem Zustand auszubrechen, in dem ich mich selber hielt. Aus dem ich nicht ausbrechen konnte, weil ich im Krieg mit mir selber lag.

Nur deswegen hatte ich nach Hilfe ersucht. Weil ich jemand Fremden brauchte, der von Außen auf meine zerrissene Seele blicken und mir helfen konnte. Der mich befreien könnte aus diesem Käfig, den ich mir selbst geschaffen hatte.

Der Leiter des Sanatoriums Schlüsselburg… hielt wortwörtlich den Schlüssel dazu in seinen Händen.

„Nur Sie können entscheiden, ob Sie sich dieser Behandlung unterziehen wollen. Ich kann Ihnen nur die Substanz übergeben und Sie warnen: Sie ist potent, über alle Ihre kühnsten Vorstellungen hinaus. Sie ist ebenso in der Lage, den menschlichen Geist zu zerschmettern wie ihn zu stählen.

Nur Sie können entscheiden, ob Sie es derart versuchen wollen. Außerhalb der kontrollierten Bedingungen dieses Kästchens verdirbt die Substanz rasch. Mit den ersten Sonnenstrahlen wird sie ihre Wirkung einbüßen und in nichts weiter zerfallen als inerte Eiweiße, Wasser und eine Reihe an mikroskopischen Mineralien.“

Er überreichte mir die Phiole, ich empfing sie mit beiden Händen. Es war eine dunkle Flüssigkeit, fast schwarz. Nur einige wenige Milliliter, die zäh-viskos in dem dünnen Glas herum wirbelten. Auf der Öffnung steckte ein Propfen aus Wachs, dunkelrot und dick.

Ich konnte nur auf diese Substanz starren. Den Doktor nahm ich kaum noch wahr, als er weiter sprach. Besser, hätte ich auf ihn gehört und seine Warnungen ernst genommen.

„Sollten Sie sich entscheiden, die Behandlung zu beginnen, wird die Substanz einen simplen Prozess in Bewegung bringen: Sie wird Sie energetisieren. Ihr Gefühlsleben wird sich um ein Vielfaches potenzieren, Ihre Begierden und Gelüste ungeahnt anschwellen. Die Welt wird Ihnen schärfer vorkommen, größer als je zuvor. Das kann ein schmerzhaftes Erlebnis sein, doch nur so werden wir die feinen Details Ihres Geistes und seiner Krankheit ausfindig machen können.

Während der ersten drei Monate können Sie die Behandlung jederzeit abbrechen. Sie müssen allerdings die nächste Dosis in spätestens 28 Tagen einnehmen – sonst verfliegt der Stoff endgültig und alle positive Wirkung kehrt sich in ihr Gegenteil um. Es ist eine überaus unangenehme Erfahrung. Es wird Ihnen kein Schaden daraus erstehen, jedenfalls kein physischer. Ihr Geist aber wird Narben davon tragen. Wahrscheinlich wird es Ihnen nach Abbruch der Behandlung schlechter gehen als zuvor.

Es gibt für ihr Leiden keine einmalige Heilung, dessen müssen Sie gewiss sein. Krankheiten des Geistes sind schwer zu behandeln, sie sind zäh, sie sind wandelbar. Nur allzu oft erwächst dieser Hydra ein neuer Kopf, wenn der alte gerade abgeschlagen scheint. Nach Ablauf der drei Monate werden Sie die Substanz regelmäßig nehmen müssen, oder alle positive Wirkung kehrt sich binnen weniger Tage in ihr Gegenteil um. Sie würden verwelken und sterben.

Es gibt dann kein Zurück mehr.“

Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause kam oder ob ich meiner Haushälterin, der Witwe Feodorowna, sagte, wo ich bis zu dieser späten Stunde gewesen war.

Ich weiß nur, dass ich mich die restliche Nacht über in meinem Zimmer einschloss. Ich saß über meinen Schreibtisch gebeugt und zerbrach mir Verstand und Seele über dieser Substanz.

Mögliche negative Konsequenzen ängstigten mich ebenso wie die positiven. War ich bereit dazu, mich selbst aufzugeben? Die Person, die ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben, über all die Jahre, gewesen war? Selbst wenn es grässliche Jahre gewesen waren, so waren es doch meine gewesen.

Sie wegzuwerfen kam mir damals vor, als wäre ich Verräter an mir selbst geworden. Als hätte ich allen Schmerz umsonst gelitten. Und wenn ich diese Substanz einmal eingenommen hätte…

Und doch wollte ich von ihnen fort. Was ich dem Arzt gesagt hatte, war nichts als die Wahrheit gewesen, vage wie ich geblieben war: Ich hasste mich. Ich hasste alles, was ich tat, was ich sah, was ich fühlte und dachte.

Ich war in einem Käfig gefangen, den ich mit meinen eigenen Händen über die letzten Jahre meines Lebens geschaffen hatte. Der mich zurück hielt und dem ich nicht entkommen konnte. Jeder Fluchtversuch, jeder Ausbruch zu mehr Glück, Zufriedenheit, selbst zu Kreativität, endete in einem Rückfall. In einem neuerlichen Angriff dieser Hydra, wie der Arzt es genannt hatte.

Ich wälzte meine alten Tagebücher, die Aufzeichnungen meiner Träume und endloser Nächte ohne Schlaf, ohne Erholung.

Es gab keine einzelne Quelle für diese Gefühle. Ich hätte nicht auf einen einzigen Moment meiner Kindheit zeigen können, auf ein schreckliches Erlebnis mit meinen Eltern oder einer Verlobten, dem alle mein Elend entsprangen. Aus tausend kleinen Wunden floss das Leid. Und jede einzelne davon hatte die Hydra in meinem Kopf gefüttert, bis sie mich mit Haut und Haar zu verschlingen drohte.

Lange rang ich mit mir, bis in die späten Stunden der Nacht, wenn die Dunkelheit am tiefsten ist.

Als ich sie endlich einnahm, stieß mich die Substanz durch eine Tür, die ich nie wieder würde schließen können. Kopfüber fiel ich in eine Welt der Farben, des Rausches und der Gefühle, die ich noch immer nicht beschreiben kann.

Gleich zu Beginn fühlte ich mich anders, überwältigt. Die Wirkung setzte bereits nach wenigen Sekunden ein.

Es war ein Gefühl von Leben, das ich so noch nie gekannt hatte. Sie veränderte etwas in mir – dauerhaft, wie ich später feststellen sollte – und zerschlug die Mauern meines Gefängnisses.

Es war ein heißes Gefühl, das sich erst in meiner Kehle und in meinem Magen ausbreitete. Wie ein Donnergrollen schoss mir die Substanz durch die Eingeweide, jagte durch meine Adern. Ich sprang von meinem Tisch auf, ich fegte all meine Unterlagen beiseite. Tagebücher und Traumnotizen klatschten auf das Parkett, der Wind stahl einige durch das Fenster davon.

Mir war es gleich.

In dieser ersten Nacht malte ich, wie ich in all den Jahren zuvor noch nie gemalt hatte. Erinnerungen kochten in mir hoch, vielleicht angeregt von meinen eigenen Ängsten und Tagebüchern, und brandeten aus mir heraus auf das Papier. Mir war, als bräche zum ersten Mal seit Jahren die Sonne in die Mitternacht meines Geistes ein.

Es gab nur eine Sache. Eine Kleinigkeit, wirklich, die den Sonnenaufgang meiner Seele trübte.

Ich konnte nicht aufhören.

Kinemathek Katakomb – Teil I: Der Tanz beginnt

Ein einfacher Briefumschlag genügte, um alle Vorstellungen Arthurs über sich selbst zu zerschmettern.

Er hatte sich stets für einen Man mit einem gleichmäßigen und ruhigen Gemüt gehalten. Einer, der alle Fakten nüchtern und pragmatisch in Betracht zog, sie abwog und nach bestem Wissen und Gewissen handelt. Doch das dicke Papier, das er eines Frühlingsabends in seinem Briefkasten vorfand, ließ ihm beinahe das Herz zerspringen. Seine Hände zitterten und sein Geist raste. Eine Reihe von Gedanken jagte ihm in den Kopf, der eine verdorbener und wilder als der andere. Der Brief enthielt nur einen einzelnen Satz, der sein ganzes restliches Leben in Unordnung bringen würde:

„Die Kinemathek Katakomb lädt Sie hiermit zu seiner Vorführung am siebzehnten April um 14:00 am Platz der vereinten Nationen ein.“

Verschämt blickte er sich um, als ob er sicherstellen wollte, dass niemand ihn bei diesen Gedanken beobachtet hatte. Er ging hinein in sein Haus, durch die Wohnküche und in den zweiten Stock, in sein Studierzimmer. Vorbei an den leeren und verschlossenen Zimmern seiner Kinder und seiner Gattin. Hinter sich sperrte er die Türe zu, ließ sich vor seinem Schreibtisch nieder und studierte den Brief noch einmal.

Er war unfrankiert, ohne Absender, mit einer feinen Handschrift geschrieben. Nicht einmal Arthur stand als Adressat auf dem Papier. Das Papier schien selbst geschöpft worden zu sein und damit kaum zurück zu verfolgen.

Nur der Name „Katakomb“ deutete auf seine Echtheit hin.

Arthur blickte aus dem Fenster, auf den Vorgarten hinaus, durch den in den letzten Stunden niemand gekommen war. Er hatte es genau beobachtet.

Mit gerunzelter Stirn schloss er das Briefpapier in dem geheimen Departement seines Schreibtisches ein und holte die Dienstpläne des Kriminaldezernats Lichtenberg hervor. Er hätte diese Aufgabe einem seiner Untergebenen anvertrauen können. Andersen oder Lilienthal. Sie waren vertrauenswürdig, auf sie war Verlass.

Aber er sehnte sich danach, nicht länger bloß in seinem Büro zu sitzen, sondern selbst Hand anzulegen.

Schon viel zu lange hatte sein Leben einen schalen Beigeschmack angenommen. Es war brackig geworden und wartete nurmehr auf Erlösung von diesem Stillstand.

Mit diesem Schreiben geriet er endlich wieder in Bewegung.

Für den siebzehnten und auch den achtzehnten April trug Arthur sich selbst Urlaub ein und machte die Dienste noch am selben Tage offiziell. Dass er seinen Urlaubstag mit Nachforschungen auf eigene Faust verbringen würde, erzählte er niemandem.

„Es ist nur eine Veranstaltung“, sagte er sich zum tausendsten Male, als er sich am angegebenen Morgen ankleidete. „Und es ist mindestens ebenso meine Pflicht, nicht jeden dummen Streich zu melden, wie solchen Dingen auf die Spur zu gehen. Wenn es wirklich eine Einladung der Kinemathek ist, kann ich sie immer noch melden, nachdem ich sie mit eigenen Augen bestätigt habe. Es gibt keinen Grund, mich mit leeren Vermutungen lächerlich zu machen.“

Nachdem der Dezernatsleiter der Kriminalpolizei Arthur Winterstein sich also in einen schönen Anzug und ein ruhiges Gewissen gekleidet hatte, fuhr er mit seinem Dienstwagen zum angegebenen Treffpunkt.

Der Platz der vereinten Nationen war eine Oase inmitten der Betonwüste. Menschen kamen und gingen, liefen von Wohnhäusern an einem Ende des Platzes zu denen am anderen Ende oder flohen mit den Straßenbahnen Richtung Innenstadt, über die Kreuzung der Landsberger Allee schoben sich Lawinen aus Metall. Alles erweckte den Eindruck, als würde es um den Platz herum wirbeln, dort aber nicht verweilen wollen.

Arthurwar einige Minuten vor der Zeit da. An mangelnder Sorgfalt sollte es nicht scheitern, auch wenn es eine ganz und gar ungewöhnliche Verabredung war. Er war eine Insel der Ruhe inmitten des städtischen Wirrsinns.

Er blieb vor dem Springbrunnen stehen. Dort konnte er warten und beobachten. Es war ein hässliches Teil, wie Arthurfand, aus Steinbrocken von allen fünf Erdteilen gebaut. Früher hatte dort das Abbild Lenins gestanden, übergroß und erdrückend, von dem nurmehr der Kopf übrig geblieben war. Ehe man ihn in ein Museum im Westen der Stadt geschafft hatte. Und er hätte nicht sagen können, was besser war: Ein belangloser Brunnen, der zum Namen des Platzes passte oder eine geladene Geschichte, die um ihrer selbst willen stehen gelassen wurde.

„Herr Winterstein?“

Arthurzuckte vor seinen Gedanken zurück. Die Stimme gehörte einer jungen Frau, die sich ihm unbemerkt genähert hatte. Ihre Kleidung war lässig, fast provokant: Tanktop, breite Hosen mit vielen Taschen und Stahlkappenstiefel. Arthurkam sich in seinem Dreiteiler sehr förmlich vor neben ihr.

„Ganz recht“, antwortete er, „und Sie sind?“

„Marie“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Ihr Griff war fest, kräftiger als er bei ihrer schmalen Statur für möglich gehalten hätte. Mit dem Daumen deutete sie zum hinteren Ende des Platzes, hin zur Friedensstraße, wo eine Gruppe von vielleicht zehn Leute zusammen stand und wartete. Sie schwiegen und sahen sich nervös an. Nur zwei oder drei von ihnen schienen zu wissen, was auf sie zukommen würde. Sie beobachten weniger die Umgebung, als viel mehr die neueren Mitglieder ihrer Gruppe.

„Sie sind der letzte, Herr Winterstein. Wenn Sie bereit sind, können wir los.“

Arthurzog die Brauen zusammen. Sie kannte seinen vollen Namen, er nur ihren Vornamen und der war so häufig, dass er genau so gut falsch sein konnte. Trotzdem nickte er und folgte ihr.

Marie führte die Gruppe die Friedensstraße entlang, um den Park herum. Sie schwieg die meiste Zeit. Auch wenn sie Fragen gern beantwortete, erzählte sie nicht zu viel über die Kinemathek oder sich selbst oder auch nur ihre Rolle in der Veranstaltung.

Stattdessen erklärte sie recht einsichtig, wohin Sie sie führte. Die letzten Male hätte die Kinemathek unterhalb der ehemaligen Reichskanzlei getagt, doch dort sei es mit der Zeit zu heiß geworden. Zu viele Fragen, zu viele prahlerische Gäste. Die heutige Veranstaltung fände daher an einem etwas abgelegeneren Ort statt. Ihr Thema sei entsprechend weniger historisch als die letzten Male und man wolle mehr den Ausbruch aus überkommenen Gewohnheiten in den Fokus nehmen.

Auf der Rückseite des Parks angekommen, betraten sie ein kleines Waldstück, das sich über den rückwärtig gelegen Hügel zog. Für eine kurze Zeit gingen sie zwischen den Bäumen entlang, die in der Sommersonne einen angenehmen Schatten spendeten.

Bis sie zu einer Art Vorsprung kamen, der direkt aus dem Waldboden zu wachsen schien und etwas abseits des Weges lag, verborgen zwischen alten Bäumen und Unterholz und einem steilen Abstieg.

Dort hinein würde die Reise führen, sagte Marie und klopfte gegen die Stahlplatte, die in den Vorsprung eingelassen war. Aus ihren endlos vielen Taschen zog sie einen Schlüsselbund, der die Tür und den Riegel davor aufsperrte. Sie schob die Stahlplatte leicht aus dem Weg und ließ die ausgesuchte Gruppe an Gästen eintreten.

Als er in den Gang in den Untergrund blickte wurde Arthurklar, warum sie Stiefel und Tanktop trug und der exklusiven Aura der Kinemathek so widersprach.

Arthurwurde heiß. Er fühlte sich dumm in seiner Abendkleidung, in seinen Budapestern und der Krawatte. Aber er tröstete sich damit, dass es einigen der anderen Gäste ebenso ging: Auch sie hatten feinere Kleidung gewählt. Nur diejenigen, die die Neuzugänge neugierig beobachtet hatten, sahen legerer aus.

Als die Stahltür hinter ihnen ins Schloss krachte, hatte das Geräusch etwas endgültiges. Arthur fühlte sich wie in einem Sarg, der sich langsam schloss und in die Erde gelassen wurde. Er begriff, warum sich die Kinemathek „Katakomb“ nannte: Es war stickig hier unten und kalt wie in einem Grab. Nach nur fünf Minuten war er sicher, hier unten nie wieder heraus zu finden. Manche Gänge waren verschüttet worden, gesprengt oder notdürftig versiegelt. Andere von Unbekannten wieder aufgerissen oder im Gegenteil verbarrikadiert worden. Einige Lüftungs- und Rohranlagen schienen ersetzt, andere absichtlich sabotiert worden zu sein.

Das Ergebnis war ein undurchschaubares Labyrinth aus Tunneln, Biegungen und Rohren, in dem die Gruppe ohne die Taschenlampe Maries und ihr Gedächtnis völlig verloren war.

Dort unten aber begann die eigentliche Reise und ihre Begleitung erzählte endlich mehr von der Kinemathek – und dem Ort, an dem sie sich jetzt befanden.

Die meisten wüssten gar nicht mehr, dass an dieser Stelle einmal eine Batterie an Flaktürmen gestanden und den gesamten Friedrichshain überblickt hätte, sagte sie. Zwar hatten erst die Russen und dann der Bund oberirdisch vieles gesprengt und abgetragen, doch die darunter liegenden Luftschutzbunker und Tunnelanlagen seien zum Teil noch zugänglich.

Die Kinemathek habe sich vor einigen Jahren gegründet, um sich dieser Tyrannei entgegen zu stellen. Der Verkleisterung des Lebens durch aufgesetzte Fröhlichkeit und übermalte Schönheit, wollte man die Wahrheit entgegen setzen, auch wenn sie grausam sei. Man wolle das Innere freilegen, das sich noch immer im Menschen und seiner schönen neuen Welt verberge, auch wenn es beunruhige.

Ob sie zum Verein der Unterwelten gehöre, fragte ein älterer Herr weiter hinten in der Gruppe. Obwohl er ihr Gesicht nicht sehen konnte und Maries Stimme von den Wänden unmöglich verzerrt wurde, glaubte Arthur, sie spottete über einen solchen Vergleich.

„Die Unterwelten, mein Herr, sind Entdecker von vergessenen Abgründen. Wir dagegen erforschen nicht und wir dokumentieren auch nicht. Wir teilen was wir besitzen mit einer ausgewählten Gruppe, während sie es der gesamten Öffentlichkeit zugänglich machen.“

Arthur schauderte es bei diesen Worten. Mit jedem Schritt, den sie in die Katakomben unter der Stadt taten, war er ein Stück weit sicherer, an den richtigen Ort gekommen zu sein.

Nur seine Gründe dafür vergaß er und entdeckte eine Neugier in sich, die er zuvor nicht gekannt hatte. Die er in seinem Büro hatte verstecken müssen.

Zeit gab es dort unten nicht. Sie kroch zäh und dickflüssig durch die Tunnel, wie der Staub, der allenthalben die Betonböden bedeckte. Arthurhätte nicht sagen können, ob ihre Reise zehn Minuten oder Stunden andauerte und wie weit sie sich unter der Erde bewegt hatten. Nur, dass die frühjährliche Oberwelt mit ihren Bussen und Bahnen und den Touristen und dem hektischen Rhythmus des Alltags unendlich weit entfernt schien.

Irgendwann endeten die Tunnel, plötzlich und unvermittelt, und sie standen in einer größeren Halle. Nun, Halle. In der Welt oben wäre es kaum ein Raum gewesen, vielleicht 50 Meter im Quadrat, mit einer gerade drei Meter hohen Decke. Doch hier unten, nach einer unbestimmten Zeit des gebückten Gehens, während der der einzige Anblick der Rücken des Vordermanns gewesen war, war dieser Raum, in dem man gerade stehen und einige Meter weit sehen konnte, ein Saal von unendlicher Größe.

Und er war hell erleuchtet. Musik spielte leise im Hintergrund. Jazz, glaubte Arthur, ohne das Stück oder den Künstler oder auch nur die Musik wirklich zu erkennen. Die Akustik hier unten musste miserabel sein – zu viele Ecken und Kanten, an denen sich die Töne brechen konnten – und trotzdem war der Ton klar und sein Ursprung nicht zu entdecken.

„Meine Damen und Herren“, sagte Marie, „willkommen in der Kinemathek Katakomb.“

Sie lächelte und deutete eine Verneigung vor den Gästen an.

„Die Vorführung wird in Kürze beginnen, doch solange soll die Kunst regieren – und nur die Kunst. Lassen Sie Ihre Bedenken und Namen draußen, gesellen Sie sich für einen Augenblick an die Bar und lehnen Sie sich zurück. Und bitte, meine verehrten Gäste: keine Aufnahmen irgendwelcher Art.“

Die Bar bestand aus einer Theke, an der Seite der Betonbunkerhalle, und war aus Eichenholz gefertigt. Der Beton der Wand dahinter war nackt. Marie begann damit, Alkohol in ausgefallenen Sorten und Flaschen und Farben und Formen auszuschenken. Nur Alkohol. Es gab keine raschelnden Tüten von Popcorn oder Süßigkeiten, keine Sodagetränke, keine sinnlose Völlerei. Nur einen sanften Rausch, der Hemmungen löste und Geister öffnen sollte.

Der Großteil der Gäste hatte sich dort versammelt, nur zwei hatten sich direkt zu den Sesseln begeben. Der Rest stand herum, trank mal alleine und mal in Gesellschaft. Gerade die etwas erfahreneren Gäste schienen erpicht darauf, die Meinung der Neuzugänge zu erfahren.

Man sprach nicht über das Wetter oder die Arbeit oder tausend andere Dummheiten, mit denen Arthur sonst so oft seine Zeit verschwendete. Nichtigkeiten hatten hier unten keinen Platz. Es war eine ruhige, eine ganz gesetzte Atmosphäre, die in ihrer Behaglichkeit beinahe unerträglich war. Vor allem angesichts der „Kunstwerke“, von denen man sprach und bei denen Arthur schlecht wurde.

Der Dezernatsleiter trank einen Gin, um seine Nerven zu beruhigen, und hielt sich aus den Gesprächen heraus. Es genügte ihm, an der Bar zu lehnen und zu lauschen. Er kannte diese Menschen nicht, er wollte sie auch nicht wirklich kennen lernen. Aber er konnte sie belauschen. Und sein Pflichtgefühl sagte ihm, dass das die beste Entscheidung war, die er heute treffen konnte.

„Das Guignol ist großartig“, sagte einer, der ihm den Rücken zugewendet hatte und wohl versuchte, seiner Begleitung zu imponieren. „Haben sie den lebenden Tod gesehen? Das letzte große Werk von Georg Schneider. Ein Künstler weit vor seiner Zeit. In jedem anderen Land wäre es verboten worden.“

„Zu provokant“, sagte die Dame an seiner Seite, „und außerdem geschmacklos. Sein eigenes Sterben derart auszuschlachten. Sich todkrank auf eine Bühne legen und beim Sterben beobachten zu lassen… Was soll das schon sein?“

„Reine Emotion“, sagte ein Mann von der Seite. Er rauchte und niemand störte sich daran. „Die letzte große Erfahrung des Menschen – der Tod – in Kunst verwandelt. Das soll das sein.“

Die Frau lachte, dann fuhr sie fort, sich über das Grotesque und seine Skandale auszulassen. Vor allem über den Fotografen Wagner, der trotz gewisser unabweisbarer Vorwürfe nicht nur im Guignol noch immer geduldet, sondern sogar gefeiert wurde – und dem die Staatsgewalt wohl tatenlos gegenüber stand.

„Ich habe gehört, dass er eine Menge inkriminierendes Material über die Richter der Stadt besitzen soll, weswegen niemand ihm den Prozess machen will.“

„Unsinn“, sagte der Mann, der der Dame imponieren wollte und winkte ab, „der Mann ist klarerweise unschuldig. Alles eine einzige PR-Masche, um den Preis seiner Schundbilder in die Höhe zu treiben. Ich habe diese angeblich skandalösen Fotografien und Videos gesehen. Schlecht digital bearbeitet und manipuliert, allesamt. Ich frage mich tatsächlich, wie die Medien auf solch plumpe Fälschungen herein fallen konnten. Er kopiert ganz offensichtlich diesen Regisseur Deodato aus den achtziger Jahren.“

Arthur konnte nicht anders, als darüber lachen.

„Was lachen Sie da?“, fragte der Mann und wandte sich Arthur zu. Der biss sich auf die Zunge. Er hatte den Leiter der zuständigen Polizeidirektion in dieser Sache beraten, aber das konnte er schwerlich eingestehen, ohne seine Deckung zu verlassen. Also zuckte Arthur mit den Schultern.

„Ich finde eben amüsant, dass sie Deodato und Wagner miteinander vergleichen“, sagte er.

Der Mann mit der jungen Begleitung runzelte die Stirn, dann schnaubte er und wandte sich wieder dem anderen Herrn zu.

„Was glauben Sie“, fragte er ihn, „welchen Film werden wir heute gezeigt bekommen?“

„Méliès‘ verlorener Film!“, sagte der Mann, der Arthur noch immer den Rücken zugedreht hatte.

„Dieser… wie hieß er noch? Die ‚rage du demon‘?“, fragte seine Begleitung. „Ich hielt ihn immer für ein Gerücht. Irgendeine Mythe der Presse oder des Feuilletons, um von staatlicher Zensur berichten zu können.“

„Eben jener. Es heißt, er solle Menschen in den Irrsinn treiben und sei daher von den Franzosen verbrannt worden. Es wäre ein Film, den ich hier erwarten würde.“

Der Mann mit der Zigarette lächelte geheimnisvoll. Es schien ihm zu gefallen, die beiden Erstbesucher an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen.

„Mit Sicherheit existiert der Film“, sagte er, „und mit Sicherheit kann man ihn hier erwarten. Ich habe ihn selbst gesehen, vor kaum zwei Monaten. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Sie ihn noch einmal zeigen werden. Ich hätte nichts dagegen, verstehen Sie mich da nicht falsch. Es war ein Erlebnis, wie sie es sonst kaum erleben können. Aber ich erwarte doch etwas mehr Abwechslung, einen neuen Geschmack, wenn sie verstehen?

Etwas, das auch die abgestumpftesten Nerven zu kitzeln vermag.“

Schuld und Sünde – Teil XII: Spolien

Melissa saß, die Beine übereinander geschlagen, in einem älteren Lehnsessel. In ihren Händen hielt sie noch immer ein Buch, in dem seit etwa einer Stunde schon nicht mehr blätterte, sondern die immer gleichen Verse las, ohne sie aufzunehmen. Es war ein grässlich französisches Buch, das im Vorwort die Langeweile als die schlimmste aller menschlichen Sünden identifiziert hatte. Wenn es damit Recht hatte, war dieses Gedichtbändchen wohl die Erbsünde selbst.

Zwar befasste es sich mit einer Vielzahl an Schaurigkeiten, an Geschmacklosigkeiten, Perversionen und anderen Blumen des Bösen – aber die junge Frau fand sie blass und zart neben dem intensiv blühenden Garten ihrer eigenen Seele.

So fand sie die Zeit an sich vorüber ziehen, während sie hin und wieder in die verregnete Nacht hinaus oder an das andere Ende der Bibliothek blickte. Die Bücher, wie auch das Haus, gehörten dem Herrn Oberst von Büttner, oder einem seiner Handlanger, was letzten Endes das gleiche bedeutete: Er war der Herr im Haus, so wie Leopold im Sanatorium Schlüsselburg und sie in ihrem eigenen Nest.

Und wie es üblich war, wenn sie bei denen zu Besuch war, die älter als sie waren, wartete sie und verschwendete ihre Zeit, bis man sich ihrer erbarmte.

Nach einer Weile kam der Herr von Schlüsselburg dazu.

Wie lange er bereits im Haus gewesen und mit dem Oberst gesprochen hatte, konnte Melissa nicht sagen, aber sie fragte ihn auch nicht danach. Sie begrüßte ihn kühl und zurückhaltend und der Junker machte kaum Anstalten, eine höfliche Konversation mit ihr zu beginnen. Auf das Buch in ihren Händen ging er nur mit der Bemerkung ein, dass er wünschte, damals auch nur annähernd die Psyche und den Horror derart filigran begriffen zu haben, wie der Autor es tat. Für ihn habe es eine halbe Ewigkeit der Studien dazu gebraucht.

Kurz darauf trat der Oberst selbst in die Bibliothek, machte Vorwände für seine Verspätung und drückte seine Hoffnung aus, Melissa habe sich nicht zu sehr gelangweilt. Sie log und lobte seinen ausgesuchten Geschmack in literarischen Dingen und die Seltenheit seiner Sammlung, die sie köstlichst amüsiert habe.

Wie üblich bot der Gastgeber ihnen Erfrischungen an, die die Gäste wie gewohnt ablehnten. Er setzte sich und kam ohne Umschweife zum Grund seiner Einladung.

Wir haben einen schwierigen Fall“, sagte der Oberst. „Die Wette ist, streng genommen, noch nicht entschieden. Sowohl Maxine Schwarzbrunn, das von Herrn Junker von Schlüsselburg ausgewählte Asset, als auch Richard Hahntritt, das Asset des Fräuleins Morgenthau, sind noch am Leben. Keiner von ihnen hat tatsächlich die Tat begangen, obwohl beiden der Willen und die Mittel dazu attestiert werden müssen.“

Er nickte Melissa anerkennend zu.
„Die Anwesenheit von Fräulein Morgenthau
beim entscheidenden Vorfall der letzten Woche verkompliziert die Angelegenheit.

Angesichts der vernachlässigbaren Schäden, die das Asset des Herrn Junkers davon getragen hat und dass Fräulein Morgenthaus Asset gerade so durch die Magie ihres Blutes an der Schwelle des Lebens gehalten wird – im übrigen ein Verstoßen gegen die gesetzte Vereinbarung – muss dem Herrn Junker der Sieg nach Punkten zugestanden werden.“

Die zwei ehrenwerten Herren und die Dame saßen im Kreis, am großen Fenster der Bibliothek hinter der Regen prasselte, und schwiegen einen Augenblick.

Es war eine gedankenvolle Stille, die Melissa nur zu gerne zertrampelt hätte. Sie presste die Kiefer aufeinander und sah hinaus, um keinen der beiden Anderen ansehen zu müssen.

Verloren. Niederlage nach einem Punktesieg.

Fräulein Morgenthau“, sagte der Obrist. Sein Blick lastete schwer auf ihr, aber sie wich ihm weiter aus. Hier und jetzt hieß es, Ruhe bewahren, Contenance, sonst war alles für die Katz.

„Sind sie mit meiner Darstellung der Ereignisse zufrieden?“, fragte er.

Melissa öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und erkaufte sich mit einem tiefen Atemzug ein wenig Bedenkzeit. Es war kein Urteil gefällt, noch konnte sie vielleicht eine Reihe von Wörtern finden, eine geheime Formel, die das Herz des alten Militärs erweichen könnte.

Mit Verlaub, Herr Oberst“, sagte sie und begegnete seinem Blickich protestiere. Ich befand mich im vertraulichen Gespräch mit meinem Asset, das er selbst mit mir gesucht hatte. Dass Schwarzbrunn gerade in diesem Moment herein platzen würde, hätte ich kaum wissen können. Hätte ich augenblicklich vom Schauplatz fliehen sollen, ohne den weiteren Verlauf abzuwarten?

Lügen Sie nicht, Fräulein Morgenthau. Ich habe den Geist ihres Assets gründlichst untersuchen lassen. Sie haben körperlich in eben jene Auseinandersetzung eingegriffen, die die Wette, deren Rechtmäßigkeit zu überwachen meine Aufgabe ist.“

Wie ertappt zuckte Melissa ein wenig zusammen.

Wenn er in dieser kurzen Zeit nur mit Richard gesprochen hatte… hatte der Oberst womöglich übersehen, dass Melissa selbst die Polizistin mit einem Tipp in diese dunkle Gasse gelockt hatte. Sie mahlte mit den Kiefern und sah zu Leopold von Schlüsselburg, der diese ganze Zeit über noch kein Wort gesagt hatte.

„Ich griff in das Handgemenge ein, das leugne ich nicht. Aber nur, weil das Asset des ehrenwerten Junkers sich äußert ungewöhnlich benahm und mein Misstrauen weckte.

Der Oberst sah zu Leopold, der aber nur mit vor dem Bauch gefalteten Händen stumm neben ihnen saß, und zuhörte.

„Inwiefern?“

„Ich habe sie einige Zeit selbst beobachtet und ein kurzes Gespräch mit ihr geführt, nur zwei Nächte vor dem Zwischenfall. Sie war gebrochen, antriebslos, überhaupt nicht zu solchen Gewalttaten in der Lage. Sie hätte eher sich selbst als einem Anderen das Leben genommen.“

Der Oberst zog die buschigen Augenbrauen zusammen, blickte streng.

„Sie haben mit dem Asset ihres Gegenspielers gesprochen.“

Es war keine Frage, sondern ein Vorwurf.

Ich kam gerade von einem Besuch beim Herrn von Schlüsselburg und im Torhaus begegnete sie mir. Da wird mir erlaubt gewesen sein, nur einen Blick auf sie zu werfen?“

Der Obrist zog eine Augenbraue nach oben. Diejenige, die nicht das Monokel hielt.

„Sie wissen so gut wie ich, dass insbesondere das Blicke Werfen von unserer Seite aus überaus einflußreich sein kann.“

Es war dieser Moment, in dem der Junker von Schlüsselburg sich in das Gespräch einschaltete.

„Gleich viel, Herr Oberst. Ich habe keinerlei derartige Kräfte auf das Fräulein Polizistin angewandt. Sie haben ein gutes Auge, Melissa, aber Sie denken weiterhin zu sehr in den Kategorien des Übernatürlichen. Die Magie ist noch frisch für Sie, noch neu und ungewohnt, und ich nehme an Sie betrachten sie noch zu sehr als eine Lösung für allerlei Probleme, denen Sie sich nicht gewachsen fühlen. Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis sie Ihnen derart in Fleisch und Blut übergangen sind, dass Sie ihre Kräfte gleichwertig neben einer Vielzahl anderer Werkzeuge betrachten. Das ist keine Schande und auch keine Anklage, sondern ein Faktum.“

Melissa richtete sich in ihrem Sessel auf, sie bog den Kopf zurück und wollte empört etwas sagen, wollte aufspringen und protestieren. Sie hasste diese patronisierende Art, diese Bevormundung und Erklärung dieser bleichen alten Säcke.

Aber der Junker schnitt ihr mit einer heftigen Geste das Wort ab.

Ich bleibe bei meinem Lob unseres letzten Treffens, junges Fräulein: Sie haben ein Auge für diese Dinge, ein Gespür für die Löcher in der menschlichen Seele, in die sie ihre Klauen schlagen können. Ihre Methoden sind wohl brachial, gleich wohl unbestreitbar effektiv. Aber sie vertrauen zu sehr auf ihr Blut. Ich sage nicht, dass Sie meine Maxine beeinflußt hätten. Aber selbst wie weit dieser Blick, den sie haben, ein Geschenk ihres Blutes ist, ist fragwürdig – ich möchte diesen Punkt nicht weiter ausführen, es ist mir einerlei, ob Sie das zweite Gesicht verwendet haben, um in die Seele ihres Assets zu blicken oder ob es ein natürliches Gespür ist. Die Wahrheit ist, dass sich diese Dinge kaum voneinander trennen lassen.

Aber Sie verlassen sich zu sehr auf ihr Blut. Ohne es wäre der kleine Dieb erledigt. Ohne sie hätte er Sie womöglich verlassen, noch ehe Maxine einem anonymen Tipp folgend diese Gasse aufgesucht hätte. Sie wissen das. Sie fürchten es vielleicht sogar, jung wie sie sind. Sie haben sich zu tief und zu schnell in sein Leben eingemischt und dabei Fragen aufgeworfen und die Antworten darauf haben ihn von Ihnen entfremdet.

Also haben Sie ihn mit Blut an sich gekettet, wie einen bissigen Köter, den sie nicht anders kontrollieren können.“

Der Junker von Schlüsselburg ging sie ohne Unterlass an. Jedes seiner Worte war ein Urteil, das tiefer schnitt und grausamer war als jede Strafe, die der Oberst ihr hätte auferlegen können. Und noch war er nicht am Ende.

„Alles, was den geschändeten Leib ihres Assets noch am Leben hält, ist ihr Blut und die Magie darin. Und es ist zu wenig, um ihn zu heilen, aber zu viel, um ihn sterben zu lassen. Und er liebt sie. Sie haben ihn, von vorn bis hinten, ruiniert. Er ist eine Gefahr. Für Sie, für uns, und muss ausgeräumt werden.

Bei diesen Worten senkte Melissa den Blick, starrte auf ihre Hände, die sie zwischen den Knien gefaltet hatte. Unwillkürlich wurde ihr heiß, eine Reaktion aus früheren Tagen, die sie noch immer nicht unter Kontrolle hatte. Blut schoss ihr in die Wangen und sie sank weiter in das Polster ihres Sessels zurück.

Mit Widerspruch hätte sie sich nur noch mehr entblößt und ihm Recht gegeben.

Das genügt, Herr von Schlüsselburg“, sagte der Oberst. Seine Stimme war mit einem Male erstaunlich sanft.

„Sei es, wie es sei. Sie haben aktiv und wissentlich gegen die Regeln der zwischen ihnen geschlossenen Wette verstoßen, berechtigter Zweifel oder nicht: Sie hätten zu mir kommen müssen, ehe sie etwas unternehmen.“ Er hob die Hand, würgte ihre Einwände ab, als sie den Kopf hob und ihm einen bittenden Blick zuwarf. „Ja, selbst wenn es den Tod ihres Assets bedeutet hätte. Sogar ganz besonders dann, da es sich um einen spielentscheidenden Eingriff gehandelt hätte, der Ihnen den Sieg zugesprochen hätte.

Darüber hinaus haben Sie mit ihrem Eingriff die Regeln unserer Art verletzt oder sind dem mindestens gefährlich nahe gekommen. Wie der Herr von Schlüsselburg richtig bemerkt, ist die fortgesetzte Existenz von Richard Hahntritt ein schwerer Bruch des Paktes. Ich habe seine medizinischen Unterlagen besorgen lassen – die Ärzte beginnen sich bereits zu fragen, wie er mit derartigen Verletzungen noch bei Bewusstsein sein kann, wieso sein Körper die ihm zugeführten Blutkonserven mit erschreckender Geschwindigkeit kannibalisiert, weshalb nekrotisches Herzgewebe sich regeneriert, nur um erneut abzusterben…

Nicht mehr lange und sie werden Fragen stellen, die wir nicht beantwortet wissen wollen.“

Melissa klammerte die Finger um die Lehnen ihres Stuhls, krallte sich in die Löwenköpfe, die dahinein geschnitzt worden waren.

Das war der Lauf der Dinge. Die Ungerechtigkeit gehörte dazu. Sie waren beide älter, sagte Melissa sich. Sie hätte damit rechnen sollen, dass sie sich gegen eine jüngere verbünden würden. Selbst wenn sie einander normalerweise spinnefeind waren.

Betrogen und bestraft für einen technischen Fehler. Unwillkürlich dachte sie an die Polizistin und die kalte, impotente Wut, die sie das letzte Mal in ihr gespürt hatte. Der sie sich nun verwandt fühlte.

Sie zwang sich, zu atmen. Obwohl es eine nutzlose Handlung war, beruhigte sie Melissa.

Eine drakonische Strafe, erwartete Sie. Eine Verdopplung der geschuldeten Gefallen vermutlich, eine zweite Zahlung an den Oberst, damit er hinter ihr aufräumen würde. Selbst wenn – und vielleicht gerade weil – sie das auch selbst hätte erledigen können.

Nach einiger Beratung mit dem ehrenwerten Herrn von Schlüsselburg, werden wir Sie nicht für jugendliche Übertretungen bestrafen, die möglicherweise sogar Mitgefühl entspringen und einem Funken an Menschlichkeit, der zu bewundern und nicht zu bestrafen ist.“

Melissa öffnete den Mund. Sie wollte sich gegen die Implikation erwehren, wollte darauf bestehen, dass sie zu jedem Zoll das gleiche Ungeheuer wie sie war. Sie wollte erneut protestieren,

Schloss dann aber die Lippen wieder, nickte, und murmelte ein „Ich danke Ihnen.“

Wir sind keine Tyrannen“, sagte der Oberst. „Diese Regeln existieren zu Ihrem eigenen und unseren Schutz, Fräulein Morgenthau, selbst wenn Sie sich von Ihnen eingepfercht fühlen. Sie sind ein Käfig für die Bestie in uns, die wir niemals, niemals entkommen lassen können.

Wir sind uns also einig: Das Fräulein Morgenthau schuldet dem Herrn von Schlüsselburg eine Gefälligkeit und wird die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens selbst so diskret als möglich beseitigen.“

Er erhob sich, was auch für Leopold und Melissa das Zeichen war, aufzubrechen. Der Oberst nickte Leopold zu, beglückwünschte ihn zu seinem Sieg. Melissa reichte er die Hand – eine seltene Ehre – und beglückwünschte sie.

„Sie haben gut gespielt, junges Fräulein, vor allem für ihr Alter. Mit Ruhe und Geduld. Ich werde ihren Weg weiter verfolgen“, sagte er und hielt ihre Hand so fest, dass sie sich nicht von ihm abwenden konnte.

Sehr genau. Ihre Spiele werden spannend bleiben. Ich freue mich darauf ihre nächste Wette zu begleiten. In ein oder zwei Jahrzehnten.“

Die beiden Altherren entließen Melissa in die Nacht. Und als sie wieder den Geruch von Smog und Herbstwind und Finsternis auf ihrem Gesicht spürte, war sich die junge Frau nicht sicher, ob es eine Warnung oder ein Versprechen gewesen war.

Sie wusste nur, dass diese Katz und Maus Spiele eine der wenigen Freuden ihrer endlosen Nacht waren.

Schuld und Sünde – Teil XI: Ein ungetrübter Blick auf die Dinge

Nachdem Richards Versuch, mit Maxine vernünftig zu reden, gescheitert war, war er geflüchtet um seine Wunden zu lecken. Nicht vor ihr – nicht nur – sondern vor seinen eigenen Zweifeln. Vor dem leisen Flüstern in seinem Kopf, das ihn überhaupt nur zu der Polizistin getrieben hatte.

Ein paar Tage, nachdem Melissa in sein Leben getreten war, setzte irgendein Fremder ihm die Polizistin auf den Hals. Nachdem er monatelang so unauffällig wie möglich gewesen war, bescheiden gewesen war.

Er hatte sich geweigert, Melissens Wohnung wieder zu betreten. Irgendwie hatte er Kontakt mit Melissa aufgenommen, hatte einen Zettel in der Wohnung gelassen, wo er auf sie warten würde: In der blinden Gasse, in der alles begonnen hatte. In seinem alten Loch, in das er sich wieder verkrochen hatte.

He would get to the bottom of this, even if he felt for Melissa. No women was worth being toyed with like this, having his sanity questioned like this. Er würde sich dieser Sache stellen.

He felt she would come at night. Ohne den Grund dafür zu kennen, vermutete er es. Sie war noch nie tagsüber bei ihm gewesen. Manchmal glaubte er nicht einmal daran, dass es sie überhaupt wirklich gab, dass sie nicht nur ein Traum war, der seinem Kopf entsprungen und Gestalt angenommen hatte.

Aber je näher der Sonnenuntergang rückte, desto nervöser wurde er. Das Röcheln aus der anderen Ecke der Gasse machte ihn unruhiger als früher. Es half wenig dabei, dass die Sonne schon lange vor Einbruch der Nacht nicht mehr bis auf den Grund der Gasse schien, dass es nicht einmal Fenster gab, in denen sich das Licht hätte brechen können, sondern nur ein diffuses Zwielicht in dieser blinden Gasse.

Richard fühlte die Minuten verstreichen und mit jedem Grad, den die Sonne weiter hinter den Horizont sank, fühlte er ein Gewicht auf sich lasten, das er nicht erklären konnte.

It came crashing down on him about an hour before midnight.

Als sie plötzlich vor seiner Schlafnische stand.

Melissa, die Arme verschränkt, das honigblonde Haar in den Nacken gebunden, die selbe furchtlose Arroganz im Gesicht, die sie bei ihrer allerersten Begegnung gezeigt hatte.

„So dankst du mir also meine Hilfe“, sagte sie. „Indem du mich zurück weist und in eine dunkle Gasse lockst.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, eine Geste von Richard stoppte sie.

„Bleib genau da“, sagte er und streckte eine Hand nach vorn. „Bleib da, wo ich dich sehen kann.“

Auch, wenn sie in der Dunkelheit nur schwer auszumachen war. Aber er wollte sie nicht näher an sich heran lassen. Etwas an ihr stieß ihn ab.

Melissa sah verletzt aus. Sie zog eine Schnute, bewegte sich aber nicht von der Stelle.

„Was ist los, Richard? Ich… ich bin verletzt. Ich dachte, wir hätten hier etwas am Laufen, etwas gutes. Ich wollte dir nur helfen, wieso stößt du mich fort?“

„Du spielst mit mir. Hier läuft was, ein abgekatertes Spiel. Und ich will wissen, worum gespielt wird.“

„Natürlich spiele ich mit dir, Dummerchen.“

Die junge Frau lachte und ihr Lachen läutete wie Glocken in der engen Gasse, die das Geräusch vervielfältigte.

„Ich dachte das war von Anfang an klar? Du dachtest nicht wirklich, eine schöne Fremde hat einfach Erbarmen mit dir, weil du leidlich süß bist und überhäuft dich mit Geld und Geschenken?“

Sie tippte sich gegen die Stirn, rollte mit den Augen.

„Ich Trottel. Verzeih mir, Richard, es ist meine schlechteste Angewohnheit, wirklich. Mit dem Essen zu spielen.“

Ihre Stimme jagte ihm Schauer über den Rücken. Sie war kalt und gefräßig, sie schnitt durch alle Höflichkeit und hatte nichts mit der freundlichen Person gemein, die ihm in den letzten Wochen immer wieder mit Rat zur Seite gestanden hatte. Die den Eindruck erweckt hatte, sie würde sich um ihn scheren.

Das schmerzte mehr als die blauen Flecke, die Maxine ihm verpasst hatte.

„Aber wieso ich? Warum dieses Spiel?“

„Ich habe etwas in dir gesehen“, sagte sie und der Wechsel im Ton ihrer Stimme schleuderte Richards Trauma herum.

Sie kam näher, wischte seine Gegenwehr zur seite. Ihre Hand legte sich um sein Handgelenk und presste es gegen die Wand neben ihm, die andere zog ihn am Nacken zurück. Ihre Haut war kalt und trocken, ihr Griff unnachgiebig. Sein Fleisch zitterte unter ihrer Berührung.

Der Blick in ihren grünen Augen ließ sein Herz rase. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass er ihren Atem spüren konnte.

Das heißt, er hätte ihren Atem spüren können, wenn sie denn geatmet hätte.

„Ich habe einen Hunger in dir gesehen, mein Kleiner, mit dem ich mit gut auskenne. Einen Hunger, den ich gebraucht habe, den ich immer noch brauche. Und dem du dich hingeben wirst.“

Sprachlos starrte Richard zu ihr auf. Ihre Zähne schienen länger zu wirken, wie die Fänge einer Schlange oder eines Wolfes. Ihr Gesicht war animalischer geworden, kruder, als ob sie unmerklich und Stück für Stück eine innere Bestie entfesselte.

„Was zum Teufel…“, flüsterte Richard. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, aber Melissens Griff hielt ihn aufrecht vor ihrem Gesicht.

„Ich bin der Hunger ganz tief in deinem Herzen, Kleiner. Das Verlangen in dir, das du wie eine gefährliche Bestie angeleint lässt. Und es wird Zeit, dass du es befreist.“

„Nein. Nein, ich will nicht.“

„Oh… oh, Nein ist keine Antwort mehr. Ich brauche eine sehr bestimmte Sache von dir. Und die werd ich bekommen.“

Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, wie ein Insekt auf einer Nadel hing er dort unter ihrem Blick, unfähig, sich zu bewegen oder auch nur Widerworte zu geben.

„Du wirst die kleine Polizistenschlampe töten“, hörte Richard sie sagen. Die Worte dröhnten in seinen Ohren. „Sie ist auf dem Weg hierher, Willem hat ihr von mir ausgerichtet, wo sie dich finden kann. Ist mächtig sauer, hat wegen eurem kleinen Streit einen Prozess am Hals.

Du hast eine einfache Entscheidung zu treffen, Süßer: Töte Sie. Oder lass dich von ihr töten.

Und du wirst sie töten. Dafür sorge ich.“

Die Gewissheit, mit der Melissa das sagte, ließ Richard erbeben. Er bäumte sich in ihrem Griff auf, aber es half nichts. Sie war unendlich viel stärker, als ihre dünne Gestalt vermuten ließ.

„Ich kann nicht. Ich kann niemanden töten“, sagte er. Er wusste, dass seine Stimme zitterte, dass er den Tränen nahe war. Es war ihm gleichgültig – er wollte Melissa nicht mehr beeindrucken, er wollte nur noch fort von ihr.

Sie ließ sein Handgelenk los, ihre linke Hand wanderte nach hinten zu ihrem Gürtel. Die andere hielt Richard im Nacken gepackt, auch wenn ihre blanke Präsenz wohl gereicht hätte, ihn an der Flucht zu hindern. Ein Messer blitzte vor seinen Augen. Die Schneide war schmal, vielleicht so breit wie sein Daumen, und doppelt so lang.

Der Stahl fraß sich mühelos in das weiße Handgelenk. Dunkles Blut sprudelte hervor, ohne dass Melissa auch nur eine Miene verzogen hätte.

„Blutmagie wird dich schon dazu bringen“, flüsterte sie und presste ihm ihre Wunde auf den Mund.

Das Gefühl war unbeschreiblich.

Als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und ihm gleichzeitig Flügel gegeben. Als ob sein Herz zerspringen würde und alle Scherben weiterschlagen und weiterleben würden.

Es schmeckte nicht nach Blut, was sich scheinbar mit einem eigenen Willen seine Kehle hinunter zwang, sondern nach Ambrosia. Ein Beigeschmack von Honig betäubte seine. Er konnte fühlen, wie es sich in ihm ausbreite. Wie ein Rausch, wie ein Rasen, den sein panisch schlagendes Herz im ganzen Körper verteilte.

Und er raubte ihm den Verstand. Wie eine Uhr, die immer schneller zu ticken begann, deren Zahnräder so schnell drehten, dass die Zeiger auf dem Ziffernblatt zu einem Wirbel wurden, so drehte sich alle Welt um ihn. Schneller, schneller. Nur noch Melissa vor ihm, dann neben ihm. Dann überall um ihn. Wie ein Kreisel, der immer schneller dreht. Ohne Anzuhalten. Nur mit dem Ziel, alles auseinander zu sprengen.

Ein Schrei flog ihm in den Rücken und riss ihn aus dem Himmel zurück.

ZURÜCKTRETEN“,schrie jemand.

Schmerz dröhnte in seinem Rücken, dumpf. Etwas hatte ihn getroffen und er trat zur Seite. Mehr, um die Quelle des Schreis in den Blick zu bekommen. Was immer Melissa getan hatte, es pumpte ihn auf, ließ ihn den Schmerz vergessen.

Ekstase in seinen Adern.

Sie war in Zivil, Stiefel und ein T-Shirt. Eine breite, aggressive Haltung. In ihrer Faust ein Totschläger, ein hässlicher Klumpen schwarzen Eisens. Damit hatte sie ihn in die Seite geschlagen und hielt ihn jetzt abwehrend vor sich.

Sie. Die Polizistin. Maxine.

Neben ihr Melissa. Blut strömte ihre Handgelenke hinunter. Es trocknete auch auf seinem Kinn. Der Geruch betörte ihn. Wie Honig. Er wollte mehr davon. Aber zwischen ihr und ihm stand sie. Die Polizistin. Sie beachtete Melissa nicht, hielt den Blick auf Richard fixiert.

Melissa war gegen die Wand gesunken. Sie starrte das Schauspiel an. Ihre Augen reglos, aber scharf. Tot und doch lebendig. Hätte die Polizistin nur den Kopf gedreht, dachte Richard, hätte sie einfach den Blick gewendet, sie würde das perverse Spiel sehen, das mit ihnen beiden gespielt wurde.

Sah sie es denn nicht? Sah sie nicht das Grinsen, diese Erwartung in ihrem Gesicht?

Er gurgelte, trat nach vorn, deutete auf Melissa. Er musste sie sehen machen, musste ihr zeigen, was sie nicht sah.

Nicht sehen konnte.

Bleib weg“, rief Maxine und holte mit dem Schlagstock aus. Die Kugel an seinem Ende traf seine ausgestreckte Hand. Ein Geräusch wie brechender Reisig und das Messer klapperte zu Boden.

Richard taumelte zurück, blinzelte.

Wieso hatte er das Messer in der Hand gehabt?

Er spürte nicht, dass der Totschläger ihn getroffen hatte, sah nur, wie sein Handgelenk in unnatürlichem Winkel abstand.

Wie war das passiert?

Seine Seele war ein Maelstrom aus Verwirrung, aus Gefühlen, die er nicht kannte und die zu stark waren, um sie zu beherrschen.

Er blickte zu Maxine. Sie sah wie verwandelt aus. Nicht, wie er sie in Erinnerung hatte.

Ihr Gesicht war verzerrt, vor Wut, vor Hass. Auf ihn. Auf sich vielleicht. Hässliche, rote Flecken schienen sie zu umgeben, und das wenige Licht hier hinten verzerrte sie noch mehr. Als ob ihre Gefühle Gestalt angenommen hätten oder wenigstens Farbe und aus ihr heraus flossen.

Richard sah den Hass in ihren Augen funkeln. Diese Verachtung.

Und er wusste, dass Melissa Recht gehabt hatte. Dass sie auf Gewalt aus war. Dass es nur einen Ausweg gab, dass er sie töten musste. Dass er diese Energie, diese übersprudelnde Kraft in seinen Adern gegen sie richten musste.

Mit einem Knurren sprang er nach vorn.

Seine Knochen brachen wie altes Holz.

Maxine wich zur Seite aus, der geschwärzte Stahl ihres Totschlägers dröhnte auf seinem Fleisch. Er fühlte seine Rippen bersten, hörte seinen Schädel auf den Boden schlagen. Sie war über ihm, drosch erbarmungslos auf ihn ein. Sein Widerstand brach wie sein Handgelenk, wie seine Rippen. Haut und Fleisch platzten auf, Blut spritzte.

Eine Minute, vielleicht, dann war er erledigt.

Richard sah, wie eine schmale Hand sich um den Nacken von Schwarzbrunn schloss und wie Melissa sie wie ein ungezogenes Tier hoch hob und von sich schleuderte. Zwei, drei Meter entfernt prallte Maxine auf den Boden, überschlug sich ungelenk.

Mit der Übung einer trainierten Kämpferin sprang sie auf, holte mit dem Schlagstock aus, um sich mit einem Sprung nach vorn zu katapultieren und ihrem unbekannten Angreifer die Knie zu zertrümmern.

Wie angewurzelt hielt sie inne.

Du ruinierst es“, zischte Melissa „Du ruinierst meine Wette. Du warst am Ende, ein Wrack.

Maxine sah zu der Frau auf, die zwischen ihr und Richard stand, dann zu ihm hinunter auf den Asphalt.
Grauen breitete sich in ihrem Gesicht aus.
Darüber, was sie angerichtet hatte, wozu sie in der Lage gewesen war. Was dort vor ihr stand, mit geifernden Fängen, mit der Kraft dreier starker Männer und einer Stimme wie ein Teufel.

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte, rannte so schnell sie konnte in die Nacht.

Richard röchelte. Er wollte ihr nachrufen, wollte um ihre Hilfe flehen. Aber er brachte kein Wort heraus.

Sein Leib musste zerschmettert sein, auch wenn er es kaum fühlte. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Nicht einmal wirklich sehen. Alles um ihn her floss ineinander, flirrte mit einer Intensität, die von der Magie in ihm kommen konnte oder seinen Wunden. Seine Netzhaut löste sich ab und sein Schädel schien ihm zu zerspringen.

Das letzte, was er sah, war Melissa, die über ihm kniete. Alle Liebe, alle Zuneigung, die er in ihrem Gesicht je zu sehen geglaubt hatte, war daraus verschwunden.

Ihr Gesicht war kalt, gefühllos. Eine Totenmaske, die das Lächeln neu gelernt hatte. Ihre Augen fixierten ihn wie ein Insekt auf einer Nadel.

Sie sah ihm dabei zu, wie er zerbrochen dort auf dem Asphalt lag, in der blinden Gasse abseits aller Zivilisation. Wie sein zerschundener Körper zitterte und aufzugeben drohte. Und wie sein Herz trotzdem noch pumpte und schlug und ihn zusammen hielt. Angetrieben nur noch von unzähligen Leben, die sie selbst gestohlen hatte.

Deine Feigheit ist mich heute teuer zu stehen gekommen“, sagte sie, „Sei dankbar, dass ich mein Geschenk an dich nicht zurück nehmen werde: Es ist alles, was dich noch am Leben hält.“

Sie berührte seine Wangen. Ihre Hände waren kalt wie Schnee und trocken wie Eis und brannten auf seinem heißen Fleisch. Die Berührung raubte ihm das Bewusstsein.

Schuld und Sünde – Teil X: Ein Gespräch unter zwei Augen

1Der „Adjutant“ des Leiters der Polizeidirektion #6 reagierte schnell auf den Anruf des ehrenwerten Herrn Doktor Sanatoriumsleiter. Man informierte den Direktor Weißenfels, dieser benachrichtigte den Dezernatsleiter Arthur Winterstein und bereits am nächsten Vormittag war die bereits beurlaubte Maxine Schwarzbrunn suspendiert. Eine interne Untersuchung wurde eingeleitet, gegen die Proteste des Herrn Winterstein.

Max erhielt die Papiere ihrer Vorladung und wurde dazu aufgefordert, vor einer Kommission Stellung zu diversen Vorwürfen zu nehmen. Ihr wurde unterstellt, ihr Amt missbraucht zu haben, der Zivilibevölkerung und ihrem Amt durch ihr Verhalten geschadet und sich direkten Befehlen widersetzt zu haben.

Sie kämpfte. Sie wurde laut und wütend und bestand darauf, dass sie provoziert worden sei, dass alles ein abgekatertes Spiel sei mit diesem Dieb und Betrüger, dass man es auf sie abgesehen hätte.

Alles nützte nichts. Die Kommission zeigte sich uneinsichtig, ohne die Gründe für die Vorwürfe zu nennen. Oder auch nur, weshalb sie einer angeblich anonymen Quelle vertraute, von wo dieser Verrat kam. Sie stellte nur in Aussicht, dass man ihre Kündigung erwarte, ehe es zum Prozess käme. Dezernatsleiter Winterstein überbrachte ihr die Nachricht, dass auch er und die Direktion diesen Schritt begrüßen würde.

Man räumte ihr drei Tage – bis zum nächsten Montag – Bedenkzeit ein. Danach würde die Angelegenheit vor Gericht gehen und sie nicht nur entlassen, sondern wahrscheinlich auch verurteilt werden.

Noch am selben Tag überreichte ihr ein traurig dreinblickender Andersen einen Schuhkarton, der ihre persönlichen Gegenstände beinhaltete. Schreibzeug, ein paar Andenken und ihre Kaffeetasse. Maxine warf alles in den nächstbesten Mülleimer vor der Wache und trat nach, damit es hinein passte.

Sie wusste, dass Richard es gewesen war. Sie wusste es einfach. Winterstein hätte ihr den Rücken frei gehalten, wenn nicht von Außen Druck gekommen wäre. Der Dezernatsleiter änderte nicht von heute auf morgen seine Meinung zu solchen Dingen und fiel auch keinem Untergebenen in den Rücken.

Richard musste einen Weg gefunden haben, zurück zu schlagen. Irgendwie hatte die Ratte es geschafft, einen Wirbel zu machen, bis zur Direktion zu kommen damit oder irgendjemand anderen dafür einzuspannen. Die Scheiße roch zum Himmel.

Und jetzt?

Jetzt war es einfacher, sie loszuwerden, als die ganze Sache öffentlich auszutragen.

Es war unfair. Schlicht und ergreifend.

Die Regeln schützten einen Verbrecher. Einen Verbrecher, der ihr gegenüber die Tat gestanden hatte.

Wieso war sie nur so dumm gewesen und hatte sein Geständnis nicht protokolliert? Wieso war sie nicht gleich am selben Abend, als er sie in der Kneipe überrascht hatte, zu Winterstein gegangen und hatte den Barmann als Zeugen eines Geständnisses angegeben?

All seine Vorwürfe wären als Versuch gewertet worden, seiner Strafe zu entkommen.

Aber nein. Sie war so dumm gewesen und hatte nach den Regeln spielen wollen. Und jetzt war es unmöglich für sie geworden, ihn sich zu greifen.

Und trotz alledem ließ ein Satz sie nicht in Ruhe:

Irgendetwas hier stinkt“, hatte der Dieb ihr gesagt und angedeutet, dass es eine Verschwörung gab. Dass irgendjemand sie beide gegeneinander ausspielte und auf einander gehetzt hätte, dass es komisch war, dass sie ihm begegnet war, so kurz, nachdem er sich aus seinem Loch hervor getraut hatte.

Aber zu welchem Zweck hätte das geschehen sollen? Und war es so unnatürlich?

Er war ein Dieb – schlicht und ergreifend, er hatte das nicht verheimlicht – und sie verhaftete Diebe für gewöhnlich. Nichts daran war auffällig für sie.

Sie verwarf den Gedanken wieder. Sie hatte exakt zwei Mal mit dem Doktor Federer gesprochen. Einmal auf Wunsch des Direktors Weißenfels, um einem Freund der Direktion #6, der sie oft genug in schwierigen Fällen unterstützt und wertvolle psychologische Perspektiven gegeben hatte, zu unterstützen.

Und einmal telefonisch, nach dem Einbruch in ihrer Wohnung, woraufhin der Doktor sich höflich aber bestimmt von allen weiteren Verwicklungen distanziert und Maxine für ihre Dienste gedankt hatte.

Nie hatte er besonderen Druck auf sie ausgeübt. Und ganz sicherlich profitierte er nicht davon, sie ihres Amtes zu entheben. Vor dieser ganzen Affäre hatte sie ihn überhaupt gar nicht gekannt und es gab keinen Grund für ihn, sie loswerden zu wollen.

Oder?

Hätte die Sache von einem anderen losgetreten worden sein, einem unbekannten Dritten, aus ihr unerklärlichen Gründen?

Nein. Es hätte schon jemand wildfremdes den Herrn Doktor impersonieren, sich in das Sanatorium schleichen und zudem den Herrn Direktor Weißenfels einen Gefallen abringen müssen. Eine Sache der Unmöglichkeit, fand sie, und verwarf auch diese Idee.

Aber in einer Sache hatte Hahntritt Recht gehabt: Es war Federer, der sie in diese Situation gebracht hatte, wenn auch nur indirekt. Vielleicht könnte er sie auch wieder retten.

Nachdem Maxine also ihre Wut am Mülleimer vor dem Polizeirevier ausgelassen hatte, ging sie zum Sanatorium Schlüsselburg. Sie würde sich zu gehen weigern,bis der feine Herr sie wenigstens sehen würde. Er hatte ihr diese Sache eingebrockt, er würde sie dort hinaus holen können.

Noch war es möglich, noch war sie nur auf unbestimmte Zeit suspendiert. Noch hatte sie drei Tage Zeit, um den Vorwürfen zu begegnen und sich einen Leumund zu besorgen.

Zähne knirschend musste Maxine zugeben, dass es sie weniger Überzeugung kostete, sich zu diesem Schritt durchzuringen, als sie sich gewünscht hätte.

Vor nicht allzu langer Zeit war sie sicher gewesen, überzeugt gewesen, dass sie zu den Guten gehörte. Dass sie – nicht allein, nicht immer und vor allem nicht immer zu ihrer eigenen Zufriedenheit, aber doch – das Gesetz vertrat.

Hätte sie von diesem Satz Leopolds gewusst, sie hätte dem falschen Doktor Federer zugestimmt: Ihr Vertrauen war erschüttert.

Sie würde diese Angelegenheit selbst regeln, wenn es auch bedeutete, den alten Mann um einen Gefallen zu bitten. Selbst, wenn es hieß, ihm etwas zu schulden und die Regeln etwas zu biegen.

Zum Teufel mit den Regeln.

Sie würde tun, was gerecht war, wenn es schon nicht richtig war.

Als sie am Sanatorium ankam, war es bereits dunkel. Die Sonne war schon länger untergegangen und mit ihr die meisten Reste von Max‘ Selbstrespekt. Sie würde den Doktor noch heute treffen, sagte sie sich auf dem Weg zum Gelände. Notfalls würde sie die ganze Nacht dort warten und darauf bestehen.

Das Sanatorium war ein abgeschlossener Bereich in der Stadt, ein umzäunter Park mit nur einem einzigen Zugang zum Gelände. Bei ihrem letzten Besuch war Maxine mit dem Dienstwagen durch das Torhaus gefahren und in das Parkgelände hinauf. Dieses Mal war sie zu Fuß und stapfte durch die Straßen auf das Torhaus zu.

Es schob sich am Ende einer breiten Pflasterstraße, plötzlich und unvermittelt, zwischen die Wohnhäuser: Ein Torbogen aus roter Klinke über der Straße, zwei kleinere daneben über den Gehwegen. Wie der Eingang zu einer alten Burg, es fehlte nur der Wassergraben.

Eine Frau wartete dort, lehnte gegen die Pfeiler, die die Torbögen trugen. Sie hatte die Arme um ihren Oberkörper geschlungen und schien Maxine zu beobachten. Mit ihren Blicken folgte sie Maxine bei ihrem Gang durch die hohle Gasse, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam. Sie sah aus wie eine Katze, die eine in der Ferne vorbeihuschende Maus fixierte.

Max ignorierte sie zunächst. Sie war selbst in ihren Gedanken versunken, die um die immer wieder gleichen Punkte kreisten. Um den Doktor und den Dieb.

Aber als sie fast an ihr vorüber war und schon fast im Schatten des Torbogens, sagte die Frau etwas. Maxine blieb stehen und drehte sich halb zu ihr um.

„Bitte?“, fragte Max.

Die Frau war jung, schlank, schmächtig gerade zu, und hatte honigblonde Locken, die ihr bis über die Schultern fielen. Sie trug keine Handtasche bei sich, wie Max auffiel, und in den Hosen ihrer Taschen konnte unmöglich vieles Platz haben.

Ich habe Sie gefragt, ob Sie wohl eine Zigarette für mich hätten“, sagte sie.

Max schüttelte den Kopf, klopfte sich die Taschen ab.

„Ja, natürlich, wo hab ich denn…“

Sie fand die Schachtel, bot sie der jungen Frau an.

Danke. Ich rauche eigentlich nicht… Nicht mehr, aber heute ist wohl so eine Nacht, in der ich Ausnahmen machen darf.

Sie steckte sich die Zigarette zwischen die Zähne, die lang und weiß und wundervoll waren. Dann reichte sie Max Hand. Als Max sie ergriff, war ihr Fleisch kalt und trocken, als ob sie schon eine ganze Weile hier in der kühlen Nacht gestanden hätte.

„Andrea“, stellte sie sich vor.

„Max“, sagte Max und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an. Als sie das Feuerzeug entzündete, konnte sie sehen, wie Andrea leicht zusammen schrak, als ob das Feuer ihr unangenehm wäre.

Andrea rauchte auch zurückhaltend, fast gar nicht. Den Sargnagel schien sie auf einer Armlänge Abstand zu halten, aber sie war sehr gut darin, so zu tun, als würde sie rauchen, und Max bemerkte nur, dass sie anscheinend nicht oft oder gerne rauchte. Trotzdem tat sie es.

Vielleicht hatte die Frau einen besonders schweren Fall besucht, vielleicht suchte sie nur die Gesellschaft?

„Für einen Besuch ist es sehr spät, oder nicht?“, fragte Max.

Die junge Frau lächelte, wich ihrem Blick aus.

Besuchszeiten gelten für mich nicht wirklich…“ Sie seufzte mit einer Melancholie, die Maxine keinem Menschen je zugetraut hätte.Aber manchmal muss man etwas mit eigenen Augen sehen, um es zu begreifen. Damit man es akzeptieren kann.

Ich weiß, was Sie meinen“, sagte Maxine. Sie blickte in die Stadt hinter sich zurück.

Etwas in ihrem Blick musste ihre Stimmung verraten haben.

Sie schauen unglücklich aus“, sagte die junge Frau. „Als wäre ein Teil von Ihnen gestorben.“

Ist einfach nicht mein Tag“, sagte Max. „Oder vielleicht auch mein Jahr.“

Sie ließ die Schultern hängen und starrte die hohle Gasse hinunter, die zurück in das Gewirr der Straßen und Viertel führte. Obwohl es Nacht war, leuchtete der Horizont in einem dünnen Orange.

Irgendwie haben Sie aber Recht. Ich liebe meinen Job, wissen Sie? Ist so eine Art Berufung für mich, ein Teil von mir. Alles für die Katz wegen eines dummen Fehlers.

Ha. HaHa. Verzeihen Sie, Sie haben sicherlich andere Probleme.“

Die junge Frau zuckte mit den Schultern.

Als Sie? Heute Nacht nicht wirklich. Darf ich fragen, was das für ein Fehler war?

Sie hat die Augen eines Raubtiers, dachte Max. Ein Blick, der einem bis ins Fleisch fuhr. Beunruhigend bei so einem ruhigen Mädchen.

Max schüttelte den Kopf. Sie seufzte und stellte zum ersten Mal fest, dass ihr das Atmen schwer fiel. Als ob ein Gewicht auf ihr lastete, dessen Sie sich nicht bewusst war. Als ob der Blick von Andrea ihr so auf der Brust lag. Ihr schnürte sich die Kehle zu, sie musste schlucken.

„Ich… Ich weiß auch nicht. Ich sollte einen Job erledigen, hat mein Boss gesagt. Einen einfachen, für einen Freund. Dem Doktor etwas helfen bei einem Patienten, ein kleiner Gefallen unter Freunden. Und jetzt… Jetzt bin ich irgendwie verlassen und allein und ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Plötzlich werd ich schuldig gesprochen dafür, dass ich meinem Boss einen Gefallen getan habe.

Das… das macht nicht viel Sinn, oder?“

„Im Gegenteil, Max, das ergibt sogar eine Menge Sinn. Geben Sie dem Doktor die Schuld daran?“

Max runzelte die Stirn, dachte kurz nach.

Tat sie das? Sie wusste nicht, wem sie die Schuld an ihrem Elend geben sollte. Es war so ein diffuses und undurchsichtiges Knäuel an Verwicklungen, die sie nicht sah oder verstand, dass sie nicht auf einen Einzelnen hätte zeigen und ihm die Schuld geben können.

„Ich glaube nicht. Am ehesten noch dem Patienten, bei dem ich dem Doktor helfen sollte. Aber… aber seit einigen Tagen bin ich mir nicht mehr so sicher, wie viel Anteil er wirklich hat. Er hat mir gesagt, dass es nicht einmal seine Entscheidung war, diesen ganzen Mist anzufangen. Aber ich weiß nicht, wie viel ich ihm davon glauben kann.“

Die junge Frau sah Max an, wieder mit diesem Raubtierblick, wie eine Katze die Maus.

„Hat er das? Das klingt, als wären Sie beide nur der Spielball unglücklicher Umstände gewesen.“

„Oder irgendeiner Verschwörung“, sagte Max.

Dann lachte sie über sich und diesen Gedanken.

„Andererseits ist der Mann verrückt, paranoid, und sieht überall Verschwörungen, wo keine sind.“

„Was wollen Sie dann hier?“, fragte die junge Frau und schnippte ihre halbgerauchte Zigarette fort. „Das klingt alles weniger nach einem Fehler und mehr nach Irrtümern.“

Maxine zuckte mit den Schultern.

„Hilfe, denke ich. In drei Tagen bin ich meinen Job los, wenn ich meinen Boss nicht überzeugen kann, dass ich unschuldig bin. Ich hoffe er kann mir dabei helfen.“

Die junge Frau verschränkte die Arme und lenkte den Kopf schief. Sie lächelte. Ein enthemmtes Lächeln, dachte Max, eines, das sich nicht um Meinungen oder Konventionen scherte und einfach ganz natürlich war.

„Also, Max. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei. Sie können diese ganze Sache sicherlich bald hinter sich lassen“, sagte sie, „und zu ihrem alten Leben zurück kehren.“

Max sah der jungen Frau für einen Augenblick hinterher. Sie ging mit einer Eleganz und Gewissheit, die Max neidisch machte. Sie war mit Sicherheit kein Opfer, nicht einmal in diesen Umständen, die sie nachts in eine Irrenanstalt getrieben hatten.

Dann machte sich Max auf den Weg durch das Gelände, hoch zum Anwesen, das auf einem kleinen Hügel thronte. Das Sanatorium bestand aus mehreren kleinen Gebäuden, die in der Parkanlage um das Haupthaus, das ehemalige Anwesen, herum geworfen schienen.

Die Wege waren nur schwach erleuchtet, aber sie genoss die Ruhe. Der Weg und die stille Nacht erlaubten ihr, etwas Abstand zu den Ereignissen der letzten Zeit zu gewinnen. Es war ein wenig, als würde sie aus ihrer gewohnten Welt heraus kommen und von dort draußen, von diesem sicheren, abgegrenzten Platz außerhalb all der Hektik und des Alltags, einen neuen Blick darauf bekommen.

Eine neue Perspektive.

Als sie oben ankam, hatte sie die mysteriöse Frau beinahe schon wieder vergessen.

Zu ihrer großen Überraschung ließ Thaddäus, der wie auch bei ihrem ersten Besuch in der Nacht den Dienst an der Rezeption übernahm, sie ohne Umstände herein.

Sie wartete vielleicht fünf Minuten, bis er den Doktor Federer informiert hatte, der „wieder einmal“ bis spät in die Nacht hinein arbeiten würde. Der Doktor ließ sie ohne Aufheben nach oben in sein Büro bitten, wo er wie zuletzt an seinem Sekretär über Akten und Papieren gebeugt saß und in unleserlichster Handschrift Notizen anfertigte.

Er begrüßte sie mit einem freundlichen Druck seiner Handschuhe und Max setzte sich ihm gegenüber.

Wie kann ich Ihnen helfen, Frau Kommissarin“, fragte er.

Max fand die Frage unangenehm. Wie er dort saß, wie er die Frage stellte, das alles erinnerte sie an einen Arztbesuch. Sie barg die Hände im Schoss.


Nennen Sie mich Max, bitte. Oder Maxine. Ich bin nicht mehr lange eine Kommissarin.“

Das schien den Doktor zu überraschen, er zog eine Augenbraue in die Höhe.

„Wie bitte? Wieso das? Sie wechseln nicht etwa den Dienst? Hören Sie, wenn das irgendetwas mit meiner Bitte zu tun hat – ich weiß, ich habe mich da sehr bedeckt gehalten, aber ich würde mir wünschen, dass Sie wegen mir keine Unannehmlichkeiten erdulden müssten…“

Ich stehe vor einer internen Untersuchung“, sagte Max. „Man hat mir unmissverständlich wissen lassen, dass man mir den Prozess machen und mich unehrenhaft entlassen wird, wenn ich nicht bis Montag meine Kündigung eingereicht habe.“

Der Blick des Doktors verfinsterte sich.

„Ist es wegen ihres Anrufs neulich? Wegen Richard?“

Ich vermute es, ja. Das heißt, ich weiß es. Man wirft mir Amtsmissbrauch vor. Ich soll ihn und einige seiner Kumpanen ausgebeutet und mich selbst an ihnen bereichert haben. Ich… ich glaube, dass Hahntritt Druck auf die Direktion ausübt oder auf das Dezernat, um sich an mir zu rächen. Er hat mich neulich aufgesucht, hat mich provoziert. Ich… Ja, ich habe zugeschlagen, vielleicht etwas zu kräftig, aber er ist zu mir gekommen. Er hat sich mir aufgedrängt und ich habe mich gewehrt.

Der dicke Mann in seinem Lehnsessel seufzte und lehnte sich nach hinten. Er sah auf seinen rechten Handschuh, der müßig einen Füllfederhalter herum schob.

Jetzt wollen Sie, dass ich ein gutes Wort für Sie einlege.“

Max atmete tief ein.

Es war so viel einfacher, wenn er es ansprach. So viel weniger erniedrigend, wenn sie ihre Bitte nicht selbst aussprechen müsste.

„Ja.“

Sie wünschen, dass ich dem Direktor Weißenfels telegraphiere und ihm darlege, in welchem Ausmaß Richard sich eine Vendetta gegen ihn einzubilden in der Lage ist, wie weit er gehen würde, um diese paranoide Vorstellung aufrecht zu erhalten, wie er sogar bereit wäre, Sie zu Gewalt gegen sich selbst aufzustacheln, um diesen Wahn zu rechtfertigen.“

Der Doktor ballte die Hand, er blickte Max direkt an. Die rutschte in ihrem Sitz nach vorne, bis fast zur Kante. Sie fühlte ein Aber in der Luft, eine Forderung, einen Preis für ihre Bitte, der sie bis zum Zerreißen anspannte.

„Aber ich frage mich doch, warum Sie damit zu mir kommen.“

Max hatte mit vielem gerechnet, mit der Forderung nach Geld oder Gefälligkeiten, selbst mit einer unwahrscheinlichen und verächtlichen Forderung nach einem Abendessen mit ihr oder dergleichen.

Aber nicht damit.

Ihr wurde aller Wind aus den Segeln genommen.

„Äh… Wie… Wie meinen Sie das?“, fragte sie.

Wieso nehmen Sie die Sache nicht selbst in die Hand?“

Weil Sie… Nun. Also. Wenn Sie bei dem Herrn Direktor sich für mich einsetzen, wird er sicherlich die Prüfung verschwinden lassen oder jedenfalls nicht meine unmittelbare Entlassung fordern. Ich bin mir sicher, dass er…“

„Ja Ja, das weiß ich selbst“, sagte der falsche Doktor und winkte ab. „Lassen Sie mich so fragen: Wieso üben Sie nicht einfach Ihr Amt aus, statt es zu missbrauchen?“

Seine Augen funkelten bei diesem Satz und Max fühlte, dass sie sich seinem Blick nicht entziehen konnte. Er war magnetisch, beinahe hypnotisch. Es waren dunkle Augen, ganz ruhig und gesetzt, die sie in ihren Bann zogen. Sie waren so ganz anders als der stechende Blick der jungen Frau von vorhin, sie waren so viel tiefer, wie ein endloser Abgrund der Zeit.

„Sie meinen…“

„Ich meine, dass viele Ihrer Kollegen in den letzten Jahren mit ähnlichen Problemen zu mir gekommen sind und ich ihnen stets das gleiche gesagt habe: Der Zweck heiligt die Mittel und Zweck der Schutztruppen ist es, gefährliche Elemente von den Straßen zu entfernen. Führen Sie Richard Ihren Kollegen vor und ich werde dem Herrn Direktor mit Freuden bestätigen, was ich Ihnen so eben gesagt habe: Dass Richard gefährlich ist und sie in Notwehr gehandelt haben, wenn auch präventiv.“

Leopold von Schlüsselburg in seiner Verkleidung als Doktor Federer lehnte sich nach vorne. In der Stille seines Büros klangen seine Worte vertraulich, er raunte sie, obwohl er nicht fürchten musste, von jemand anderem als Max gehört zu werden.

Vielleicht ist es besser, Fräulein Schwarzbrunn, wenn Sie die Regeln brechen, um die Gesetze aufrecht zu erhalten, und sich den Herrn Hahntritt selbst vorknöpfen.

Schuld und Sühne – Teil IX: Matte Nächte

9Hinter dem Fensterglas erstreckte sich die Nacht. Ein endloses Grau in Grau, das nur am Horizont, hinter den Baumwipfeln von einem dünnen Streifen Weiß unterbrochen wurde. Die fernen Lichter der Stadt hatten das Firmament gefressen, nicht einmal der Mond war zu sehen. Die einzigen Sterne waren die Baukräne in der Ferne, die Scheinwerfer des Fernsehturms, die Bankentürme.
Lichtschmutz.

Es war, paradoxerweise, so finster wegen der entfernten Stadtlichter, dass nicht einmal das Ende des Parks zu sehen war. Geschweige denn Menschen. Die Stadt und der Fensterbogen im Sanatorium waren durch einen kleinen Hain voneinander getrennt , der das Licht selbst ausschloss, und nur den Lichtschmutz im Himmel nicht los wurde. Aber die Menschen waren zu hören. Zu fühlen. Dort draußen rumorte es, nicht so wie vor dem Palais, in dem Melissa zuletzt sehnsüchtig aus dem Fenster gestarrt hatte.

Aber auch hier war sie sich des Schwarms von Menschen bewusst, der dort draußen schwirrte und die Nacht bevölkerte. So, wie sie sich seiner immer bewusst war.

Der Ausblick vom Hügel her über die Stadt war hübsch und die junge Frau konnte verstehen, dass ihr Gastgeber sich in diesem alten Anwesen wohl fühlte. Auch, weil er mindestens ebenso alt wie das Gelände selbst sein musste und es nach seinen exakten Vorstellungen gestaltet hatte. Wahrscheinlich hatte er selbst die Bäume im Parkgelände bereits als Setzlinge pflanzen lassen, um ihren Wuchs über die Jahrzehnte hinweg zu exakt derBlickachse formen zu können, die sich ihr von seinem Büro aus darbot.

Ein Lächeln zuckte über ihre Lippen.

Der Preis für ihren Sieg bei ihrer kleinen Wette wäre eine Gefälligkeit bei Leopold von Schlüsselburg. Sie könnte ihn zwingen ein neues Gebäude zu errichten, ein altes abreißen zu lassen oder – undenkbar für ihn – das Anwesen modernisieren zu lassen. Sie könnte die Blickachse ruinieren und einen völlig fremden Baum dort pflanzen lassen, wo er wie ein Stachel im Blick stecken musste.

Eine kleinliche Rache und eine Verschwendung einer solchen Gabe.

Aber der Gedanke amüsierte sie.

„Sie sind schweigsam, Fräulein Morgenthau“, sagte der Hausherr hinter ihr.

„Ich hielt es für unschicklich, Sie bei ihrer Arbeit zu unterbrechen, mein ehrenwerter Herr.“

Stille herrschte wieder zwischen Ihnen, so wie die letzte halbe oder dreiviertel Stunde. Melissa war sich nicht einmal sicher, ob er die Zeit überhaupt noch verstreichen spürte, so uralt wie er war. Sie aber fühlte den Stich jeder Minute.

„Fürchten Sie, Ihre Gedanken zu verraten, wenn Sie mit mir reden?“, fragte Leopold. „Ich bitte um Verzeihung, doch ich wäre ein schlechter Gastgeber, ginge ich bei Ihnen auf Raubfang. Sie sind Gast in meinen Hallen, nichts läge mir ferner, als mich wie ein gemeiner Dieb in ihren Geist zu stehlen.

Melissa zog die Brauen zusammen. Sie besah sich das Spiegelbild des beleibten Junkers in seinem Fenster. Er saß hinter ihr, an dem überdimensionierten Sekretär, an dem er wohl den Großteil seiner Nächte verbrachte.

Er war geübt darin, in Geistern und Gedanken zu schnüffeln, sie zweifelte nicht daran. Er leitete ein Sanatorium und jeder, der etwas auf sich hielt, wusste, was darin vor sich ging. Dass er in den Alpträumen, den Psychosen und Obsessionen seiner Patienten las, wie andere in einem Buch. Dass er sich nicht mit Analysen und Interpretationen aufhielt, sondern einem nur in die Augen schauen musste, um auch den verstecktesten Gedanken heraus zu finden.

Sie haben mich ertappt, mein werter Herr“, sagte Melissa und drehte sich zu ihm um. Er las in einigen Akten und Papieren. Das hatte er schon getan, als sie angekommen war – auf seine Einladung, natürlich – und seit ihrer Ankunft nicht damit aufgehört.

Es war eines dieser Spielchen, das alle Älteren gerne mit ihr spielten. Sie warten zu lassen für Alltagsgeschäfte, die sie ohnehin schon längst erledigt hatten oder die ein Diener hätte übernehmen können.

Man gewöhnte sich daran. Sie war ohnehin von der letzten Nacht noch befriedigt und beruhigt. Ein leichter Nachgeschmack davon schwebte ihr im Kopf herum und so hatte sie es nicht allzu eilig, den Grund ihres hierseins zu erfahren.

Eher noch hätte sie der Inhalt der Papiere interessiert, doch Neugier war der Katze Tod. Und selbst wenn Leopold sie ihr gezeigt hätte, wäre der Preis dafür wohl zu hoch gewesen.

Sie lesen in mir, wie in einem offenen Buch“, sagte Melissa.

Leopold schnaubte. Er ging nicht auf ihr langweiliges Kompliment ein.

Fräulein Morgenthau, Sie sollten diese Furcht ablegen. Sie schlagen sich nicht schlecht in unserer kleinen Wette. Nein, nein, keine falsche Bescheidenheit. Soweit ich es übersehe, haben Sie den Jungen ziemlich in ihrer Hand. Ein nützliches Werkzeug, wenn Sie sich getrauen würden, Ihn einzusetzen.“

Was meinen Sie?“, fragte Melissa. Es schien, als würde sie endlich erfahren, warum der Junker sie zu sich bestellt hatte.

„Ich denke, der Junge färbt auf. Wo ist Ihr Bravado, Ihre Leidenschaft? Sie spielen vorsichtig und das wird Sie den Sieg kosten.“

Melissa runzelte die Stirn. Sie ging um den Tisch herum. Der Junker hatte ihr den Rücken zugedreht gehabt und keine Anstalten gemacht, sie anzublicken. Erst, als sie ihm gegenüber stand, legte er seine Papiere beiseite.
Schauen Sie nicht so, der Zweifel verunziert Sie. Sie halten Ihren Sieg für gesichert?“

Ich sehe nicht, was ihn noch aufhalten könnte. Der Kleine fühlt in sich Kräfte und Freiheiten, die er noch nie gekannt hat. Er mag ein Feigling sein, aber er hat den Instinkt eines Raubtiers, glauben Sie mir. Ich erkenne so etwas. Er ist bislang mit einigen Missetaten davon gekommen und er ist kurz davor, eine allerletzte zu begehen. Nur um sich zu beweisen, dass die Polizistin nicht besser ist als er. Auch Hunde beißen irgendwann, wenn man sie nur oft genug schlägt.

Leopold gluckste.
„Achten Sie darauf, dass er nicht die Hand beißt, die ihn füttert.“

Melissa ließ sich dazu hinreißen, zu triumphieren. Ein grausames Lächeln umspielte ihre Lippen, sie verschränkte die Arme.

„Sie wissen, dass sich die beiden vorgestern getroffen haben? Er hat mir davon erzählt. Ihre Polizistin hat ihn ein wenig härter angefasst, hat geschworen, ihm das Leben zur Hölle zu machen. Er ist außer sich, völlig paranoid. Er glaubt hinter jeder Ecke wolle ihm jemand etwas böses, traut sich kaum mehr vor die Tür. Er vermutet eine Verschwörung, die ihn in diese Situation gebracht hat. Er hat nicht Unrecht damit, aber ich muss ihn nur umlenken. Ein kleiner Anreiz von mir und er stößt ihr das Messer in den Rücken.“

Und Sie halten meine Dame für zu passiv, nicht?“

„Ja.“

„Zu diszipliniert, zu eingepfercht von ihren eigenen Regeln, zu Paragrafentreu, um sich zu wehren.“

„Ja und nochmals ja. Ich habe die Polizistin beobachtet. Sie ist aggressiv, brutal geradezu. Aber nur, wenn sie sich von Recht und Gesetz gedeckt fühlt, wenn sie straffrei ausgeht, weil eine Autorität ihr diese Brutalität gestattet. So war es bei ihrer ersten Begegnung mit dem Dieb, so ist es bei der letzten gewesen.

Der Herr der Schlüsselburg lehnte sich in seinem Sessel zurück. Er nickte mehrfach, musterte seinen Gast von oben bis nach unten.

„Sie haben gut gespielt. Eine gute Partie für ihr Alter. Sie haben ein Auge für Schwächen, für die kleinen Fäden, an denen die Menschen hängen. Bewahren sie sich das, es wird Ihnen viel nutzen. Aber es ist, wie ich sagte: Sie müssen noch einiges über die Psyche lernen.

Dann stemmte er sich aus seinem Sessel und ging zu einem Beistelltischchen hinüber. Darauf stand ein kleines, schwarzes Telefon, eines der uralten Modelle mit einer Wählscheibe und einer Gabel, auf der ein Hörer lag, der wie ein Knochen aussah.

Offenbar aber war alles nur Schein, denn er hob nur ab und sagte in den Hörer:

„Geben Sie mir den Direktor Weißenfels.“

Eine kurze Pause, in der sein Sekretär wohl etwas sagte.

„Meinethalben, dann seinen Adjutanten. Ja, augenblicklich. Natürlich ist mir die Uhrzeit gleichgültig.

Melissa starrte ihn an.

„Was tun Sie da?“, zischte sie. Er machte alles kaputt. Alles, alles machte er kaputt mit diesem Anruf. Sie wusste es. Sie kannte diesen Blick. Irgendetwas plante er und sie verstand es nicht, was er plante und was er tat. Sie wusste nur, dass er ihren Sieg gerade ruinierte.

Leopold zwinkerte ihr zu, legte einen Finger auf die Lippen, um ihr das Schweigen zu bedeuten.

„Federer hier“, sagte er. Seine Stimme hatte sich verändert. Sie war ein Bellen geworden, ein reibendes, treibendes Blaffen. Wie ein Jagdhund. Als wäre er eine andere Person geworden in nur einem Augenaufschlag. Selbst seine Haltung und ganze Erscheinung war anders. Fort war der joviale alte Herr und vor ihr stand ein alter Militär, mit aller Niedertracht und Gewalt, die er Zeit seines Lebens angesammelt hatte.

Was für eine unfähige Anfängerin haben Sie mir da geschickt?“, knurrte er in den Hörer.Eine Schwachsinnige, sage ich Ihnen, eine Dilettantin. Ja. Ja. Ich habe den Patienten hier sitzen, nach dem sie schauen sollte. Am Boden zerstört, vollkommen aufgelöst. Jahre meiner Arbeit zunichte gemacht an einem Nachmittag. Hat ihm aufgelauert, betrunken offenbar. Ist mir gleich, ob sie bereits beurlaubt ist, Sie, Sie… Wissen Sie, was diese Irre angerichtet hat? Hat den armen Jungen bedroht, ist handgreiflich geworden. In aller Öffentlichkeit. Der Mann traut sich kaum mehr auf die Straße, plappert von Gewalt und Willkür, all sein Vertrauen zu Autoritäten ist für die Katz. Alles dahin. Er bekommt kaum einen geraden Satz raus vor Tränen, weil diese Wahnsinnige ihn auf offener Straße würgt und ihm Gewalt androht.

WAS WEIß ICH DENN, WESWEGEN SIE DAS GETAN HAT“, brüllte der Junker ins Telefon. „Ich habe Sie um einen einfachen Gefallen gebeten und sie schicken mir diese Abrissbirne. Ich habe gehört Sie hätte Akten entwendet, nicht nur meine. Wissen Sie, wie ich das nenne? Amtsmissbrauch. Einen wandelnden Skandal nenne ich das.

Ihre Entlassung, augenblicklich.

Wie? Intern? Ja. Ja, meinethalben. Ich hoffe doch, dass Sie es dem Herrn Direktor Weißenfels weiterleiten, Sie Narr. Nein, keine Öffentlichkeit. Und halten Sie meinen Namen da heraus, haben Sie das verstanden?

Ja. Ich erwarte Ihren Anruf.

Ohne eine weitere Verabschiedung schmiss der alte Herr den Hörer auf die Gabel, dass es schepperte.

Er atmete tief durch, richtete sich seine Weste mit den Silberknöpfen und schlüpfte wieder in seine gewöhnliche Persona, so wie Melissa in einen Morgenmantel.

Was haben Sie getan?“, fragte sie und starrte ihn fassungslos an.

Leopold von Schlüsselburg nahm wieder gegenüber von ihr an seinem Schreibtisch Platz.

„Die Suspendierung von Fräulein Schwarzbrunn angeregt, haben Sie nicht zugehört? Ich dächte, Sie könnten etwas dabei lernen, mir bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Sehen Sie es als einen Olivenzweig, schließlich meinte ich, was ich sagte: Sie haben sich gut geschlagen. Ich glaube, sie kommen in diesen letzten Monaten endlich aus ihrer Kinderei heraus, mein Fräulein.

„Weshalb, um Himmels Willen? Leo…“, sagte Melissa und fing sich gerade noch kurz bevor sie den Älteren mit seinem Namen ansprach.

„Herr von Schlüsselburg“, sagte sie, „Weswegen sabotieren Sie Ihre eigene Spielfigur?“

Wegen Amtsmissbrauch und grober Fahrlässigkeit im Dienst, Sie haben selbst gesagt, sie sei Ihren Jungen körperlich angegangen. Mit der Entwendung vertraulicher Akten… Das sieht nicht gut aus für sie, nicht?“

„Aber…

Melissa runzelte die Stirn. Sie verschränkte die Arme und sah ihren Gastgeber mit ernster Miene an.

„Jetzt hat sie keinen Grund mehr, gegen Hahntritt vorzugehen. Keinen Anlass, keinen Befehl, keinen Auftrag. Nicht einmal einen Kadavergehorsam.“

Im Gegenteil, jetzt hat sie jeden nur erdenklichen Grund.“

Leopold winkte ab.

„Die Regeln nützen der Polizistin nicht, jedenfalls nicht soweit es unsere kleine Wette betrifft. Ich gebe Ihnen da durchaus recht, sehr gut beobachtet. Meine Maxine ist zu spröde, zu vertrauensvoll, was Autorität und Ordnung angeht. Ich habe das soeben behoben. Jetzt gibt es keinerlei Regeln mehr, die sie zurückhalten, denken Sie nicht auch?“

Melissa stützte sich auf dem Sekretär ab. Sie sog die Luft ein, als ob sie etwa protestieren wollte, dann atmete sie aus.

Das kleine Mädchen will gern ein Täter sein. Jetzt ist sie bestraft worden, noch bevor sie etwas getan hat“, sagte sie.

Also kann sie auch genau so gut den Fehltritt begehen, für den sie schon bestraft worden ist.“

Schuld und Sünde – Teil VIII: Unangenehme Fragen

Der junge Mann war allein. Er saß auf der Rückenlehne einer Parkbank, die Turnschuhe auf der Sitzfläche abgestellt, und genoss die Reste der Abendsonne. Es war eine kleine Insel der Ruhe inmitten eines ansonsten zubetonierten Stadtviertels, die nur wenige Minuten von größeren Bahnhöfen und Straßen entfernt lag. Er trank nicht, er rauchte auch nicht. Er saß nur dort, das eingefallene Gesicht stumm in die Gegend gerichtet und dachte über sein Leben nach.

Beinahe wäre es idyllisch gewesen.

Wäre er nicht ein Dieb und seine Gedanken nicht schändlich gewesen.

Als Max auf ihn zukam, verzog sich sein Gesicht. Eine Grimasse, die unangenehme Gedanken verriet. Maxine malte sich aus, dass er an jeder einzelnen Entscheidung zweifelte, die ihn hierher gebracht hatte. Dort, auf diese Parkbank, in ihr Schussfeld.

Er wippte mit den Füßen und den Knien und versprühte eine nervöse Energie, als würde er jeden Moment losspringen und davon laufen wollen.

Max kam vor der Parkbank zum Stehen, verschränkte die Arme. Einen Augenblick lang stand sie nur dort, sagte nichts. Sie gab ihm Zeit für seine Gedanken, beobachtete ihn. Er war ein staksiger Junge in zu großer Kleidung, mit unruhigen Augen und nur ein paar Fusseln am Kinn. Er war noch jünger als Hahntritt, der auch noch ein Kind in ihren Augen war. Ein gefährliches vielleicht, aber ein Kind.

Wie heißt du?“, fragte sie.

Der Junge wich ihrem Blick aus, sah zur Straße, als ob er von dort Hilfe erwarten würde.

Was geht Sie das an?“, fragte er zurück.

Instinktiv griff Maxine in ihre Hosentasche. Dann fiel ihr auf, dass sie noch keinen Ersatz für ihren Dienstausweis bekommen hatte.

Sie überspielte es mit einem Grinsen.

„Du weißt verdammt genau, was mich das angeht“, sagte sie. „Du und deine zwei Kumpane, ich weiß, dass ihr es wart.

Dass wir was waren?“

Du weißt, wer ich bin, oder?“

Der Junge leckte sich über die Lippen.

Polizei.“

Max nickte.

Und du weißt, wieso ich hier bin?“, fragte sie.

Der Junge sah sie endlich direkt an. Ein kurzer, scheuer Blick, der ihre Zivilkleidung abtastete, ihre freien Oberarme und Schultern, ihre kurzen Haare.

Er grinste frech.

Keine Ahnung. Hab‘ den ganzen Nachmittag die Polizei gesehen. Haben die ne Leiche gefunden? War‘s wer, den ich kenne? War‘s ihre Mutter?

Spar dir den Scheiß, Kleiner, ich bin heut nicht in Stimmung dafür. Du weißt, weshalb ich hier bin?“

Einen Augenblick lang zögerte der Junge, verzog das Gesicht. Schließlich zuckte er mit den Schultern, brummte ein unverbindliches „uh-huh“ und sah wieder zur Straße hinüber.

Max kam noch näher. Nähe war der Schlüssel. Die meisten Menschen wurden nervös, wenn man etwas aufdringlich wurde. Man musste gar nicht aggressiv sein, sondern nur in ihre Privatsphäre eindringen. Ihnen zu nahe kommen, sie in ihrer kleinen Welt stören. Das war der Trick: Ganz nachlässig in die intimste Welt Anderer dringen.

Sie stellte ein Ben auf der Bank ab, dicht neben seinem.

Ein Grinsen verzerrte ihre Gesicht.

Rauchst du?“, fragte sie. Sie zog die Hand wieder aus der Tasche, zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich soweit vor, dass sie die geplatzten Äderchen in seinen Augen sehen konnte. Er zuckte mit den Schultern, nahm die Kippe und steckte sie sich hinters Ohr, ohne sie zu rauchen.

Wir machen das so, Kleiner: Du sagst mir einfach, wo er ist…“

Wer?“, schoss der Junge sofort zurück.

Du weißt genau, wer.“

„Nicht die Spur einer Ahnung“, sagte er und leckte sich wieder über die Lippen. Sein Blick huschte wieder zur Straße. Er wartete auf jemanden.

Wie alt bist du? sechzehn? Gerade so noch jung genug für den Jugendknast, hm? Alt genug für eine längere Sitzung auf jeden Fall.“

Seine nervösen Bewegungen stoppten. Er fror ein wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Offenbar mochte er es nicht, in die Ecke getrieben zu werden, konnte aber nicht viel dagegen tun. Weglaufen konnte er nicht, so dicht, wie Maxine ihm war. Und er konnte nicht handgreiflich werden, um sich zu befreien.

Er hatte Angst, aber kein Mittel dagegen.

Maxine musste ihm nur einen Ausweg zeigen, einen kleinen.

Wir machen das so, Kleiner: Du sagst mir, wo er ist und die Geschichte ist zu Ende. Ich schleife dich nicht auf‘s Revier und du siehst mich auch nie wieder. Außer vielleicht du steckst das nächste Mal in der Scheiße und mit der Hand in jemand anderes Tasche. Dann kann ich dir vielleicht sogar helfen.

Endlich sah der Junge sie wieder an. Länger diesmal. Und alles, was Maxine sah, war ein verängstigter, kleiner Junge mit ein paar Fusseln am Kinn und ein paar Jahren voller Pech und schlechter Entscheidungen.

Kann ich nicht“, sagte er.

Du kannst oder du willst nicht?“

Ich kann nicht. Keine Ahnung, wo er ist.“ Er blinzelte und sah wieder weg. „Von wem auch immer Sie reden.“

Dann fixierte der Junge einen Punkt hinter ihr. Maxine drehte sich halb um. Ein älterer Mann – der letzte der drei – kam von der Straße her auf sie zugeeilt. In seinen Händen eine Plastiktüte mit Bierdosen, in seinem Gesicht ein finsterer Blick.

Mit so einer Gewalt hielt er auf die Parkbank zu und so wild begann er zu gestikulieren, dass Max einen Schritt zur Seite machte, um nicht von ihm umgerannt zu werden und ihm frontal zu begegnen.


Gut, dass du da bist“, sagte Max und setzte wieder ihr überhebliches Grinsen auf. „Ich wollte deinem Kumpanen gerade erklären, wie ihr um den Knast rum kommt. Es ist eigentlich ganz einfach…“

Aber weiter kam Sie nicht. Der Ältere hielt gar nicht an für sie, sondern zog den Jungen einfach mit, packte ihn am Oberarm und zerrte ihn von der Bank. Fort von ihr. Max und ihre Proteste ignorierte er und schimpfte nur lauthals über die Schikane der Polizei. Laut genug, um einige Aufmerksamkeit zu erregen, sobald sie auf der Straße waren. Irre, aber klug: Einige Passanten warfen ihr garstige Blicke zu und Maxine blieb überrumpelt neben der Parkbank stehen, die verglimmende Kippe im Mundwinkel.

Sie bezweifelte, dass Sie die beiden je wieder sehen würde.

Die nächsten Tage zählten zu den zermürbendsten ihres Lebens. Sie war von der Arbeit freigestellt und zu bezahltem Urlaub verdonnert worden. Einmal hatte sie versucht, in ihrem Büro aufzutauchen, nur um von Andersen wieder vor die Tür gesetzt zu werden.

„Befehl vom Dekan“, sagte er, zuckte mit den Schultern und versprach, sie über alles wichtige auf dem Laufenden zu halten. Ja, er würde ihr auch Unterlagen vorbei bringen, wenn sie das unbedingt wollte – aber zuhause, nicht hier.

Im Sanatorium wich man ihren Fragen aus. Der Doktor Federer ließ ausrichten, die Sache sei sehr betrüblich. Man bedauere, Herrn Hahntritt derartig falsch eingeschätzt und Frau Schwarzbrunn in diese missliche Lage gebracht zu haben. Die Eskalation der Umstände sei enttäuschend und man habe vollstes Vertrauen in die exekutiven Prozesse der städtischen Polizei.

Eine Sackgasse für Maxine, die deswegen bald die Wände hoch ging, hatte sie doch gehofft, wenigstens der Doktor würde zu ihr stehen. Er hatte sie in diese Lage gebracht und könnte leicht Direktor Weißenfels überreden, sie offiziell darauf anzusetzen. Aber der Doktor hielt sich bedeckt und sie musste allein in ihrer Wohnung sitzen und anderen die Arbeit überlassen.

Nur, dass sie es zuhause nicht lange aushielt: Die gleiche bedrückende Stimmung, die sie beim Aufräumen von den Beinen gefegt hatte, blieb noch in der Wohnung. Sie konnte sich nicht in diesem Raum aufhalten, ohne alles durcheinander werfen zu wollen. Ihre Leseecke war befleckt, beständig wanderte ihr Blick zu dem Schreibtisch, der ohne ihre Unterlagen kahl aussah, nackt irgendwie.

Sie konnte nicht lesen, sie konnte nicht arbeiten, nicht einmal schlafen konnte sie. Bei jedem Geräusch schreckte sie hoch, lauschte für einen Augenblick, ob darauf heimliche Schritte im Flur oder das Knarren einer Schublade zu hören war, und legte eine Hand auf den Totschläger, den sie seit dem Vorfall besorgt hatte.

Also trank sie viel. Sie ging oft aus, manchmal in diese Bar oder jene. Zwei oder drei Mal ließ sie sich verführen, nur um die Nacht nicht zuhause verbringen zu müssen. Meist endete sie doch nur in ihrer Stammkneipe um die Ecke, einem schäbigen Lokal mit Eichenvertäfelung und rauchgegilbten Tapeten. Es war eine ziemliche Spelunke, die beinahe nur von Abschaum und Alkoholikern besucht wurde, aber Max hatte sie irgendwie ins Herz geschlossen. Im Gegensatz zu den angesagteren Bars der Stadt versuchte hier niemand, mit ihr zu flirten oder auch nur zu reden. Man saß im Dunkeln, sah Sport oder Nachrichten auf dem Fernseher über der Theke und versoff das Leben.

Und es gab eine kleine Küche, die sie vor dem Hungertod rettete.

Maxine saß an der Theke, etwa vier oder fünf Tage, nachdem sie freigestellt worden war – an die genaue Uhrzeit erinnerte sie sich später nicht mehr, schwor aber, es wäre erst nach drei Bier gewesen – als sie eine Stimme hörte.

Seine Stimme.

Die von Richard Hahntritt, ganz dicht in ihrem Rücken.

Max stellten sich die Nackenhaare auf, sie schüttelte den Kopf, als ob sie so diesen Gedanken daraus verscheuchen könnte.

Einbildung“, sagte sie sich und atmete tief ein. Die gleiche Angst wie bei dem Typen neulich Nacht. Dein Unterbewusstsein spielt Streiche. Ignorier es einfach, dann kann es nicht gewinnen.

Aber die Stimme verschwand nicht. Im Gegenteil setzte sie sich neben Sie an die Bar. Mit dem Gesicht von Hahntritt.

Hab gehört, Sie suchen nach mir“, sagte er.

Sie starrte ihn an. Er lächelte zurück.

Was zum Henker wollen Sie von mir?“, fragte Maxine.

Ihre Stimme war ein Knurren, ihre Knöchel wurden weiß beim Griff um ihr Glas.

Das wollte ich Sie eigentlich fragen. Robert meinte, Sie hätten vor ein paar Tagen nach mir gefragt. Dachte mir, ich bin ein anständiger und pflichtbewusster Bürger und schau, wie ich Ihnen behilflich sein kann.

Frau Kommissarin.“

Max hätte ihm am liebsten ihr Glas in den Rachen gestopft. Aber sie war im Urlaub. Und es gab zu viele Zeugen, um damit durchzukommen.

Für die ist es persönlich“, erinnerte sie sich an Wintersteins Worte, „aber nie für uns.

Also spülte sie ihre Wut hinunter, ehe sie daran erstickte.

Sie bemerkte, dass er anders gekleidet war, ordentlicher. Er war gekämmt, seine Kleidung sauber. Offenbar schlief er nicht mehr auf der Straße und es ging bergauf mit ihm.

Ich wollte wissen, was sie in meiner Wohnung verloren haben.“

Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Spar dir den Scheiß, Richie. Wenn ich was in der Hand hätte, hätte ich deinen Arsch vor Tagen von der Straße gezerrt und das weißt du. Also: Wieso?“

Hahntritt zuckte mit den Schultern. Er bestellte etwas zu trinken und schien nachzudenken. Schließlich fand er zur Wahrheit.

Sie haben mich bestohlen“, sagte er. „Und Sie haben mich grundlos lächerlich gemacht vor Leuten, deren Respekt ich verdienen wollte. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.“

Maxine schnaubte.

„Ich habe dir deine Beute abgenommen, Richie, das ist wohl kaum Diebstahl.“

Hahntritt fuhr herum.

„Ich habe es verdient!“, zischte er. „Sie hat… Es war eine Bezahlung, eine faire, für saubere und legale Arbeit. Seltsam, aber legal.“

„Ehrliche Arbeit…“, sagte Max und schnaubte wieder.
Ich habe es nicht gestohlen“, sagte Hahntritt.

Maxine seufzte, schüttelte den Kopf. Eine absurde Situation, fand sie, und ihr unangenehm.

Sie schwieg und wünschte sich, dass Hahntritt gehen würde. Dass er sie in Ruhe lassen und sie mit ihrem Leben weiter machen könnte.

Wieso haben Sie für diesen Doktor Federer den Handlanger gemacht?“

Befehle“, sagte sie schlicht und zuckte mit den Schultern. „Der Direktor hat gesagt, ich soll ihm einen Gefallen tun, kleine Sache. Einen entlaufenen Irren zurück in die Klapse schleifen, bevor er Schaden anrichtet.“

Maxine lachte bitter.

„Stellt sich heraus, dass du nicht entlaufen bist, sondern der Herr Doktor nur seine Statistik aufhübschen will. Dachte mit ein wenig Druck würdest du von alleine wieder zu ihm gehen. Falsch gedacht.“

Das – und ich bin kein Irrer“, sagte Hahntritt.

Die ruhige Überzeugung, mit der er das sagte, ließ Maxine aufhorchen. Sie sah ihn an, die Stoppeln im Gesicht, die klaren, scharfen Augen.

Er hielt ihren Blick aus.

„Ich war nie bei einem Psychiater und nie in einer Anstalt.“

Du bist ein Lügner, Richie, und ein Dieb.“

Ein Dieb vielleicht, aber ich lüge nicht. Von diesem Doktor Federer habe ich noch nie gehört. Ich schwöre es. Ich habe diese Akte gesehen, die sie von mir hatten und für wen auch immer die ausgestellt worden ist: Nicht für mich.

Hören Sie, Maxine…“
Nenn mich nicht beim Namen“, zischte sie ihm zu. Ihre Augen waren enge Schlitze, der Griff um ihr Glas wieder fester geworden.

Hahntritt hob abwehrend die Hände. Im Flüsterton fuhr er fort:

Frau Kommissarin. Ich glaube, dass jemand uns beide an der Nase herum führt. Irgendetwas hier stinkt. Ich kenne diesen… diesen Doktor nicht, wer auch immer das sein soll, und nur ein paar Tage, nachdem ich aus meinem bequemen Platz im Schatten geholt werde, setzt der sie auf mich an? Kommt Ihnen das nicht verdächtig vor?“

„Das einzig verdächtige hier bist du, Richie, und dass du nicht im Gefängnis bist.“

Ich bitte Sie doch nur mir zuzuhören, wenn Sie mir schon nicht glauben. Das Geld, das Sie mir abgenommen haben, ich habe es von einer Frau bekommen, nur einige Tage zuvor, die nur von mir verlangt hat, dass ich über mein Leben erzähle und ich glaube sie und dieser Doktor…“

Max leerte ihr Glas, knallte es auf die Bar. Sie atmete ein, dann aus.

Mit einer fließenden Bewegung griff sie nach rechts, packte Hahntritts Hemd und schlug ihm mit dem Unterarm vor die Brust. Der Schwung riss ihn vom Hocker, sie sprang hinterher, landete auf ihm.

Der Aufprall trieb ihm alle Luft aus dem Leib. Er hustete, röchelte nach Luft.

Ihr Gesicht war über dem von Hahntritt, ganz nahe. Aus den Augenwinkeln sah sie die anderen Säufer in ihrer Kneipe. Köpfe hatten sich umgedreht, zwei Männer waren aufgestanden. Der Barmann kannte Max, seit einigen Monaten schon, und hielt die beiden mit einer Geste auf Abstand.

Max kauerte über Hahntritt, hielt ihn mit ihren Knien und ihrem Gewicht auf den Boden gepresst.

All die Wut, all ihr Frust, entluden sich an ihm.

Sie würde nicht das Opfer sein.

Hast du irgendeine Ahnung, was du mir angetan hast, du Ficker?“, sagte sie. Ihre Stimme war ein Knurren, tief, als schnappte sie nach seiner Kehle.

Alles was ich im Leben hatte, war dieser beschissene kleine Job, eine Aufgabe. Du hast das gestohlen, kleiner Dieb. Ich steh so kurz vor einer Internen wegen dir, dass ich beurlaubt wurde.

Ich hab nichts zu tun, außer dir das Leben zur Hölle zu machen. Verstehst du das?

Lass mich in Frieden. Verpiss dich.

Oder ich mach dich fertig.“

Als Max wieder über ihm stand, blieb Hahntritt atemlos am Boden liegen. Sie rückte sich ihre Jacke zurecht, fuhr sich durch die Haare, die ihr in die Stirn gefallen waren. Ein Blick durch die Kneipe zeigte ihr eine Mischung aus Amüsement über den „kleinen Dieb“ und Schock über ihre Aggressivität. Sie ignorierte es.

Sie ging zur Tür, deutete mit dem Daumen auf den am Boden liegenden.
„Er zahlt meine
n Deckel für heute“, sagte sie und ging.

Irgendwohin, nur nicht nach Hause.

Schuld und Sünde – Teil VII: Das Gesicht der Maxine Schwarzbrunn

Maxine Schwarzbrunn sah aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen und auf der gummiartigen Schale herum gekaut, bis nicht mehr als eine geschmacklose Masse davon übrig war.

Sie saß auf einem ungepolsterten Holzstuhl in ihrem Revier und ballte die Hände abwechselnd zu Fäusten und entspannte sie wieder. Eine sinnlose, leere Geste, die sie beschäftigt und vom Denken abhielt. Sie kaute auf nichts herum, mahlte mit den Kiefern. Nichts wünschte sie sich mehr als eine Zigarette – abgesehen vielleicht davon, den Hals von diesem kleinen Dieb in ihre Finger zu bekommen.

Den halben Nachmittag hatte sie dort gesessen, auf die weiße Wand gestarrt. Und ihre Fäuste immer wieder geballt und entspannt. Abwechselnd erst die eine, dann die andere. Ihre Kollegen hatten sie aus ihrer eigenen Wohnung geworfen. Zu viel Ablenkung, zu wenig Hilfe.

Also saß sie im Präsidium und starrte auf die Wand vor sich. Oder auf das Schildchen neben der Tür, auf dem Dezernatsleiter Arthur Winterstein zu lesen war.

Max musste mit ihm reden. Wenn er schon nicht mit ihr reden wollte.

Ab und an kam ein Kollege vorbei – derselbe, der sie her gefahren hatte – und brachte Kaffee, fragte, ob sie etwas brauchte. Unnötige Fragen. Eine Zeitverschwendung, diese ganze Warterei. Sie wusste, wer es gewesen war. Winterstein würde es wissen. Das ganze Prozedere von Spurensuche und Protokollierung befriedigte nur sich selbst.

Sie wollte raus gehen und etwas tun. Nicht unbedingt gegen Hahntritt, aber gegen irgendjemanden. Irgendjemand musste büßen. Aber niemand erlaubte es ihr. Also saß sie dort, auf diesem Stuhl vor der Dezernatsleitung, und ballte und entspannte ihre Fäuste abwechselnd. Erst die eine, dann die andere.

Den halben Nachmittag lang.

Dann, endlich, öffnete sich die Tür. Ein rotes Gesicht mit weißem Backenbart schaute heraus, suchte sie, fand sie dort sitzen, schnauzte „Schwarzbrunn“ und verschwand wieder.

Max folgte ihrem Vorgesetzten in sein Büro.

Es war geschmackvoll eingerichtet, nicht so minimalistisch wie ihres. Das alte Holz, die Lederbespannung der Möbel und der Geruch nach Zigaretten – obwohl das Rauchen in öffentlichen Gebäuden auch für hochrangige Beamte seit einigen Jahren bereits verboten war – verrieten einen Unterton im Charakter von Winterstein, den sie sehr mochte. Eine genießerische Note, die auch einen Arbeitsplatz als etwas persönliches empfand. Er war ihr, trotz seiner Art, sympathisch. Ihr entging auch nicht, dass er hinter dem massiven Sekretär Platz nahm, den sein Sessel mit der hohen Lehne wie ein Thron überragte.

„Setzen Sie sich, Schwarzbrunn“, sagte Winterstein und deutete auf einen der Sessel vor sich. Dunkles Holz, mit grünem Leder bespannt und gepolstert.

Danke sehr.“

Der alte Mann musterte sie, so wie einige ihrer Kollegen die Leute ansahen, die hierher kamen, um Gewaltverbrechen aufzugeben. Die Opfer von Schlägern und Vergewaltigern.

Max biss die Zähne zusammen. Sie wusste, welche Frage gleich kommen würde. Die gleiche Frage, die immer kam.

„Wie geht es Ihnen?“

Gut“, sagte Max. Sie blinzelte, atmete tief ein, tief aus. Dann zwang sie ihre mahlenden Kiefer auseinander.

„Also den Umständen entsprechend. Ein wenig durch den Wind, aber alles in allem in bester Verfassung. Hochmotiviert. Bin voll bereit, es dem Kerl zu zeigen und die Sache heute noch anzugehen.“

Wintersteinzog seine buschigen Brauen hoch.

Das ist nicht ihr Fall. Sie sollten die Sache ruhig angehen lassen, Schwarzbrunn.

Aber es war meine Wohnung!“

Eben deswegen ist es unethisch, sie dort einzusetzen. Sie sind nicht neutral und ich denke wir sollten uns erst einmal um Sie kümmern. Andere werden dem Einbruch nachgehen. Genau für solche Fälle haben wir ja Arbeitsteilung.

Max ballte wieder die Fäuste. Fast hätte sie geknurrt, besann sich aber und schlug sich nur auf die Oberschenkel.

Dezernatsleiter Winterstein, bei allem gebührenden Respekt. Ich weiß, wer es war. Sie wissen, wer es war. Wieso lassen Sie mich nicht einfach ihn festnehmen? Lassen sie Andersen ihn festnehmen, meinetwegen, wenn es Ihnen um Befangenheit geht. Eine Stunde Verhör und er spuckt alles aus. Ich verspreche es.“

Das ist keine Frage des Respekts, Schwarzbrunn, außer vielleicht vor dem Protokoll und den Regeln. Die gibt es aus einem Grund: Um Emotionalität zu vermeiden.

Ich bin nicht…“, sagte Max, seufzte dann aber. Sie zwang sich zur Ruhe, presste sich förmlich in das Polster ihres Sitzes. Die Hände legte sie auf den Armlehnen ab, spreizte sie. Dann sagte sie so ruhig, wie sie es konnte:

Ich weiß, dass er es war. Er will sich rächen, weil ich ihn hochgenommen habe, oder weil er gestört ist und einen Schuldigen braucht und ich stand gerade genug im Weg herum, um jetzt dran zu sein. Er hat meinen Ausweis gestohlen – gestohlen, denn ich glaube nicht, dass ich ihn zufällig am selben Tag verloren habe, wie er mir über den Weg lief – und daher leicht heraus finden können, wo ich wohne, wo ich arbeite. Seit einer Woche etwa lungern Leute vor meinem Haus. Ich weiß, dass sie mit ihm zu tun haben. Ich weiß, wie wir ihn kriegen, ich bitte Sie. Lassen Sie mich etwas Druck auf die Typen ausüben, dann führen die uns hin. Einen Tag, höchstens.

Winterstein schüttelte nur den Kopf, er dachte nicht einmal über ihren Vorschlag nach.

Selbst wenn Sie recht haben sollten, Maxine – und wir werden das prüfen, verlassen Sie sich darauf: Wir lassen niemanden hier zurück, ja? – kann ich sie nicht darauf ansetzen. Das ist nicht ihre Fall.“

Mit Verlaub, aber das ist es. Doktor Federer hatte mich darum gebeten und Sie selbst haben mir den Auftrag von Direktionsleiter Weißenfels erteilt, dieser Bitte nachzugehen. Es ist meine Wohnung, die da geplündert worden ist. Nicht zufällig, sondern ganz gezielt meine Wohnung. Nichts ist gestohlen worden, kein Geld, keine Wertsachen, keine Schränke durchwühlt worden. Nur Ermittlungsunterlagen sind gestohlen worden.

Er wusste, wonach er suchte, und es hat mit dieser Bitte an mich zu tun.

Maxine hatte gut darüber nachgedacht, hatte es sich in den letzten Stunden, seit ihrer Heimkehr und der Ankunft der Kollegen, mehrfach durch den Kopf gehen lassen.

Projizierte Auto-Aggression“, dachte Sie. Die Unfähigkeit Hahntritts, sich selbst als verantwortlich an seinem Leben zu akzeptieren. Selbsthass, den er an anderen ausließ. In seiner Wahrnehmung hasste Sie ihn, weil er sein Leben verkorkst hatte. In seiner Wahrnehmung war es gerechtfertigt, sie dafür zu hassen, seine Wut gegen sich selbst an ihr auszulassen, damit er diese Schuld nicht annehmen müsste.

Er musste es gewesen sein. Vor allem war er nicht im Sanatorium aufgetaucht, das wusste sie von einem Anruf von vor einigen Tagen.

Dezernatsleiter Winterstein ließ einen Seufzer hören. Er öffnete eine Schublade seines Sekretärs, zog eine Packung Zigaretten heraus und hielt Max eine davon hin. Es war ein Abend für solche Sachen.

Ich glaube Ihnen“, sagte er, während er die Zigarette anzündete. „Ich glaube Ihnen nicht nur, dass Sie es glauben, Frau Schwarzbrunn. Ich glaube Ihnen auch, dass dieser Delinquent, um den Sie sich kümmern sollten, der Einbrecher war.

Unglücklicherweise ändert das nichts an den Tatsachen.

Tatsache ist, dass dieser junge Mann ein Alibi hat, das zu widerlegen überaus schwer werden wird. Sehen Sie mich nicht so an. Herr Beiß – der Besitzer des Industrieparks – hat vor einer Viertelstunde mit mir telefoniert. Er schwört Stein und Bein, heute gegen Mittag ein Vorstellungsgespräch von Herrn Hahntritt überwacht zu haben.“

Der Dezernatsleiter betrachtete die glimmende Spitze seiner Zigarette, schüttelte das Haupt.

Wir werden diese Angelegenheit also strengstens nach Vorschrift behandeln, ist das klar? Dass Sie diese Unterlagen überhaupt mit in ihre Unterkunft genommen haben, ist ein dienstrechtliches Vergehen sondergleichen“, sagte er.

„Herr Doktor Federer…“

„Ist nicht Ihr Vorgesetzter, Maxine. Wenn der feine Herr Anstaltsleiter medizinische Unterlagen mit Ihnen teilt, ist das sein Problem. Sie haben vertrauliche Unterlagen in ihre Privatwohnung mitgenommen. Unterlagen, die dem Dienstgeheimnis unterliegen. Die der Doktor Ihnen gar nicht erst ohne gerichtliche Anordnung hätte übergeben dürfen. Selbst, wenn Sie gestohlen worden sind… Gerade, weil sie gestohlen worden sind, ist die ganze Angelegenheit eine einzige Ethikuntersuchung, die nur einen Windhund davon entfernt ist, das halbe Revier auseinander zu nehmen. Sie, mich, ihre Kollegen.

„Irgendetwas muss ich doch tun“, sagte Maxine. „Irgendetwas, ich bitte sie! Wir können das nicht auf uns sitzen lassen. Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen. Sie wissen, wie das läuft, der Junge wird nicht aufhören. Der ist ein Delinquent, eine… eine… catilinarische Existenz. Der ist erst zufrieden, wenn er alles zerstört hat, was ihm einfällt.“

Werden wir, verlassen Sie sich drauf. Aber nicht Sie. Sie werden nichts tun. Das ist ein Befehl, Schwarzbrunn.“

Maxine sackte in ihren Sitz zurück.

„Maxine“, sagte Winterstein wieder etwas versöhnlicher. „Maxine, sehen Sie mich an.“

Widerwillig hob Sie den Blick. Der Leiter des Dezernats Lichtenbergwar ein älterer Herr, Backenbart, Bürstenhaarschnitt. Eingefallen und aufgedunsen gleichermaßen. Seine grünen Augen waren blutunterlaufen, aber scharf.

„Sie sind jung, das ist gut. Bewahren Sie sich das. Aber wissen Sie, wie lange ich diese Arbeit schon mache?“

Dreißig Jahre.“

Dreißig. Jahre. Glauben Sie, mir ist das noch nie passiert? Jedem im Dezernat ist das passiert. Jedem. Einzelnen. Unsere Kunden sind Abschaum. Sie wussten das, als Sie sich diesen Job ausgesucht haben, oder?“

Max blickte zur Seite weg, suchte nach einer höflichen Antwort.

Schließlich nickte sie nur.

„Mörder. Vergewaltiger. Drogenhändler. Menschen ohne Gefühl, ohne Sinn und Verstand. Vor zwanzig Jahren hatte ich mit einer kleinen Bande zu tun. Sehen Sie mich an, Maxine.

Eine kleine Bande. Beinahe bedeutungslos für das große Ganze, kleine Fische im Meer von Verbrechen. Die festzunehmen hat die Kriminalitätsrate um vielleicht ein halbes Prozent verbessert, wenn überhaupt. Kleine Fische für uns. Für die aber… war es alles, was sie hatten. Und sie hatten Angst, es zu verlieren. Wie Tiere in die Ecke getrieben, haben sie zu beißen angefangen. Sind in mein Haus eingebrochen, haben mir Dinge untergeschoben. Wollten mich mit sich runter ziehen oder dazu bringen, sie laufen zu lassen.

Hat nicht funktioniert, natürlich nicht, ich habe die Untersuchungen durch interne Ermittlungen ertragen. Die Interviews, die Befragungen, die Zweifel an einem makellosen Dienst, bei dem jeder Schritt notwendig war um die Scheiße dieser Stadt jeden Tag neu weg zu spülen.

Aber meine Familie nicht. Hat sich nie wieder sicher in dem Haus gefühlt, in dem ich aufgewachsen bin. In dem mein Vater aufgewachsen ist. Heute besitze ich weder das Haus noch die Familie.

Ihr erster Fall war ein Dieb. Seien Sie froh, dass es nichts schlimmeres war.“

Er winkte ab.

Sie sind für heute entlassen, Schwarzbrunn. Gehen Sie nach Hause. Räumen Sie auf, dekorieren Sie die Wohnung um, reißen Sie alles heraus, was Sie an diesen Vorfall erinnert, und ersetzen Sie es durch etwas neues. Beschaffen Sie sich einen Hund, die Gesellschaft wird Ihnen gut tun. Für die ist das eine persönliche Angelegenheit, aber nicht für uns. Für uns ist es rein geschäftlich.

Vergessen Sie das nie.“

Max erhob sich. Sie drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, bedankte sich bei Dezernatsleiter Winterstein für seine Zeit und versprach, seinen Rat zu befolgen.

Der Weg nach Hause war lang, länger als sonst. Sie fühlte sich unwohl in der Öffentlichkeit. Beobachtet, selbst wenn alle Leute in der Bahn nur in ihre Mobiltelefone und Zeitungen blickten.

Das Gefühl wurde schlimmer, als sie ihre Wohnung betrat. Das Schloss war ausgetauscht worden, die Kollegen hatten nur ein paar Fotos gemacht, ohne sich durch ihr Leben zu wühlen. Andersen hatte nicht einmal einen Kommentar über ihre Lektürevorlieben abgelassen.
Die Zimmer waren noch genau so, wie sie immer waren. So, wie Maxine sie nach dem Einbruch vorgefunden hatte. Und trotzdem hatte sie gewusst, dass jemand dagewesen war.

So, wie sie es jetzt wusste, mit absoluter Sicherheit.

Für einen Augenblick der Ewigkeit, starrte sie nur. Starrte in ihre Wohnung, ihr Wohnzimmer. Sie versuchte, sich alles anders vorzustellen. Umgeräumt, neu eingerichtet von Geld, das sie nicht hatte, nach einem Geschmack, der ihr gleichgültig war.

Ohne diese Beschmutzung durch den Einbruch.

Aber sie konnte es nicht. Der Gestank klebte an allem, nicht nur der Einrichtung. Die Wohnung selbst war befleckt. Es war ein Schmutz, den sie nicht abwaschen konnte. Sie versuchte es. Sie versuche, ein wenig aufzuräumen, begann sogar damit Bücherstapel aus den Regalen zu holen, ihre Chaiselongue zu verrücken und Platz zu schaffen.

Dann hörte sie wieder damit auf, setzte sich in die Mitte des nun von Büchern bedeckten Fußbodens, zog die Beine an und atmete tief ein. Aus. Wieder ein.

Endlose Minuten versuchte sie nur zu atmen und nicht an dem Gestank ihrer Wohnung zu ersticken.

Ihre Hand knallte auf das Parkett. Der Schmerz holte sie zurück. Das Stechen in der Unterseite ihrer Hand übertönte ihre Zweifel. Es übertönte den Mist, den man ihr einreden wollte.

Maxine Schwarzbrunn, sagte sie sich, ist kein Opfer. Und sie würde sich nicht zu einem machen lassen.

Schuld und Sünde – Teil VI: Drei Halunken

6Noch am nächsten Tag entwurzelte Richard sein Leben einmal mehr. Er suchte die Bande an Dieben und Halunken an ihrem üblichen Treffpunkt auf und erzählte ihnen so viel von seinem Plan, wie sie wissen mussten: Sie würden weiterer Schikane entgehen, den Standort wechseln und die Verluste der letzten Woche anders ausgleichen.

Etwas mehr als die Hälfte der Gruppe verließ ihn. Sie würden ihr Glück anderswo versuchen sagten sie. Mit Anderen, die nicht gleich den Schwanz ein kniffen. Richard schrieb sie ab, ohne ihnen nach zu trauern. Besser, einen klaren Schnitt zu machen, besser, unbeeindruckt und kalkulierend zu wirken.

Zwei aber kamen mit und er war ihnen unendlich dankbar, auch wenn er es nicht zeigte.

Die Gegend, in die Richard und seine zwei letzten Freunde zogen – Willem und Robert hießen die beiden – lag im Osten der Stadt. Einige Kilometer Luftlinie von ihrem letzten Platz an der Spree entfernt. Es gab keine Touristen dort und wenig Besucher. Eine Wohngegend, in der sich Mietskaserne an Mietskaserne reihte, nur unterbrochen von einzelnen Kirchen, asbestverseuchten Schulen und kleinen Einkaufshallen.

Sie würden etwas anderes versuchen, sagte Richard, und die Taschendiebstähle sein lassen. Stattdessen würden sie ein Haus beobachten. Das dort, direkt an dem kleinen Park mit den blauen Bänken, in dem sie für eine Weile lagern würden. Die Nummer 13. Die Schlampe von neulich, sagte er, wohnte dort.

Willem, der etwas älter war, beschwerte sich darüber. Solche Dinge brachten kein Geld und selbst er hätte besseres zu tun, als Löcher in die Luft zu starren. Er lenkte erst ein, als Richard ihm eine fixe Summe binnen einer Woche versprach. So lange er auf ein paar Tage versorgt wäre, würde er hier bleiben. Dann könnte er immer noch gehen.

Der jüngere Robert war leichter zu handhaben – er zog ohne Umstände mit. Er suchte wohl mehr den Anschluss und wollte ein paar Tricks lernen, als alles Andere. Wenn er nicht selbst irgendwo einsteigen müsste, wäre er für einen üblichen Anteil dabei.


Für die nächsten Tage lagerten sie in diesem kleinen Park herum, tranken und vertrieben sich die Zeit. Hin und wieder ging Richard fort, kam mit Essen und mehr Vodka und Korn wieder. Noch waren die Nächte warm, auch wenn sie bald eines Morgens aufwachen und Frost vorfinden würden.

Es war leichte Arbeit, die fast angenehm hätte sein können. Trotzdem war Richard nervös.

Immer, wenn Maxine Schwarzbrunn kam oder ging, überlief es ihn kalt.

Die Polizistin kannte sein Gesicht. Einerseits würde sie das misstrauisch machen, wenn sie ihn hier sehen würde. Andererseits war das auch gut so. Sollte sie seine Visage einmal in der Nähe ihrer Wohnung sehen. Sollte sie ruhig wissen, dass er etwas vorhatte. Dass er sich wehren würde, wenn sie so mit ihm umsprang. Solange er sich nicht beim Einbruch selbst festnehmen ließ, wäre er unantastbar. Das hatte Melissa ihm zugesichert. Sie kenne jemanden, dessen Wort mehr zählen würde als das einer kleinen Kriminalbeamten.

Trotzdem war ihm bei diesen Blicken unwohl, mit dem seine Schergen und er selbst die Frau verfolgten. Das war anders als die Taschendiebstähle, die er gewöhnt war. Das hier war keine Jagd, es war ein Hinterhalt, ein Lauern.

Drei Räuber, die im Gebüsch auf eine nicht gerade unschuldige, aber doch junge Frau lauerten und ihr Leben beobachteten. Nicht nur ihre Brieftasche.

Sie hatte keinen Hund. Keinen Freund und keine Frau. Sie verließ die Wohnung alleine und kehrte oft alleine zurück. Höchstens hatte sie eine Katze, um sich die Einsamkeit zu vertreiben – jedenfalls nichts, um das sich Richard sorgen müsste. Ihre Tage verliefen alle gleich: Sie verließ das Haus im späten Morgengrauen, gegen 6Uhrund kehrte am frühen Abend wieder. Manchmal ging sie noch einmal fort, wohl in eine Bar oder zu einer Verabredung. Wenn sie einer Begleitung zurück kehrte, dann mit wechselnden Personen, die niemals bis zum Morgen und höchstens für einige Stunden blieben. Das Wochenende verbrachte sie mit Einkäufen und einem Nachmittagsausflug irgendwohin.

Sie schien ein einsames, arbeitsames Leben zu führen.

Ein Glücksfall.

Fünf Tage nach ihrer Ankunft sah Richard den Zeitpunkt gekommen. Er informierte Willem und Robert über ihre Positionen: Der Ältere sollte auf der Parkbank sitzen und Ausschau halten, der Jüngere am Eingang des Treppenhauses als Verbindungsmann dienen und bei Gefahr hinauf rufen. Nicht ideal, dachte Richard, aber es würde reichen.

Den Einbruch selbst ging er alleine an. Richard hatte einen Sperrhaken besorgt, ein einfaches Werkzeug, um Schlösser aufzubrechen. Im Zweifelsfall würde Gewalt den Rest erledigen.

Im Treppenhaus flirrte die Luft, verstopfte ihm die Kehle. Er begann unter seinen Handschuhen zu schwitzen, erste Zweifel zu haben. Schon der Weg in den zweiten Stock, wo die Wohnung der Polizistin lag, ließ ihm Schweiß den Rücken runter laufen.

Einen Moment lang wartete er, lauschte auf Geräusche aus den anderen Wohnungen. Nichts. Trügerische Stille, fand er, und machte sich an die Arbeit.

Das Schloss weigerte sich für endlose Minuten, nachzugeben. Es biss sich an der Tür fest, knurrte gefährlich auf, als Richard mit seinem Eisen ansetzte. Mit einem verletzten Jaulen schnappte es schließlich beiseite, verwundet und getreten. Ein nutzloses Stück Metall, das jedem Vorbeigehendem sein Leid und einen Einbruch klagen würde.

Das Treppenhaus vibrierte noch und Richard dachte, jeden Augenblick würde ein Bewaffneter die Treppe hinunter poltern, um ihn fest zu nehmen.

Er huschte in die Wohnung.

Einen Augenblick erstarrte er, wagte es nicht zu atmen. Er lauschte. Auf Geräusche aus dem Flur, im Rest der Wohnung. Ob nicht doch jeden Moment eine Gestalt aus einer dunklen Ecke stürmen und ihm einen Schlagstock in den Nacken hauen würde.

Aber nichts öffnete sich, nichts schrie Gefahr. Nicht einmal eine Katze sprang aus den Schatten.

Richard entspannte sich. Er lehnte die Tür hinter sich an und nahm die Wohnung in Augenschein. Eine Altbauwohnung, eine kleine. Gerade zwei Zimmer, eine Küche, und ein Bad gingen vom Flur ab. Sie hatte hohe Decken, in denen jeder seiner Atemzüge hallte, und zerrissenes Parkett, auf dem jeder seiner Schritte knarrte. Das erste Zimmer war das Schlafzimmer, spartanisch eingerichtet. Ein kleines Bett für eine Person, ein Nachttisch und ein Kleiderschrank, der eine Ecke des Zimmers einnahm. Sonst nur leerer Raum, der sich im Ganzkörperspiegel des Schranks verdoppelte.

Der Nachttisch war leer bis auf ein Buch – Harry Keogh: Das Tagebuch eines Lebemannes – und eine Leselampe. Kein Schmuck, keine persönlichen Gegenstände. Nicht einmal Sexspielzeug.

Das Badezimmer lag gegenüber und war ebenso minimalistisch. Ein kleines Regal mit Tiegelchen und Flaschen über dem Waschbecken, undekoriert weiße Keramik. Kein Spiegel.

Er warf einen Blick hinein, dann ging Richard weiter ins Hauptzimmer. Das eine Zimmer, das halbwegs eingerichtet schien.

Maxine Schwarzbrunn verfügte über keinen Fernseher, nicht einmal eine Couch. Eine Wand des größeren Raums wurde von Bücherregalen eingenommen – noch mehr Schmutz wie der von Keogh auf ihrem Nachttisch: Ben Gärtner, Anaïs Nin; E.L.James. Schund, den Richard als Frauenliteratur abtat und nicht weiter beachtete.

Unter den Fenstern, die zur Straße und auf den Park hinunter blickten, stand eine Liege. Eine Chaiselongue, hätte jemand gesagt, der etwas mehr von solchen Dingen verstünde. Darauf eine Reihe an Decken und Bücher verteilt, offenbar Fräulein Schwarzbrunns Abendbeschäftigung. Richard sah aus dem Fenster und überblickte den Park. Einige Male hatte er eine Gestalt – Schwarzbrunn offenbar – am Fenster gesehen. Sie musste ihn gesehen haben, oder jedenfalls das Trio an Räubern, die sich seit fast einer Woche im Park nieder gelassen hatten. Aber auf diese Entfernung konnte man keine Gesichert ausmachen. Richard sah Willem auf seiner Bank im Park sitzen, hätte ihn aber nicht erkannt, wenn er ihn nicht selbst dorthin gesetzt hätte. Sie nickten sich zu, dann zog Richard sich zurück.

Die andere Ecke des Zimmers wurde von einem Regal und Schreibtisch eingenommen, einem schmalen Ding mit Stelzen als Beine, das unter einem Berg an Papieren wackelig wie ein junges Reh wirkte.

Wenn Richard irgendetwas von Wert oder Interesse finden würde… dann dort. Der Rest der Wohnung schien rein funktional zu sein, nur dazu da, um die Polizistin Maxine Schwarzbrunn schlafen, essen und sich entspannen zu lassen.

Richard begann, die kleinen Regale neben dem Schreibtisch zu durchsuchen. Er arbeitete rasch, verließ sich auf seinen Diebesblick, obwohl er nicht genau wusste, wonach er suchte. Geld, hauptsächlich. Etwas, das den Verlust wett machen würde, den er erlitten hatte, vielleicht noch ein wenig mehr. Irgendetwas, das er den Jungs im Triumph zeigen könnte, das über den psychologischen Sieg über die Polizistin hinaus gehen würde.

Aber er fand nichts.

Kein Geld, nirgendwo. Nichts in einer brauchbaren Größe.

In einer kleinen Schatulle fand sich Kleingeld, ein paar ausländische Münzen und Tand aus Urlauben. Keine Wertpapiere. Keine Kreditkarten.

Und nicht die paar hundert Euro, die sie ihm gestohlen hatte. Die er zurück wollte.

Bankunterlagen und Kontoauszüge fand er, die seine Hoffnung noch weiter sinken ließen. Schwarzbrunn besaß gar nichts. Jedenfalls nicht genug, um Geld dieser Größenordnung herum liegen zu lassen. Das wenige, was sie besaß, war in Versicherungen angelegt, Sparkonten… Sie war, soweit es bewegliche Finanzmittel anging, so arm wie er. Noch schlimmer: In der letzten Woche waren keine paar hundert Euro auf ihren Konten eingegangen.

Sein Blick fiel auf die Unterlagen auf ihrem Tisch. Es sah wie Arbeit aus, die sie mit nach Hause genommen hatte. Nicht, dass er gewusst hätte, wie Arbeit aussah. Aber es waren Stapel von Papierheftern und -ordnern und einzelne Blätter, die dazwischen geklemmt waren. Ein Haufen von wertlosem Polizeimist.

Richard sank auf den Boden zurück, plumpste auf das Parkett wie ein nasser Sack.

Wo war das Geld hin? Sie konnte… Sie konnte es unmöglich wirklich weg gegeben haben? Es konnte nicht so sein. Das war absurd. Idiotisch. Nur ein Schwachkopf würde in ihrer Situation ein paar hundert Mäuse weg werfen, um einen Fall wie ihn zum Therapeuten zu bekommen. Oder ein Idealist, was auf‘s selbe raus kam. Und die Polizistin, die ihn letzte Woche vor versammelter Mannschaft demontiert hatte, schien keines von beidem zu sein.

Irgendetwas hier war falsch. Irgendetwas hier war unfair und hinterhältig.

Er starrte auf das Regal, in dem für ihn nichts von Wert zu finden war. Umsonst, alles umsonst. Ein sinnloser Einbruch, sinnloser Ärger.

Fast schmerzhaft spürte er den Schweiß auf seiner Haut, wie die Hitze seinen Pulli hoch kroch, unter seinen Handschuhen kochte. Es begann, ihn in den Fingern zu jucken.

Richard sprang auf, schlug zu. Das Regal bebte, die Papiere darin schüttelten sich. Es war das einzige, was er tun konnte – Dokumente das Fürchten lehren.

Miststück!“, sagte er und schlug erneut zu.

Was, war sie besser als er? Weil Sie Geld nicht behielt, selbst wenn sie es gestohlen hatte? Doppelt gedemütigt und bestohlen stand er dort und wusste nicht, was anzufangen sei.

Richard warf einen giftigen Blick zur Tür. Beinahe bedauerte er, dass die Polizistin ihn nicht in diesem Moment überraschte. Es hätte ihm etwas gegeben, woran er seine Wut hätte auslassen können.

Das Regal war ein zu dankbares – und irgendwie unschuldiges – Opfer.

Aber schadlos musste er sich halten, sonst war alles für die Katz. Dann hätte er auch weglaufen können vor einer Woche und sich alles hier ersparen können. Er musste sich an ihr rächen, wenn er schon nicht sein Geld zurück bekam. Irgendetwas musste er stehlen, etwas wichtiges, sonst wäre es um seinen Ruf geschehen.

Und er ertrüge nicht, diese verächtlichen Blicke noch einmal zu sehen. Das war überhaupt erst der Grund, der ihn zu diesem Scheißleben geführt hatte. Nein. Er musste etwas tun, irgendetwas, um sein Gesicht zu wahren.

Er sah wieder zu den Stapeln auf ihrem Tisch. Mit einer Hand warf er sie zur Seite, verteilte sie im halben Raum.

Mit einem Blick überflog er sie, suchte nach irgendetwas, irgendeinem Hinweis…

Und fand ihn.

Eine Akte. Mit seinem Namen drauf. Er hatte noch nie eine Polizeiakte in den Händen gehalten, ganz besonders nicht seine eigene.

Er fiel auf die Knie, schlug sie auf.

Dort, auf der ersten Seite, standen sein Name, sein Geburtsdatum. Und ein Einlieferungsschreiben in ein „Sanatorium Schlüsselburg“. Eine Irrenanstalt, in der er angeblich für Monate eingesessen hatte. Richard verstand kaum die Hälfte der Dinge, die dort über ihn gesagt wurden. „Komplexe Schizophrenie“. „Paranoische Anlagen“. „Projizierte Auto-Aggression“. Nur ein Wort verstand er: Paranoid. Irgendein Quacksalber, den er nicht kannte, erklärte ihn für paranoid. Und hier vor sich hatte er den Beweis dafür, dass jede Paranoia gerechtfertigt wäre.

Sein Herz drohte zu zerspringen, er fühlte sich leicht im Kopf. So musste es sich anfühlen, wenn man wirklich verrückt wurde, wenn man nur den Drang hatte, zu lachen und umzufallen, weil alle Welt irgendwie schief war. Wie aus den Angeln gehoben.

Richard wusste nur noch eine Sache. Einen festen Punkt hatte er, daran erinnerte er sich in diesem Moment, als er auf ein psychologisches Gutachten starrte, dass ihm „aggressive Tendenzen“ und „problematische Persönlichkeitsstruktur“ attestierte:

Er war mit Sicherheit nie in irgendeiner Anstalt gewesen. Und er würde heraus finden, wer solche Lügen über ihn verbreitete und wieso.

Seine Hände zitterten. Sein Blick huschte zum Fenster, hinter dem er den Park erahnen konnte, dann zur Eingangstür, die vom Treppenhaus her deutlich sichtbar aufgebrochen war.

Er hatte nicht zu viel Zeit. Nicht genug, um sich diese Zweifel leisten zu können.

Richard stopfte den Hefter in seine Jacke und sprintete aus der Wohnung. Sein Herz raste, seine Schritte polterten auf dem Parkett, dass er glaubte sie müssten im ganzen Block zu hören sein.

Erst kurz vor dem Ausgang zügelte er sich, fiel in einen Trab. Er ging an Robert vorbei, gab ihm nur ein kurzes Handzeichen, dass er in fünf Minuten folgen sollte.

Vorbei an Willem, der auf seiner Parkbank saß und mit neugierigem Blick zu ihm aufsah. Richard klopfte sich auf die Jackentasche zum Zeichen, dass er etwas eingesteckt hatte. Der ältere Dieb schüttelte nur den Kopf: Niemand war gekommen oder gegangen. Alles war ruhig.

Richard machte sich auf den Weg, um so weit wie möglich von der Wohnung zu verschwinden.

Sechsundzwanzig Minuten. Sechsundzwanzig Minuten hatte Richards Spuk gedauert und war ereignislos verlaufen. Das Geld war dahin, aber die Nachricht war angekommen, laut und deutlich: Don‘t fuck with me. Ich weiß, wo du wohnst.

Es war eine Schande, dachte er, dass er Fräulein Schwarzbrunns Gesicht nicht würde sehen können, wenn sie von der Arbeit zurück kam.

Willem und Robert würden ihm davon erzählen müssen – er musste derweil alles über ein Sanatorium Schlüsselburg heraus bekommen.