Schuld und Sünde – Teil V: Ein Moment der Schwäche

Zentimeter um Zentimeter öffnete Richard die Tür zur Wohnung. Als fürchtete er jedes mögliche Geräusch, als fürchtete er selbst den Lichtstrahl, der durch den Spalt aus dem Hausflur in das Vorzimmer fiel. Er sah über seine Schulter, den Gang mit seiner endlosen Anzahl an Nischen und Winkeln und durchnummerierten Türen entlang. Dann die andere Seite.

Nichts zu sehen außer PVC-Gummi-Böden mit seiner endlosen Wiederholung von Mustern ohne Ziel und Anfang und das kranke Licht der Glühbirnen.

Richard huschte durch den Spalt hinein, schloss die Türe hinter sich so leise, wie er sie geöffnet hatte, und atmete endlich wieder. Er ließ von Innen den Schlüssel stecken, warf Jacke, Tasche und Schuhe alle in die selbe Ecke und schleifte sich in das einzige Zimmer seiner Wohnung. Dort warf er sich auf die Schlafcouch und starrte auf die dunkle Zimmerdecke.

Das wurde langsam eine Art Ritual für ihn. Ein Tick, den er nicht ablegen konnte.

Es war seine Wohnung, in die er sich stahl, obwohl der Gedanke ihm immer noch fremd war. Seit Jahren hatte er keinen festen Wohnsitz gehabt und noch weniger eine eigene Wohnung, selbst eine so kleine. An die Idee musste er sich erst gewöhnen. So hatte er in der letzten Woche nur zwei Nächte hier verbracht: Die ersten zwei. Dann hatte er sich wieder in der Elendsgilde einquartiert, um der ungewohnten Umgebung zu entkommen.

Das ganze Gebäude erinnerte ihn an ein riesiges Insektennest. Hunderte rannten kopflos umher, eingepfercht in zwei Türme, die sich wie Termitenhaufen in den Himmel schoben. Sie überragten selbst den umgebenden Großstadtdschungel noch um einige Stockwerke und selbst von seinem Zimmer aus hatte Richard einen weiten Ausblick über die Betonwüste, die sich kilometerweit in den Horizont fraß.

Und er hasste es. Es war so weit und so eng gleichermaßen. Vor allem war hier keine Beute zu holen. Nichts, was Melissa ihm erlaubt hätte. Seine Wohnung hatte er nur unter dieser Bedingung bekommen. Er fühlte sich festgenagelt, selbst wenn er die Stille und die Trockenheit und eigentlich alles schätzte: Dass nicht jeder rein konnte bedeutete für ihn im Umkehrschluss, dass er nicht einfach raus konnte.

„Wir scheißen nicht, wo wir fressen“, hatte Melissa gesagt, noch bevor er die Frage hatte äußern können. Als hätte sie seine Gedanken gelesen. Sie hatte ihm die Schlüssel dazu einfach nach zwei Tagen in die Hand gedrückt und gemeint, es wäre jetzt seine. So lange er sie brauchen würde. Was er damit mache wäre ihr egal, aber sie wollte, dass er einmal die Woche hier wäre.

Richard hatte seine alten Reviere vorgezogen. Weniger Regeln.

Nur heute… Heute brauchte er Einsamkeit. Einsamkeit und Melissa.

Er hatte ein Gefühl, dass sie vorbei kommen würde. Dass er sie heute sehen würde. Er konnte nicht sagen, was es war. Natürlich war eine Woche seit ihrem letzten Treffen vergangen. Ziemlich genau eine Woche. Aber das war es nicht. Es war mehr so ein Jucken zwischen den Schulterblättern, wie ein unsichtbarer Blick, der sich dort hinein bohrte. Nichts, was er hätte erklären können, wenn man ihn danach gefragt hätte. Aber er wusste.

Nur wann, war die Frage.

Der Fernseher langweilte ihn. Er schaffte es keine Viertelstunde, dort sitzen zu bleiben, sich diesen Kram anzuschauen, den er die letzten Jahre so zu vermissten geglaubt hatte. Dann schaltete er ihn wieder aus und starrte wieder an die Decke.

Einige Minuten später stand er auf und plünderte seinen Kühlschrank, nur um nach einigen Bissen wieder zum Fernseher zurück zu kehren, durch den er sich gut eine halbe Stunde schaltete, ohne irgendetwas aufzunehmen. Schließlich ließ er ihn einfach rauschen, drehte sich aber von ihm weg. Wie, um nur irgendeine Gesellschaft zu haben.

Gesellschaft, die er hasste, aber ertrug.

Bis er irgendwann doch wieder aufsprang, das Gerät ausschaltete. Angestrengt lauschte er in die Nacht. Hatte er etwas gehört? Er musste etwas gehört haben. Schritte im Flur. Seinen Namen vielleicht? Ganz sicher seinen Namen, wie von einer Stimme direkt an seinem Ohr.

Sie kam.

Richard öffnete die Tür. Er hatte ein Gefühl, eine Idee, dass sie dort war. Und sie stand dort, eine hochgezogene Augenbraue und ein unbeeindrucktes Lächeln auf den Lippen. Er ließ sie ein und wurde sich peinlich der Unordnung bewusst, die er in nur drei Tagen hier angerichtet hatte.

Er besaß nicht viel, aber dieses wenige hatte er in nur zwei Nächten in der gesamten Wohnung verteilt.

Es schien ihr nicht viel auszumachen. Das war das seltsame mit ihr: Es schien ihr nie etwas auszumachen, wo sie war. Immer, immer schien sie das gefährlichste und unerhörteste Ding zu sein, ob sie nun in einem schmuddeligen Junkieappartment war oder in einer blinden Gasse.

Immer ging sie voran, als wüsste sie nicht, was Sorgen waren.

Melissa ließ sich auf der Schlafcouch nieder, schlug die Beine über. Ein kurzer Moment, in dem sie ihn nur musterte, sich winden ließ unter ihrem Blick. Als ob sie ihn nicht schon lange durchschaut hätte.

Wie geht es dir?“, fragte sie, ihre Stimme wie Honig.

Kein Wort, warum sie hier war. Wie sie gewusst hatte, dass er sie brauchte. Dass sie seine Nervosität gefühlt hatte, irgendwie.

Richard knirschte mit den Zähnen. Er atmete tief ein, dann aus. Er fühlte sich wie ein Insekt, das ziellos herum rannte, kopflos. Er musste sich in den Griff bekommen. Seine Impulse kontrollieren. Das war, was ihn immer gerettet hatte. Was er jetzt tun musste.

Er hörte auf damit, im Kreis vor dem Fernseher auf und ab zu gehen. Atmete tief durch.

Das hatte ihn neulich vor einigen Dummheiten bewahrt, als dieser Bulle ihn angegangen war.

Ich verliere die Kontrolle“, sagte er. „Über mich. Über die anderen. Nicht, dass ich je viel davon gehabt hätte, also verliere ich sie nicht wirklich. Aber ich kann es fühlen. Ich weiß es. Die Anderen sind… vorsichtig. Misstrauisch. Sie halten ihre Anteile zurück. Ich weiß es, es war weniger als letzte Woche, als wir angefangen haben.“

Jeder hat Startschwierigkeiten, Richard. Gib der Sache Zeit und du wirst lernen. Letzte Woche warst du selbst noch ein Straßenjunge“, erinnerte Melissa ihn. „Heute arbeiten die Straßenjungs für dich. Ist das weniger als letzte Woche?“

Richard verschränkte die Arme, biss die Zähne aufeinander. Er sah zu Boden. Irgendwie konnte er ihr nicht ins Gesicht sehen. Er ertrug ihren neugierigen Blick nicht, wollte sich nicht beobachtet fühlen. Als ob sie ihm direkt in die Seele blicken konnte und all die hässlichen Gefühle darin.

War es das? War es zu wenig für ihn?

„Nein…“, sagte er nach einer Weile. „Nein, das ist etwas. Viel sogar. Und ich bin auch dankbar, dass du mir geholfen hast. Ohne dich wäre ich gar nicht erst auf die Idee gekommen, eine Bande zusammen zu holen.“

Aber?“

Ich könnte so viel mehr!“, sagte Richard. Er ballte die Faust, entspannte sie wieder. Eine leere Geste, eine hilflose Geste. Er wusste nicht einmal, worauf er wütend war. Auf die Polizistin vielleicht, aber sie war nur die halbe Sache. Endlich sah er auf zu Melissa, die noch immer dort auf seiner Schlafcouch saß, die Beine übereinander geschlagen, die Hände vor den Knien gefaltet.

Ich könnte so viel mehr, wenn nicht dauernd… Wenn nicht dauernd jemand im Weg stünde. Die Jungs halten Geld zurück. Ich weiß es. Mehr, als ausgemacht war. Ich hatte sie im Griff, bis mir etwas dazwischen kam und jetzt verliere ich sie wegen einer kleinen Dummheit.

Melissa zuckte mit den Schultern.Ich habe dir nichts gesagt, was du nicht selbst schon wusstest: Andere zu benutzen ist sicherer und erfolgreicher als sich selbst benutzen zu lassen. Du musst eben lernen, sie sicher zu gebrauchen. Das ist alles.“

Sie zog eine Augenbraue in die Höhe. Er spürte, dass sie neugierig war. Die selbe Neugier, die er sich nicht erklären konnte und die sie regelmäßig mit ihm in Kontakt stehen ließ.

Zur Antwort fischte Richard ein Geldbündel aus seiner Hose. Nicht die saubere Geldklammer, die Melissa ihm gegeben hatte, nicht einmal ordentlich zusammen gelegte Scheine. Einfach nur eine Rolle an Geldscheinen, die er mit einem Gummi zusammen gebunden hatte. Er hielt sie Melissa hin.

Melissa hielt die Hand auf, blieb sitzen. Richard legte es in ihre Handfläche, seine Fingerspitzen streiften ihre Haut. Sie war kühl, sogar kalt, und trotzdem elektrisierend.

Die junge Frau zählte das Geld mit raschen Blicken. Er beobachtete sie, wie sie mit den Schultern zuckte und das Geld auf den Tisch legte.

Es ist weniger als das letzte Mal“, gab Melissa zu. „Du kannst es behalten, du hast es dir erarbeitet.“

„Es ist zu wenig“, sagte Richard. Er wusste, dass er eine Grimasse zog, dass sie ihn unattraktiv machte. Er hasste diese Gesichtsausdrücke, aber er konnte sich nicht gegen sie wehren. Sie kamen immer ungewollt auf sein Gesicht, wenn er nicht arbeitete. Und er wollte nicht arbeiten, nicht mit ihr. Melissa war mehr als ein Ziel für ihn.

Melissa legte den Kopf schief, sie beäugte ihn. Wie ein Insekt unter einer Lupe.

Er war vorsichtig. Vielleicht zu vorsichtig, das wusste er. Aber es war besser, bei Gefahr aus dem Weg zu gehen, so hatte er bislang überlebt und es gab keinen Grund, das jetzt zu ändern.

Weswegen glaubst du, dass es zu wenig ist?“, fragte sie. Er fühlte, wie sich eine Nadel in seine Brust bohrte. Bist du unfähig oder gierig?

„Weil sie den Respekt vor mir verlieren. Dafür hat dieses Miststück neulich gesorgt. Die Gruppe zieht nicht mehr mit, sie reden hinter meinem Rücken. Die Beziehung hat sich verändert, ich bin nicht der Boss.“

Welches Miststück?“, fragte Melissa.

In diesem Tonfall. Diesem Tonfall, bei dem er sich noch mehr wie ein Insekt auf einer Nadel vorkam. Ihm wurde heiß.

So war das nicht gemeint.“
„Wie war es denn gemeint?“

Richard griff wieder in seine Tasche, schleuderte ihr ein Stück laminiertes Plastik hin. Melissa sah dem Stück Plastik zu, wie es über den Couchtisch schlitterte und schließlich kurz vor der Kante zum Halt kam. Sie kniff die Augen zusammen und sah es über ihre Nasenspitze hinweg an.

Da“, sagte Richard, „das ist der Grund, warum ich so… Nein, nicht der Grund, aber sie hat mir gezeigt, wie wenig ich im Griff habee. Wie brüchig meine Stellung ist.“

Melissa las die Informationen auf dem Ausweis, ohne ihn in die Hand zu nehmen. Ein karmesinrotes Stück Plastik. Ausgestellt vom Polizeipräsident für eine gewisse Maxine Schwarzrbunn, Kriminalbeamte im Dienst des Landes Berlin. Auf dem kleinen Foto sah sie gefährlich aus: Kurze, schwarze Haare, an den Seiten ausrasiert, oben stachelig. Eine Weste, über der Hosenträger blitzten und ein arrogantes, angewidertes Gesicht. Zog den Mundwinkel nach oben als wäre sie gerade in irgendetwas ekliges getreten.

Sie“, sagte Richard, „Sie ist der Grund. Hat mich vor ein paar Tagen ausgenommen. Vor versammelter Mannschaft. Hat uns eine Weile beobachtet, angestarrt, als ob ich ihr persönlich was getan hätte – dann hat sie mich ausgenommen und alle Beute der letzten Tage mitgenommen. Seitdem… Seitdem ist mein Ruf dahin, meine Stellung. Seitdem bin ich einer, den man ausnehmen kann.“

Melissa runzelte die Stirn.

„Du hast dich ausnehmen lassen?“

Was hätte ich tun sollen? Sie angreifen? Die ist ein Bulle, oder nicht? Das wär wirklich eine Straftat gewesen.“

Hmmmm“, machte Melissa, ohne ihn anzusehen. Sie starrte den Dienstausweis an, als ob er ihr die tiefsten Geheimnisse dieser Polizistin verraten würde.

Einfach so und grundlos greift dich einer davon auf“, stellte sie fest. „Vor den Anderen und beschädigt deinen Ruf, indem sie sich schadlos hält an dir.“

„Weiß Gott. Ja, vielleicht. Sie starrt zu uns rüber, als hätte ich ihr irgendetwas getan. Ich gehe rüber, frage ob ich helfen kann. Sie sagte, irgendeinem Kerl läge an mir. Keine Ahnung, wer der Typ ist, hab noch nie von ihm gehört. Im nächsten Moment knallt sie mich auf die Brücke, rammt mir ihr Knie in den Rücken und meint, ich sollte wieder zu einem ‚Herrn Doktor Federer‘ gehen, wenn ich mein Geld wieder sehen will. Irgendwer bei der Polizei vielleicht. Hat Wind bekommen von uns, will uns loswerden. Warum auch nicht, wir hatten gut Erfolg, bis sie aufgetaucht ist, hat ja funktioniert.

Bei diesem Namen lauschte Melissa auf, Richard sah es, auch wenn sie es zu verstecken versuchte. Er sah, wie ihre Nasenflügel sich ein wenig blähten, wie ihr Blick kurz zu ihm fuhr, ehe sie den Dienstausweis in die Hand nahm, ihn drehte und wendete. Beinahe, als hätte sie auf diesen Namen gewartet.

Doktor Federer!“, sagte Melissa. Sie lachte und legte dabei den Kopf in den Nacken.

„Hah!“, machte sie. „So etwas glaubst du? Dass Leute wie sie auf eine Erlaubnis warten würden, um Leute wie uns zu schikanieren? Was für ein Unsinn. Sie wird das Geld selbst behalten haben. Der Dieb ist ausgeraubt worden.“

Melissa verschränkte die Arme. Ihr Gesicht war eine Grimasse der Verachtung, von einem sardonischen Lächeln durchschnitten.

Weißt du, wie wenig eine Kommissarin verdient? Zwei-Sieben, wenn sie Glück hat. Die ist ein ganz kleines Licht, ganz unten in der Rangordnung. Gerade raus aus der Schule, das Mädchen. Und von so einer lässt du dich ausnehmen. Kein Wunder, dass die Gruppe dir auf der Nase rumtanzt: Du wirkst schwach, weil du dich widerstandslos ausnehmen und für dumm verkaufen lässt.

Ich hab ihren Ausweis gestohlen“, verteidigte sich Richard.

„Und was tust du damit? Ihn mir zeigen?“

Melissa warf ihm den Ausweis über den Tisch, zu dem Geld, das er in den letzten Tagen gestohlen hatte.

„Du hast ihren Namen, oder nicht? Maxine Schwarzbrunn. Du weißt, wo sie arbeitet, bei der Behörde Lichtenberg, Abteilung Kriminalpolizei. Die setzen doch keine Kriminalistin auf einen Taschendieb an. Das war ein Einzelgang von der, schwarz. Das Geld hat sie selbst behalten. Und du… du warst Kollateral, weil du für sie aussiehst wie alle anderen für dich.

Er riss die Augen auf.

„Wie Beute“, sagte er.

Wie leichte Beute“, betonte Melissa. „Und du weißt, wie man nicht mehr wie Beute sondern wie ein Jäger aussieht, oder?“

Richard musste unwillkürlich grinsen. Er griff nach dem Ausweis, sah ihn mit ganz neuen Augen an.

Wie ein Alphatier“, sagte er und starrte in die laminierten Augen von Maxine Schwarzbrunn.

Schuld und Sünde – Teil IV: Brückenschlag

Richard Hahntritt aufzuspüren stellte für Maxine keine große Schwierigkeit dar. Weder versuchte er sich vor den Behörden zu verstecken, noch gab er sich besonders unauffällig. Weshalb auch? Er konnte unmöglich wissen, dass Leopold von Schlüsselburg unter falschen Vorwänden die Staatsgewalt auf seine Spur gesetzt hatte.

Maxine brauchte tags darauf nur einige Anrufe tätigen: Einen beim Archiv der Kriminalpolizei in Charlottenburg, den anderen bei der Elendsgilde, dem Armenhaus im Zentrum der Stadt.

Das Archiv brachte ihr zwei Akten zu Männern mit dem Namen „Richard Hahntritt“ ein. Einen mittelmäßigen Boxer aus den achtzigern, der mehrfach wegen bewaffnetem Raub und Alkohol festgenommen worden und schließlich vor einigen Jahren verschollen war. Und einen jugendlichen Querulanten, Ausreißer und Taschendieb, der aber seit etwa sechs Jahren nicht wieder straffällig geworden war. Jedenfalls nicht, soweit es die offiziellen Papiere betraf.

Als nächstes telefonierte Maxine die Armenhäuser der Stadt durch und hatte bereits beim ersten auf ihrer Liste Glück. Die Elendsgilde hatte vor einigen Tagen jemanden aufgenommen, der sich unter diesem Namen bei ihnen gemeldet hatte. Nicht gerade unauffällig. Maxine machte Meldung bei ihrem Vorgesetzten über die ganze Sache und bekam den gleichen Befehl, wie gestern schon: Sich der Sache anzunehmen.

Also fuhr sie nach Mitte.

Die Elendsgilde nahm kein Geld für die Übernachtungen, verteilte ihre Betten aber auch nicht einfach an jeden dahergelaufenen. Die Gilde war im ehemaligen Franziskanerkloster in der Klosterstraße untergebracht und hielt sich, obwohl es lange schon keine religiöse Einrichtung mehr war, eisern an diese Tradition: Wer essen wollte, sollte dafür auch arbeiten.

Die Betten wurden im Tausch gegen Arbeit vergeben. Arbeit im Garten, in der Küche, in der Wäscherei, der Hausreinigung oder einem Dutzend anderer Tätigkeiten, mit der die Gilde ihren Unterhalt betrieb.

Der Rezeptionist erkannte Richard auf dem Polizeifoto, obwohl es ziemlich alt war und Richard darauf noch ziemlich jung. Scheinbar hatte er sich nicht viel verändert.

Richard, sagte der Rezeptionist, hatte sich entschieden, Zeitungen zu verkaufen. Und allem Anschein nach war er sehr begabt, weil er jeden Tag den höchsten Anteil mitbrachte. Sein „Revier“ war nur einen Steinwurf entfernt, hinter dem Rathausplatz an der Spree entlang. Die Museumsinsel. Eine touristische Gegend. Täglich hunderttausend Besucher.

Maxine seufzte. Der perfekte Ort, um Touristen abzuziehen und die Beute als Verkäufe auszugeben. Sie machte sich auf den Weg dorthin. Die Frage, was sie mit Richard tun würde, wenn sie ihn erst gefunden hätte… verschob sie für den Augenblick.

Der Befehl war von ganz oben gekommen, vom Direktor der Direktion 6, Ostberlin. Der Direktor wünschte, seinem Bekannten Herrn Doktor Federer einen Gefallen zu tun. Und der Herr Doktor hatte Maxine gebeten, Richard „in Ordnung zu bringen“. Was immer das heißen sollte.

Maxine hatte durchaus Ideen, was das heißen sollte. Sie sollte ihm Angst einjagen und sonst nichts weiter. Ein wenig mit den Ketten im Zuchthaus rasseln, das würde ihn wieder auf Vordermann bringen. Vielleicht hatte sich Richard ja gebessert, seit er das letzte Mal geschnappt worden war. Vielleicht hatte er die Therapie gesucht, um seine beschissene Kindheit zu verarbeiten, eine Routine und Stabilität in sein Leben zu bekommen. Vielleicht war er wirklich auf dem Weg der Besserung und hatte seinen Kontakt zum Sanatorium nur abgebrochen, weil er gesund war. Gesund genug, sich langsam selbst etwas aufzubauen.

Vielleicht war er deswegen in den letzten sechs Jahren nicht auffällig geworden.

Vielleicht war er einfach nur ein besserer Dieb geworden.

Es war später Nachmittag, als Maxine ihn auf einer der Promenaden fand, zwischen Pergamon und Monbijou. Er spazierte mit einem Packen Zeitungen im Arm an den Touristen in ihren Strandliegen vorbei. Maxine schüttelte sich. Wer auch immer auf die Idee kam, innerstädtisch in der Flussbrühe zu schwimmen, dem war nicht mehr zu helfen.

Sie blieb auf der Brücke zur Museumsinsel hinüber stehen und beobachtete eine Weile. Die Szene kam ihr bekannt vor. Richard, wie er sich durch die Massen bewegte, die Leute in Gespräche verwickelte, hier und dort anhielt – dann wieder einen Bogen machte und auftauchte, um sich ein neues Ziel zu suchen. Wie ein Fisch im Wasser.

Maxine blinzelte sich dasDéjà-vu aus dem Kopf. Der Dieb richtete sich in der Menge auf. Wie ein Windhund legte er den Kopf in den Nacken, ließ den Blick über die Museen, die Theater und die Köpfe der Menge schweifen. Maxine entging ihm, er richtete seine Aufmerksamkeit nur auf die höher gelegenen Stellen. Als ob er erwarten würde, von dort beobachtet zu werden.

Aber er fand niemanden und machte sich zurück an seine Tätigkeit. Maxine entspannte sich ein wenig. Sie lehnte sich gegen die Brüstung vor ihr und griff nach der Zigarettenschachtel in ihrer Innentasche. Eine Weile beobachtete sie den vermeintlichen Dieb.

Wie sollte Sie die Sache angehen? Sie konnte ihn schlecht einfach grundlos aufhalten. Sie könnte schon, aber das käme ihr falsch vor. Gegen die Vorschriften zumindest.

Wieso wurden solche Sachen nicht in der Ausbildung behandelt? Und wieso wurde sie alleine her geschickt und ohne Mentor? Sie knurrte, quetschte die Schachtel in ihrer Hand und begann zu rauchen.

Abwarten.

Vielleicht konnte sie ihn bei einer Straftat beobachten, dann wäre die Sache leichter.

Und das Wetter war schön, strahlender Sonnenschein, und sie war für diesen kleinen Botengang abgestellt worden. Sie konnte es sich leisten, den Nachmittag zu vertrödeln.

Rasch stellte Maxine fest, dass Richard nicht alleine war. Ihr gefiel die Gruppe nicht, mit der er sich umgab. Sie kamen im Lauf des Tages dazu. Andere wie er. Jungs in zerlumpter Kleidung, mit zu viel Zeit und zu wenig zu tun. Die meisten davon etwa so alt wie er, vielleicht zwei waren älter. Sie saßen am Fluss, die Beine über der Flutmauer, und zu rauchten und tranken. Nur Tabak, nach allem was Maxine so sah und roch.

Kein Grund oder Vorwand, einen von ihnen festzunehmen oder wenigstens aufs Revier mitzunehmen.

Maxine beobachtete Richard genau, aber sie sah nichts, was ihr einen Vorwand geliefert hätte. Sie vermutete, dass er stahl. Alle taten das in ihren Augen. Aber er war zu geschickt und gar nicht so dumm dabei. Regelmäßig kehrte er zu der Gruppe zurück, die etwas abseits vom Trubel saß. Er setzte sich in ihre Mitte, nahm ein Bier entgegen, drehte sich etwas zu rauchen und machte eine Pause von etwa fünf Minuten.

Wenn er wirklich stahl, verteilte er das Diebesgut augenblicklich. Selbst wenn sie ihn hoch nahm, würde sie nichts finden und die fünf Jungs da drüben alleine auf einen Verdacht hin festnehmen wäre auch unmöglich.

Einer der Jungs stieß Richard in die Seite. Er drehte den Kopf und sah dorthin, wo Maxine stand. Rauf auf die Brücke. Eine Weile erwiderte er nur ihren Blick. Dann löste er sich von der Gruppe, aber nicht um weiter so zu tun, als würde er Zeitungen verkaufen. Er kam die Promenade entlang und hatte ein Lächeln aufgesetzt. Eines von denen, bei denen man weich werden könnte, wenn man denn wollte.

Sie lächelte grimmig, schnippte ihren Zigarettenstummel in die Spree. Etwas, das Doktor Federer gesagt hatte, hallte ihr im Kopf nach. Leicht zu beeinflussen sollte Richard sein und auf der Suche nach Anerkennung seiner Gleichgesinnten.

Ihr kam eine Idee, die vielleicht funktionieren könnte.

„Können wir Ihnen bei irgendetwas helfen?“, fragte er, kaum dass er die Brücke betreten hatte. „Sie schauen schon den halben Abend so zu uns rüber.“

Er hatte ein charmantes Lächeln, das musste sie ihm lassen. Auf diese spitzbübische… irgendwie diebische Art. Es hätte entwaffnend sein können, wenn es nicht so falsch gewesen wäre. Er war etwa so alt wie sie. Trotzdem dachte sie von ihm als von einem Jungen, obwohl er vermutlich mehr Lebenserfahrung als sie hatte. Sie war in der Polizeischule geblieben die letzten Jahre, er hatte sich irgendwie auf der Straße herum geschlagen.

„Klar, du kannst mich mal in deine Taschen greifen lassen“, sagte Maxine und zog ihren Ausweis hervor. Sie liebte dieses Ding. Es war ihr ganz persönlicher gewaltfreier Schlagstock, mit dem sie so vielen Leuten Knüppeln zwischen die Beine warf.

„KriPo und das hier wird ‘ne Taschenkontrolle.“

Richard sah aus, als hätte sie ihn geohrfeigt. Oder in die Leiste getreten. Er verzog das Gesicht für einen Augenblick, blinzelte heftig, beäugte misstrauisch den Ausweis. Dann fing er sich.

„Hoooo“, sagte er und hob die Hände. „Dürfen Sie das einfach so? Ich hab gar nichts gemacht, Frau Wachtmeister, ich weiß nicht, wie sie…“

„Frau Kommissarin bitte“, sagte Maxine. Sie lächelte, klappte ihren Ausweis wieder zusammen und ließ ihn ohne die Augen von Richard zu nehmen in ihrer Jackentasche verschwinden. Sie deutete mit einem Nicken zu der kleinen Gruppe.

„Wir beobachten euch, Richie.“

Richards Mundwinkel zuckten bei diesem Namen. Max sah es und merkte es sich. Ein Druckpunkt, den sie benutzen konnte. Mit dem sie ihn kleiner machen konnte, als er war. Das brauchten die.

„Wir beobachten dich und wir wissen ganz genau, was du hier tust. Du kommst wieder auf die schiefe Bahn, Richie. Aber du hast Glück, dass du Freunde hast, die sich um dich kümmern. Wenn‘s nach mir ginge, würde ich dich einbuchten. Aber der Doktor glaubt, er würde bei dir Fortschritte machen und deswegen sage ich es dir im Guten: Geh. Zurück.“

„Zurück wohin?“, fragte Richard. Er hatte die Hände immer noch neben der Brust erhoben, die Handflächen zu ihr gestreckt, und schüttelte den Kopf. „Man, hören Sie, ich weiß nicht wovon Sie reden. Sie müssen mich verwechseln. Ich kenne keinen Doktor, ich kenne nicht mal Ärzte. Ich verkauf einfach nur Straßenzeitungen, um über die Runden zu kommen.“

„Hm“, machte Maxine. „Ist das so?“

Sie sah die Flussbiegung hinunter zu der Gruppe. Die schaute gespannt zu, konnte aber wohl kaum etwas hören. Das grimmige Lächeln war auf Maxines Gesicht festgefroren. Leute wie die waren wie Tiere. Wie Streuner. Wenn ihre Erfahrungen mit jungen Männern irgendetwas bedeuteten, dann gab es eine Hackordnung. Die gab es immer. Sie musste Richard nur weit genug nach unten treten, dann würde er der Gruppe zu gefährlich. Man würde ihn meiden, wenn er zu viel Aufmerksamkeit auf sich zog. Ganz auf sich allein gestellt käme er bald wieder ins Sanatorium gekrochen.

Maxine sah wieder zu Richard, der angespannt blieb. Bereit, die Flucht zu ergreifen. Nur war er zu langsam. Ein Schritt und sie war bei ihm, packte ihn am Kragen. Dann im Nacken seiner Jacke, presste ihn auf das Geländer der Brücke. Leichte Tritte gegen die Unterschenkel traten ihm die Füße auseinander.

Er protestierte, aber nicht kräftig genug. Maxine tastete seine Taschen ab. Nichts in den Jackentaschen, Drehzeug in den Gesäßtaschen. In den vorderen Hosentaschen wurde sie fündig. Eine Geldklammer.

„Na hey, sieh einer an Richie, es geht bergauf mit dir! Zwei-, drei-, vierhundert Mäuse! Was macht ein kleiner Dieb wie du mit so viel Bargeld, hm?“

Richard versuchte sich nach oben zu stemmen, aber sie presste ihren Ellbogen zwischen seine Schulterblätter. Er stöhnte auf, seine Gegenwehr erlahmte.

„Das Geld hab ich verdient!“, protestierte er. „Ehrlich verdient. Soll ich vielleicht ein Bankkonto eröffnen?“

„Muss ja ‘ne teure Zeitung sein, wenn die Leute mit Fünfzigern bezahlen.

Der liebe Herr Doktor Federer macht sich wirklich Sorgen um dich. Sagt du hängst mit den falschen Leuten rum. Trinkst. Nimmst Drogen. Scheint mir, dass er recht hat, der liebe Herr Doktor. Und ich glaub ich weiß auch, womit du das so finanzierst.“

Mit dem Daumen blätterte Maxine die Scheine in der Geldklammer durch, schüttelte dann den Kopf und steckte das Geld in ihre eigene Tasche. Zu den Zigaretten. Sie musste ja nicht gerade jedem zeigen, was sie hier tat. Mit etwas Diskretion stünde sein Wort gegen ihres – und sie war jemand mit Prinzipien und Leumund.

Er nicht.

„Wir machen das so, Richie: Ich kann dich nicht guten Gewissens mit so viel Geld rumlaufen lassen. Hier gibt es Diebe, hast du das nicht gehört? Ist echt schlimm geworden in den letzten Tagen. Taschendiebe vor allem, vor denen ist kein Geldbeutel sicher. Soll ‘ne ganze Bande sein.“

Sie presste die Lippen aufeinander und machte ein ernstes Gesicht.

„Ich werd das Geld für dich aufbewahren, ja? Nur zur Sicherheit. Wir wollen ja nich, dass es weg kommt.“

Richard wehrte sich, aber nicht sonderlich heftig. Sie hatte ihm fest im Griff. Noch hatte er keine echte Straftat begangen. Das wusste sie, das wusste er. Angriff auf einen Polizeibeamten dagegen…

„Na“, sagte Maxine. „Keine Angst, du kriegst es wieder. Kriegst sogar ne Quittung von mir. Ich deponier‘ es beim lieben Herrn Doktor Federer in der Anstalt, ja? Brauchst nur wieder hingehen und ein Pläuschchen mit ihm halten und du kannst dir dein Geld abholen.“

Richards Gesicht war rot, vor Wut, vor Schmerz. Seine Zähne knirschten aufeinander und er bekam gerade so ein paar Worte heraus:

„Ich kennne keine Anstalt, Frau Kommissarin. Ich weiß nicht, wovon sie reden.“

Er schrie vor Schmerz auf, als Maxine seinen Arm ein wenig fester packte. Sein Blick ging zur Gruppe hinüber. Maxine zog die Augenbrauen zusammen. Was sie vorgehabt hatte funktionierte wohl. Er spielte hart und undurchschaubar, aber langsam bekam er Risse.

Sie lehnte sich vor, ihr Holster und ihre Gürteltasche drückten sich ihm in den unteren Rücken. Es würde ein unangenehmer Druck sein, direkt über dem Steiß.

Sie flüsterte ihm ins Ohr:
„Das Sanatorium Schlüsselburg, mein Lieber. Tu nicht so, ich hab‘ deine Akte gesehen. Wir fänden es wirklich besser, wenn du wieder artig zum Seelenklempner gehen würdest. Ich und die Herren Ärzte und das Gericht sicherlich auch, wenn die von deiner kleinen Sache hier erfahren.“

Einen Augenblick lang hielt Maxine ihn so regungslos gefangen, zwischen ihrem Gewicht und dem Stein des Brückengeländers. Sie ließ ihre Drohung kurz wirken.

Dann ließ sie ihn los. Richard wirbelte auf, schlug um sich wie ein Tier. Fuchtelte mehr. Nicht kräftig und er traf auch nicht, aber es war alles, was er tun konnte. Sich und sie abklopfen, als hätte er Ameisen im Nacken. Er wollte sie von sich weg stoßen, traf aber kaum den Stoff ihrer Jacke, wollte Distanz aufbauen und gleichzeitig seine physische Dominanz retten.

„Ich habe nichts angestellt“, sagte Richard, „absolut scheiße nochmal gar nichts.“

Sein Gesicht war scharlachfarben und die Demütigung stand ihm darin eingeschrieben. Er richtete sich den Kragen seiner Jeansjacke, stopfte das Hemd zurück in seine Hose.

Maxine griff wieder nach ihrer Zigarettenschachtel. Keine Schwäche zeigen, dachte sie, lässig bleiben. Aus den Augenwinkeln sah sie zu der Gruppe von Richard, die sie beobachteten. Niemand schritt ein. Alle schienen angespannt. Als warteten sie auf einen Hammerschlag. Alle wirkten unangenehm berührt, als hätten sie etwas unsittliches beobachtet.

Vielleicht, weil Sie eine Frau war. Gut, dachte Maxine. Sollten sie sich an ihren eigenen Vorurteilen aufhängen. Sie grinste Richard zu, mit demselben diebischen, arroganten Lächeln, mit dem er auf sie zugekommen war, und ließ die Arme wieder sinken. Sie tätschelte die Hosentasche, in der sein Geldbündel verschwunden war.

„Du willst diese Erfahrung nicht wiederholen? Gut. Besuch den Herrn Doktor im Sanatorium und du kriegst dein Geld wieder und hast mich das erste und letzte Mal gesehen.“

Maxine wandte sich zum Gehen. Sie fühlte den Blick von Richard im Nacken, glühend, wütend, hilflos. Und sie war sich sicher, ihn nicht noch einmal sehen zu müssen, gedemütigt und eingeschüchtert, wie er war.

Was sie ebenfalls nicht sah war, wie Richard sich siegessicher zu seinen Kompagnons umdrehte und ihnen triumphierend einen Dienstausweis der Berliner Kriminalpolizei zeigte.

Schuld und Sünde – Teil III: Eine ethische Anfrage

Manche Ideen gehen einem einfach nicht mehr aus dem Kopf. Sie setzen sich in den Gedanken fest, fressen sich in die Erinnerung. Und dann bleiben sie dort, schlagen Wurzeln.

Eine dieser Ideen quälte Maxine Schwarzbrunn, seit sie ihren Auftrag bekommen hatte.

Die große Stadt, die der Alptraum ist, wo aller Abschaum zusammen schäumt.

Sie konnte sich nicht daran erinnern, wo sie diesen Satz gehört hatte, aber er zwängte sich in letzter Zeit immer öfter in ihr Bewusstsein. Sie wusste, dass sie nicht so denken sollte. Ihre Arbeit verlangte ein Mindestmaß an Mitgefühl, sie konnte – durfte – nicht von Menschen als Abschaum denken. Auch, wenn es schwer war, bei den Dingen, die sie einem schon in der Ausbildung zeigten. Bei all den aufgeschlitzten Kehlen und Schusswunden fiel es schwer, den Glauben an die Menschheit nicht zu verlieren.

Eigentlich war sie sich sogar sicher, nur deswegen hierher geschickt worden zu sein. Weil ihr Vorgesetzter hoffte, ihr etwas Mitgefühl für den Abschaum beizubringen. Die menschliche Seite zu sehen, wie er es formulierte.

Maxine schnaubte, zündete sich eine weitere Zigarette an. Sie lehnte sie an ihrem Wagen, rauchte, und verschwendete Zeit, obwohl es bereits spät war und sie nach Hause wollte. Pflichtvergessenheit könnte man ihr vielleicht vorwerfen, auch wenn sie das anders sah. Soweit es sie betraf, war es ihre Pflicht, unschuldige Bürger vor Mördern und Vergewaltigern zu schützen und nicht umgekehrt.

Sie stieg jeden Tag in diesen Alptraum hinaus, da war es nur ein kleiner Trost, ihm noch einige Minuten zu entkommen.

Vor ihr erstreckte sich eine malerische Landschaft. Wiesen, kleinen Wäldchen und Bächen und sogar ein paar Kühen und Pferden, so weit das Auge reichte. Es war, als hätte ein Riese mit einem Messer einen großen Brocken aus der Stadt heraus geschnitten . Als hätte die dörfliche Gegend, die hier einmal gewesen war, nur unter dem Beton geschlafen. Die Luft hier war rein und die Stadt nur eine entfernte Ansammlung von Spitzen, Türmen, Glasfassaden am Horizont. In der Landschaft selbst verteilten sich eine Handvoll von Gebäuden. Klinkerbauten, vier Stockwerke hoch mit flachen Dächern. Wohnhäuser für die Siechen und die Irren, die dort nach ihren speziellen Bedürfnissen segregiert wurden. Selbst der Himmel war hier ruhiger, weniger von Licht verschmutzt und ein wenig schwärzer als anderswo.

Maxine fröstelte, trotz des schwülen Sommerabends. Sie trat ihre Zigarette auf dem Kies aus und griff durch das geöffnete Fenster ihres Wagens neben sich, um ihre Unterlagen hervor zu holen. Sie hatte eine Verabredung und langsam gingen ihr die Ausreden aus, die sie selbst glauben könnte.

Hinter ihr stand der größte der Bauten im Park, das eigentliche Haupthaus des „Sanatoriums Schlüsselburg“. Ein ehemaliges Rittergut mit zwei ausladenden Flügeln, mit spitzen Dächern und Fenstern und sich empor schwingenden Säulen. Die Ziegel waren ausgebleicht wie alte Knochen, und jetzt am Abend wirkte es wie eine alte Spinne, die in ihrem Nest saß. Fett und faul.

Die Glastüren schwangen automatisch vor ihr auf.

Die Eingangshalle öffnete sich bis fast zum Dach des Guts hinauf, über gut zwei Stockwerke, die über Galerien am hinteren Ende zu erreichen waren. Den Großteil der ersten Ebene nahm die Rezeption ein: Ein kreisrunder Tisch gigantischen Ausmaßes, hinter dem ein einzelner Mann mit vielen Computerbildschirmen, Papierunterlagen und Werbematerial saß.

Der Rezeptionist sah kaum auf, als Maxine eintrat. Erst als sie sich räusperte, blickte er sie an. Er hatte sie bei ihrer Trödelei beobachtet, dachte Maxine. Sie hatte direkt vor dem Eingang geparkt und sicherlich fünf oder zehn Minuten lang dort nur herum gestanden und gewartet. Er musste es leid gewesen sein, sie zu erwarten, und hatte sich wieder seiner Arbeit gewidmet.

Er hatte ein unfreundliches, etwas schwammiges Gesicht, und trug die nichtssagende Arbeitskleidung von Krankenhauspersonal. Keine persönlichen Gegenstände waren zu sehen, nicht einmal eine Tasse Kaffee oder ein Bild standen auf dem Schreibtisch. Nur auf seiner Brust prangte ein kleines Abzeichen: „Hallo, ich heiße Thaddäus“. Ein gescheiterter Versuch, menschliche Nähe auszustrahlen.

Thaddäus musterte sie mit der gleichen Skepsis. Der zerknitterte Anzug, die strubbeligen Haare, der abblätternde Nagellack auf den Fingern. Maxine war sich dieser Dinge nur allzu bewusst. Erst kürzlich hatte sie das Rauchen aufgeben wollen, ihre orale Fixierung aber irgendwie befriedigen müssen. Ihre Fingernägel hatten sich von der Tortur noch immer nicht erholt.

„Guten Abend. Was kann ich für sie tun?“, fragte Thaddäus.

„Maxine Schwarzbunn“, sagte sie und zeigte ihren Dienstausweis vor. „Kriminalpolizei Berlin. Sie hatten bei uns angerufen und um einen Kollegen gebeten?“

Thaddäus besah sich ausgiebig ihren Ausweis, sah dann kurz – aber so, dass sie es gut sah – auf seine Armbanduhr und dann zu ihrem Dienstwagen vor der Tür. Dem schäbigsten, den die Truppe zu bieten gehabt hatte.

Die Skepsis blieb ihm ins Gesicht gemeißelt.

„Ein gewisser Dr. Federer wollte bei uns Meldung machen?“, sagte Maxine, „Etwas über einen Flüchtigen?“ Obwohl ich wirklich nicht weiß, wieso der feine Herr sich nicht ins Präsidium bewegt, sondern mich hierher bestellt.

Maxine lächelte. Thaddäus schien ihr ein Bremser zu sein oder ein Deflektionist. Jemand, der Zeit für seinen Vorgesetzten schindete – indem er ihre Zeit verschwendete.

„Ich bin informiert.“

Thaddäus hatte eine trockene Stimme. Leidenschaftslos, unkooperativ. Als ob Maxine extra Überstunden genommen hätte, um ihn in seiner abendlichen Lektüre zu stören.

„Warten Sie bitte einen Augenblick hier“, sagte er, ehe er sich durch eine winzige Öffnung in dem kreisrunden Tisch zwängte. Zu beiden Seiten der Rezeption begannen die breiten Treppen, die in den zweiten Stock, auf die Galerien hinauf, führten. Der Weg war nicht weit, aber Maxine hatte den Eindruck, Thaddäus hätte das Matterhorn erklommen, so langsam bewegte er sich. Oben angekommen klopfte er gegen die doppelflügelige Tür direkt am Ende der Treppe. Ein spezifischer Rhythmus. Ein Mal kurz, zwei Mal lang, dann wieder kurz.

Nach etwa eineinhalb Minuten öffnete er die Tür, schloss sie hinter sich. Nach weiteren neunzig Sekunden öffnete er sie wieder und begann seinen Abstieg. Er quetschte sich wieder durch die Öffnung, nahm wieder auf seinem Stuhl platz. Unten angekommen zog er das Gästebuch aus einem Stapel an Büchern, öffnete es umsichtig auf der aktuellen Seite, drehte es um hundertachtzig Grad, so dass es zu Maxine zeigte und schob ihr einen Füllfederhalter zu.

„Wenn Sie bitte hier unterschreiben würden. Und dann nur dort die Treppe hinauf in die Galerie, der Herr Direktor erwartet sie.“

Maxine unterschrieb zähneknirschend, dann ging sie zum Büro nach oben, zwei Stufen auf einmal nehmend.

„Direktoriat Dr. Federer“ stand in die Messingplatte neben den Türen geätzt. Sie klopfte nicht, sondern trat direkt ein. Neid überkam sie. Sie hatte nicht einmal ein eigenes Büro. Als jüngste der Truppe teilte sie sich einen Raum von vielleicht einem Drittel der Größe mit zwei weiteren Kollegen.

Dieses hier… Dieses hier war kein Büro, sondern eine weitere Halle mit Deckenmalereien und Scheinsäulen und ausladenden Eichenschränken und Fischgrätenparkett. Alles war irgendwie weiß und silbrig und duftete. Es verströmte das selbe Ambiente, wie die Sommerluft draußen im Park: Einsicht in sich selbst, innere Ruhe. Isolation. Eine Art von rundem Fenster nahm den größten Teil der hinteren Wand ein, direkt unter dem Giebel. So, wie sie es sonst nur aus Kirchen und Kathedralen kannte.

Zur Seite hin stand ein massiver Schreibtisch. Ein Sekretär der alten Sorte, mit roter Lederbespannung, mit Messingnieten und Schnallen und Griffen, mit Aufsätzen für Briefpapiere und Buchständer, mit Tiegelchen und Tintenfässern und Stiftehaltern und Siegeln darauf verteilt.

Dahinter saß ein weiterer Herr, der wie eine reichere, ältere und gebildetere Version von Thaddäus wirkte: Dieser hier war fetter und er trug einen teuren Anzug mit silbernen Knöpfen und er war bereits ergraut und hatte schütteres Haar.

Er erhob sich, streckte Maxine die Hand hin. Ein freundlicher, warmer Griff. Nur die Handschuhe fühlten sich komisch auf Maxines Haut an, aber sie sagte nichts dazu. Extravaganz, dachte sie. Das erklärt den Anruf.

„Frau Schwarzbrunn, ja? Wie schön, dass sie Zeit für mich haben. Bitte, setzen sie sich. Dürfen Wir Ihnen etwas anbieten? Tee? Kaffee? Zigarre?“

„Danke, Herr Doktor Federer, aber ich muss ablehnen. Vorschriften, sie verstehen sicher. Dienst ist nun einmal Dienst…“

„Und Schnaps ist Schnaps“, sagte er und lachte. „Natürlich, natürlich. Dann kommen wir zur Sache, ja?“

Der Mann war weder Dr. Federer noch der Prof. Teer. Er war gar kein Doktor in irgendeinem Sinne, nicht einmal ein Mediziner. Und dennoch breitete er sich in dem Büro der Herren aus, als wäre es sein eigenes. Auf eine gewisse Art war er sogar der Direktor der Anstalt, wenn auch der heimliche. Aber Leopold von Schlüsselburg war gut darin, in diese Rolle zu schlüpfen. Sie war nur für ihn gemacht worden und er verstand es, gütig auf seinem Gutssitz zu walten und Gäste zu empfangen.

„Gern“, sagte Maxine und öffnete ihre Unterlagen vor sich. Ihr Notizbuch, eigentlich, das überquoll vor Zetteln und Papieren, die sie für verschiedene Dinge hinein gestopft hatte. Es waren nicht nur Notizen zu Fällen, die sie bearbeitete – so viele gab es davon noch gar nicht – sondern enthielt auch noch Mitschriften. Von Lagebesprechungen und Einweisungen. Alles, was zum Protokoll und zu den Vorschriften gehörte. Sie ging die Seiten durch, bis sie ihre hastig im Gespräch mit dem Leiter ihrer Direktion gekritzelten Notizen gefunden hatte.

„Sie haben einen Flüchtigen zu melden, habe ich das richtig verstanden?“

„Ja. Also nein. Die Sache ist delikat, weswegen ich bei Weißenfelsum Diskretion gebeten. Sehen Sie, wir sind nicht direkt befugt, unsere Gäste gegen ihren Willen hier festzuhalten. Wir sind ein Sanatorium, keine geschlossene Anstalt. Unsere Gäste können sich selbst entlassen, auch entgegen unserer Weisung oder Rat. Die fragliche Person ist also nicht direkt… flüchtig im juridischen Sinne.“

Leopold von Schlüsselburg lächelte entschuldigend, als er die hochgezogene Augenbraue Maxines sah. Er hatte ein einnehmendes Lächeln, breit mit feinen Zähnen, auch wenn es seine Augen nicht erreichte.

„Sie rufen die KriPo auf den Plan, weil einer ihrer Patienten den Kontakt abbricht?“, fragte Maxine. Sie hatte gewusst, dass es eine Strafe für sie sein sollte, aber nicht in diesem Ausmaß. Jetzt durfte sie Mäusefänger für die Anstalt spielen.

„Die Sache ist, wie ich sagte, delikat“, sagte der vermeintliche Arzt. „Ich bitte daher um ihr Schweigen in dieser Sache…“

Leopold zog eine Akte aus dem Sekretär. Ein brauner Umschlag, nur mit einem Aktenzeichen und dem Namen „Richard Hahntritt“ versehen. Darin befanden sich eine Reihe von Gutachten und Zertifikaten und weiteren Unterlagen, die das Sanatorium angefertigt hatte.

Maxine balancierte sie irgendwie auf den Knien und ihrem Notizbuch.

„Wir vertrauen der modernen Technik nicht gern, wenn es um Informationen über unsere Gäste geht“, sagte Leopold.

Wieder dieses Wort. Gäste. Als wären die Leute hier nur auf Kur.

Maxine brummte ihre Zustimmung, blätterte durch die Unterlagen.

Die Papiere bestätigten einen Aufenthalt eines Herrn Richard Hahntritt in den Mauern des Sanatoriums, vor erst wenigen Monaten. Psychologische Profile waren angefertigt, Therapiefortschritte belegt worden. Sie bescheinigten ihm eine labile Persönlichkeit, problematische Strukturierung des Ego und des Selbst, die eine Neigung zu Aggression, Unfähigkeit zur Annahme von Kritik, Minderwertigkeitskomplexe, und eine Gier nach Anerkennung führten.

Der angebliche Direktor Dr. Federer redete weiter, während Maxine sich einen laienhaften Überblick verschaffte.

„Richard ist eine catilinarische Existenz, wenn sie den Ausdruck verzeihen. Im Grunde ist er ein anständiger Mensch, aber seinem ganzen Wesen nach ist er auf die Befriedigung gewisser Triebe ausgelegt. Hunger, Gier nach Anerkennung oder Status. Seine recht spezielle psychische Beschaffenheit macht ihn anfällig, Frustration über diese Triebe nach außen zu richten, gegen seine Umwelt. Er ist ein wurzelloser Umstürzler – nicht aus Wahl, bitte sie, das nicht falsch zu verstehen, sondern aus Notwendigkeit. Er kann nicht anders, angesichts seiner Erziehung und Herkunft.“

Maxine verstand nur die Hälfte davon, notierte aber einige der Worte aus den Berichten, die sie für relevant hielt. „Komplexe Schizophrenie“. „Paranoische Anlagen“. „Projizierte Auto-Aggression“.

Hätte sie etwas mehr von Psychologie verstanden, so hätte sie bemerken können, dass viele dieser Begriffe Unsinn waren. Die Gutachten waren nichtssagend, sie kreisten immer wieder um das selbe Thema und enthielten außer fragwürdigem Jargon über die Psyche des Insassen keine direkte Auseinandersetzung mit ihm, die zu solchen Urteilen hätten führen können.

Und sie waren allesamt gefälscht. Eine Lüge, die die echten Herren Professor Teer und Doktor Federer in den letzten drei Tagen für Leopold von Schlüsselburg erstellt hatten. Keiner der Ärzte hatte bis vor kurzem auch nur von dem angeblichen Patienten gehört, geschweige denn ihn gewissenhaft untersucht.

Ein Umstand, den zu erwähnen Leopold von Schlüsselburg tunlichst vermied, um Maxine von der Gefährlichkeit des Richard Hahntritt zu überzeugen.

„Sie sehen, Frau Schwarzbrunn, weshalb ich mich sorge? Ich fürchte, er könne… Nun, er könnte dazu gebracht werden, anderer schmutzige Arbeit zu tun. Sein psychisches Profil macht ihn anfällig für Schmeicheleien. Wird ihm Anerkennung von falscher Seite zu teil… Er würde wohl wie ein ausgehungerter Hund handeln, ein vereinsamtes Biest, das im Tausch für ein paar liebevolle Worte die Grausamkeiten noch des letzten Unmenschen duldet.

Ich möchte ihn nicht gerne von dem Weg abgebracht sehen, auf den wir ihn in den letzten Wochen und Monaten mit Mühe gebracht.“

Maxine schob die Akte zu ihm zurück. Sie sah auf ihre Notizen, dann zu dem vermeintlichen Arzt vor sich. Leopold musterte sie ebenfalls. Aber wo Thaddäus sie lange und eindringlich angesehen hatte, prüfte der alte Scharlatan sie mit nur einem kurzen Blick. Er war geübt darin, Menschen einzuschätzen, und wenn er es tat wirkte es mehr wie ein kurzer, erwartungsvoller Blick.

Er wusste, dass die Polizistin sich noch ein wenig zieren würde, ehe sie ihm doch zu Diensten sein würde.

Denn Leopold hatte, ganz wie Melissa vorhersagte, eine Woche für die Wahl seiner Spielfigur gebraucht. Nur nicht aus Zögerlichkeit oder überdeutlicher Prüfung aller Umstände, wie sie dachte, sondern aus Strategie. Woran das Fräulein Melissa nämlich nicht gedacht hatte war, dass er seine Wahl von der ihren abhängig machen würde.

„Die Schutzpolizei wäre die bessere Anlaufstelle für Ihr Anliegen, Herr Doktor“, sagte Maxine. Sie klappte ihr Notizbuch zusammen, ließ es in ihren Schoss sinken. In Wahrheit spielte sie ein Spiel mit sich selbst. Eines, von dem sie erst nach ihrer Aufnahme erfahren hatte und auch nur hinter vorgehaltener Hand. Ziel war es, lange genug sich vor solchen Anliegen und Bitten zu zieren, um vor sich selbst den Anschein von Anständigkeit zu wahren.

Leopold lächelte und spielte es mit. Er war nichts, wenn nicht ein großer Spieler.

„Ich bin kein Sozialarbeiter“, sagte sie.
Leopold nickte.

„Natürlich nicht. Ich erwarte gar nicht, dass Sie ihm helfen.“

„Wir sind auch keine Privatpolizei. Wir können nicht einfach Leute festnehmen, auf irgendeinen vagen Verdacht hin.“

Leopold nickte erneut.

„Schutzhaft ist aus gutem Grunde abgeschafft“, sagte er.

„Was soll ich Ihrer Meinung nach also tun, Herr Doktor Federer? Ich kann Ihren nicht-entlaufenen nicht-Sträfling kaum einfach festnehmen und zu Ihnen zerren, damit er seine Therapie beendet.“

Der vermeintliche Arzt faltete die Hände über den Silberknöpfen seiner Weste. Er lehnte sich zurück und blickte aus dunklen Augen hinüber zu der ungleich jüngeren Frau. Augen, die mehr wussten, als sie ihr verrieten.

„Nichts weiter, als ihm ein wenig Angst einjagen, damit er wieder auf den rechten Pfad der Tugend zurück findet. Etwas angewandte Autorität würde vollauf genügen, so wie Wir ihn einschätzen, dass er zurück kehrt zu uns. Sie müssten ihn nur ein wenig… zerzausen und in Ordnung bringen.“

Schud und Sünde – Teil II: Eine blinde Gasse

Von ihrem Sitz bei der Gleisbrücke aus konnte Melissa den gesamten Hardenbergplatz überblicken. Ihre Beine baumelten über die Kante und schlugen hin und wieder mit den Hacken gegen die Stahlträger unter ihr.

Vor ihr und unter ihr fuhren im Minutentakt die Busse, die auch jetzt in der Nacht noch mit Menschen vollgestopft waren. Mit Gaffern auf dem Weg zum KitKat genau wie mit einheimischen Tieren auf dem Weg zur nächsten Feier oder Junkies auf der Suche nach dem nächsten Wasserloch.

Eigentlich wagte sie sich selten aus ihrem Nest, aus dem Labyrinth von Plattenbauten und Hochhäusern im Osten, hinaus in die offene Nacht. Aber der Bahnhof Zoo war einer der Orte, an dem sie es am ehesten aushielt. Es gab hier alles das im Überfluss, was sie an den Menschen liebte.

Sie hatte eine Schwäche für das kleine Leiden, für die alltäglichen Tragödien. Für den lieblosen Vater und die strenge Mutter, die ihre Kinder zu unselbstständigen Halbmenschen verziehen. Für den Partner, dessen ständige Kleinrederei die Nerven zerrüttet. Solche Leiden höhlten einen Menschen am beständigsten aus.

Und von denen gab es hier eine ganze Menge. Melissa brauchte nur auf ihrem hohen Sitz zu bleiben und den Blick schweifen lassen und konnte sich satt sehen und hören an den gewöhnlichen Problemen der Menschenmasse.

Ihre Lippen schlossen sich um den Strohhalm, der aus dem leeren Plastikbecher in ihrer Hand ragte. Eine routinierte, bedeutungslose Handlung, die sie aus Gewohnheit weiter tat.

Ihre Wette mit Leopold von Schlüsselburg war keine zwei Nächte alt und Melissa wurde langsam nervös. Der alte Herr würde sich Zeit lassen, vermutete sie. Er würde sorgfältigst eine Reihe von Akten durchgehen, Erkundigungen einziehen, Interviews führen – und Ausschau nach einer ganz bestimmten Disposition halten. Ein überkorrekter Bürokrat wie er würde nicht vor nächster Woche eine Spielfigur für ihre kleine Wette bestimmt haben, die exakt in sein Bild von der menschlichen Seele passte.

Sie dagegen… Sie sah sich die Menschen unter sich an, die wie Ameisen über den Hardenbergplatz, zum Zoologischen Garten oder weiter in die City West liefen. Keinen davon kannte sie persönlich, doch alle waren ihr vertraut. Sie sah es in der Art wie sich bewegten und ihre Körper wie eine Last mit sich herum trugen.

Alle hier waren kaputt, zerbrochen. Sie könnte irgendeinen davon auswählen und fände genug Material vor, um einen Mörder daraus zu machen. Es steckte noch genug Bestie in allen von ihnen, um eine unschuldige Beute zu reißen. Es brauchte nur ein wenig Anleitung, ein wenig Offenlegung dieser Triebe, fand sie.

Ein wenig Hunger nach mehr als diesem Käfig, in dem sie sich gefangen fanden.

Und wenn sie sich ansah, wie die meisten von ihnen sich gegen ihre eigenen Freundschaften und Familien und Liebeleien auflehnten… hätte sie leichtes Spiel mit jedem von ihnen.

Melissa schob sich langsam nach vorn, glitt von dem Stahl herunter, der die Bahnhofsgleise über die Hardenbergstraße hinüber führte, und verschwand im Strom der Menge. Mühelos passte sie sich ihr an, folgte den Bewegungen der Masse, die sich von einem Knotenpunkt zum nächsten bewegte, vom Bus zur Bahn, vom Fast Food Restaurant zum Imbiss.

Die meisten Menschen berührten sie nicht, bewegten sich mit ein oder zwei Zentimetern Abstand um sie herum. Die Leute liefen einfach an ihr vorbei, rieben sich lieber aneinander als an der jungen Frau in ihrer Mitte. Als hafte ihr der Geruch eines Raubtiers an.

Die meisten Menschen würden gar nicht sagen können, was genau es an der jungen Frau war, das sie so irritierte. Es war eine unterbewusste Handlung, eine, die Räuber und Beute voneinander trennte. Melissa hätte irgendeinen von ihnen als ihre Spielfigur wählen können, aber sie hatte entschieden, dass Glück allein ihr gegen Leopold von Schlüsselburg nicht weiterhelfen würde.

Nein, sie brauchte jemanden mit Initiative. Mit Instinkt.

Ihre rechte Hand klammerte sich um den leeren Plastikbecher, den sie kurz vor der Brust hielt. Die andere hob das Handy, dessen Leuchten ihr in den Augen stach. Melissa senkte den Kopf und entblößte ihren Nacken dabei, sie starrte bewusst nur auf ihr Handy, blieb sogar stehen in der Menge und wirkte verloren.

Für ihren heutigen Kleidungsstil hatte sie einige Mühe aufgewandt: Sie wollte verwundbar erscheinen, aber nicht verletzlich; ahnungslos, aber nicht leichtfertig. Es war eine schmale Brücke, auf der sie wandern musste, um ein Beutetier vorzutäuschen, ohne wirklich zur Beute für bestimmte Leute zu werden.

Nicht, dass sie mit so einer Situation nicht fertig werden würde. Aber die Wette verlangte, nicht den absoluten Abschaum ins Spiel zu schicken, der ein Mädchen wie sie in einer dunklen Gasse überfallen würde. Und sie verschwendete nicht gerne ihre Zeit.

Sie spürte ein Ziehen an ihrer Schulter. Kaum merklich, wie ein Windhauch, bewegte sich das Riemchen ihrer Handtasche, die sie so weit nach hinten um ihre Schulter geschlungen hatte, dass sie ihr beinahe auf dem Rücken lag.

Aus den Augenwinkeln sah sie einen jungen Mann an ihr vorbei ziehen, dessen Hand gerade in der Innentasche seiner Jeansjacke verschwand. Ausgebeult und formlos, perfekt um eine Reihe von Brieftaschen und Handys darin zu verstecken.

Und wir haben einen Freiwilligen, dachte sie und lächelte.

Als hätte sie gerade einem Liebhaber eine vertrauliche Nachricht geschickt.

Es dauerte eine ganze Weile, sicher zwei oder drei Stunden, bis der Dieb sein Nachtgeschäft beendet hatte. Melissa hatte sich auf ihre Aussichtsposition zurück gezogen, zwischen den Streben und Pfeilern der Bahnbrücke und über den Dächern der Autos und den Köpfen der Menschen.

Sie verfolgte ihn unablässig mit ihrem Blick.

Ein oder zwei Mal drohte er, im Gewühl unterzugehen, aber Melissens Augen waren scharf und sie hatte nichts weiter zu tun, als dort zu sitzen und hatte alle Zeit, ihn jedes Mal wieder zu finden.

Er war jedenfalls kein Dilettant, so viel musste sie ihm lassen. Er blieb in der Menge, die er in wirren, unregelmäßigen Mustern durchschnitt. Mal mit, mal gegen ihre Bewegungen tauchte er in dem Strom der Leiber ziemlich unter.

Er schlug mit geübter Gier und ruhiger Hand zu und suchte sich – wie jeder kompetente Dieb – die schwächsten Opfer aus. Die Abgelenkten, die Angetrunkenen, die Einsamen und alle jene, denen er mehr als nur ein paar lose Münzen aus der Jackentasche ziehen konnte. Er unterbrach seine Verbrechen nur, um abzuwarten, bis die Individuen in der Menge sich ausgewechselt hatten. Aber bis auf diese kurzen Pausen war er ganz darauf bedacht sich zu holen, was ihm nicht zustand.

Melissa zählte mit, wie oft er eine Geldbörse stahl und fand, dass er am Ende der Nacht einiges eingesteckt haben musste. Leicht eine dreistellige Summe, wenn sie nur von Bargeld ausging. Mehr, falls er auch Schmuck gestohlen hatte.

Kurz nach Mitternacht zog er sich endgültig aus dem Gewimmel am Platz zurück. Sie bemerkte es an einer subtilen Änderung in seiner Haltung, der Art, wie er ging. Als hätte er seinen Versuch aufgegeben, unauffällig sein zu wollen. Mit einem Mal gingen ihm die Leute, die sich vorher noch an ihm vorbei zur Bahn oder zum Bus gedrängelt hatten, aus dem Weg.

Der Dieb kämpfte sich aus der Menge zu einer Imbissbude, vielleicht zwanzig Meter von Melissa entfernt auf der anderen Straßenseite. Er orderte irgendetwas und lauerte fünfzehn Minuten darauf, ob jemand ihn aus der Menge an Reisenden hinaus beobachtete.

Dann erst, als er glaubte nicht verfolgt oder beobachtet zu werden, kroch er in sein Versteck.

Er würde erst kurz vor Morgengrauen zurückkehren, überlegte Melissa. Wenn die Nachtschwärmer von ihren Feiern zurück kamen, wenn sie fett und betrunken waren und der Dieb nur noch stehlen konnte, was sie in dieser Nacht nicht versoffen oder verspielt hatten. Das aber wäre umso leichtere Beute.

So lange würde er in sein Versteck zurück kriechen, die Ausbeute der Nacht zählen und – wenn er nicht dumm war – alle persönlichen Gegenstände seiner Opfer fort werfen. Bargeld allein, schätzte sie, würde ihn interessieren. Vielleicht Schmuck und leicht zu verpfändende Dinge, womöglich Drogen. Alles andere war zu heiß und musste noch in dieser Nacht verschwinden.

Wieder glitt Melissa von ihrer Aussichtsposition hinunter, aber dieses Mal bewegte sie sich mit einem Ziel. Sie folgte ihrem Dieb, der gerade hin unter ihrem Ausblick hindurch ging. Sie schloss rasch bis auf zehn Meter zu ihm auf. Er schritt zügig aus, war bereits auf der Rückseite vom Bahnhof Zoo.

Sie sah noch, wie er sich durch eine Lücke im Eisenzaun quetschte, der das Museum für Fotografie vom Kirchenamt trennte.

Melissa ging ihm nach. Sie hatte seinen Geruch aufgenommen, so schnell würde er ihr nicht davon kommen.

Vor ihr tat sich eine Lücke im Beton der Stadt auf. Nicht so sehr eine Gasse, mehr ein Hohlweg zwischen dem Ende des einen und dem Anfang des nächsten Gebäudes, in dem sich der Abraum der Stadt sammelte. Es stank nach Armut, nach altem Obst und Schweiß, die sich mit dem Geruch von Benzin vermengten. Und nach nassem Stein, obwohl es seit Tagen nicht geregnet hatte. Die Mauervorsprünge bildeten Nischen, in denen sich die Ärmsten der Armen niedergelassen hatten. Die, die sich nicht einmal die Mitgliedschaft in der Elendsgilde leisten konnten.

Es war eine blinde Gasse, fernab jeder höflichen Gesellschaft, jeder Zivilisation. Blind, aber offenbar nicht taub: Irgendwo in einer der Nischen hustete jemand, atmete einen rasselnden Atem. Es klang wie das Röcheln einer verwundeten Bestie.

Melissa ging an ihm vorbei. Nicht ihr Freiwilliger, nicht ihr Problem.

Sie senkte den Plastikbecher mit dem zerkauten Strohhalm. Die junge Frau hatte etwas anderes gefunden, in das sie ihre Fänge schlagen konnte: Ihren Dieb.

Sie lächelte, ein wenig säuerlich, ein wenig amüsiert. Der junge Mann hatte sich ein Nest gebaut, wie ein Tier. Hatte eine Matratze zwischen die Vorsprünge im Beton gezerrt, die Rückseite mit Pappe und alten Decken ausgelegt, mit Kissen und Kästen und Tüten eine Art Höhle errichtet.
Dort saß er im Schneidersitz, vor sich ein gutes Dutzend Brieftaschen, deren Inhalt er gerade auf einen Haufen warf. Jede Visitenkarte, die er in die Hand nahm, betrachtete er genau. Manchmal lachte er über eine besonders dumme oder steckte eine andere ein. Karten für Fitnessstudios und Spas vor allem. Keine Bankkarten allerdings, die sortierte er zusammen mit persönlichen Dokumenten auf einen dritten Haufen.

Als Melissa vor sein Zuhause trat, änderte sich seine Haltung. Er löste sich aus dem Schneidersitz, ging langsam auf die Knie. Wenn er sich daran erinnerte, sie vor kurzem bestohlen zu haben, zeigten es seine Augen nicht. Sie starrten nur, wie zwei kleine Knöpfe, die man in sein Gesicht genäht hatte. Ohne Ausdruck dahinter, als habe er nur Augen, weil ein Mensch eben Augen haben sollte – und nicht, damit man darin etwas sehen könnte.

Trotzdem war er… interessant. Auf eine gewisse Art. Er hatte so einen schiefen Zug um die Lippen, der neugierig auf den Witz machte, den er scheinbar dachte. Und er war erstaunlicherweise rasiert. Oder jedenfalls hatte er sich vor ein paar Tagen rasiert und trug keinen verfilzten Teppich unter dem Kinn.

Melissa sah eine gewisse hinterlistige Schläue darin, mit der sie arbeiten könnte.

Mit ihrem zerkauten Strohhalm deutete sie auf eine Brieftasche bei seinen Füßen. Noch hatte er sie nicht ausgeräumt, sondern starrte sie an.

„Das da ist meines“, sagte sie.

Ihr Ton war freundlich, beinahe fröhlich. Er verunsicherte den Dieb.

„Was?“, stieß er hervor.

„Das Portmonee da. Das rosafarbene mit dem Blumenmuster. Das ist meines.“

Der Dieb sah kurz zu dem Geldbeutel, dann wieder zu ihr. Er hatte ihn gestohlen, so viel stand außer Zweifel. Aber hatte er ihn ihr gestohlen? Und sollte er ihn einfach raus rücken?

Melissa sah, wie er überlegte. Er griff nach der erstbesten Lüge, die ihm einfiel.

„Das habe ich gefunden“, sagte er. Sein Blick huschte zur Seite, zum Eingang, durch den er sich gequetscht hatte. „Leute verlieren oft was hier in der Gegend.“

Melissa rollte mit den Augen. Sie griff in die Tasche ihrer Jeans, in die vordere, die so verdammt eng war, das fast nichts hinein passte. Mit spitzen Fingern zog sie eine Geldklammer heraus, hielt sie vor ihm in die Höhe. Zweihundert in großen Scheinen.

„Fein“, sagte sie, „du hast ihn gefunden. Danke dir, aber ich brauche die Papiere darin wirklich wieder. Ich bezahl‘ dich auch.“

Er musterte sie. Nicht sexuell, sondern wie ein Raubtier potentielle Beute. Sie kannte den Unterschied. Er musterte ihre Beine, die kaum so dick wie seine Oberarme waren, ihren freien Bauch, der flach war, aber auch ohne Muskeln. Körperliche Stärke schien sie nicht zu besitzen.

„Du… bist nicht von hier“, sagte er. Ein dummer Satz, wie er scheinbar auch merkte, denn er schob sofort hinterher: „Ich meine, hier ist es gefährlich. Leute verlieren Sachen. Vor allem Bündel voller Geld. Manchmal… mehr.“

Vielleicht doch nicht mein Junge, dachte Melissa und verzog den Mund.

„Du würdest einen fairen Tausch in einen Raub verwandeln?“, fragte sie.

Das schien er nicht zu verstehen. Zugegeben, es war, soweit Diebstähle gingen, alles ziemlich falsch herum. Seine Aufmerksamkeit huschte immer wieder von ihr zur Geldklammer und sie beschloss, dass sie besser alles buchstabierte.

„Na du hast meine Geldbörse doch gefunden, dachte ich? Ich hab da wichtiges Zeug drin und wenn du sie mir gibst, kann ich dir Finderlohn dafür geben. Dachte, das macht man so.“

Sie zuckte mit den Schultern, wedelte mit dem Geldbündel in ihrer Hand. Sein Blick klebte an den Scheinen, wie Fliegen an Honig.

„Es gibt keinen Grund, aus einem Tausch einen Diebstahl zu machen“, sagte sie. „Gib mir einfach meine Börse und ich geb‘ dir das Geld dafür. Und was ich hier hab ist für dich eh mehr wert als das Portmonee. “


Der Dieb griff nach der Geldklammer, aber Melissa wich mit einem Schritt nach hinten aus.

„Ts, ts“, machte sie und wackelte mit den Fingern, die das Geld hielten. „Erst mein Geldbeutel.“

Sein Blick glühte, aber irgendetwas hielt ihn davon ab, einfach aufzuspringen und es ihr zu nehmen. Anstand vielleicht, oder das Bedürfnis, anständig zu erscheinen. Oder ihre Großspurigkeit, ihm mit so viel Geld und Selbstsicherheit in die blinde Gasse zu folgen. Langsam, ohne sie oder seine „Belohnung“ aus dem Blick zu lassen, griff er nach der Tasche mit dem Blümchenmuster und warf sie ihr zu. Melissa fing sie mit den Unterarmen auf, weil sie keine Hand mehr frei hatte, und nestelte kurz daran herum, bis sie sie in ihrer Handtasche verstaut hatte. Dann erst machte sie wieder zwei Schritte nach vorne, hielt ihm die Klammer mit den drei gelben Scheinen hin.

Seine Hand zuckte nach dem Geld, so rasch und geübt, wie sie sich in den letzten Stunden in Dutzende Taschen und Rucksäcke geschlichen hatten.

Melissa verschränkte wieder die Arme, beobachtete ihn, wie er das Geld wegsteckte, ohne es zu zählen.

Sie würde mit ihm zurecht kommen, befand sie. Er zeigte genug von dem Anstand, auf den Leopold bestanden hatte – jedenfalls hatte er noch nicht versucht, ihr irgendetwas in den Hals zu rammen – und sie sah in seinen Augen etwas von der Gier, von der sie gesprochen hatte.

Diesen animalischen Hunger nach mehr als dem, was er besaß. Sie müsste ihm nur die Ketten abnehmen und ihm ein Ziel geben.

„Wie heißt du?“, fragte sie und erhielt als Antwort eisiges Schweigen. Erst starrte er sie an. Dann sah er wieder zum Eingang der Gasse. Schließlich machte er sich daran, seine Beute zusammen zu packen. Warf Brieftaschen und Bankkarten in einen kleinen Karton, die Münzen und Scheine in ein stählernes Kästchen.

„Kleiner“, sagte Melissa, obwohl sie sicherlich fünf Jahre jünger als er aussah, „Ich hab dir gerade zweihundert für meine eigene Brieftasche gegeben, die du mir vor drei Stunden geklaut hast. Ich mach das sicher nicht, um dich an die Bullen zu verpfeifen.“

Er überlegte einen Augenblick. Es war niemand gekommen, den er gefürchtet hätte. Keine Polizei, kein Sozialarbeiter, keine Verstärkung für die junge Frau. Da war nur sie und diese Selbstsicherheit.

Trotzdem witterte er eine Falle. Oder zumindest ein Verkaufsgespräch.

„Richard“, sagte er. Er spuckte das Wort aus wie einer, der es gewöhnt war nur in Halbsätzen zu reden. „Hahntritt.“

„Rich, huh?“ Melissa sprach es aus, als wäre es ein englischer Name. Ein dummer Witz, den der Dieb wohl einige Male gehört hatte. Er verzog den Mund.

„Richard“, sagte selbiger.

Melissa ließ das Lächeln auf ihren Lippen. Bewegung, dachte sie, Bewegung im Gespräch. Der Junge hat seit Jahren nicht mehr mit einer wie dir geredet. Eher noch nie. Hauptsache, er redet.

„Wieso tust du, was du tust?“, fragte sie.

Richard blinzelte. Dann richtete er sich ein wenig auf, streckte die Brust raus. Mit einer Hand gestikulierte er ziellos durch die Gegend. Eine Geste, die die gesamte Gasse einfing. Die Gerüche, das Röcheln des Sterbenden an ihrem Anfang, die feuchte Matratze, auf der er schlief. Eine hilflose, sprachlose Geste, die sein ganzes Leben beschrieb.

„Das meinst du nicht ernst“, sagte er.

Sie zuckte mit den Schultern, folgte mit den Blicken seiner Geste, ließ die Szene einen Augenblick lang auf sich wirken. Es erinnerte sie an zuhause. An das Nest.

„Klar, Umstände und Sachzwänge und all das. Aber ich kenne eine Menge Leute in deiner Situation, die nicht stehlen. Die lieber Zeug ticken oder hartzen. Die wären zwar nicht so gut wie du im Finden von Geld, aber trotzdem: Es gibt immer andere Möglichkeiten.“

Melissa sah, dass sie etwas in ihm erwischt hatte. Seinen Stolz oder sein Ehrgefühl, irgendeine veraltete Tugend, die sie heraus fordern konnte.

„Wenn das eine Predigt werden soll, geb ich dir das Geld zurück“, sagte Richard.

Sicherlich würde er es nicht, aber trotzdem zuckte die Frau erneut mit den Schultern.

„Ich urteile nicht. Meine nur. Warum nicht Drogen oder Bettelei?“

„Drogen sind mir zu heiß. Zu viel Geld und Gewalt im Spiel. Und wenn ich mich von andern rum kommandieren lassen wollen würde, hätte ich einen Job. Ne. Hier ist‘s nicht schön, aber Touris ausnehmen ist leicht und fast niemand meldet das. Das andere wird zu heiß. Da kommen die Leute zu dir. So hab ich alles in der Hand und wenig Risiko.“

„Und Sozialhilfe?“

Richard schnaubte nur zur Antwort, dann schob er seine Beute zusammen. Er saß im Schneidersitz vor ihr, die Arme verschränkt und das Tage- oder eher Nachtwerk – hinter sich gebracht.

„Danke, aber ich arbeite für meinen Unterhalt. Nicht ehrlich und nicht hart, aber ich arbeite.“

Melissa dachte einen kurzen Moment nach – dann improvisierte sie. Das Gespräche hätte auf mehr als eine Art enden können, sie hatte keinen Plan machen können. Also verließ sie sich auf ihre Bauchgefühl, das hatte sie immerhin bis hierhin gebracht.

„Ich könnte dir ein paar Tricks zeigen“, sagte sie. Eines der ehrlichsten Angebote, zu denen eine wie sie fähig war. Und es rief Skepsis hervor, die nur gesund war.

„Du? Mir was zeigen? Nimm‘s nicht persönlich, aber was könnte ein reiches Mädchen einem Straßenjungen schon zeigen? Und weshalb“, sagte er und sie hörte Unterton der Verachtung in seiner Stimme, „weshalb sollte eine wie du das das tun?“

Die Augen der jungen Frau zogen sich zusammen. Aggression. Der Drang, zuzuschlagen, sich zu wehren, den sie nur mühsam unterdrückte. Trotzdem schlich er sich in ihre Worte. Sie zwang sich dazu einzuatmen. Sollte er ein wenig von ihrer weichen Seite sehen. Sollte er den Eindruck haben, dass sie harmlos war, mitfühlend. Der schmale Grad zwischen der Illusion und der Wahrheit, nur ein Opfer zu sein, war Melissa wohl vertraut.

„Ich… Ich war in einer ähnlichen Situation wie du. Bevor ich meinen eigenen Weg durch diese Stadt gefunden habe. Damals hat mir jemand geholfen, hat mir mit ein paar freundlichen Worten die Richtung gewiesen. Der Kampf und die Reise seitdem war meine eigene, aber… Ich schätze ich will das weitergeben. Dir zeigen, dass das kein Loch ist, aus dem du dich nicht selber ziehen kannst, verstehst du? Ich hab ein weiches Herz und Mitgefühl für die fallen gelassenen Dinge dieser Stadt. Für Kehricht wie dich, den alle nur zur Seite schieben.“

In seinen Augen sah sie noch immer die kalte Leere, die sie bei seinem ersten Anblick gespürt hatte. Augen wie Knöpfe.

Sie entschied, auf‘s Ganze zu gehen:

„Ich wurde nicht reich geboren, Schätzchen“, sagte sie. „Niemand in dieser Welt macht mit ehrlicher Arbeit so viel Kohle wie ich.“

Schuld und Sünde – Teil I: Ein Abend unter Ehrenmännern

Das Palais des Prinzen Heinrich war gewöhnlich voller Leben. Tausende junger Menschen wuselten durch seine Gänge, quatschten miteinander. Auf der Suche nach Vorlesungssälen, Seminaren, Vorträgen und Bibliotheken befüllten sie die hohen Hallen mit einem ständigen Rauschen. Üblicherweise fanden sich beinahe immer mehrere Dutzend Studenten auf dem großen Platz zwischen dem Haupttrakt und den Seitenflügeln ein, rauchten, debattierten und vertrieben sich den tag.

Nachts schwemmte ein Großteil davon aus dem Hauptgebäude heraus, über den Vorplatz und auf die Allee, die sich vom Pariser zum Alexanderplatz zog. Und obwohl dort das Nachtleben noch weiterging, blieb das Palais selbst nach Einbruch der Dunkelheit bis auf nur wenige Besucher und Arbeitssüchtige, die sich von ihm auch nicht in der dunklen Stunde trennen konnten, leer. Verwaist. Nur der feine Geruch von Gras, vermengt mit einer Spitze Säure und einer Spur Vanille füllte die Hallen durch die Hallen.

Von einem Fenster der Aula aus, direkt über dem Säulengang der den Haupteingang markierte, blickte ein Paar Augen hinab auf das Treiben jenseits des Platzes und jenseits der schmiedeeisernen Tore. Sie gehörten einer jungen Dame, die zwar ganz im Treiben der Menschenleiber aufging, sich aber fast nie unter die Studenten der Akademie mischte, die sich im Palais des Prinzen einquartiert hatte.
Sie war aus einem anderen Grund in dieser Nacht dort.

Die Aula nämlich war eine Art von Vorzimmer – ein großes zwar, aber dennoch – für das Büro des Direktors. Der Direktor selbst wäre heute Nacht nicht zu erreichen, aber trotzdem wartete eine kleine handvoll Besucher vor seinem Büro auf Einlass. Neben der jungen Dame, die auf einem Hocker bei den Fenstern saß und hinunter blickte, hatten sich zwei alte Herren von einiger Statur und Alter eingefunden. Um den Gästen die Nacht nicht allzu lang werden zu lassen, hatte eine namenlose Hand einige Spiele in die Aula geschafft, die ansonsten wohl nur mit Bänken und Redepulten und solchen Dingen voll gestellt war. Spieltische für das Billard und Roulette, Kartenspiele wie Poker und Skat oder Pharo standen ebenso Backgammon und Würfel bereit.

Da die Dame bereits in den letzten Stunden alle ihr irgendwie mögliche Freude mit den Spieltischen und den Kartenspielen gehabt hatte, hatte sie sich zurück gezogen und den zwei Herrschaften den Vorrang gelassen. Der kam ihnen ohnehin zu, denn sie waren beträchtlich älter und außerdem von höherem Rang.

Es machte ihr nichts aus, zu beobachten. Oder eher: Eine höfliche Beobachtung vorzutäuschen. In Wahrheit hasste sie Billard ohnehin. Es war ein viel zu ruhiges Spiel. Eines bei dem ihr das Blut stockte, statt zu kochen, und sie ertrug es nicht, lange ohne diese Aufregung zu sein. Dieser Hunger, der sie antrieb, ließ sich nur mit anderen Kugeln und anderen Stößen befriedigen.

Die älteren Herrschaften dagegen bewegten sich wie Raubtiere um den grünen Filz. In ihren Händen waren die Queues Instrumente höchster Präzision und Gewalt. Ganz genau nahmen sie Maß, stießen die Kugeln exakt so an, dass sie mit berechneter Wucht in das Ziel knallten und auch nicht einen Iota daneben.

Das Spiel schläferte in seiner Perfektion ein. Darum ging es aber auch, so viel immerhin begriff die junge Frau. Die Bewegungen der Kontrahenten, ihre Punkte und Züge, bedeuteten mehr als den Sieg oder die Niederlage in einem Zeitvertreib. Es ging um ein ungleich komplexeres Spiel, das die beiden Herren seit einigen Jahrzehnten bereits miteinander spielten. Karten oder Billard oder Dart waren nur einige der Mittel, derer sie sich bedienten, um eine endlose Liste an Punkten und Partien weiter zu führen.

Doch schien es nicht, als wollten sie in dieser Nacht zu einem der spannenderen Mittel greifen. Jedenfalls nicht im Vorzimmer des Direktors.

Leopold von Schlüsselburg war ein Mann von großer Statur: Breit, groß und voluminös wie ein Fass, das scheinbar nur von den Silberknöpfen seiner Weste zusammen gehalten wurde. Er stützte sein Gewicht auf den Queue, während er der letzten Kugel dabei zusah, wie sie in ihr Ziel rollte. Seine fleischigen Lippen krümmten sich zu einem Lächeln.

„Monsieur Oberleutnant“, sagte er, „mir scheint, ich habe diese Partie gewonnen.“

Der Oberleutnant betrachtete das Ergebnis so, wie er alles in seinem Leben betrachtet hatte: Mit kühler Akzeptanz der Tatsachen. Was nicht hieß, dass er dem Aristokraten zu diese Tatsachen mochte.

„Was halten sie von Pharo?“, sagte anstelle einer Gratulation. „Das Fräulein Melissa könnte dazu stoßen, unser Altherrenspiel scheint sie zu langweilen.“

„Ich hasse Kartenspiele“, warf Melissa von der Seite ein. „Nehmen Sie bitte keine Rücksicht auf mich, meine Herrschaften, ihr wunderbares Spiel zu beobachten ist mir Vergnügen genug.“

Eine durchschaubare Lüge der Höflichkeit. Sie hatte das Kinn auf ihrer Handfläche abgestützt und starrte auf das Treiben unter den Linden. Sie wünschte, sie könnte dort unten sein statt bei den alten Säcken und ihrem höflich maskierten Kleinkrieg gegeneinander.

Sie wünschte, die Türe würde sich endlich öffnen und sie alle ins Büro eingelassen werden. Oder jedenfalls der Oberleutnant, dem als ältesten Anwesenden der Vortritt zukam, auch wenn Sie bereits seit Einbruch der Nacht hier gewartet hatte und wohl noch bis in die frühen Morgenstunden hier warten würde.

Von Schlüsselburg entschied sich, Anstoß an ihrem Desinteresse zu nehmen. Er zog eine Braue in die Höhe und warf ihr einen Blick zu. Der Oberleutnant nahm ihre Antwort dagegen kaum zur Kenntnis. Sein Angebot war genau wie ihre Höflichkeit: Leer und vorgetäuscht. So war er schon, so lange Melissa mit ihm bekannt war. Der Oberleutnant war distanziert bis zur Unperson und wandte sich ohne Umschweife wieder seinem Gegenspieler zu.

„Als denn, was spielen wir stattdessen?“, fragte er. „Ich denke die Zimmertüre des Direktors wird sich nicht für Mitternacht öffnen, nicht einmal für mich. Ich höre mein lieber Freund hat in den letzten Nächten einiges im eigenen Hause zu kehren.“

Ein Satz, bei dem Melissa leise aufstöhnte und ihre Stirn gegen das Fensterglas lehnte. Sie würde wirklich die ganze Nacht hier verbringen und mit ein wenig Glück dem sehr verehrten Herren für fünfzehn Minuten ihre Aufwartung machen, ehe die Sonne aufging und alle zu ihrem Tagesgeschäft zurück kehren würden. Was hieß, dass sie von diesen fünfzehn Minuten gut zehn mit dummen Floskeln verbringen und vielleicht fünf für ihr eigentliches Anliegen aufwenden könnte.

Sie wollte dort unten sein. Unter den warmen Leibern, die ihr Leben dort draußen in Ekstase führten – und nicht mit den zwei Herren hier drinnen eingesperrt.

„Sie müssen Geduld lernen, Demoseille Melissa“, sagte Leopold. Er und der Oberleutnant begaben sich an einen der Kartentische eröffneten eine Partie Backgammon. Die gefühlt hundertste in diesem Jahr. Melissa sah aus den Augenwinkeln, wie zu würfeln begannen. Sie hatte die Stirn noch immer an das Fenster gepresst, als ob sie sich hindurch drücken und so diesem Gefängnis aus Langeweile entkommen könnte.

„Sie werden Recht haben, mein Herr“, antwortete sie zerknirscht. „doch sehen Sie es mir nach: Die Ungeduld der Jugend lässt sich nicht leicht zügeln. Und ist es nicht die Leidenschaft, die alle Hürden zu überwinden vermag?“

„Ich ziehe vor, unser Streben nach Gerechtigkeit für unseren größten Motivator zu halten. Leidenschaft, von Disziplin gezügelt, macht aus jedem Mann einen besseren.“

Melissa hörte, wie der Oberst dabei schnaubte, die Sache aber nicht vor ihr auszubreiten bereit war.

„Oder aus jeder Frau“, fügte von Schlüsselburg mit einem Blick zu ihr hinzu. Seine blauen Augen irritierten sie. Irgendetwas darin funkelte. Sie sah es ihm ganz deutlich an, dass er auf irgendetwas lauerte. Dieser Blick reizte sie… und sie stieg auf sein Spiel ein.

„Gier – nach Erfolg oder Sieg oder meinetwegen auch nur Nahrung – ist etwas ganz und gar viehisches. Ein Urinstinkt, mein Herr“, sagte sie, „und steht uns tiefer als alle hohen Ideen in die Seele geschrieben. Es ist meine Ansicht, dass ein Mann, dem es nach allem hungert, seine Gier auf jede erdenkliche Weise zu befriedigen sucht.“

„Und doch wird ein methodischer, geduldsamer Mann – einer, der aus überlegtem Kalkül handelt – schneller an sein Ziel kommen. Ich würde sogar sagen, er wird noch weiter darüber hinaus schießen. Sie sehen, Demoiselle, wie weit es unser verehrter Herr Oberleutnant gebracht hat und sie werden kaum einen gewissenhafteren Mann in dieser Stadt finden.“

„Junker“, sagte der Oberleutnant zwischen zwei Spielzügen, „halten Sie mich aus ihrer Debatte heraus. Es gefällt mir nicht, von Ihnen als Beispiel gebraucht zu werden.“

Leopold von Schlüsselburg lächelte dem Oberleutnant zu, verneigte achtungsvoll das Haupt, dann zeigte er sich zum Schein nachgiebig.

„Ich denke wir sind uns einig, dass wir uns uneinig sind, Demoseille. Besonders in Fragen der Seele, mit der wir uns wohl beide sehr beschäftigt haben in letzter Zeit. Nur in einer Sache dürften wir wohl überein stimmen.“

Melissa hatte bereits vor einiger Zeit ihre Aufmerksamkeit wieder auf die zwei Spieler gelenkt. Hätte sie den restlichen Abend über aufgepasst, hätte sie erkannt, dass die beiden lange schon nicht mehr miteinander spielten, auch wenn die Würfel noch fielen.

„Nämlich?“, fragte sie, eine Spur zu neugierig.

„Dass nur Blut Narretei reinwäscht.“
„In der Tat stimme ich Ihnen zu, verehrter Herr von Schlüsselburg. Die Frage bleibt aber: Wessen Blut wäscht wessen Blödsinn?“

Das war der Augenblick, auf den der Ältere gewartet hatte. Melissa fühlte es so sicher, wie sie eine Bärenfalle gefühlt hätte, die sich in ihre Knöchel gefressen hätte. So sicher, wie sie ihr Herz mit einem Male dröhnen hörte.

„Darf ich dann der Demoseille ein anderes Spiel vorschlagen?“, fragte Leopold. „Eines, das ihre Nerven ein wenig mehr kitzelt?“

Melissa zog ihre Augenbrauen zusammen. Sie sah von dem Junker, der die Frage wie beiläufig gestellt hatte und von seinem Backgammon gar nicht aufsah, zum Oberleutnant. Auch er schien in das Spiel vertieft. Zu sehr, zu bewusst. Als wäre sie als Gegenspielerin überhaupt nicht ernst zu nehmen.

Spielten die beiden nun mit ihr? Oder nur der Junker?

Sie könnte einen Rückzieher machen. Sie könnte erklären, sie sei gar nicht in der Stimmung für irgendwelche Spiele und wolle nur im Direktorenzimmer ihre Aufwartung machen. Tatsächlich hätte sie wenig dabei zu verlieren, gerade einmal die Achtung der zwei alten Herren, von der sie ohnehin nicht viel besaß.

Das aber hieße, ihren Spieltrieb zu verleugnen. Gewissermaßen sich selbst zu leugnen. Sie fühlte sich wie in einer Meute Katzen, der eine Maus vorgeworfen wurde. Nur war sie nicht sicher, wer von ihnen die Katze und wer die Maus war.

„Falls sie russisches Roulette meinen, verehrter Herr von Schlüsselburg“, sagte Melissa, „so fürchte ich, dass auch dieses mich wenig reizt…“

„Mitnichten. Ich schlage ein neues Spiel vor. Ein Spiel um die süße Gewöhnlichkeit des Verbrechens“, sagte Leopold. „Die Alltäglichkeit, mit der der Mensch sich in die undenklichsten Grausamkeiten wirft.“

„Was meinen Sie, mein Herr?“

„Eine Wette, schlicht und ergreifend. Ich wette mit ihnen, dass ein Mann mit Kalkül und kalter Ratio zu Dingen in der Lage ist, die selbst den leidenschaftlichsten Mann noch schrecken würden.“

Die junge Frau sah zum Oberleutnant, der sie weiterhin ignorierte. Er schien in der Miene des alten Mannes ihm gegenüber lesen zu wollen, was der Grund für diesen Vorschlag war. Weshalb er sich überhaupt mit der so jungen und ungestümen Frau abgab.

„Und ich…“, begann Melissa langsam zu verstehen, worauf er hinaus wollte.

„Sie halten dagegen, dass ein hungriger Mann, wenn er dadurch seine Gier zu befriedigen glaubt, zu abscheulicheren Dingen fähig ist.“

Melissa überkam es bei diesem Satz. Sie fühlte in ihrer Brust zum ersten Mal an diesem Abend, vielleicht seit einiger Zeit, diesen Rausch, dieses Brennen, das ein gefährliches und gewagtes Spiel ankündigte. Etwas, das ihr Blut zum kochen brachte.

„Und wir hetzen diese Männer aufeinander?“

„Ein hässliches Wort“, sagte Leopold und verzog eine Miene. „Aber ja, meinetwegen, nennen wir es ein soziales Experiment. Wir lassen sie gegeneinander antreten. Wer von uns zuerst seinen Mann überzeugt hat, die Tat zu begehen, der gewinnt die Partie. Lediglich würde ich stipulieren, dass es sich um… sagen wir um anständige Männer handeln sollte. Nicht dieses Pack, das ohnehin schon mordet, wie es ihm beliebt.“

„Wäre es…“

Melissa brach ab, ihr Blick huschte vom Oberleutnant Büttner zu Leopold und zurück.

Mäßigung, dachte sie. Etwas Contenance und Mäßigung, wenn du mit den alten Herren spielen willst. Lass sie nicht wissen, wie unbedingt du in ihrer Liga spielen willst.

„Hätte der sehr verehrte Herr Oberleutnant denn etwas gegen eine solche Wette einzuwenden? Ich meine, ich bin natürlich in den Gesetzen nicht so bewandert wie er.“

„Ach was, ach was, solange wir uns dort einigermaßen benehmen und nicht völlig die Zügel schießen lassen wird der verehrte Herr Oberleutnant kaum etwas einzuwenden haben, nicht wahr?“

Der Oberst war während ihres Austausch ganz ruhig geworden, ganz stumm. Er schien nun weniger wie ein Mensch und mehr wie eine Statue, die vergessen hatte, dass sie sich überhaupt einmal bewegt hatte. Seine Stimme verriet kein Urteil, weder in die eine noch in die andere Richtung.

„Solange Sie die Angelegenheiten aus den Nachrichten heraus halten, gäbe es für mich keinerlei Grund zu intervenieren. Die Moralität der Wette ist allein ihre Sache, die Legalität findet nur mit dem Einsatz von Blut ihre Grenzen.“

„Und wir haben kaum vor, diesen kleinen Zeitvertreib unter Freunden derart aus dem Ruder laufen zu lassen, nicht wahr, Demoiselle Melissa?“

Immer noch funkelten seine Augen, eine gefährliche Freude darin.

„Natürlich nicht. Nichts steht mir ferner als dem sehr verehrten Herren Umstände zu bereiten.“

Sie lächelte, ihre schmalen Lippen zogen sich über ihre Wangen. In ihren Augen blitzte es. Sie teilte diesen Blick einen Augenblick lang mit Leopold.

„Und unsere Waffen?“, fragte sie dann.

„Worte und eine frei zu erwählende Figur.“

„Nichts als Worte?“

„Meine Hand darauf. Nichts als ihr Wort gegen meines – und die alles entscheidende Auswahl der Spielfiguren natürlich.“

Noch zögerte Melissa. Sie kannte von Schlüsselburg gerade gut genug dazu. Sie wusste genug von ihm, um hinter seinem Vorschlag einen tieferen Grund zu vermuten, aber nicht gut genug, um auf diesen leicht zu stoßen. Der alte Aristokrat bemerkte es und überzog seine Worte in Honig und guten Willen.

„Verehrter Herr Oberleutnant“, sagte er mit einem Blick zu selbigem, „Würden Sie uns die Ehre erweisen, der Richter über unsere kleine Wette zu sein? Sie sind gänzlich unbefangen und in der ganzen Stadt rühmt man ihre Treue zum Gesetz.“

Zum ersten Mal in dieser Nacht zeigte der Oberleutnant Interesse an ihr, musterte sie wie eine Person und nicht wie ein Stück Fleisch, das einige Kunststücke wie Sprechen und Laufen vorzuführen in der Lage war. Seine Blicke waren Spieße, die sich in Melissens Brust bohrte. Sie hätten ihr den Atem genommen, wenn Sie nicht lange schon atemlos gewesen wäre. Mit diesem Blick allein begriff sie, weshalb der alte Herr der Chef der geheimen Polizei war. Hätte er seine volle Macht in diesen Blick gelegt, sie hätte ihm alles verraten, hätte sich jedes Geheimnis aus der Brust gerissen, um es ihm zu opfern.

„Wenn das Fräulein einverstanden ist und willens, meinen Schiedsspruch zu akzeptieren?“

Melissa sah hinaus, zu dem Treiben auf der Prachtstraße. Es wäre eine Gelegenheit für sie. In dieser Sache hatte der alte Lügner recht: Oberleutnant Büttner war neutral, wenn er nicht sogar eher dazu neigte, Leopold kritisch gegenüber zu stehen. Und ein Gefallen von dem alten Junker wäre viel wert. Sie könnte einiges gewinnen. Nicht zuletzt Ansehen bei den Älteren und Einfluß überall dort, wo sie ihre Finger im Spiel hatten.

Sie atmete ganz bewusst ein, nickte dem Oberleutnant zu.

„Ich nehme die Wette an.“

„Dann gilt ihr Wort, Fräulein Melissa, Herr von Schlüsselburg. Derjenige, dessen Figur zuerst die des Anderen schlägt, gewinnt diese Partie und eine Gefälligkeit vom Verlierer. Die Figuren müssen innerhalb der nächsten Woche erworben werden und dürfen bisher mit keinem von ihnen – oder einem anderen – affiliiert gewesen sein. Geheime Kräfte, direkte Intervention eines Spielers gegen die Figur eines anderen oder Bekanntwerden dieser Wette in der Öffentlichkeit, sind ein automatisches Forfait. Ein Sieg muss mir gemeldet und von mir geprüft werden. Zugunsten des jungen Fräuleins verzichte ich dazu auf mein übliches Honorar.“

Die junge Frau wandte ihren Blick wieder hinaus, in Gedanken schon ganz bei der Planung ihres ersten Zugs in diesem neuen, so viel aufregenderem Spiel.

Immerhin schien die Nacht endlich etwas Aufregung zu versprechen.

Jedermann – Teil III: Eine fremde Welt

Ich entschuldigte mich für einen Augenblick und verließ das Kaiserkaffee, in dem ich mit meiner Verabredung zu Abend gegessen hatte. Es lag etwas versteckt in einer Nebengasse des Viertels, wo der ständige Bahn- und Autoverkehr nicht störte. Ich war zugegeben ein wenig stolz: Der Flair von Snobismus und Abgeschiedenheit kombinierte sich ganz wundervoll mit der völlig gewöhnlichen aber konvolut formulierten Karte und den etwas gelangweilten Kellern. Obwohl ich mit Grünspan seit Jahren bekannt war und vermutete, dass er meine Verkleidungen öfters durchschaute.

Während ich rauchte – diese eine Zigarette war nur für mich, denn ich war sicher niemand beobachtete mich in dieser Nebengasse, jedenfalls nicht Therese – telefonierte ich. Meiner Verabredung hatte ich gesagt, ich müsste einen Augenblick mit meinem Vorgesetzten beim Guignol telefonieren, einige Strippen ziehen.

Erneut nur eine halbe Lüge.

Ich hatte mich von Therese überreden lassen – oder wenigstens hatte ich den Anschein erweckt, dass es einiger Überedung dafür bedurfte – ihr die Welt zu zeigen, von der sie träumte. Von der sie glaubte, dass ich auch davon träumte. Sie wollte Schauspielerin werden. Der Jugendtraum eines bürgerlichen Mädchens wahrscheinlich, der auch ohne mein Zutun zerschmettert worden wäre. Ich immerhin würde sie noch für einige Zeit weiter träumen lassen. Das war gütiger.

Also telefonierte ich. Die Stimme, die auf der anderen Seite der Verbindung antwortete, klang rauchig. Heiser. Wie ein einzelner Fingernagel, der sich in der Dunkelheit mein Rückgrat hinunter zieht. Wie das Gefühl heißen Atems dicht bei meinem Ohr.

„Mein Lieber“, sagte sie und mir schauderte.

„Demoiselle d‘Ombrage“, sagte ich, „haben Sie heute Abend Zeit für mich? Für uns?“

„Wenn du mir jemanden mitbringst.“

„Natürlich!“, beeilte ich mich zu sagen, „Es ist nur… Demoiselle, ich… Es kann nicht am üblichen Ort sein. Es ist so, dass… Nun.“

Ich konnte fühlen, wie sich ihre Augen ein wenig zusammen zogen. Obwohl sie einige Kilometer von mir entfernt saß spürte ich ihren Blick auf mir lasten.

„Ja?“, fragte sie.

Mein Herz setzte einen Schlag lang aus. Wie das Kaninchen vor der Schlange.

„Ich möchte die Dame ins Guignol bringen“, sagte ich. Ein einfacher Satz. Sieben kurze Wörter, die einen schlichten Wunsch ausdrückten, der mich alle Anstrengung dieser Welt kostete.


Ihr Schweigen riss mir das Herz aus der Brust. Mehr noch als ihre angedeuteten Zweifel an meinem Urteil es taten.

„Bist du sicher, mein Lieber, dass sie dazu bereit ist? Aus meiner Höhle kommt niemand mehr heraus. Das Guignol verschlingt jeden, der sich herein wagt. An einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit wären wir… nachsichtiger.“

Ihre Stimme war spöttisch. Sie wusste, dass ich mir sicher war. Sie wusste, dass ich bereit dazu war, diesen Preis zu zahlen. Und das war alles, was zählte. Aber sie wollte es von mir hören.

Und um die Wahrheit zu sagen: Dieser Blick, diese Wildheit, mit der meine Verabredung aufgehorcht hatte, als ich von meinen Kontakten Guignol erzählt hatte, machten mich an. Sie zeugten von einem Willen, mich ebenso zu benutzen, wie ich sie benutzen wollte.

Tragisch. Zu einer anderen Zeit hätten wir uns vielleicht menschlich näher kommen können. Heute aber überzeugte mich dieser kurze Moment nur davon, dass sie meine eigene Gier befriedigen würde.

„Ja, Demoiselle“, sagte ich, „ich bin mir sicher.“

„Ich erwarte euch in einer halben Stunde“, sagte sie und beendete das Telefongespräch.

Nicht, dass ich mich beschweren würde. Immerhin war ich fixiert, überhaupt nicht in der Lage, mich mit etwas anderem als dieser Sucht in mir zu befassen. Ich hatte nur diesen Abend, diese eine Chance, den Verfall meines Körpers für einen weiteren Monat aufzuhalten. Morgen oder in ein paar Tagen wäre es zu spät, dann wäre ich zu geschwächt für diese Scharade gewesen. Dieses Spiel, das ihr den Abend so angenehm wie möglich und nach ihren Bedürfnissen gestaltete. Ich kam ihr in meinen Augen sehr entgegen damit.

Es gab keinen Grund, mit meinen wahren Absichten hausieren zu gehen.

Ich ging wieder hinein, zahlte diskret an der Bar die Rechnung für das Abendessen und ließ ein Taxi bestellen. Dann erst ging ich zu meinem Tisch zurück und bat meine Verabredung um Entschuldigung für die Unterbrechung. Ich sagte ihr, dass ich sie in der Tat noch an diesem Abend in das Guignol bringen könnte, wenn sie denn wollte.

Natürlich wollte sie. Kaum fünf Minuten später saßen wir im Taxi.

Das Theater lag in der Nähe des Landwehrkanals, in einer ansonsten grässlich eintönigen Gegend. Zu viele Bürgerliche, die sich dort ausbreiteten und alle interessanten Menschen vertrieben. Die meisten der dort stehenden Häuser waren Wohnhäuser. Ehemalige Mietskasernen der Elendsjahre oder Häuser aus der Gründerzeit, die aufgerissen worden waren, um langweilige Familien aufzunehmen: Ein Hund, eine Frau, eine Affäre, eineinhalb Kinder, zwei Autos.

Das Guignol war anders. Es lag im Herzen dieses kleinen Labyrinths aus identischen Puppenhausleben und man musste als Fremder eine Weile nach ihm suchen, selbst wenn man die Adresse kannte.

Wer länger hier wohnte, kannte es aber. Immerhin war es allen seit Jahren ein Dorn im Auge, was es mir aber nur sympathischer gemacht hatte. Ein uraltes Gebäude, noch aus blankem Ziegelstein und Holzbalken errichtet, dessen Kern noch aus der Vorkriegszeit stammte, passte es weder optisch noch atmosphärisch hier hin.

Als wir aus dem Taxi stiegen, fanden wir uns vor einer dieser langweiligen Hausfassaden wieder.

Therese runzelte die Stirn, hakte sich bei mir unter.

„Ich sehe nichts“, sagte sie, mit vorwurfsvollem Unterton.

„Das wirst du noch früh genug“, sagte ich und führte sie zu einem kleinen Durchgang, der hinten in den Hof führte. Ein dunkler Gang, beklebt mit lauter Plakaten und Postern und Werbung, die so alt war, dass sie eine zentimeterdicke Schicht aus Leim und Papier über dem blanken Stein gebildet hatte.

Wir kamen an ein Eisentor, das den Ausgang auf den Hof hin versperrte. Dort, im Innenhof der Mietskaserne, thronte das Grotesque Guignol.

Und grotesk war es, ein spöttisches Zerrbild dessen, was dort einst gestanden hatte: Eine der typischen Klinkerbau-Kirchen von vor hundertfünfzig Jahren.

Je mehr ich von diesem Bau gesehen hatte, desto mehr bewunderte ich es. Es blieb nie stehen, auch nicht in all der Zeit, in der ich es kannte.Es lebte, schien seinen eigenen Rhytmus zu haben und passte sich der Zeit an, um sich immer wieder neu zu erfinden. Es wucherte in diesem kleinen Innenhof, wie eine Spinne breitete es sich in seinen Lücken aus und spann seine Aura von Gerüchten und Grandeur. Trotz der verfallenden Giebel und der gebeugten Haltung seiner Balken sah man zu ihm auf. Die mittlerweile dunkelroten Ziegel und die ins Leere starrenden Fenster, die gebrochenen Türme und schiefen Dächer, das Efeumeer an seiner Fassade und die ausladenden Seitenflügel vermittelten mir jedes Mal dieses Gefühl von Vertrautheit und Geheimnis. Wie ein lange verlorener Freund, der nach Jahren noch der gleiche ist, aber um einige Erfahrungen reicher.

Therese steckte den Kopf zwischen die eisernen Gitterstäbe. Das Metall wäre kühl an ihrer Haut, schwer auf ihren Wangen. Ihre Augen leuchteten auf, sie sah die hohen Türme hinauf, legte den Kopf in den Nacken.

„Es ist…“, sagte sie, aber wir würden nie erfahren, was das Guignol für sie war. Sie schrie auf und machte einen Satz zurück.

Ein Schrank von einem Kerl war aus den Schatten neben dem Tor getreten. Groß – größer als Johann um mindestens einen Kopf – und breit wie Bär, aber leise, war er plötzlich aus dem Nichts gekommen. Er sah zum Fürchten aus mit seinen Stahlkappenstiefeln, mit der dunklen Uniform und der so absichtlich schlecht verborgenen Waffe an seiner Hüfte.

„Fischer“, begrüßte ich ihn, aber er brummte nur. Er kannte meine Verkleidung nicht und ich bezweifelte, dass jemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn einzuweihen. Er war der Türsteher, schlicht und ergreifend. Er war informiert, dass ein Paar einzulassen war und wir trafen auf die Beschreibung zu. Also schloss er auf und ließ uns ein.

Therese versuchte, ihren Schreck zu überspielen, hielt sich aber etwas näher an mich. Wir überquerten langsam, aber zielstrebig den mondbeschienenen kleinen Platz zwischen den Häusern und dem Theater.

„Ist so eine Sicherheit wirklich nötig?“, fragte sie und sah über die Schulter. „Ich meine ein Tor und so ein Typ? In dieser Kleidung?“

„Ach was, Georg ist harmlos. Ein notwendiges Übel. Du würdest nicht glauben, wie dreist manche Leute versuchen, hinein zu kommen. Ich glaube manchmal der Ruf des Theaters ist ebenso sehr ein Fluch wie ein Segen.“

Das stimmte sogar. Gerade weil es so berüchtigt war, gerade weil es so oft von der Polizei durchsucht und von den Behörden zensiert, weil seine Vorstellungen verboten und regelmäßig von der Staatsgewalt überfallen wurden, übte es so eine starke Anziehung aus. Gerade diese Anziehung wieder machte es zu so einem Schandfleck für die ordentlichen Langweiler in der Gegend.

Und gerade deswegen war die Sicherheit so streng: Sie erlaubte es, sorgfältig auszuwählen, wer hinein kam – und wer erzählen durfte, was sich darin abspielte.

Sie lächelte, falsch übrigens, denn so etwas erkenne ich, und zögerte einen Augenblick. Schließlich sagte sie aber:

„Bei mir hat ein hübscher Augenaufschlag gereicht, um rein zu kommen.“

Ich zwang Johann zu dem mitleiderregendsten Lächeln, dessen er fähig war. Zaghaft holte ich den Bund an Eisenschlüssel aus meiner Innentasche und warf einen flüchtigen, fast scheuen Blick zum Tor zurück. Ich löste mich von Therese und trat an das Eingangsportal vor uns. Eine kleine Treppe mit vielleicht einem dutzend breiter, niedriger Stufen führte vom Kopfsteinpflaster empor.

Therese zögerte an ihrem Fuß. Ihre Augen weiteten sich, eine Spur nur. Sie sah hinüber, folgte meinem Blick zum Eisentor, an dem der Türsteher in seiner schändlichen Uniform noch wartete, dann wieder zu mir. Gut sichtbar wechselten in ihrem Kopf verschiedene Gedanken ab, die sich in den feinen Muskeln um ihre Augen verrieten. Ich erkannte Gier, nach neuem und nach Luxus, den ich implizierte. Hoffnung einen echten Ritter gefunden zu haben, Angst vor dem Unkontrollierbaren. Und die Lust, ein Risiko einzugehen, um ihren Träumen doch einmal nachzujagen. Nur ein einziges Mal die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

Die Gier gewann, sie sprang hinter mir die Treppen hoch und folgte mir in die Eingangshalle der ehemaligen Kirche.

Die Luft im Inneren stand. Sie roch schwach nach Weihrauch, nach Alter und Ehrfurcht. Der Innenraum erinnerte noch immer an das Gotteshaus, das er einst beherbergt hatte. Die Bänke für die Theaterbesucher waren noch immer die selben harten Kirchenbänke, auf denen früher Gott und heute dem Exzess gedacht wurde. Nur das Chorgestühl war fortgeschafft und durch weitere Bänke ersetzt worden, die meisten Bilder von Heiligen und die Kreuze entfernt worden.

Durch die bunten Fenster fiel Mondlicht gefiltert und eingefärbt auf die „Bühne“ in die der Altarraum verwandelt worden war. Ich zog meine Begleitung zur Seite, wo direkt in den dicken Mauerstein die Treppen eingelassen waren, die nach oben führten. Zu den Galerien.

Dort oben in luftiger Höhe waren die privaten Kabinen auf einer weiteren Etage eingezogen worden. Sie wollte ich Therese zeigen, nicht die nackten, offenen Theatersitze.

Wir gingen hinein in eine von ihnen. Die Kabine des Direktors, wie das Messingschild an ihrer Eingangstür erklärte.

Die Ausstattung war exquisit, wenn auch etwas angestaubt. Seidenbezogene Sitzbänke, samtene Vorhänge und in der Wand ein integrierter Eisschrank – ein altmodischer ohne Elektrik.Vorne war sie von der steinernen Brüstung begrenzt, die die ursprüngliche Galerie der Kirche gebildet hatte. Therese beugte sich darüber, lehnte den Oberkörper aus dem Logenraum hinaus.

Unter der Galerie hingen die Scheinwerfer und andere Beleuchtungselemente. Sie waren derart auf die Bühne und den Innenraum gerichtet, dass sie jeden Blick nach oben blendeten.

Niemand konnte in diese Kabinen hinein sehen, aber der Zuschauer hatte von dort den perfekten Blick auf die „Bühne“ unter sich, auf den ehemaligen Altarraum.

Erst vor wenigen Monaten war dort unten ein Mensch gestorben, erinnerte ich mich. „Der lebende Tod“ war aufgeführt worden, das erste und einzige Mal. Dort auf dem noch immer mitten auf der Bühne stehendem Altar hatte man den todkranken Künstler gebettet – und die zahlenden Gäste dazu eingeladen, ihm beim Sterben zu beobachten. Den genauen Augenblick abzuwarten, da er sein Leben aushauchte.

„Wer kann sich solche Sitze leisten?“, fragte sie. Ihr Blick war fixiert auf das übergroße Altarbild in nur wenigen Metern Entfernung. Es hätte in ein kunsthistorisches Museum gehört, aber das Guignol hatte eine bessere Verwendung dafür. Eine ästhetischere.

Ich ging zum Eisschrank hinüber und machte uns Getränke. Ihres panschte ich. Sie brauchte einen klaren Kopf, ich den Mut, mich selbst zu vergessen.

„Direktoren“, sagte ich, „Bankiers, Präsidenten, Produzenten…“

Therese wirbelte herum, machte große Augen.

„Welche?“, fragte sie atemlos.

„Bleibt geheim. Diskretion ist im Preis inbegriffen.“

Sie zog die Mundwinkel nach unten, verschränkte die Arme.

„Ich schätze“, sagte sie, „Verschwiegenheit ist hier sehr wichtig. Nicht auszudenken was wäre, wenn einer der Namen der ehrenwerten Herren aus der Politik an die Öffentlichkeit käme… man hört ja so allerlei darüber, was hier vor sich geht.“

Ich lächelte. Gründliche – und unverhältnismäßig routiniert – Durchsuchungen der Behörden nie etwas anderes zu Tage gefördert hatte als geschmacklose Requisiten, ein Sortiment an verkommenen Subjekten im Theaterraum und leere Logen. Aber vielleicht gerade deswegen hielten sich hartnäckig diverse Gerüchte.


„Ich halte es für sehr verständlich, bei einigen Dingen nicht beobachtet werden zu wollen“, sagte ich und bot ihr ein Glas an. Sie war mir ganz nahe, als sie annahm, rutschte ein wenig näher an der Brüstung zu mir. Ihre Hand legte sich einen Moment auf meine, als sie das Glas annahm.

„Was könnte man dentun, das so dringend vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit geheim gehalten werden muss, dass man derartig obszön viel Geld bezahlt?“

Ein Grinsen breitete sich auf meinem Gesicht aus. Es kam ganz natürlich, selbst wenn es das jugendliche Grinsen von Johann war.

„Obszönitäten“, sagte ich.

Therese beugte sich wieder über die Brüstung, eine ihrer schlanken Hände auf den kühlen Stein abgestützt. Als sie sich umdreht, streifte mich kurz ihr Rock.

„Gut, ich schätze von den Bänken unten sieht man nicht, was hier oben passiert“, sagte sie und dachte nach. „Aber

Ich legte vorsichtig eine Hand auf ihren Rücken, recht weit oben. Sie sagte nichts. Ihr Herz raste in ihrem Brustkorb, ich spürte es eben.

„Aber man hört sie“, sagte ich. „Sie und die Frauen, die sie ihr hochnehmen. Manchmal die Männer. Ich glaube manchmal, man hört sie bis nach draußen und nur deswegen ist es den Leuten so ein Dorn im Auge. Nicht wegen der Stücke – die provokant sind und extravagant und regelmäßig genug verboten werden – hassen die Langweiler das Guignol. Sondern weil man hier Dinge tut, die sich einfach nicht gehören.“

„Zum Beispiel?“, fragte sie, atemlos. Sie sah mich nicht an. Das Haar fiel ihr über das Gesicht, aber ich wusste, dass sie rot wurde. Wenn ich jemanden nur genug beobachtete, bekomme ich leicht ein Gefühl für ihre Knöpfe. Dafür, was sie reizt.

Und Therese reizte der Gedanke all der Schandtaten, die hier in den letzten Jahrzehnten geschehen waren.

Ich grinste Johanns jugendliches Grinsen, rückte ihr ein wenig näher. Unsere Hüften berührten sich, stießen an den Hüftknochen aneinander.

„Nun. Die offensichtlichen Sachen“, sagte ich. „Sex. Manchmal ein wenig mehr als das. Manchmal…“

Meine Hand wanderte ihre Bluse hinauf, bis zu ihrem Nacken, von dem ihr Haar gerutscht war und den sie mir und aller Welt präsentierte. Mit den Fingerspitzen zog ich seine Kurven nach, strich über ihre rosige Haut, lauschte ihrem Atem.

„Manchmal tun sie unaussprechliche Dinge hier oben, über die niemand bei Licht sprechen sollte. Dinge, die du dir gar nicht vorstellen könntest.“

Ich hörte, wie hinter uns die Tür aufging. Leise hörte ich es Knarren. Ich bemerkte es nur, weil ich darauf gewartet hatte. Sie an meiner Seite hatte es nicht gehört.

„Vielleicht sollten wir dann bei Zwielicht darüber reden“, schlug sie vor.

Ich löste mich von ihr, langsam. Ich wollte sie weiter berühren, so wie ich seit Wochen nicht berührt worden war. Die Erlösung meiner Sucht, der nächste Schuss, war zum greifen nahe. Ich musste nur das Licht lin der Kabine löschen

Aber ich spürte diese Präsenz hinter mir, die dort ungeduldig wartete, die mich mit ihren Blicken durchbohrte.

Meine Regieanweisung, mein „ab“.

Wortlos drehte ich mich um und ging hinaus. Ich schloss die Tür zur Loge hinter mir und sank davor nieder. Zwar würde niemand daran rütteln, doch mein Körper blockierte jeden Weg nach draußen – bis auf den Sprung über die Galerie. Und darauf folgte ein Sturz von gut fünf Metern auf kalten Stein.

Ein Schrei schnitt mir durch Mark und Bein. Einer, der Fay Wray oder Paula Maxa Ehre gemacht hätte. Er hallte durch den Altarraum, wurde von den ohnmächtig hinabblickenden Säulen und Statuen und Bildern zurück geworfen.

Ich verschloss Augen und Ohren davor. Es war leicht. Ich hatte es die letzten Male so getan, tat es jeden Monat, alle vier Wochen, wenn meine Sucht zu groß wurde. Wenn ich merkte, dass ich unruhig wurde und dass mein Körper verfiel und mich meine Kräfte verließen.

Ich hatte Übung darin.

Aber was danach kam… was folgte, würde unerträglich werden. Wenn es so leise geworden war, dass ich mit meinen eigenen Gedanken alleine war. Und mit den Geräuschen, die aus der Loge drangen.

Mit denen, die den eigentlichen Grund für den infamen Ruf des Guignol ausmachten. Die nur am Rand der Nacht gehört wurden von einigen Unglücklichen, über die nie gesprochen wurde und von denen doch alle wussten.

Ich zitterte und starrte auf den Boden vor mir und schwieg meine Gedanken an, bis ich wieder in die Kabine gerufen wurde.

Isabelle. Demoiselle d‘Ombrage. Sie saß im Sessel des Direktors – des scheinbaren Direktors, der nur eine schöne Fassade für die Welt dort draußen war – und tupfte sich mit einem Tuch die Mundwinkel.

„Eine schöne Stimme“, sagte sie, ohne sich nach mir umzudrehen „hätte es zu etwas bringen können. Nicht bei uns, natürlich, aber in Amerika vielleicht.“

Ich tat mein bestes, die blutleeren Augen zu ignorieren, die aus dem anderen Sessel heraus starrten. Ich hätte sie nicht ertragen.

Die Demoiselle knüllte ihr Taschentuch zusammen, warf es mit spitzen Fingern auf den anderen Sessel herüber. Dann lockte sie mit ihren Fingern nach mir.

Ich folgte ihrer Geste mit traumgleichen Schritten, hatte nur Augen für sie, die leuchtete und mit jedem Jahr jünger aussah, ewiger, als ich neben ihr auf die Knie ging.

Dann erhielt ich meine Belohnung von ihr, nach der ich mich Monat um Monat sehnte, die meinen Körper jung und mein Gesicht formbar hielt:

Ein Scherflein des Lebens, das sie so eben der jungen Therese gestohlen hatte.

Jedermann – Teil II: Ein unscheinbares Abendessen

Den Tag meiner Verabredung verbrachte ich in kindlicher Vorfreude. Sie hatte noch nicht geantwortet, aber ich war mir meiner Sache so sicher, dass ich den gesamten Morgen schon mit Vorbereitungen zubrachte. Ich probierte sicher ein halbes Dutzend verschiedener Hemden, Westen, Sakkos und Hosen aus, kombinierte und verwarf sie wieder. Zu aufdringlich, zu bemüht, zu sportlich, zu selbstbewusst.

Letztlich gewann ein unscheinbarer Trenchcoat mit weißem Leinenhemd darunter, eine braune Chino und gleichfarbige Lederschuhe.

Johann war der Typ für so etwas. Ich sah mir als Entscheidungshilfe noch einmal meine Fotographien von ihm an, meine Notizen zu ihm. Sie zeigten mir alle den selben Stil: Wenig Aufwand, immer betont unaufgeräumt und strubbelig. Trotzdem verriet die Markenauswahl ein gewisses Gespür. Drykorn, Beaufort. Zugegeben war das mein Verdienst, der echte Johann hatte immer Billigklamotten von H&M oder dem Flohmarkt getragen. Ich hatte da eine bessere Nase für. Kleider machten Leuten oder sie halfen wenigstens dabei.
Sie jedenfalls würde das Outfit schon richtig auffassen, da machte ich mir wenig Sorgen. Eher noch würde ihr das Gesicht auffallen. Ich saß zwar sicherlich drei Stunden daran, hatte Johanns hohe Stirn, die fliehenden Wangenknochen und das strohblonde Haar nachgebildet. Aber obwohl ich bereits einige Male in seine Haut geschlüpft war, waren mir die ersten Versuche an diesem Tag völlig misslungen.

Selbst nach dem vierten Anlauf hatte ich noch seine Augenfarbe nicht richtig hinbekommen und musste einmal mehr meine Fotos von ihm, letztlich sogar Kontaktlinsen zuhilfe nehmen. Auch dann noch dauerte es zehn Minuten, bis ich die Dinger eingesetzt hatte. Allem Gefluche zum Trotz war es weniger anstrengend, als weitere Detailveränderungen an meinem eigenen Fleisch.

Das Verkleiden fiel mir an den besten Tagen schon schwer genug, auch ohne die Entzugserscheinungen. Außerdem ließen Kleinigkeiten sich ganz gut mit Schminke und Linsen imitieren, oder mit Haarfärbemittel.

Je näher der Ausgangszustand dem gewünschten Resultat war, desto besser, also griff ich zu Kosmetik. Für Leute wie mich ist die moderne Schönheitsindustrie ein Segen.

Das waren die äußerlichen Dinge, diejenigen, auf die es die meiste Zeit ankam. Um aber in jedem Falle erfolgreich zu sein, ging ich weiter.

Mehrmals zog ich mein schlaues Büchlein zu rate. Ein rotes Notizbuch mit flexibler Bindung, unscheinbar, aber trotzdem gut versteckt unter der losen Diele unter meinem Bett, zusammen mit dem Telefon und einer Reihe von Andenken. Ich hatte eine Vielzahl von Fotos und Zeichnungen darin eingeklebt, von Bemerkungen zum Kleidungsstil gewisser Personen, wie sie sich benahmen, wie sie sprachen. Es half mir dabei, mich ganz in meiner Rolle aufzugehen, wirklich ein anderer zu sein. Gewissermaßen war es mein Figurenkabinett.

Johann Schmied war eine der Gestalten darin.

Es war seine Stimme, mit der ich nachmittags den Anruf meiner Verabredung entgegen nahm.

„Therese!“, sagte ich, „Wie schön, von dir zu hören. Ich habe mich schon gefragt, ob du mir noch antworten würdest.“

Sie antwortete mit einer Spur von schlechtem Gewissen. Ich hätte nicht sagen können, ob es gespielt war oder nicht.

„Entschuldige bitte, ich habe einfach die Zeit vergessen. Hast du…“

„Schon jemand anderen gefunden? Ja.“

Kurze Pause. Dann ein Lächeln.

„Aber niemanden, den ich nicht versetzen könnte.“

Vorsicht, Johann, dachte ich. Nicht zu dick auftragen.

Sie lachte und mein Lächeln wurde ehrlich bei diesem Geräusch.

„Acht Uhr?“, fragte sie.

„Ich werde dich abholen“, sagte ich.

„Prima.“

„Ich freu mich.“

„Ich mich auch“, sagte sie.

Ich legte mit einem breiten Grinsen auf. Das selbe, das mich von einem Jugendfoto von Johann anstrahlte.

Fünf Minuten vor acht Uhr stand ich vor ihrer Tür, klingelte und wartete auf dem Gehweg.

Es gab keinen Grund, pünktlich zu sein… Sie würde ohnehin modisch spät herunter kommen. Aber früher da sein hieß, sie etwas unter Druck zu setzen. Sollte sie ruhig ein paar Minuten gehetzt durch ihre Wohnung rennen und deswegen noch länger brauchen. Ich würde angemessen zermürbt und ungeduldig erscheinen. Und mir die allergrößte Mühe geben, mich für diese Ungeduld zu entschuldigen.

Gut zwanzig Minuten später hörte ich es im Hausflur knallen. Kurz darauf ging das Licht an. Ich zündete mir eine Zigarette an, Marke Lucky Strike, und ließ ihr die Zeit, mich einen Augeblick heimlich aus dem Hauseingang zu betrachten, während ich nervös auf die Uhr zu sehen vorgab.

Ich rauchte eigentlich nicht und wenn dann JPS. Aber Johann rauchte schon immer mehr, um cool zu sein. Er war abhängiger vom Äußeren als dem echten Geschmack, sogar fixiert auf möglichst wenig Teer und Nikotin und lange Rauchbarkeit. Elektronische Zigaretten lehnte er nur deswegen ab, weil in den alten Noir-Filmen alle echten Tabak rauchten.

Hinter mir öffnete sich die Tür. Als ich die Klinke hörte, warf ich einen verstohlenen Blick aus den Augenwinkeln, tat überrascht und gab mir größte Mühe, die halb gerauchte Zigarette mit schuldbewußtem Lächeln verstohlen wegzuschnippen. Therese zog eine Augenbraue hoch, lächelte verächtlich und sagte nichts.

Ich unterwarf mich ihr trotzdem.

„Irgendwie musste ich die Zeit ja rumbringen“, sagte ich. „Lass mich weniger allein, dann rauche ich weniger.“
Sie schmunzelte und umarmte mich zur Begrüßung.

„Vielleicht. Wenn du dich benimmst.“

Ich warf einen kurzen Blick an ihr herunter. Sie war jung. Sehr viel jünger als ich, drei oder fünf jünger als Johann, und hatte alle Selbstsicherheit einer Frau, die es bislang nur mit kleinen Jungs zu tun gehabt hatte. Sie trug hohe Lederstiefel, deren oberes Ende von einem langen, enganliegenden Mantel verdeckt wurden. Dezentes Make-Up, allerdings mit Rouge auf den Wangen. Die Hände hatte sie um ihre Handtasche geschlungen, obwohl es noch recht kühl war und ich meine bereits in den Manteltaschen vergraben hatte.

Mein Lächeln wurde ehrlicher. Ihre Aufmachung bestätigte meinen ersten Eindruck von ihr: Ein gelangweiltes Mädchen mit Spieltrieb. Eine, die gern Katz und Maus spielte, solange man sie die Katze sein ließ.

Was für ein Glück, dass ich ihr genau diesen Eindruck geben wollte.

„Gut schaust du aus“, sagte ich und bot ihr meinen Arm an.

„Und das trotz unerträglicher Hetze von gewissen Leuten“, sagte sie und hakte sich ein.

Ich konnte sehen, wie ihr Blick dabei für einen Moment an mir herunterglitt. Nicht weit, aber doch vom Gesicht bis zur Brust. Ich hatte, ich gestehe, etwas geschummelt. Johann war eigentlich etwas kleiner und breiter, seine Nase platter und seine Haut grobporiger gewesen, als meine Verkleidung jetzt. Und ich hatte einen Teil meiner Statur beibehalten. Hauptsächlich die schlanken Muskeln.

Nun, Therese kannte den echten Johann nicht, also würde ihr kein Unterschied auffallen. Ich aber hatte gewisse Ansprüche, vor allem an mich selbst.

Außerdem verbesserte es meine Chancen deutlich. Mein Typ wäre er zwar nicht, aber das Feldmäuschen würde ihn kaum von der Bettkante schubsen. Tatsächlich konnte ich an der Art, wie sie eine Spur zu lang auf dem delikaten Nacken hängen blieb erkennen, dass ich ihren Geschmack einigermaßen getroffen hatte.

Die eigentliche Frage war nur: Warum ging sie mit einem Typen wie mir aus?

„Ich kann es eben nicht erwarten, dir meine guten Neuigkeiten mitzuteilen“, entschuldigte ich mich und hielt ein Taxi an. Ich öffnete ihr die Tür und ließ sie einsteigen.

„Dann raus damit“, sagte sie, „ich bin schon ganz gespannt.“

„Kantstraße“, sagte ich zum Fahrer und schloß die Tür hinter mir. Dann, zu Therese: „Später. Eine solche Nachricht braucht die richtige Atmosphäre. Eine feierliche. Nach dem Essen.“

Ich lächelte, als ich ihren bohrenden, etwas giftigen Blick sah.

Neugier war schließlich noch aller Katzen Tod.

Das Abendessen war weniger ein Vorspiel und mehr Spießrutenlauf. Lang und qualvoll und nicht annähernd schnell genug vorbei. Ich hatte aus meinem Fehler bei unserer ersten Begegnung, als ich noch nicht das Gesicht von Johann Schmied trug, gelernt. Sie wollte nicht beeindruckt sondern wahrgenommen werden. Und jetzt bezahlte ich den Preis dafür.

Ich sah zwar nicht auf die Uhr, aber ich ertappte mich mehrmals dabei, wie meine Gedanken von ihr abwichen. Wie sich wieder Zweifel in mir ausbreiteten. Was, wenn ich es vermasselte? Wenn ich weiter so dahin siechen würde, wie in den letzten Tagen. Irgendwann wäre ich gezwungen meiner Sucht nach Nähe, nach Menschen, auf anderen Wegen nachzugehen. Ein Gedanke, den ich nicht ertrug.

Sie war meine erstbeste und auch letzte Chance für diesen Monat.

Zu schade, dass sie sich nicht nur langweilig gab, sondern es auch war. Ihre Geschichten, die sie über ihrem zerbratenem Steak und Salat wie eine zerbrochene Spieluhr herunter leierten, drehten sich nur um das eine. Ihre Meinung. Über Arbeit, warum ihr Chef sie nicht ernst nahm, ihre Kollegen Schweine waren, in welcher total angesagten Stadt sie in zehn, fünfzehn Jahre wohnen wollte. Idealerweise natürlich in Kalifornien, von deren Leuten und deren Mentalität sie einem eine halbe Stunde das Ohr abquatschte.

Ich lächelte und nickte und warf einige clevere Bonmots ein, war aber nicht recht bei der Sache. Ihr Charakter war ordinär, fast gewöhnlich. Ich hatte Dutzende wie sie durch die Stadt kommen sehen. Anziehend, wenn man sie das erste mal singend oder tanzend sah und sie den Mund in Ekstase verschlossen hielt, worauf die Partys mit ihren Freundinnen oft genug hinaus liefen. Und ich hasste Amerika, also konnte ich nicht viel mehr zu unserem Gespräch beitragen, als Bewunderung für ihren Antrieb und ihre Ambitionen vorzutäuschen. Immerhin erfuhr ich, weswegen sie sich für mich interessierte: Sie wollte Schauspielerin werden. Ich machte eine geistige Notiz, um meine guten Neuigkeiten, wegen derer ich Sie ja eingeladen hatte, entsprechend anzupassen.

In Wahrheit waren mir ihre Träume gleichgültig. Es kam in meinen Augen auf die Opferbereitschaft an, diesen Ambitionen nachzugehen. Von ihr hörte ich während des gesamten Essens nichts davon. Nur von den selben leeren Träumen, wie hunderte hübsche Mädchen sie mir in den letzten Jahrzehnten gebeichtet hatten.

Das machte sie langweilig. Es ließ mich an meiner Urteilskraft zweifeln.

Ich durchlief seit einigen Jahren eine Medikation, bei der mir Weißwein, rotes Fleisch und Innereien untersagt waren – eine Schande, da Rinderleber mein liebstes Gericht war. Daher war ich an diesem Abend auf Fisch ausgewichen, als Getränk einen Gin Tonic. Bis ins letzte langweilig, ja, aber passend zu meiner Rolle. Es war ein Vorwand, eine Ausrede. Normale Nahrung ekelte mich an diesem Abend so sehr wie mein Frühstück zwei Tage zuvor. Trotzdem nahm ich sie zu mir. Es war eine widerliche Erwartung, der ich aus Anstand nachgab. Wer zum Essen einlud, der musste auch essen. Selbst wenn es grässlich schmeckte und roch.

Ich kann nicht genug die Arbeit betonen, die mir Johann Schmied bereitete. Tief drinnen war er ein ebenso langweiliger, unaufgeregter Klotz wie sie. Ob sie es wusste… Vielleicht, aber ich glaube nicht. Ich gab mir große Mühe, ihm eine Spur von Geheimnis zu verleihen, ein gewisses Etwas, das versteckte Tiefe andeutete. Diese subtile Brechung in Johanns Charakter dürfte ihr kaum verborgen geblieben sein – ansonsten hätte sie das wohl abgeschreckt oder jedenfalls in ihrem Selbstbild der Königin, die sich den strahlenden Ritter unterwirft, beschädigt.

Doch wenn ich ehrlich war, hatte ich diesen Aspekt seines Charakters vorwiegend für mich angelegt. Wohl in weiser Voraussicht, denn es bereitete mir unendlich mehr Freude, jede Antwort, jeden Satz und Witz auf diese verborgene Tiefe Johanns hin anzulegen, als das Abendessen mit ihr es je gekonnt hätte.

Ich fieberte dem Moment entgegen, da meine sorgfältig den ganzen Abend über konstruierte Lüge geprüft werden würde. Der Moment, in dem Therese darüber urteilen würde, ob meine Rolle ihr Lob finden würde.

Nachdem sie mit ihrem Essen fertig war und ich aufgehört hatte, mir totes Meeresgetier hinunter zu zwingen, konnte sie ihre Neugier nicht länger beherrschen. Sie orderte einen weiteren Rotwein vom Ober – Grünspan, ein Mann unmäßigen Alters, den ich bereits seit einigen Jahrzehnten recht gut kannte – und bestand darauf, den geheimen Grund meiner Einladung zu erfahren.

„Also, Johann“, sagte sie und lehnte sich in ihrem Jugendstilsitz zurück. „Ist dir die Atmosphäre jetzt passend und feierlich genug oder willst du mir weiterhin die guten Neuigkeitent vorenthalten?“

Für einen Augenblick schwieg ich. Ich überlegte, ob ich rauchen sollte, entschied mich aber dagegen. Stattdessen schmunzelte ich und hielt ihren Blick noch ein wenig länger aus. Sie hatte den gesamten Abend darauf gelauert, mir diese Frage zu stellen. Ich wusste es. Und ich wäre nicht ich, wenn mir die Neugier einer Frau nicht wenigstens etwas schmeicheln würde.

„Ich habe endlich eine feste Stelle“, sagte ich. „Regieassistent im Guignol.“

Das Schweigen zwischen uns war so tief, dass ich ihren Herzschlag hämmern hören konnte. Wie ihr Herz in ihrer Brust raste. Sie sah mich weiterhin an, auch wenn in ihre Augen ein Zug trat, den ich von ihr nicht erwartet hätte: Gier. Oder eher noch der Jagdtrieb, den eine echte Katze besaß. Eine, die nicht nur gespielt war. Es war der interessanteste Zug, den sie den ganzen Abend über gezeigt hatte. Ich hätte nie gedacht, dass unter der gelangweilten Fassade doch noch ein paar Raubtierinstinkte lagen.

„Das Grotesque Guignol?“, fragte sie.

„Kennst du noch ein anderes?“

Eine dumme Frage, für die ich sie einen Stich von Hohn spüren ließ. Sollte sie für einen Augenblick gereizt werden. Das würde ihren vermeintlichen Triumph über mich nur umso süßer machen für sie. Umso verlockender.

„Ich wusste gar nicht, dass du dich für solche Sachen interessierst.“ Sie zögerte, ihre Augen huschten zu den Nebentischen. Dann schob sie nach: „Ich wusste gar nicht, dass das Guignol Leute einstellt.“

Ich zuckte mit den Schultern. „Sie heuern nicht wirklich an. Aber ein Bekannter von mir war Fotograf bei einigen Veranstaltungen dort, das hat mir weitergeholfen.“

Nur eine halbe Lüge. Ich lächelte und ging darüber hinweg.

„Ich bin beeindruckt.“

Dieser Satz von ihr ließ mich innehalten. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn je von ihr zu hören, nicht in dieser Deutlichkeit.

„Danke“, sagte ich. Mein Lächeln wurde eine Spur ehrlicher. Ich bekam gerne Komplimente. Sie bedeuteten, dass meine Lüge glaubhaft war und gefiel.

„Ehrlich gesagt habe ich selbst gar nicht damit gerechnet. Ich meine… Es ist so ein exklusives Theater. Natürlich schreibt man und veröffentlicht und hofft, eines Tages auch dort einmal seine Stücke aufführen zu dürfen, aber…“

Ich lachte. Affektiert und ein wenig verschüchtert. Als wäre es keine große Sache. Oder eher noch: Als wäre es eine sehr große Sache, die mir peinlich wäre in ihrer Größe.

„Aber du bist dann doch überrascht, wenn deine Träume in Erfüllung gehen?“, fragte sie.

„Ein wenig“, sagte ich und blickte in mein Weinglas. „Von manchen Dingen sollte man lieber nicht träumen. Das Guignol… Es sind so viele großartige Leute dort, ich weiß nicht, ob ich dort hinein passe. Der Direktor ist ein Genie. Muss er sein, sonst wäre das Guignol nicht so berüchtigt.“

Als ich aufsah, bemerkte ich ihren Blick. Ihre grünen Augen waren hypnotisch, sie fixierten mich. Es lag eine Gier darin, mich zu benutzen, um ihren eigenen Zielen näher zu kommen. Sie erregte mich mit diesem Blick mehr als all ihr verschüchtertes Spiel der letzten Stunde.

Ich konnte die Frage hören, die darin mitschwang. Die Aufforderung, der ich mit Freuden nachkommen würde.

„Ich bin noch nie dort gewesen“, sagte sie.

Ich lächelte. Sie hatte meinen Köder mitsamt des Hakens gefressen.

Jedermann – Teil I: Ein netter Kerl

Ich fühle mich schlecht. Als hätte ich seit einigen Tagen nichts gegessen und meine Magensäfte würden sich über mein beschädigtes, schwächliches Gedärm hermachen. Eine Art von Sodbrennen, glaube ich, obwohl kein Arzt in den letzten Jahren mir etwas dazu sagen konnte. Die meisten hielten mich sogar für gesund.

Ich weiß es besser als sie.

Mittlerweile habe ich mich an das Gefühl gewöhnt. Es kommt alle paar Wochen, kündigt sich langsam an. Erst durch Unruhe, dann Konzentrationsschwäche. Ich kann dann an keiner Frau vorbeigehen, kein Parfum riechen, ohne einige Stunden zu phantasieren. Meine Gedanken beginnen sich um Wildfremde zu drehen, die mich nicht kennen und nichts mit mir zu tun haben wollen. Wie schweißgetränkte T-Shirts klebt ihre Anziehung dann an mir, lässt mich nicht los.

Ich muss sie dann haben. Sie müssen mich rein waschen, den Schmutz von mir abkratzen, mir die dreckige Fleischeshülle mit ihren roten Fingernägeln von der Seele ziehen.

Das ist weniger schaurig, als sie vielleicht denken. Ich schleiche denen nicht hinterher, überwältige und zerre sie nicht in eine dunkle Gasse, um mich zu befriedigen. Es ist keine Geilheit, die mich gepackt hält, sondern Hunger. Freier Wille ist mir sehr wichtig. Jeder meiner Partner hat sich mir freiwillig hingegeben und wollte mich ebenso sehr erlösen, wie ich erlöst werden wollte. Manche wollten es sogar noch mehr als ich, aber das waren die besonders gestörten Exemplare.

Vorwürfe mache ich denen aber auch nicht.

Warum auch? Mein Geschäft sind Träume und die verkaufe ich teuer. Ich bin ein Mann von Welt, manchmal auch ein Allerweltsmann. Ich kann der Mann ihrer Träume sein, wenn sie das wollen – genau so groß und genau so geformt, wie es ihnen gefällt. Ob ich intellektuell oder bodenständig oder meinetwegen schmierig erscheine, das Leben ist nur eine Maske für mich, eine Verkleidung, die nach meinem eigenen Geschmack auswähle.

Nur dass ich sie tragen muss, das habe ich mir nicht ausgesucht.

Diese… ich zögere, es Krankheit zu nennen, denn mein Leben ist nicht weniger erfüllt, mein Körper nicht schwächlicher, mein Geist nicht gefesselter dadurch. Viele meiner flüchtigen Bekanntschaftn haben solche Ticks, die sie in weit größerem Maße einschränken und zu bestimmten Verhaltensweisen zwingen. Nur heißt es dort eben Hobby, Steckenpferd oder Spleen.

Mein Dasein ist durch diese Kondition verändert, aber nicht behindert. Anders als bei den meisten anderen Suchtkranken.

Nun, meine Sucht sind die Frauen. Ihnen widme ich meine Zeit, Energie und ganze Aufmerksamkeit. Daran kann ich nichts schlechtes finden.

Es ist eine Sucht, der ich mich gerne hingebe. Sie füllt das Loch in mir, dass sich alle paar Wochen öffnet. Wenigstens für einige Zeit geht es mir gut, nachdem ich eine Frau verführt habe. Dann kann ich mich wieder im Spiegel ansehen, kann das Haus verlassen, ohne mich widerlich und klein zu füllen.

Dieses Gefühl kommt erst am Ende des Monats wieder. So wie heute.

Die erste Woche nach einem Erfolg bei einer Frau fühle ich mich gut. Beinahe wie ein Mensch, wie ein normaler Mann. Nicht, weil ich meine Männlichkeit unter Beweis gestellt habe, sondern weil die Sorgen für einen Augenblick aufhören. Weil ich für ein paar Tage die Zuversicht finde, aus dem Bett zu kommen.

Nach zwei Wochen sind es nur leise Zweifel, die sich ankündigen. Es sind die Makel an mir selbst, die mir im Spiegel auffallen – die Falten um die Augen, das grauer und grauer werdende Haar. Wenn mich die Blicke von Fremden in der Bahn streifen, besonders die von jungen Frauen, glaube ich, dass sie mein Geheimnis kennen. Dass sie mich verlachen.

In der dritten Woche kommen die Schmerzen dazu. Die Kopfschmerzen, die an mir nagen, die innere Unruhe. Ich bin dann wie ein roher Nerv, der bei jeder Berührung zuckt.s

Die letzte Woche dieses unausweichlichen Rhythmus‘ meines Lebens, die vierte, ist die schlimmste. Ich kann mir dabei zusehen, wie ich vergehe, wie ich wie eine gepflückte Blume verrotte. Mein Fleisch wird fahl und ich erschlaffe. Ich kann fühlen, wie das Leben aus mir schwindet, wie meine jugendliche Kraft vergeht.

Für meine Sucht gibt es keine Therapie: Ich bekomme meinen Fix oder ich gehe ein.

Und ständig kreisen meine Gedanken um diese eine Frage, die ich nicht zu stellen wage und die der Mittelpunkt meines Lebens geworden ist: Was, wenn ich es nicht noch einmal kann?

An allen Tagen dieser Woche ist mir schlecht. Ich bin schweißgebadet und schlafe nicht mehr. Etwas reißt mich alle paar Stunden aus dem Schlaf. Womöglich ist es ein Alptraum, vielleicht der eine. Der, der immer wieder kommt. Ich weiß es nicht, weil ich mir meine Träume seit Jahren nicht mehr merken kann. Sie sind zu mühsam, zu ermüdend in der unendlichen Kombination ihrer immergleichen Elemente. Also vergesse ich sie.

Ich weiß nur, dass ich mich leerer fühle, je länger ich im Bett liege. Ein bisschen leblos, als hätte mein Magen sich schon aufgelöst und einen Teil meiner Seele mitgenommen. Nicht, dass ich an die Seele glaube, aber meiner Übelkeit gehört eine größere Qualität als das rein organische an. Es sind mehr als nur aufwallende Säfte, die mich in Nöte bringen.

Wenn das Ziehen in meinen Innereien unerträglich wird, stehe ich auf.

Mein Müsli schmeckt verdorben, obwohl ich es gestern erst gekauft habe. Ranzig irgendwie, als hätte sich ein unsichtbarer Schimmel darin ausgebreitet. Ich weiß, dass mit dem Essen alles in Ordnung ist, dass es jedes Mal und wiederkehrend nur meine Einbildung ist… aber ich ertrage es trotzdem nicht. Also gehe ich an den Gasherd und mache Spiegeleier mit Speck, das Eidotter noch flüssig und das Schwein triefend im eigenen Fett. Alles ist völlig überwürzt, aber so schmeckt es wenigstens nicht nach Verwesung.

Meine Küche ist grauer geworden über Nacht. Ein dünner Film hat sich über alles gelegt, wie Gaze. Als ich das Fenster zum Hof öffne, zieht warme Luft in mein Appartement und saugt allen Dunst und Nebel heraus. Das Grau bleibt.

Auch Wohn- und Schlafzimmer haben diese Farbe angenommen. Die Drucke von Van Gogh und Cezanne über meiner Couch sind leblos, starr. Ich sehe in ihnen keine leuchtenden Farben, keinen schöpferischen Umgang mit der eigenen Wahrnehmung mehr – nur noch die körperlichen Gebrechen, die zu dieser Wahrnehmung geführt haben. Vincents Bleivergiftung und seine geschwollenen Netzhäute starren mich aus den Bildern an, sonst nichts.

Unruhe begleitet mich den ganzen Tag, den ich zuhause verbringe. Eingesperrt mit mir und meinen Gedanken.

Dann, endlich, klingelt mein Telefon. Nicht das, das ich mit zur Arbeit und auf Verabredungen mitnehme. Das unter meinem Bett in der kleinen Schachtel, die ich unter den Diehlen verberge.

„In zwei Tagen“, sagt die Stimme atemlos. Bei ihrem Tonfall stellen sich mir die Härchen auf, als würde sich eine Hand auf meinen Nacken legen. Sie wartet nicht auf eine Antwort, das tat sie nie. Aber diese Worte befreien mich aus meiner Lethargie.

Ich kann meine Sucht befriedigen, in zwei Tagen. Man wird mir die Mittel dafür geben, wenn ich den Preis bezahle.

Der besagte Tag würde ein Mittwoch sein. Nicht die beste Zeit für meine Jagd, aber sie duldete wenig Aufschub. Schon bis dahin zu überstehen, würde Kraft kosten. Ich fühlte mich verfaulen und alleine den Anschein einer gewöhnlichen Fassade aufrecht zu halten, strengte mich an.

Zum Glück hatte ich bereits jemanden im Auge. Ein Mädchen, das ich einige Male getroffen hatte. Zufällig mehr und gerade vor ein paar Tagen erst. Ich hatte überlegt, die üblichen paar Tage zu warten, das Mädchen erst zum Wochenende hin anzurufen. Es vorher in einer anderen Gestalt auszuhorchen. So spielte ich gern, langsam und von vielen Seiten, um alles über sie zu wissen. Es war ein Zeitvertreib, aber ein schöner, sie so aus der Ferne zu beobachten.

Wenn sie schwer zu haben spielen wollten, sollte mir das Recht sein. Ich versuchte es unter vielen Namen mit vielen Gesichtern und suchte nach ihren Schwächen und Vorlieben und Abneigungen. So kam ich ihnen näher. Näher als durch bloße Fleischlichkeit.

Der Anruf hatte diesen Plan beschleunigt. Ich sah mich im Badezimmerspiegel und fühlte mich von mir selbst abgestoßen. Es ängstigte mich immer wieder, wie sehr mein Körper unter dem litt, was ich nur als banale Appetitlosigkeit und steigenden Ekel empfand.

Es musste in zwei Tagen sein und sie war meine beste Chance. Alle anderen… alle anderen waren noch nicht so weit. Ich konnte sie nicht einschätzen, wusste nicht, wie sie auf diese für mich so wichtige Frage reagieren würden. Sie dagegen, sie war anders. Bei ihr glaubte ich, sie gleich zu verstehen, eine Verbindung zu ihr zu haben. Ich wusste, wie ich mich geben müsste, um genau die Antwort zu bekommen, die ich wollte. Die ich brauchte.

Den Tag des Anrufes verbrachte ich trotzdem mit Vorbereitungen. Mein eingefallenes Gesicht und meine stumpfen Augen verfolgten mich. Ich musste mich wieder lebendig fühlen, zumindest für eine kurze Zeit. Fehler würde es nicht geben.

Ich las noch einmal all ihre Mails und Nachrichten an mich. Belangloses Zeug, höfliche Plauderei. Wann immer ich zu deutlich wurde, zog sie sich zurück. Trotzdem machte sie Andeutungen, erzählte von sich, zeigte Interesse mit vielen Kleinigkeiten. Ich erinnerte mich an unsere Begegnungen. Auf sie aufmerksam geworden war ich auf einer kleinen Feier von vielleicht dreißig Leuten, im Haus von Luis, einem gemeinsamen Bekannten. Sie hatte mich völlig ignoriert, obwohl ich sehr darauf geachtet hatte, von Luis von meiner besten Seite präsentiert zu werden. Ich war ein erfolgreicher Immobilienmakler an diesem Abend, witzig, charmant, mit einem strahlenden Lächeln. Sie war den ganzen Abend so kalt und abweisend gewesen, dass ich fürchtete, sie hätte mein ganzes Spiel durchschaut.

Erst bei unserem zweiten Treffen hatte Sie Interesse gezeigt. Das war in einer Bar in der Warschauer gewesen, wohin ihre beste Freundin – Melissa – mich geschleppt hatte. Das heißt den jungen und etwas verklemmten Schriftsteller, der gerade von seiner Auslandsreise zurück gekehrt war. Melissa war fest überzeugt, sie müsste Johann Schmied vor ihren Freundinnen vorführen und ich hatte mitgespielt, aus Neugier.

Aber nun war ich überzeugt, dass es hier ein Muster gab. Einen Hinweis, worauf das Mädchen dieses Monats stand. Er wollte nur von mir gefunden werden.

Ich dachte an die Details, die sie mir verraten und die ich ihr gestohlen hatte, und was sie für ein Bild von ihr zeichneten. Sie schrieb mit Melissa oft und neben all dem belanglosen Krempel über ihr Leben unterhielten sie sich auch über mich. Dass Melissa sich an mich auch noch als ihren alten Bekannten Johann Schmied erinnerte, den sie seit Jahren nicht gesehen und daher nicht zu deutlich in Erinnerung hatte, machte alles etwas einfacher. Ein dummer, aber glücklicher Zufall, der mir in die Hände spielte.

Die Ablehnung der Kleinen gegen den sportlichen Aufreißer auf der Party – ich vermerkte zufrieden für die Zukunft, dass Melissa besser auf ihn angesprungen war – und wie sie die Augenbrauen bei den beeindruckendsten meiner Geschichten hochgezogen hatte…

Etwas in meinem Kopf rückte sich gerade. Ich zückte dasjenige Prepaidhandy, über das ich mit ihr schrieb, und tippte eine Nachricht an sie. Anrufe hasste ich, sie ließen sich zu schlecht planen.

„Hey,

habe etwas zu feiern und niemandem, der es angemessen würdigen könnte. Morgen Abend Sekt im Kaiserkaffee? Rette mich aus meinem Elfenbeinturm.

J.S.“

Ihre Antwort würde auf sich warten lassen, bis zum nächsten Morgen oder Mittag. Aber das machte nichts. Sie spielte gern auf Distanz – romantische Unterwerfung und Ironie waren ihre Mittel dazu. Ich würde sie am Haken haben. Ich müsste mich nur ein wenig auf den Rücken werfen, ihr das Gefühl geben ihre eisige Königin-Nummer würde funktionieren…und sie würde mitspielen.

Ich war mir ihrer Zusage gewiß, zumindest nach etwas gefühlsduseligem Leiden meinerseits, das ihr das Gefühl von Stärke geben würde. Sie wollte die Ansagen machen, was völlig okay war, solange man ihr eine Auswahl vorgab. Von der Verabredung selbst versprach ich mir nicht viel mehr, als die Freude, an einer guten Lüge arbeiten zu können.
Ein wenig Sekt, eine verwundbare und selbstreflexive Unterhaltung über die Zukunft und dann…

Dann würde sie mich erlösen.

Erbschaft – Teil XI: Die Wahrheit

Franky rollte auf die Seite.

Flüssigkeit platzte aus seiner Kehle, bedeckte den Staub und die Papiere vor ihm. Angst und Magensäfte mischten sich mit Tropfen seines eigenen Bluts. Die Kehle schmerzte ihm, aber die Krämpfe hielten ihn im Griff, quetschten ihn aus, bis er nichts mehr zu geben hatte.

Es war hell im Salon. Die von ihm erst neu verlegte Glühbirne leuchtete alles in erbarmungslosem Detail aus.

Die verschmierten Papiere, die von Charlottes Flucht weiter im Raum verteilt worden waren.

Die übelriechende Galle vor ihm.

Die Stücke von Fleisch und Blut und Knochen, die an der hinteren Wand klebten.

Er bekam es nicht in den Griff. Nicht die Situation. Nicht was passiert war. Nicht das blutige Tagebuch vor ihm, beschmiert mit Angst und Erbrochenem.

Was zum Teufel war das gewesen?

Ein Ghoul, flüsterte etwas in ihm. Ein Stimmchen hinten in seinem Kopf, ganz leise und fast vergessen. Ein Leichenfresser.

Der Gedanke kam ungebeten, wie so viele andere in den letzten Nächten. Franky stemmte sich auf die Knie. Er fühlte sich schwach. Wie ein Welpe, den man im Nacken genommen und geschüttelt hatte.

Ein Leichenfresser… Was zum Teufel?

Franky schwankte zur Wand hinüber. Charlotte… Sie hatte den Schlosserhammer mit einer Kraft aus ihrem Körper gerissen, dass sie ihren Brustkorb weiter zertrümmert hatte – und den Hammer mühelos in die Wand gegraben. Franky zerrte daran. Einmal, zweimal, dann hielt er das Ding in den Händen.

Sie sollte tot sein, dachte Franky. Er hatte ihre Rippen zerschlagen, ihre Lunge war von hundert Knochensplittern durchbohrt worden. Und von einem vier Zentimeter langen Stachel aus rostfreiem Stahl.

Trotzdem war sie aufgestanden und gelaufen, als wäre alles in Ordnung.

Sie hatte noch sprechen können.

Charlotte von Bützow sollte schon seit Jahrzehnten tot sein, nicht erst seit heute. Hundert andre Dinge hätten sie vor Urzeiten töten sollen.

Franky blinzelte, schüttelte den Kopf. Als ob er die Gedanken vertreiben könnte. Woher wusste er diese Dinge? Wieso waren Sie in seinem Kopf?

Er blickte zu der Eiche im Garten hinüber. Sie war dunkel, im Mondlicht und dem Lichtschmutz der umgebenden Stadt beinahe nicht zu erkennen. Der Anblick ließ ihn erschaudern.

An Schlaf war nicht zu denken. Nicht heute. Nicht mit den Dingen, die er erlebt und gesehen hatte. Nicht so, wie er sich fühlte. Seine Gedanken rasten, sein Kopf war heiß wie ein überdrehter Motor. Er zitterte am ganzen Köprer – und er hielt den Hammer wie eine Waffe vor der Brust die ganze Zeit, bereit auf jeden Schatten einzuschlagen.

Und trotzdem fühlte er sich in einem Wachtraum gefangen.

Bilder erschienen vor seinem geistigen Auge, die er nie gesehen hatte und die doch real waren. Wie die Träume, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gehabt hatte. Nur wo diese Episoden und Erinnerungen an seine Vergangenheit gewesen waren, waren diese Träume neu – oder jedenfalls zeigten sie nicht seine Vergangenheit.

Franky konnte nicht länger sagen, ob er träumte oder wachte oder ob er wachend in einen Traum gegangen war; ob sich unter seinen Füßen ein Weg in die Traumlande aufgetan und er hinein gegangen war, wie in einen anderen, einen unbekannten Raum in seinem eigenen Haus. Durch eine Tür, die nur in seinem Irrsinn existierte.

Sein Kopf füllte sich bis zum Bersten mit Trugbildern, mit Visionen aus anderen Zeiten und Orten.

Er sah die Stadt um sich herum, die Häuser rund um sein Anwesen, Monster aus Stahl und Glas und Beton, wie sie schrumpften.

Jahrzehnte flossen an ihm vorbei, zurück in die Vergangenheit. Bomben zerschmetterten die Gebäude ringsum, nur die Villa blieb stehen. Russische und Amerikanische Granaten und Geschosse zerschlugen die Straße, die Brauerei hinter dem Haus.
Trümmer türmten sich auf, der nächtliche Himmel entzündete sich.

Im Hagel der Geschosse, schleiften drei Männer einen Körper durch die Straßen. Ein zerschundener Leib in zerrissener Kleidung, blutig und in Fetzen. Man brachte ihn ins Haus, in den Keller. Franky sah das Gesicht seiner Mutter, die sich über den Leib beugte, der wie eine Puppe von den Männern gehalten wurde. Sie warfen ihn in ein Loch, sie gossen Bronze darüber… und seine Mutter schleuderte einen der Männer hinterher.

Seine Schreie ertranken in der Masse aus heißem Metall.

Franky schnappte nach Luft und fiel in die Gegenwart zurück.

Er war hier und heute, in dem von ihm frei geräumten Kellerloch. Eine blutbeschmierte Gestalt, die sich durch die Gänge und den Staub schleppte, in der einen Hand ein Hammer, in der anderen ein Brecheisen.

Eine fahle Kreatur, die den Mund zu einem wütenden Schrei öffnete. Ähnlich derjenigen, die vor sechzig Jahren dort begraben worden war.

„Was bist du?!“, fragte Franky. Die Worte hallten durch die Gänge. Ungehört, scheinbar, denn nur sein Echo antwortete ihm. Sein Echo und die aufgewirbelte Luft im Kellerloch.

Es war ganz still, ganz ruhig, als eine Stimme in seinem Kopf sagte:

Nur ein toter Lügner.“

Die Stimme gluckste. Ein dunkles, finsteres Geräusch, wie ein Morast in dem ein Mann sich verirrt hatte und ertrank.

Ein Geist, an die Fundamente dieses Anwesens gekettet; ein Zauberer, aus der wachen Welt verbannt in die Träume eines dünngeistigen Nachkommens.“

Franky zitterte und sah sich um. Niemand war mit ihm im Raum. Niemand sprach. Und trotzdem hörte er die Stimme in seinem Schädel.

Und er ahnte, von wo sie kam, wo sie ihren Ursprung hatte. Er fühlte es, wie er selten nur irgendetwas gefühlt hatte. Wie ein Finger, der an einer noch offenen, kaum verheilten Wunde zupft, war er sich dieses Gefühls sicher.

Und aus irgendeinem Grund konnte er nicht einfach fliehen. Etwas hielt ihn an diesen Ort gebunden, fesselte ihn an diese halbe Ruine.

Die Wahrheit, hörte er seine eigenen Gedanken, wie in weiter Ferne. Ich will die Wahrheit wissen und daran ist nichts falsches.

Aber waren es seine Gedanken, nur weil sie in seinem Kopf waren? Es war ein Gedanke, den Franky selbst denken würde, fand er, aber er fühlte sich fremd an. Genau wie die kalten Grabeshände, die an den Narben seines Geistes zupften. Und er war sich sicher, er fühlte es, in einer dunklen, versteckten Ecke seiner Seele, dass es diese Stimme war, die sich in seine Gedanken geschlichen hatte und ihm Lügen zuflüsterte oder verführerische Wahrheiten.

Nur was Franky selbst dachte und was zu denken sich ihm aufdrängte, vermischte sich, wurde untrennbar. Er konnte nicht mehr unterscheiden, welche Gedanken er selbst dachte und welche sich von außen in seinen Kopf schlichen.

Sie alle kamen mit der gleichen Stimme zu ihm.

Je näher er der geheimen Kammer in seinem Keller kam, je näher er der Kupferplatte kam, die irgendetwas dort unten verborgen hielt, desto untrennbarer wurden die Gedanken in seinem Kopf.

Nur eine Gestalt war deutlich für ihn, eine Ahnung, die sich ihm aufdrängte und die er nicht mit einzelnen Gedanken, sondern nur mit dem Denken an sich in Verbindung bringen konnte. Eine rauchige, alte Figur, aber ohne Körper. Wie ein Nebel in Menschengestalt, der sich in Gedanken so leicht schleichen konnte wie ihn geschlossene Zimmer oder vergrabene Keller.

Du willst die Wahrheit, sagte sie. Und ich kann sie dir schenken. Genau wie deine Freiheit.

Franky lachte ein bitteres Lachen.

„Was auch immer du bist – wenn es dich wirklich gibt und ich nicht nur den Verstand verliere…“

Muss sich das ausschließen?

„Wenn es dich gibt… wie könntest du mir meine Freiheit schenken? Freiheit wovon? Ich habe mehr Geld, als ich je im Leben ausgeben könnte. Ich kann gehen, irgendwohin, nach Amerika oder Japan, und mein Leben in Frieden verbringen. Und du… du liegst in einem Kupfergrab in meinem Keller. Gott weiß, warum und wozu und wie – aber du bist der Gefangene hier. Nicht ich. Ich bin frei. Ich kann gehen.“

Du kannst weglaufen, schnarrte die Stimme. Das ist alles. Weglaufen vor einem Schatten. Nicht einmal deinem Eigenen. Ahhh… So viele Dinge, die du noch lernen musst, die ich dir beibringen kann. Du bist reich – na und? Was ist Reichtum, ohne den Mut, ihn einzusetzen? Du vergeudest ihn im Versuch, deiner Mutter zu entkommen. Leugne es nicht, ich habe es in deinen Träumen gesehen.

Franky zuckte zusammen, als hätte die Stimme ihm eine Ohrfeige gegeben. Er fühlte es. Die Stimme… Sie hatte auch seine Träume mit kalten Händen betatscht, hatte seine Erinnerungen umgegraben und mit knorrigen Fingern darin gestochert auf der Suche. Nur wonach?

Hatte sie sich von seinen Alpträumen, von seinen Erinnerungen und Gedanken genährt, Frankys schlechte Entschuldigung eines schlechten Gewissens ausgesaugt wie eine Spinne ein gefangenes Insekt? Oder war sie einfach gelangweilt gewesen, einsam?

Er starrte auf die Platte vor sich, auf ihre Windungen, die er nicht verstehen konnte, nicht einmal wirklich sehen. Sie verschwammen vor seinen Augen, wie ein schneebedecktes Feld in der Mittagssonne.

„Wieso tust du das?“, fragte Franky und wurde immer leiser und leiser, denn er fürchtete sich vor seinen Gedanken und Hintergedanken. Und vor der Antwort.


Weil ich das gleiche will, wie du, mein Junge. Frei sein. Ich bin wie du. Oder ich kann es sein, wenn du nicht achtsam bist. Ich bin ein Gefangener deiner lieben Frau Mama und du, Frank, bist mir ähnlich. Steht es so schlecht um die Welt, dass Miteid mit einem Mitgefangenen dir verdächtig scheint?

Franky sank auf die Knie. Vor ihm diese Grabplatte, diese Tür zwischen Wachen und Traum, die er nicht einmal wirklich sehen, geschweige denn verstehen konnte. Die Platte war eisig unter seinen Fingern. Grabeskälte, die sich ihm bis in die Knochen fraß. Als Franky die Hand fortzog, blieben Fetzen seiner Haut an dem kalten Metall hängen. Blut tropfte aus den Rissen in seiner Hand.

Befreie mich und ich zeige dir die Geheimnisse, die deine Mutter ins Grab geworfen hat – in ihres und in meines.

Die Stimme dröhnte jetzt, eifrig, gierig auf ihre Freiheit.

Franky schob sie beiseite und auch seine eigenen Gedanken. Er wollte an nichts weiter denken als den Hammer in seiner Hand, an das Gefühl von schwerem Eisen und einem klaren Ziel.

Wenn er den Verstand verlor… was war dann dabei, seinen Irrsinn auszuleben? Wenn er verrückt war… wenn er geistig krank war, dann seit so langer Zeit, dass es keine Heilung dafür gab. Dann hatte sich die Krankheit bis ins Mark gefressen und war so sehr ein Teil von ihm, dass er nicht mehr zwischen ihr und sich unterscheiden könnte.

Das Brecheisen stürzte auf die Platte nieder. Franky packte sie mit beiden Händen, hob sie über seinen Kopf. Wieder und wieder rammte er den gehärteten Stahl vor sich auf den Boden. Es gab nichts in seinem Kopf als diesen Drang, die Kupferplatte zu zerstören. Immer und immer wieder, wie ein Rammbock, knallte das Brecheisen vor seinen Knien auf den Boden. Bis seine Muskeln erschöpft und seine Arme taub und seine Gedanken ganz leise geworden waren.

Nicht ein Kratzer war auf dem Metall zu sehen. Es war makellos wie an dem Tag, als Franky es aus dem Beton gebrochen hatte. Nicht einmal die Gravuren waren zerkratzt oder undeutlicher als ohnehin schon. Nur das Eisen in seinen Händen hatte sich verborgen.

Die Stimme in seinem Kopf verlachte seine Anstrengungen.

Beherzt, aber unnütz, mein Kind. Deine Mutter war irre und ihr Meister grausam, aber sie waren nicht unfähig. Was mich hier hält, ist stärker als alles Eisen. Blut und Knochen binden mich und nichts anderes wird diese Fesseln lösen.

Franky atmete schwer. Es war kalt geworden in der engen Kammer unter seinem Anwesen. Sein Atem kristallisierte vor ihm, und vor Schweiß und Kälte fing er zu zittern an. Die Arme sanken ihm. Er ließ einen schweren, tiefen Seufzer hören.

„Wer bist du?“, fragte er. „Verliere ich den Verstand?“

Du kannst nicht verlieren, was du nie besessen hast, oder? Und du kannst nicht finden, was immer schon ein Teil von dir war. Ich bin ein Teil von dir, Frank.

Das Lachen der Stimme dröhnte in seinem Kopf. Es war das wärmste hier im Raum, ein väterliches, sorgendes Geräusch, das seinen Geist einhüllte wie eine warme Decke, während sein Leib fror.

Ich bin Athanasius Roth und du, du bist Fleisch von meinem Fleisch, das Kind meiner Kinder. Nur entfernt verwandt vielleicht, aber doch. Über deinen Vater, offensichtlich.

Ich bin eingesperrt für ein Verbrechen, das auch du begangen hast, Junge. Das hier war mein Heim, meine Zuflucht vor der Welt, lange vor deiner Geburt. Und wie du wollte ich mehr wissen, als die Welt dort draußen mir zugestehen wollte.“

Er fror. Franky fror bitterlich, aber er konnte nicht aufstehen, nicht in das Haus oben gehen, wo er auch nur gefroren hätte. Jeder Schatten dort war kühl, schon als er eingezogen war, hatte das Haus nichts von der sommerlichen Wärme aufgenommen.

Seine Beine erlaubten es ihm nicht, aufzustehen. Und seine Arme waren zu schwach, ihn empor zu stemmen.
Also saß er dort, in seinem dunklen Keller und starrte auf die Metallplatte, auf diesen Kupfersarg, von dem eine unnatürliche Kälte ausging.

Auf die Windungen darin, die ein Bild formten, das er nicht verstand. Das sich fin seinen Geist fraß.

Willst du mich und dich befreien? Dann schreibe dir diese Wahrheit ins Fleisch, dröhnte die Stimme von Athanasius Roth in seinen Gedanken. Schreib dir die Magie meines Kerkers in die Brust, Frank, und stiehl deiner Mutter das einzige Geheimnis, das sie wirklich vor dir verbergen wollte: Mich.

Erbschaft – Teil 10: Festgenagelt

Franky verlor seinen Verstand und obwohl er ihn sehr schätzte, trauerte er doch nicht darum.

Er saß im Salon seines herrschaftlichen Anwesens. Und wie das Anwesen selbst im Großen, so war der Salon im Kleinen ein halb renoviertes und halb verfallener Schutthaufen, in dessen Zentrum sich ein Berg an sich Rätseln und Geheimnissen auftürmte.

Rätsel, an deren Lösung sein Verstand verstummte. Machte es ihm etwas aus? War er sich dessen überhaupt bewusst?

Es schien unsinnig zu sein, sich diese Fragen zu stellen.

Ihre Bedeutung war gering. Seine Mutter war – unzweifelhaft – tot. Und was immer auch sie noch vor ihm versteckt hatte, sie hatte die Wahrheit mit ins Grab genommen. Ihre Wohnung war ausgeräumt, seit mehr als einem Monat besenrein. Franky selbst hatte ein Kommando an kräftigen Entrümplern hinein gelassen – Männer mit kleinen Köpfen und breiten Händen, die alles unterschiedslos in Säcke und Kisten gestopft und danach verbrannt hatten.

Nichts von seiner Mutter war übrig. Nichts als die Briefe vor ihm.

Und dieses Bild in seinen Händen.

Ein Foto in Schwarz-Weiß, datiert auf den 7.8.1932. Das Mädchen darauf war unzweifelhaft seine Mutter, so unzweifelhaft wie es der Leichnam gewesen war, den er vor einigen Wochen auf einer Edelstahlschiene unter einem weißen Tuch identifiziert hatte.

Nur dass seine Mutter nicht in den zwanziger Jahren geboren worden sein konnte. Dann wäre sie siebzig bei seiner Geburt gewesen.

Sie war zwanzig gewesen, die Heirat mit seinem Vater war früh geschehen. Eine überstürzte, leidenschaftliche Hochzeit, hatte sie erzählt, mit einem leidenschaftlichen jungen Mann. Und wie alle Leidenschaft war sie irgendwann an sich selbst zerbrochen.

Seine Mutter war keine Greisin gewesen bei seiner Geburt und auch nicht in seiner Kindheit. Sie war immer jung gewesen und hübsch, selbst ihre Verbitterung hatte das nicht auslöschen können.

Eine ganz Weile saß er so dort, vor diesem Haufen, der für ihn nur Unsinn enthielt. Der sein ganzes Leben eine Lüge scholt – und eine schlechte noch dazu.

An wen sich wenden? An die Polizei? Womit denn? Mit einer diffusen Geschichte über eine Tote, die viel älter sein sollte, als sie war? Mit vagen Alpträumen wegen eines alten Hauses und Vermögens in Millionenhöhe? Vielleicht sollte er ihnen von dem seltsamen Fund in seinem Keller erzählen, von dem Verdacht, es könnte sich um ein Grab handeln.

Der Gedanke verweilte einen Moment lang bei ihm. Er sah vor seinem inneren Auge die Staatsbüttel kommen, mit Hammer und Picke würden sie das gesamte Fundament umgraben, würden hervor holen, was immer dort verborgen war… und sie würden unzweifelhaft auf ihn fallen als dem einzigen Verdächtigen. Wem sollten sie sonst die Schuld dafür geben? Seiner toten Mutter, die in Wahrheit fünfzig Jahre älter gewesen sein sollte, als alle ihre Papiere besagten?

Franky verwarf die Idee. Zu gefährlich. Am Ende würde man ihm nur Fragen stellen, die er nicht beantworten konnte.

Und womöglich sein Vermögen pfänden.

Dann überlegte er, sich psychologische Hilfe zu holen, seiner Situation mit professioneller – und diskreter – Hilfe auf die Spur zu kommen. Wäre das nicht originell? Reicher Erbe geht wegen Mutterkomplexen zum Seelenklempner: Fühle mich ungeliebt, nirgendwo zuhaus. Ich habe hier nur diese zwei Millionen Euro und das große, kalte Anwesen, in dem niemand mit mir leben will. Helfen Sie mir, Doc, ich will mich doch nur lieben, wie ich bin.


Frankys Lachen hallte durch den Salon und rüttelte an den Türen. Ein bitteres Geräusch, das ihn selbst erschreckte. Es war zu befreit. Zu ehrlich mit sich selbst.

Nein. Er brauchte Antworten und die würde er nicht in seinem Inneren finden. Nicht, ohne sich in diesem Labyrinth zu verlaufen.

Also griff er zu seinem Telefon. Mechanisch wählte er eine Nummer, die er in den letzten Wochen wieder und wieder gewählt hatte, sobald er ein Problem hatte. Es klingelte nur kurz, dann melde sich eine männliche Stimme.

„Roth hier. Habe Neuigkeiten für Charlotte, brauche ihre Hilfe. Augenblicklich. Sagen Sie ihr Bescheid.“

Die Stimme versuchte, Zeit zu schinden. Sie habe ein Meeting, ein wichtiges, würde bei nächster Gelegenheit zurück rufen. Was es denn gäbe, ob er etwas ausrichten könne?

Franky beschloss, das Spiel mitzuspielen.

„Ein gewisser Leopold von Schlüsselburg war hier“, log er, „und stellt Fragen. Sehr unangenehme Fragen über den Tod meiner Mutter. Und die Rechtmäßigkeit meiner Erbschaft.“

Vage bleiben, Aussagen offen halten. Er hatte keine Ahnung, wer das sein sollte, nur dass seine Mutter ihn für wichtig gehalten hatte.

Und dass seine Mutter Charlotte offenbar gehasst und diesen von Schlüsselburg geliebt hatte.

„Bitte, sie soll schnell kommen“, sagte Franky.

Dann legte er auf und sah den Schatten beim Wandern zu. In seinem Kopf kreisten Gedanken, die er nicht zu denken wagte, die er an den Rand seines Bewusstseins schob und ängstlich beobachtete.

Was nur, was tust du jetzt, Franky?

Verlangst du Antworten? Baust dich vor ihr auf und sagst du bist kein Kind mehr, du erträgst die Wahrheit jetzt?

Sein Blick fiel auf den Hammer. Er war schwer, aber Franky hatte ihn einige Male geschwungen. Er hatte Übung darin. Und wenn er damit eine Ziegelmauer einschlagen konnte… wäre er im Zweifelsfall eine gute Keule. Gut genug, um Antworten aus Charlotte von Bützow heraus zu holen.

Die Frau, die nicht die Anwältin seiner Mutter war, ihm aber ihre Erbschaft verschafft hatte.

Der Gedanke kam ihm ganz plötzlich, ungebeten. Wie die Fragen zuvor. Wie die Wut über Therese vor einiger Zeit.

Was sie wohl gerade tat?

Fickt einen anderen, der weniger rumheult.
Es war das erste Mal, dass er wieder an sie gedacht hatte seitdem. Wirklich an sie gedacht hatte und nicht nur an diesen Abend.

Franky schüttelte den Kopf, als ob das diese Gedanken vertreiben könnte. Therese war nicht hier. Und wenn sie wusste, was gut für sie war, würde sie weg bleiben.

Es klingelte. Franky sah von seinem Papierhaufen auf, durch den dunklen Salon, zu der Eingangstür am anderen Ende des Hauses. Es war Nacht, draußen wie drinnen.

„Tür ist offen“, brüllte er und hörte nur einen Moment später, wie sie hinter dem Gast ins Schloss fiel.

Sie kam mit einem dunklen, wiegenden Gang ins Haus. Ihr Gesicht lag in den Schatten, aber es war unzweifelhaft Charlotte. Das aggressive Klacken ihrer Schuhe verriet sie. Sie stachen beinahe in den Boden, obwohl sie ganz flach waren.

Das Glitzern in ihren Augen sah er, noch bevor ihr Gesicht in den dünnen Lichtkreis des Mondlichts hinter ihm trat. Es war dasselbe Glitzern, das er bei seiner Mutter hin und wieder gesehen hatte. Eine Mischung aus Hingabe und Verachtung.

Sie knippste das Licht mit einem Fingerschnipsenan, das Glitzern verschwand aus ihren Augen. Charlotte besah sich den Haufen Papiere mit hochgezogenen Brauen. Sie sah ihn, inmitten der alten Papiere sitzend, an den Sekretär seiner Mutter gelehnt, im dunkeln. Wieder einmal. Und sie sah die alten Papiere.

Nicht gerade ein beeindruckender Anblick. Ein Mann umgeben von den Liebesbriefen und Tagebüchern seiner toten Mutter. Ziemlich erbärmlich eigentlich. Aber Franky wollte sie nicht länger beeindrucken.


„Das ging schnell“, sagte er, ohne die Uhrzeit zu kennen. Er stand nicht auf, um sie zu begrüßen.

Charlotte ignorierte es.

„Leopold von Schlüsselburg war hier?“, fragte sie.

Franky hätte gelacht, wenn er noch Humor gehabt hätte.

„Du brauchst eine Woche, um mir bei juristischen Sachen zu helfen, aber du hörst den Namen von diesem Kerl und bist hier. Sehr interessant.“, sagte er.

Sein Tonfall war trocken. Er war zu müde für Sarkasmus.

Die Frau überging die Bemerkung. Sie kam näher, bis zum Rand des Papierbergs vor ihm.

„Hat er die Polizei eingeschaltet?“, fragte Charlotte.

Franky zuckte mit den Schultern, verzog die Mundwinkel.

„Ich weiß nicht, hab nie mit ihm geredet. Keine Ahnung, wer der Kerl ist. Bei mir war keine Polizei. Und ich bislang auch noch nicht bei ihr.“

Franky warf ihr einen der Briefe zu, die er gelesen hatte. Von seiner Mutter an diesen Leopold von Schlüsselburg. Charlotte fischte ihn mit spitzen Fingern aus der Luft. „Ich habe nur seinen Namen gelesen. Dachte, er interessiert dich vielleicht. Mehr als ich wahrscheinlich. Und ich musste dringend mit dir reden.“

Charlotte zog die Brauen zusammen. Ihr Gesicht zeigte kaum eine Regung, als sie den Brief überflog. Es war eine Maske aus Fleisch, die sie aufgesetzt hatte, aber sie hatte wohl vergessen, ihr Gefühle einzuschnitzen. Nur dieser Ausdruck von Misstrauen war zu erkennen. Diese Mischung aus Hingabe und Verachtung, die Franky sein halbes Leben lang begleitet hatte.

Sie ließ den Brief aus ihren Händen gleiten. Er schwebte zu den restlichen Unterlagen hinab.

„Was soll das sein?“, fragte sie.

„Das wüsste ich gerne von dir. Meine Mutter hat mich aus dem Testament gestrichen. Sie sagt es dort selbst, auch in ihrem Tagebuch steht es. Keinen Pfennig, heißt es. Nicht für mich, nicht so lange das Haus noch steht… Und trotzdem bin ich der Alleinerbe, weil es gar kein Testament gab. Komisch, oder?“

Charlotte blieb ausdruckslos.

„Sehr“, sagte sie. „Vielleicht hat sie es sich anders überlegt und ihren letzten Willen geändert oder ihn vernichtet? Oder es ist in ihrem Chaos nicht gefunden worden. Bei uns in der Kanzlei hat sie nie eines hinterlegt.“

„Und ihre Wohnung habe ich vollständig verschrotten lassen. Wie schade.“

Franky sah zu Charlotte auf. Sie starrte ihn mit einem Blick an, der seine Augen schmerzte. Als ob ihr Blick ihm die Augen verbrennen würde. Wie nach einer durchwachten Nacht voller Alpträume.

„Aber zum Glück hast du als ihre Anwältin ja den letzten Erben ausfindig gemacht und dem Gesetz genüge getan“, sagte er.

„Bereust du, dass ich dir aus deinem Loch heraus geholfen habe? Dir Reichtum geschenkt habe, von dem du nie etwas ahntest? Dir ein Leben wieder gegeben habe, von dem du nicht einmal wusstest, dass es dir gestohlen wurde?“

„Du leugnest es nicht?“

Charlotte lachte. Ein Geräusch wie von Glocken, klar und hell und stechend in den Ohren.

„Was sollte ich denn abstreiten?“, fragte sie.

„Dass du gelogen hast!“

Franky sprang auf. Sein Gesicht war rot, sein Herz hämmerte ihm in der Brust. Er fühlte diese Wut in sich aufkommen, diese maßlose und ohnmächtige Wut, dass jeder in seinem Leben ihn immer nur belog. Dass die Wahrheit darüber, warum sein Leben so verkorkst war, wie es war, mit seiner Mutter zusammen im Grab faulte – oder auf irgendeiner Mülldeponie der Stadt.

„Dass du mich benutzt hast, aus weiß Gott für einem Grund! Um meiner Mutter etwas auszuwischen? Diesem von Schlüsselburg, ihrer angeblichen Familie?“

Charlotte verdrehte die Augen. Mit der Fußspitze durchwühlte sie den Berg an Papieren vor sich, suchte nach spannenderen Dokumenten darin. Eine beiläufige Geste, beinahe wie gelangweilt. Von Franky, von seiner Verzweiflung.

„Nicht alles dreht sich um dich, Franky-Boy“, sagte sie und bückte sich nach einer ärztlichen Untersuchung. „Die Sache hat sogar sehr wenig mit dir zu tun. Eigentlich nichtmal mit Schlüsselburg. Ich fürchtete nach deinem Anruf schon, er hätte von der Sache erfahren… Aber vielleicht wird er nach all der Zeit doch langsam weich im Schädel. Du, mein Kleiner, warst ein Zufall. Ein glücklicher für mich, ein unglücklicher für deine werte Frau Mama.“

„Schlampe.“

Das Wort hinterließ einen ekelhaften Geschmack in seinem Mund, wie fauliges Fleisch, das man gerade noch rechtzeitig ausspuckte.

„Miststück!“, brüllte er. Die selbe hilflose Wut, die er bei Therese gespürt hatte. Bei seiner Mutter. Bei jeder anderen Person in seinem Leben, die ihm je etwas bedeutet hatte. Diese Unfähigkeit, das zu bekommen, was er wollte. Den Job, von dem er leben könnte, die Freunde, vor denen er sich nicht schämte. Die Antworten, die er verstehen konnte.


Im nächsten Moment war Charlotte an seiner Kehle. Ihre schlanken Finger bohrten sich in sein Fleisch, ihre Nägel stachen. Blut floß, heiß und dick, aus seinem Nacken. Ihre Augen waren ganz nah an seinen. Ihr Blick brannte ihm in den Augen, die zu glühen schienen. Ihr Atem kroch bittersüß über seine Wangen.

„Benutzt?“, fragte sie. „Wozu sollte man dich schon benutzen können? Ich habe dir die Richtung gewiesen, Franky-Boy, aber in den Abgrund bist du ganz allein gesprungen. Sehenden Auges. Oder hast du gefragt, woher ihr Geld kam? Hast du dein schönes neues Leben abgelehnt? Nein. Du wolltest es. Schiebe jetzt nicht mir dafür die Schuld zu.“

Sie hielt ihn gegen den Sekretär gepresst. Beinahe mühelos drückte sie ihm die Luft ab und brach ihm fast das Rückgrat, indem sie in gegen die Kante des Schreibtisches schlug.

Langsam quetschte sie das Leben aus ihm heraus.

Seine Gedanken rasten, stauten sich in seinem Kopf, der zu zerspringen drohte.

Dann, ein Lichtbltz.

Der Hammer.

Seine Hand tastete hinter sich, bekam den harten Griff zu fassen. Er schleuderte ihn in einem weiten Bogen herum, kugelte sich fast den Arm dabei aus. Die Spitze traf. Erst ein Klatschen, dann ein Krachen. Von Eisen auf Fleisch, dann auf Knochen. Charlotte jaulte auf. Ein tierisches Geräusch. Wie ein Hund, der getreten wurde.

Ein großer, aggressiver Hund ohne Leine.

Ihr Griff hielt ihn weiter umklammert. Franky röchelte, hieb erneut zu. Die Spitze bohrte sich zwischen ihre Rippen. Ein Knacken, ein Brechen das in seinen Ohren donnerte. Dann ein weiteres Wutgeheul, das sie zur Seite schleuderte und Franky mit sich riss. Der Papierberg zerstob in Blut und Staub und Knochensplittern.


Sie rangen. Charlotte packte seine Kehle, hämmerte ihm den Schädel gegen das Parkett. Ihre Knie rammten ihm den Brustkorb und den Magen auf den Erdboden. Sie war leicht, aber kräftig. Mühelos trieb sie ihm die Luft und allen Widerstand aus.

Sie war viel kräftiger, als ihre schmale Gestalt vermuten ließ. Viel kräftiger als sie mit gebrochenen Rippen und einem Hammer im Brustkorb sein sollte, der noch aus der Ruine ihres Oberteils heraus ragte.

Sie packte den Schaft mit schlanken Händen. Ein Ruck befreite ihn aus ihrer Wunde. Blut spritzte auf Franky, es war warm. Ihres oder seines, er war sich nicht sicher.

Charlotte schrie auf. Ein Geräusch wie von Lust und Schmerz und Wahnsinn. Der Hammer krachte in den Haufen Bilder auf der anderen Seite des Salons.

Charlotte hockte über ihm, hielt ihn auf dem Boden wie ein Insekt. Sie atmete schwer. Franky sah es durch das faustgroße Loch in ihrem Brustkorb. Der fleischige Sack blähte sich auf, drückte sich gegen die weißen Zähne, die aus ihrem Oberteil kamen.

Ihr Atem roch ganz anders, als er ihn in Erinnerung hatte. Nach Staub und Asche und alten Büchern. Er überdeckte den Gestank ihres Blutes, das weiter auf ihn tropfte.

Franky schnappte nach Luft. Regen konnte er sich nicht. Nicht einmal atmen.

„Ich hasse es, wenn ihr sowas macht. Wenn eure kleinen Pissgehirne glauben, ihr könntet alleine irgendwas auf die Reihe kriegen, ihr reichen Muttersöhnchen. In Wahrheit, Franky-Boy, bin ich doch der einzige, der dir hier die Stange hält. Wo wärst du ohne mich? Hm? Mittellos in irgendeinem Loch in Kreuzberg. Oder diese Schläger, Jimmy und Johnny, hätten dir die Beine gebrochen. Weil du ohne mich mittellos wärst und hilflos.“

Ihr Gesicht verzerrte sich zu einer Grimasse. Charlotte presste die Zähne aufeinander, knurrte wie ein wildes Tier. Sie bäumte sich unter Schmerzen auf, als sie Luft schnappte.

„Ja, ich hab das Testament deiner Mutter gestohlen und es verbrannt. Ich habe mich in den Nachlass deiner Mutter geschlichen, um ihn dir zuzuspielen. Und? Was jetzt? Gibst du deine unrechtmäßige Erbschaft zurück?“

Franky spürte, wie sich ihre Finger um seinen Hals lockerten. Er rang nach Luft. Seine Augäpfel drohten, ihm aus dem Schädel zu springen. Seine Stimme war rauh, ganz gepresst.

„Wieso?“, fragte er.

„Weil ich es wollte. Weil deine Hure von Mutter mich bestohlen hat. Und ich werde es mir zurückholen. Bis auf den letzten Tropfen.“

„Wieso… lebst du noch?“, keuchte Franky hervor.

Das ließ Charlotte innehalten. Sie sah an sich hinab, folgte dann mit dem Blick der Flugbahn des Hammers. Bemerkte die Stücke von Blut und Fleisch und Knochen, die von ihr in einem Bogen bis zur Wand führten. Ihr Lachen hatte nichts menschliches an sich, sondern hatte alle Zurückhaltung verloren. Es klang wie ein Hund, der den Mond anheulte.

Charlotte biss die Zähne zusammen. Sie litt offenbar, aber allein dass sie bei Bewusstsein war, war ein Wunder. Geschweige denn, dass sie sprechen und Franky überwältigen konnte.

„Weil ich wie deine Mami bin, Franky-Boy. Ich fresse kleine Kinder wie dich, mit Haut und Haar, und sauge ihnen das Leben aus den Knochen.“

Ihre Grimasse kam seinem Gesicht noch näher. Sie fletschte die Zähne, kauerte über ihm. Geifer tropfte auf seine Wangen und vermengte sich mit ihrem Blut.

Franky konnte es fühlen. Diesen Druck in seinem Schädel, wie er ihn schon vor einer Weile gespürt hatte. Bei Therese. Als er sie heraus geworfen hatte wegen irgendeines Impulses, eines Gedanken, der nicht zu ihm gehört hatte. Einen Gedanken, der er bis in die seltsame Kammer unter dem Keller verfolgt hatte.

Es war wie ein psychische Ohrfeige, die ihn erfasste und für einen Augenblick das Bewusstsein raubte und alles auslöschte, was nicht zu dieser Ohrfeige gehörte.

Das Brennen in seinen Augen hörte auf. Eine Klarheit und eine Ruhe kam über ihn, wie bei einem Reh im Scheinwerferlicht. Das Gefühl, dass Charlotte ihm mit ihrem Blick die Augen ausbrannte, ebbte ab.

Auch Charlotte spürte es. Sie wurde davon zurück geworfen, wie von einer unsichtbaren Hand nach hinten geschleudert.

Es war ein einziges Wort, das in seinem Kopf dröhnte und das aus der Nacht zu kommen schien, das er aber nicht erfassen konnte.

Ein einziges Wort, das sich ihm einprägte, sich ihm in die Seele fraß.

Nein.

Niemand hatte es ausgesprochen, niemandes Kehle hatte es formuliert. Aber es war dort, zwischen ihm und der blutigen Frau über ihm, und sie beide hatten es gehört.

Charlotte sprang auf. Mit einer Gewandtheit, die er ihr bei ihrer Verletzung nicht zugetraut hatte, war sie auf den Beinen und wich langsam von ihm zurück. Sie riss die Augen auf und presste eine Hand auf ihre Brust. Nicht auf das faustgroße Loch darin, durch das sich Teile ihrer Lunge zwängten, sondern auf ihr Herz.

Sie wirkte verletzter und verletzlicher in diesem kurzen Moment, als sie es wegen des Hammers in ihrem Brustkorb je getan hatte.

Langsam ging sie rückwärts, rutschte kurz auf einem blutigen Stück Papier aus und fing sich mit Mühe wieder.

„Versuch, nicht wegzulaufen!“, zischte Charlotte ihm zu.

Dann war sie verschwunden und ließ Franky keuchend zurück.