Schwarm – Teil III: Der Käfig

Der Fahrstuhl stank erbärmlich. Nach Hundepisse und nassem Gummi. Wohnung Nummer VierSechsZwei war die zweite Wohnung im sechsten Flur im vierten Stockwerk. Damit lag sie drei Etagen über der, die Thommy und Max die letzten Tage über besetzt hatten.

Sie hätten die Treppe nehmen können, entschieden sich aber dagegen. Niemand nahm die Treppen und außerdem musste der Architekt der Wohntürme irre gewesen sein. Die zwei Türme waren in mehrere Segmente unterteilt, die jeweils fünf hoch waren. Zwischen jedem Segment gab es exakt einen breiten Treppenaufgang und keine sonstigen Verbindungen nach oben. Aber auch innerhalb der Segmente führte kaum eine Treppe durchgehend über alle Etagen – manche von ihnen übersprangen ein Stockwerk oder endeten nach nur einem Absatz. Jeder Treppenaufstieg über mehr als drei Etagen war also mit einigen Fußmärschen verbunden.

Mit den Fahrstühlen sah es kaum besser aus. Obwohl die immerhin die ersten zehn Stockwerke abdeckten, waren die Dinger in einem desolaten Zustand. Eigentlich waren es nur Blechkisten, die von einem Stahlseil nach oben gezogen wurden. Max war nicht einmal sicher, ob sie automatische Bremsen oder Sicherungsseile hatten.

Sie war froh, als sie ausstiegen.

Flur Nummer Sechs und Wohnung Vier war leicht genug zu finden, wenn man wusste, wonach man suchen sollte. Es war eine kleine Wohnung, eine dieser Standardbauten mit exakt geschnittenen, gleich verteilten Wänden und Räumen wie es Dutzende, vielleicht Hunderte im Nest gab. Die Flure waren alle unverständlich und wild angeordnet, aber auf jeder Tür prangte die Wohnungsnummer, auf jedem Ein- und Ausgang aus den Fluren war die Zahl abzulesen, mit der sie sich orientieren konnten. Und oft genug auch einige Graffitis und Bandenzeichen.

Als sie der Wohnung standen, hielten sie zum ersten Mal inne.

Thommy sah sie an.

„Hast du irgendeinen Plan?“, fragte er.

„Freundlich fragen, ob er das Zeug raus rückt?“ Sie sah den Gang entlang. Nichts, nur ein halbes Dutzend weitere Wohnungstüren, dann eine Biegung, eine Windung tiefer in das Labyrinth aus Beton. Auf dem Klingelschild stand kein Name. Nichts, kein Hinweis. Sie mussten sich auf das Wort von Beiß verlassen, dass ihr Ziel hier wohnte.

„Sehr witzig“, sagte Thommy.

Max zuckte mit den Schultern. Sie grinste. Mit einem Schritt war sie an der Tür, eine Klingel schrillte. Sie sah, wie sich der Türspion öffnete und ein kaum erkennbares Auge dahinter schob. Für einige Sekunden starrte sie ein unbekannter Unsichtbarer an. Sie lächelte. Der Türspion schnappte wieder zu.

Max runzelte die Stirn. Nichts geschah.

„Guter Plan“, sagte Thommy. Max ignorierte ihn und klingelte erneut.

Dieses Mal tat sich etwas. Die Tür wurde aufgerissen und von Ketten aufgehalten. Drei davon versperrten ihr den Weg und den klaren Blick auf das halbe Gesicht dahinter.

„Was?“

Eine raue Stimme. Bissig, gereizt. Max‘ Lächeln gefror.

„Hiiiii“, sagte sie und bemerkte kaum, dass sie ihre Stimme ein wenig höher schraubte, ein wenig niedlicher gestaltete. So wenig bedrohlich wie möglich. „Ehm… Hier ist die Bude vom Jojo, oder? Wir sind Freunde eines Freundes und naja, also wir dachten, wir stellen uns mal vor.“

Das eine Auge über der pockennarbigen Wange starrte sie an. Es war braun und an den Rändern leicht entzündet, von geplatzten Äderchen durchzogen.

Es blinzelte nicht.

„Haut ab. Kenn‘ euch nicht, will euch nicht kennen. Kein Deal. Nuh-Uh. Verschwindet.“

Die Tür schlug ihnen vor der Nase zu. Das war das, sie waren abgeblitzt. Max hörte noch das Klackern von einem halben Dutzend weiterer Schlösser hinter der Tür. Dann war es still im Flur, bis auf das Summen, das in jeder Wohnanlage dieser Größe vorkam. Das Summen und Flüstern von hunderten Menschen, die durcheinander sprachen und hasteten, auch wenn die Gänge leer waren.

Als würde der Beton lebendig unter ihnen vibrieren.

„Und jetzt?“, fragte Max.

„Kein Plan. Aber sieht nach Haubenreißer aus. Paranoid genug, um den Beiß bestohlen zu haben, ist er. Gehen können wir jedenfalls nicht, wir brauchen den Stoff.“

Max seufzte. Sie warteten. Etwas anderes blieb ihnen kaum übrig. Sie wussten nicht genau, worauf sie warteten, aber sie warteten. Sie hatten etwa vier Tage Zeit, um eine Lösung zu finden. Sie brauchten das Zeug, das Haubenreißer gestohlen hatte. Eine kleine Kiste.

Also warteten sie.

Die Gänge im „Nest“ waren eine Besonderheit. Der Architekt musste wirklich verrückt gewesen sein, denn keiner der Gänge verlief zielstrebig oder auch nur gerade. Sie machten Windungen umeinander und einen unsichtbaren Kern in jedem der zwei Türme, sie bogen in allen möglichen und unmöglichen Winkeln ab, liefen teilweise schräg an oder fielen in eines der unteren Stockwerke ab. Und sie formten Nischen, so wie man sie vielleicht in mittelalterlichen Gassen erwartete hätte – nur eben im vierten Stockwerk eines modernen Wolkenkratzers.

In einer davon richteten sie sich notgedrungen ein. Ob sie dort warteten oder in der Wohnung ihre Zeit verschwendeten, das war beinahe schon egal. Von dort aus konnten sie immerhin Haubenreißers Wohnung im Blick behalten.

Sie warteten vielleicht vier oder fünf Stunden, bis zum Abend, bis sich etwas regte. Haubenreißer bekam nicht viel Besuch. Eigentlich gar keinen. Streng genommen bekam er gar keinen. Er verließ seine Wohnung auch nicht und verhielt sich für jemanden, der angeblich mit Drogen handelte, sehr ruhig.

„Wieso haut er nicht einfach ab?“, fragte Max irgendwann, als ihr langweilig war. „Er könnte doch einfach… Gehen. Ich meine, er muss wissen, wie dumm das ist, mit dem gestohlenen Zeug hier zu bleiben, wo Beiß ihn findet. In der selben Wohnung auch noch.

„Vielleicht glaubt er, Beiß wüsste noch nicht, dass er das war? Ich mein, Beiß scheint das selbst erst vor zwei Tagen raus gefunden zu haben. Deswegen sind wir doch hier.“

Thommy zuckte mit den Schultern. Er hatte ein Kartenspiel dabei und nachdem er zunächst Solitaire gespielt hatte, beschäftigte er sich seit etwa einer Stunde damit, Taschenspielertricks zu üben.

„Sagen wir er haut ab, was dann? Er kommt nicht raus. Selbst, wenn er es bis ins Erdgeschoss schafft, ohne in einen von Beiß‘ Handlangern zu rennen oder einen anderen Kopfgeldjäger…“

„Kopfgeld?“ Max‘ drehte den Kopf zu Thommy. Der zuckte wieder mit den Schultern.

„Klar. Typen wie dich und mich. Ist doch nichts anderes. Also sagen wir, er schafft es runter. Was dann? Dann hat er immer noch einen Haufen Drogen dabei und draußen keine feste Kundschaft.“

Thommy schüttelte eine halbe Packung Spielkarten aus dem Ärmel. „Oder er ist ein Junkie ohne großen Plan.“

Max grunzte etwas.

Dann, endlich, kam Bewegung in die Suche.

Ein Botenjunge, mit Flaum am Kinn, einer Tüte Essen und einem Zettel in der Hand, kam den Gang hinunter. Er suchte die Türen ab, bis er vor der von Haubenreißer stehen blieb. Einen Augenblick lang starrte er auf seinen Zettel, dann zuckte er mit den Schultern, drückte die Klingel, stellte das Essen vor der Tür ab und verschwand wieder.

Einige Minuten später öffnete sich die Tür. Eine Hand streckte sich durch den Spalt, griff nach der Tüte mit dem Essen. Sie zerrte ein wenig und zog, aber hatte rasch das Essen durch den Spalt gebracht, durch den Max heute Mittag angestarrt worden war.

„Ich hab eine Idee“, sagte Sie. „Ich hab ‘ne richtig gute Idee.“

Am nächsten Tag stupste sie Thommy wach, der zusammengekauert in einer Ecke schlief. Für den Fall der Fälle sollte er Rückendeckung geben. Es war später Vormittag oder früher Nachmittag, sie konnte das hier drinnen nicht wirklich sagen. Mehr als ein halber Tag war seit der letzten Lieferung vergangen und niemand hatte die Wohnung betreten oder verlassen.

Aber ein weiterer Botenjunge mit einer weiteren Lieferung Essen, größer diesmal. Maxine fing ihn ab, noch bevor er die Tür erreichte. Sie überzeugte ihn, dass sie eine Freundin von „Jojo“ sei und er ihr das Essen geben sollte. Ein großzügiges Trinkgeld erledigte den Rest.

Sie aßen es selbst. Es tat gut, mal etwas warmes zu essen. Selbst, wenn es nur Pizza war und Max sich nach fast einer Woche bereits wieder nach richtigem Essen sehnte.

Dann warteten sie weiter.

Zwei Stunden später kam der nächste Lieferant. Gegen den späten Abend hatten sie bereits den vierten abgefangen. Haubenreißer musste hungrig sein mittlerweile. Kurz vor dem verhungern. Selbst wenn er vor seinem Diebstahl vorsorglich eingekauft hatte – und Max bezweifelte es – war das mittlerweile mehr als drei Tage her.

Sie entschieden, ihn noch eine Nacht warten zu lassen. Ausgehungert würde er sich vielleicht eher auf einen Handel einlassen. Am nächsten Morgen weckte Thommy sie. Er hielt eine schmierige Papiertüte in der Hand mit dem gelb-roten Logo eines Schnellimbiss‘. Max drehte sich von ihm weg und würgte. Noch mehr Fett.

„Bereit?“, fragte Thommy, während er sich über einen Muffin und Soda her machte.

Max blinzelte sich den Schlaf aus den Augen, sie streckte sich.
„Besser wird es nicht. Wenn er noch hungriger wird, frisst er am Ende uns. Jetzt können wir vielleicht noch mit ihm verhandeln, ihn mit Beiß unter Druck setzen.“

Thommy mahlte mit den Kiefern.

„Und wenn was schief läuft? Wenn er nicht kooperiert?“

Max nickte. Sie zog ihren Pulli nach oben und entblößte neben ihrem Bauch auch den Griff einer Pistole. Ein grobes Ding mit einer kurzen, hässlichen Schnauze. Eine Erbsenschleuder, hätten sie es bei der Truppe genannt. Aber gut für enge Korridore, für kleine Räume. Nicht zu laut, nicht zu schwer. Und mit dem Kaliber lief sie nicht Gefahr, jemandem versehentlich ein paar Arterien zu zerschießen, bevor sie alle Antworten hatte.

„Wieso hast du ne Knarre dabei?!“, zischte Thommy. Er hatte Angst in den Augen. Nicht vor der Waffe – er hatte selbst schon einige davon gehalten, das wusste Max – sondern vor ihr.

„Ich bin gern vorbereitet.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du weißt, dass die Jungs, hinter denen ich her bin, nicht gerade zimperlich sind, oder?“

„Aber ne Knarre? Der große Gleichmacher? Das erhöht den Einsatz, Max. Macht Leute nervös. Nervöse Leute treffen dumme Entscheidungen.“

Max versteckte die Pistole wieder unter ihrem Pullover. „Ich werd nicht unbewaffnet in diese Wolfshöhle laufen. Und ich werd mich nicht drauf verlassen, dass Beiß oder irgendwer sich um meinen Arsch kümmert, wenn der erst auf Glatteis ist.“

Sie klopften. Thommy klopfte, Max stand sichtbar hinter ihm. Hinter seinem Rücken hatte sie die Hände an der Hüfte, nahe am Griff ihrer Waffe, aber noch gut sichtbar.

„Ihr schon wieder?“

Die Stimme hinter der Tür war noch genau so dumpf wie zuvor. Aber Max bildete sich ein, dass sie hungriger klang. Etwas gereizter als vor zwei Tagen.

„Verschwindet“, sagte sie wieder. „Kenn euch immer noch nicht, will euch nicht kennen.“

Thommy hob eine Tüte in die Höhe. Darin lag eine größere Menge Tütenessen, das sie in einem Supermarkt unten im Wohnturm gekauft hatten. Abgepackte, billige Ware.

„Wir haben Essen mitgebracht. Und Geld. Komm, man. Fünf Minuten. Rein, raus, ihr habt eure Ruhe, wir das Zeug.“

„Wartet hier.“

Sie warteten. Der Geruch von Fett und Glutamat ließ Max schlecht werden. Fünf Minuten später hörten sie Ketten hinter der Tür rasseln. Man öffnete, ließ sie herein und sperrte sofort hinter ihnen wieder zu. Ein halbes Dutzend Ketten, Riegel und Sicherheitsschlösser nahm die Tür ein. Selbst die Scharniere waren verstärkt.

Er stieß sie in die Wohnung, die dunkel vor ihnen lag. Hinter Max und Thommy fiel die Tür ins Schloss und wurde rasch wieder verriegelt. Thommy blickte nervös über seine Schulter und sah, wie die Tür hinter ihnen wieder verriegelt wurde.

„Joachim ist im Wohnzimmer“, brummte der Mann, der sie eingelassen hatte. „Gang runter.“

Thommy hatte Mühe, den Weg durch den dunklen und vollgestellten Flur zu finden. Kein Licht brannte, niemand schaltete es ein. Im Wohnzimmer begrüßte sie Zwielicht.

Es war ein staubiger, vollgemüllter Raum. Schrankwand in Eichenoptik, Kacheltisch, graue Fusselteppiche, keine Vorhänge aber Jalousien, die herunter gezogen waren und nur Dämmerlicht einließen.

Haubenreißer saß in einem Lehnsessel, starrte sie an. Er sah zu der Tüte in Thommys Hand. Max bemerkte, wie gierig er die Luft einzog. Er hatte seit fast zwei Tagen nichts gegessen, außer das, was er in der Wohnung gefunden hatte. Und er hatte sich offenbar statt an fester Nahrung an seinem eigenen Inventar bedient.

Maxine betrachtete den Mann vor sich, ließ ihr Erfahrung die Lücken in seiner Erscheinung ausfüllen. Ungewaschen, paranoid, vermutlich selbst abhängig. Mann um die dreißig, vermutlich vorbestraft wegen anderer Sachen. Er war groß, einen Kopf größer als sie, durchaus muskulös. Keine Tattoos, jedenfalls keine, die sie sehen konnte, aber eine mehrfach gebrochene Nase und Narben. Vermutlich Körperverletzung.

Schwerer Fall, schätzte Maxine. Mindestens fünf Jahre hätte sie gesagt. Vielleicht mehr, je nachdem wie viel er so verschob und wie oft er seine zweite Chance verschwendet hatte.

Trotzdem waren das eine Menge Sicherheitsvorkehrungen für einen vergleichsweise kleinen Fisch. Sie nickte ihm zur Begrüßung zu, hielt ihm die Hand hin. Er schlug aus und deutete auf eine durchgesessene Couch mit graubraunem Polster.

Es stank hier drinnen. Noch mehr als draußen. Als wäre seit Tagen nicht gelüftet worden.

„Was wollt ihr?“

Thommy warf das Essen auf den Tisch.

„Teile“, sagte Thommy. „MDMA. Größere Menge.“

„Wie groß?“

Thommy zuckte mit den Schultern. Er sah zu Maxine, die schräg hinter ihm stand.

„Zwei- bis dreihundert Pillen.“

Haubenreißer pfeifte anerkennend.

„Hast gehört, Paul? Die woll‘n ‘ne Kompanie versorgen. Was, Straßenschlägerei geplant, vorher noch putschen?“

„Ist das ein Problem?“

Haubenreißer überlegte einen Augenblick. Er musterte Thommy, von den zerlaufenen Tretern bis zum ungekämmten Bart.

„Nein“, sagte er. „Geld auf den Tisch.“

Thommy holte das Geldbündel aus der Hosentasche, warf es auf den Tisch mit den Fliesen. Es war alles, was sie noch hatten. Aber wenn sie hier ohne das Diebesgut von Beiß raus kamen, wäre es sowieso wertlos. Der bullige Sicherheitschef hatte klar gemacht, dass er kein Geld als Bezahlung akzeptieren würde.

Haubenreißer griff danach, zählte es mit flinken Fingern. Er nickte dabei und lächelte. Dann schlug er nach seinem nach seinem Nacken. Als ob dort ein Insekt lauern und ihn stechen würde. Sein Blick Augen huschte durch den Raum, blieb letztlich an Max hängen. Er hatte dunkle Augen, aber heller als die von seinem Freund. Im Licht spiegelten sie sich, genau so entzündlich wie die des Anderen. Beide Männer hatten nicht viel geschlafen. Beide waren gereizt. Und wahrscheinlich hatten sie Drogen genommen. Nur welche?

Max leckte sich über die Lippen. Der Drogenhändler warf seinem Kumpel das Bündel Geldscheine zu, der ging ins Nebenzimmer. Wohl um die Ware zu holen.

Haubenreißer schlug erneut nach irgendetwas. Und diesmal war es, als würde Max selbst ein Geräusch hören.Wie das Schlagen von tausend kleinen Flügeln aus Chitin, wie das Summen von Insekten.

„Blutsauger“, grunzte Haubenreißer als Erklärung. „Wie Kakerlaken. Nur mit Flügeln und Zähnen und kleinen Stacheln.“

Ein Schauer und ein Ekel überlief Max. Nicht vor ihm – nicht hauptsächlich – sondern vor dem Bild von hunderten dieser Viecher, die ihr vor dem geistigen Auge standen.

„Ihr seid nicht von hier, oder?“

Thommy schüttelte den Kopf.

„Sind nur kurz hier abgestiegen. Seit vier Tagen oder so? Haben gehört, hier würden größere Mengen verschoben.“

Max hörte ihn kaum über das Brummen in ihren Ohren.

„Würde nicht hier bleiben an eurer Stelle. Würde schnell wieder abhauen. Bin selbst auf dem Weg nach draußen. Das Nest ist ein Morast, aus dem ihr nicht wieder weg kommt. Ein Sumpf, in dem Insekten der scheußlichsten Art ihre Eier legen. Die fressen einen hier drinnen. Die Viecher und der Beiß.“

„Meinst du Mücken?“, fragte Thommy.

„Mücken? Mücken?“

Haubenreißer lachte hysterisch auf. Er zerrte sich das T-Shirt vom Nacken. Eine Reihe Einstichlöcher waren daran zu sehen, auch an seinem Unterarm. Zu groß für Spritzen, viel zu groß. Sie waren riesig, die Haut ringsum nicht angeschwollen, wie von Insektenstichen, sondern nur entzündet und verkrustet.

„Sieht das wie Mückenstiche aus, Man?“

Thommy schüttelte den Kopf, er wurde bleich um die Nasenspitze.

In diesem Augenblick glaubte Max, die Insekten zu sehen, von denen Haubenreißer sprach. Große, garstige Dinger, die sie nicht beschreiben könnte. Zu viele Beine, zu viele Nadeln und Rüsseln und Flügel, um sie zu lange anzusehen. Und groß. Viel zu groß.

Sie schlug danach, obwohl sie sich davor ekelte. Sie wollte es nicht berühren, nicht einmal, um es zu zerquetschen. Aber noch weniger wollte sie davon berührt werden.

Das Vieh zerklatschte auf ihrem Pullover. Sie spürte, wie es unter ihren Fingern platzte. Wie Blut und Eingeweide aus dem Ding hervor quollen und ihre Hand beschmutzten. Angeekelt zog sie sich zurück, versuchte das Gemisch abzuschütteln, aber wie Honig blieb es an ihr Kleben.

„Huh“ sagte Thommy. „Nein. Nein, sieht nicht nach Mücken aus.“

Er sah aus dem Augenwinkel zur Tür, durch die der Kumpane von Haubenreißer gegangen war, um den Stoff zu holen. „Sieht“, sagte Thommy, „Sieht bisschen aus wie Einstiche für V. Hab die mal bei meinem Vetter gesehen. Soll geil sein das Zeug.“

Das war ein Fehler gewesen. Die Temperatur im Raum sank um gute zehn Grad. Haubenreißer sprang auf, schleuderte dabei fast den Tisch um.

„V? Hier gibt‘s kein V. Was für V? Nie gehört. Was is das? Keine Ahnung, schwöre, Herr Kommissar. Haut ab, verpisst euch.“

Sein Kumpane kam bei dem Radau aus dem Nebenzimmer, er und Haubenreißer umkreisten den Tisch, kesselten sie ein. „Verpisst euch“, brüllte Haubenreißer.

Max stolperte aus der Reichweite seiner Hände. Das Geräusch in ihren Ohren wurde stärker. Es war wie das Summen, das sie im ganzen Turm gehört hatte, nur stärker. Durchdringender, bis auf die Knochen.

Sie wusste jetzt, warum die Türme „das Nest“ genannt wurden, wenn es solche Viecher hier gab.

Und dann fielen die Schüsse.

Schwarm – Teil II: Ein Angebot

Die nächsten Tage verbrachte Max in einer Art von unruhigen Trance. Einer nach dem Anderen verschwanden die anderen Bewohner ihrer Wohnung. Die Räumaktion in der Nachbarwohnung schien alle aufgewühlt zu haben. Max beobachtete es teilnahmslos, wie das Geschehen hinter einer Terrariumsscheibe.

Mehrfach kam auch ihr der Gedanke an Flucht, aber irgendetwas in ihr hielt sie zurück. Selbst ihre Alpträume fühlten sich klebrig an, und waren voller verlockender Stimmen und greifender Hände, die sie an diesem Ort festhielten.

Thommy machte einige Unternehmungen in diesen Tagen und Max folgte ihm dabei. Er trieb Geld auf, größere Summen, die er gegen Drogen oder in Zukunft einzutreibende Gefälligkeiten tauschte. Sie beteiligte sich und tauschte einige der Aluminiumkügelchen in ihrer Tasche ein, erfuhr aber nichts über den eigentlichen Grund ihres Aufenthalts. Der verschwundene Junge und die Gang, bei der er untergekommen sein sollte, waren unauffindbar.

Oder jedenfalls verriet ihr niemand etwas, ob die Sicherheitskräfte damit zu tun haben könnten.

Zwei Tage zogen wie ein großer Nebel an ihr vorbei, eine ungreifbare, aber ominöse Zeit, die einfach nur vorüber strich.

Der Schwindel in ihrem Kopf löste sich erst, als sie und Thommy als letzte in der Wohnung verblieben waren. Eine Ruhe trat ein, durch die sie das Blut in ihren Ohren rauschen und ihr Herz in ihrer Brust hämmern hören konnte.

Der Sturm kam noch am selben Nachmittag.

Stephan Beiß.

Er sah besser aus als vor zwei Tagen, als Max ihn das letzte Mal gesehen hatte. Er hatte die Kleiderhaken und Holzsplitter aus seinem Schädel gezogen und war bandagiert worden, notdürftig. Eine Hälfte seines Schädels wirkte immer noch matschig. Als wäre sein linke Augenhöhle geborsten. Teile des Knochens lagen immer noch frei.

Aber er stand und wenn überhaupt beeindruckten sie die Wunden in seiner Visage nur noch mehr.

Der Mann hält nie inne, dachte Max. Niemals.

Er zwängte sich durch die Tür.

„Beiß!“, sagte Thommy, „Hey, Hallo, schön Sie zu sehen. Kommen Sie rein, setzen Sie sich. Können wir Ihnen was anbieten? Was verschafft uns die Ehre?“

„Falsche Frage“, sagte er, sah sie beide an. Thommy wich vor seinem Blick zurück, fast hinter die Couch. Max blieb dort sitzen, wo sie war.

Sein Blick war nicht so scharf wie vor zwei Tagen, weniger klar. Das Blau seiner Augen war trüber, wie schmutziges Eis. Dennoch fühlte sie sich aufgespießt. Wie ein Insekt an einer Nadel. Wie einer dieser Käfer, die ihr Großvater gesammelt hatte. Eingefangen mit Honig, in einem Netz gefangen, mit Äther benebelt und mit einer Nadel in einem Schächtelchen befestigt.

Zum ersten Mal hörte Max seine Stimme. Ihr fiel auf, dass er bei seinem Räumkommando vor zwei Tagen, nicht ein Wort gesprochen hatte. Keines, das sie gehört hätte. Sie hatte sich eingebildet, seine Stimme zu hören, in ihren Träumen, in ihren Ängsten. Ein Grollen, hatte sie geglaubt, wie von einem Bär in einer Höhle.
Aber Stephan Beiß klang ganz normal. Ein wenig tiefer vielleicht, ein wenig rauer, als eine normale Stimme. Aber doch ganz menschlich. Angenehm beinahe.

Thommy knirschte mit den Zähnen. Er sah zu Max, wieder zu Beiß.

„Wie können wir zu Diensten sein?“, fragte Thommy. Er zwang sich zu einem Lächeln, das schmierig war. Unterwürfig. Wie ein Hund, den man zu oft geschlagen hatte.

„Besser“, sagte Beiß. Er nickte seinen drei Handlangern zu, die mit ihm herein gekommen waren. Zwei von ihnen gingen in die Nebenzimmer, nach anderen Bewohnern suchen. Der dritte ging hinaus, schloss die Tür hinter sich.

Nach einer Minute des Schweigens kamen die beiden aus den Nebenzimmern zurück, schüttelten die Köpfe.

„Sehe, die Ratten sind schon geflohen?“

Thommy versuchte zu lächeln. Es sah scheußlich aus, eine Grimasse unter Halbnarkose.

„Du weißt doch, wie die sind. Ein echtes Tier kommt vorbei und die Feiglinge hauen ab.“

„Süß“, grunzte Beiß. „Hab‘ nen Job für dich, Leucht. So ein Sackgesicht hat uns bestohlen, versucht uns zu verdrängen. Die kleine Zecke hat sich nett und fett in seiner Wohnung festgesetzt. Kennt meine Leute. Du wirst reingehen und ihn für uns ein bisschen auflockern. Klar?“

„Das ist illegal“, sagte Max.

„Oooh, nein, wirklich? Die Scheiße, die ihr hier treibt, auch. Zahlt euren Anteil oder verpisst euch, ich bin nicht die Wohlfahrt.“

Max zog die Brauen zusammen.
„Nein, ist es nicht. Aber Leute so zu behandeln ist trotzdem kriminell.“

Beiß kam näher. Er musste sich bücken, um mit Max auf Augenhöhe zu sein. Und trotzdem hatte er eine massige, fleischliche Präsenz.

„Ich erinner mich an dich“, grollte Beiß. „Hast mich vor zwei Tagen blickgefickt, als ich die Diebe nebenan rausgeworfen habe.“

„Mir die hässliche Seite von Menschen anzugucken ist so eine Art von Berufskrankheit.“

Max hielt seinen Blick aus, obwohl sich ihr der Magen zusammen zog. Seine Augen waren milchig. Besonders das linke, das in der zertrümmerten Augenhöhle. Wie eine schorfige Wunde.

„Bist du ‘n Bulle?“

Es ging ihn eigentlich nichts an. Und es könnte sie in Teufels Küche bringen, wenn er sie für einen Spitzel hielt. Andererseits konnte sie ein wenig Autorität jetzt echt gebrauchen.

Sie ließ es darauf ankommen.

„Früher“, sagte sie. „Jetzt nicht mehr.“

„Hmmmm“, brummte Beiß. Er musterte sie, wie man einen Boxer mustert, bevor man auf ihn wettet. Er sah zu Thommy. „Leucht, du kennst interessante Leute.

Maxine Schwarzbrunn“, sagte er und sah wieder zu ihr. Die Spur eines Lächelns schlich über sein Gesicht. Überrascht stellte Max fest, dass er noch alle Zähne im Mund hatte. Ein Wunder bei einem Mann in seinem Geschäft. Mit seinen Methoden. „Unehrenhaft entlassen. Gewalt gegen einen Verdächtigen, persönliche Motive. Racheakt. Schwere Köperverletzung, versuchter Totschlag. Entlassen, um einer Untersuchungskommission auszuweichen.“

Max presste die Kiefer aufeinander. Das war alles Teil ihrer Polizeiakte, versiegelt und geheim in irgendeinem Archiv der Staatsbehörden. Teil eines Pakts zwischen ihr und den Apparatschiks.

„Wegen unüberbrückbarer Differenz einvernehmlich das Arbeitsverhältnis aufgekündigt“, presste sie zwischen den Zähnen hervor.

Beiß lachte. Eigentlich bellte er mehr. Etwa, wie in Maxines Träumen. Er wandte sich wieder zu Thommy, deutete mit dem Daumen auf Max.

„Ich mag sie. Hat Eier die Kleine. Wo findet ein Versager wie du solche Freunde, hm?“

Thommy hatte der Szene zugesehen, ohne etwas zu sagen. Er hatte nur gestarrt, den Atem angehalten. Sein Blick sagte Max, dass er noch mit ihr darüber sprechen würde. Sie hatte ihm nicht gesagt, dass sie entlassen worden war. Sie fühlte einen Stich im Herzen.

„Haben früher zusammen gearbeitet, oder Max? Bei Weißpapier. Früher. Transportsicherung, Gebäudeschutz. So Sachen. Sie hat einen echten Job danach bekommen. Ich nicht.“

Beiß zog eine seiner Augenbrauen hoch. Ob anerkennend oder skeptisch war schwer zu sagen. Maxine suchte seine Gesichtszüge ab, konnte sie aber nur schwer lesen. Die Wunden entstellten ihn, die Brüche ließen ihn die Lippen und die Wangen komisch bewegen. Schief. Und der dünne Film, der seine Augen eintrübte… Als wäre er… nicht wirklich hier? Oder nicht wirklich er. Als würde sein Blick sich nicht auf Leucht selbst richten, sondern irgendetwas anderes. Hinter ihm. In ihm.

„Kenn den Weiß, guter Mann. Harte Arbeit, mies bezahlt“, sagte Beiß schließlich. „Was suchst du hier, Polizistin – Arbeit oder Streit?“

Max zwang sich zu einem bissigen Lächeln.

„Weder noch. Meinen Bruder. Letzte Familie, die ich habe, soll hier wohnen.“

Beiß‘ Augenbraue senkte sich wieder, sein Gesicht wurde hart. Unnachgiebig. Er nickte und sprach mehr zu Max als zu Thommy. Er verfolgte ihre Lüge nicht weiter.

„Handel bleibt der gleiche. Sogar besser, wenn du dabei bist. Der Typ ist gefährlich. Irre. Zu viel von seinem eigenen Zeug genommen. Heißt Joachim. Joachim Haubenreißer. Wohnung VierSechsZwei. Hat ein Päckchen gestohlen, Haufen kleiner Gläser, lang und dick wie mein Finger. Vertickt das und anderes Zeug an Junkies. Leute wie eure Nachbarn. Ich will sie zurück, bis Ende der Woche. Erledigt das – und vielleicht kann ich euch helfen.“

Beiß musterte Thommy noch einmal, kurz und eindringlich. Ein Mundwinkel zog sich nach oben, in einer Art von entstelltem Lächeln. Dann drehte er sich um und ging, ohne ihre Antwort abzuwarten. Sein Handlanger folgte ihm.

Maxine atmete aus. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte. Luft war im Moment ihr geringstes Problem gewesen, sie hatte sich nur auf Beiß konzentriert. Sie sank nach hinten auf die Couch. Thommy hing neben ihr, mit dem Oberkörper über der Lehne.

„Ist der immer so?“, fragte sie.

„Du hast ihn die Frau neulich in die Hölle prügeln sehen, oder?“

„Yeah…“

„Was für eine dumme Frage ist das dann?“

„Eine ängstliche.“ Max zog das Drehzeug aus ihrem Pullover. Sie stellte fest, dass sie zitterte und der Tabak neben dem Papier herunter fiel. Sie versuchte, zu atmen.
„Angst, du?“, fragte Thommy. „Ich dachte du fürchtest weder Tod noch Teufel.“

„Du hast ihn die Frau neulich in die Hölle prügeln sehen, oder?“, warf sie ihm seine eigene Frage zurück. Sie gab es auf, drehen zu wollen und drückte Thommy das Päckchen in die Hand.

Er sank neben ihr auf die Couch, nickte langsam.

„Der Job unterscheidet sich nicht groß von unseren anderen“, sagte er. „Wir haben bei Weißpapier andere Dinger gedreht.“

„Das war früher, Thommy. Und tut dir jetzt keinen Gefallen. Weißpapier ist ‘ne Söldnerfirma für Leute die nichts als ihre Ketten zu verlieren hatten.“

„Wirst du jetzt moralistisch?“ Er hielt ihr eine Zigarette hin, zündete sie für sie an.
„Nein, nur gierig. Vielleicht bin ich zu stolz, mich für ein paar Monatsmieten umschießen zu lassen… “

„Und trotzdem bist du hier.“

„Trotzdem bin ich hier“, sagte sie zwischen den Zähnen und der Zigarette hindurch.

„Nicht wegen eines Auftrags von der Polizei jedenfalls.“ Thommy zündete sich selber eine Zigarette an.

„Können wir das später klären? Bitte?“

„Ich verdiene eine Antwort, Max. Worüber hast du noch gelogen? Der Junge, die Gang, nach der du suchst? Auch nur ein Vorwand?“

„Nein. Ich schwöre, ich erkläre es dir, aber nicht gerade jetzt, Thommy. Okay? Später. Nachher. Ich glaube… Ich glaube das hier war eine echt miese Idee. Vielleicht meine schlechteste.“

„Hey, das ist okay. Aber… ich muss wissen, auf wessen Seite du hier bist. Also auf meiner oder der der Bullen. Wenn du rein willst, cool. Kein Ding. Ich mein, will ich auch. Aber ich muss wissen, ob du mich danach direkt bei deinem Chef ablieferst.“

Max starrte aus dem Fenster. Gute Frage, dachte sie. Auf wessen Seite war sie eigentlich? Ihrer. Aber das half ihr nicht viel.

„Nein. Nein, werde ich nicht. Ich will nicht zurück. Bin gefeuert worden. Hab einen Verdächtigen… Einen Täter zusammen geschlagen, der Junge liegt im Koma. Er hatte es verdient und er war schuldig wie sonst nur was, aber…“

Max schüttelte den Kopf. Sie seufzte, blies den Rauch durch die Nase.

„Verstehe.“

„Nein. Nein, tust du nicht. Wir haben ‘ne Menge Scheiße durchgemacht, aber wir haben nie jemanden getötet. Nichtmal schwer verletzt. Vielleicht den einen Junkie bei Weißpapier damals, aber das war eine andere Sache. Erinnerst du dich? Der Typ, der versucht hat, Ramon abzuziehen, als wir gerad dabei waren? Das war ein Unfall. Oder Selbstverteidigung. Aber es… verändert einen. Sie sagen dir immer, dass es das tut, aber man weiß es nicht wirklich, bis man selber jemanden umgebracht hat.“

Thommy kramte eine Flasche unter der Couch hervor. Beinahe leer. Vodka. Die letzten Reste für schlechte Zeiten, wenn es hart kam und sie Trost brauchten. Und wann, wenn nicht jetzt? Sie tranken und starrten an die Wand.

„Deswegen bist du jetzt hier? Hast Blut geleckt?“

„Scheiße, Nein. Deswegen sag ich, dass das eine schlechte Idee ist, Thommy. Klingt nach der gleichen Nummer. Klingt nach ‘ner Falle. Hat überall die gleichen schmutzigen Fingerabdrücke wie die andre Sache drauf.“

„Du meinst ein Typ wie der Beiß lässt sich abziehen und setzt uns drauf an, statt sich die Sache selbst vorzunehmen? Bitte. Irgendwas stinkt. Ich weiß nur noch nicht, was.“

„Kann ich dir sagen, was stinkt: Ihm ist eine Ladung der neuen Designerdroge abhanden gekommen und der Mist ist wertvoll. Und unsere Chance, nach oben zu kommen. Rein zu kommen. Du suchst den Jungen, oder? Hast du selbst gesagt. Glaubst die Bande hat den entführt oder festgehalten oder was auch immer. Selbst, wenn Beiß drin steckt… Anders kommen wir nicht hoch.“

„Ich mag die Sache wirklich nicht.“

Der Alkohol brannte in der Kehle und im Kopf. Brannte die Angst aus, die Zweifel.

„Ich will nach oben, ja. Aber ich will weder in seiner Schuld stehen, noch will ich, dass ein Typ wie der was gegen mich in der Hand hat.“

„Hast du nicht noch Kontakte bei den Bullen? Sicherlich kannst du im Zweifelsfall was drehen, oder? Lass sie Haubenreißer hoch nehmen, wir nehmen nur das Beweismaterial und Beiß ist glücklich?“

„Keine Chance. Unehrenhaft entlassen trifft‘s ganz gut. Der Gerichtsmediziner der Direktion mag mich noch, der Rest… Möglich, dass sie den Kerl hoch nehmen würden, wenn ich einen Tipp liefere. Unwahrscheinlich, dass sie es in den nächsten vier Tagen tun. Undenkbar, dass wir was vom Kuchen abbekommen. Unmöglich, dass es dem Beiß gefällt. Zu riskant.“

Eine Zeit lang schwiegen sie beiden, tranken. Es gab nicht viel zu sagen, aber viel zu denken.

„Dann hau ab“, sagte Thommy irgendwann. Er sah durch die leere Wohnung. Zu den durchgelegenen Matratzen, die sich stapelten. Zu den Überresten von Freunden und Bekannten, die hier für einige Tage geschlafen hatten, bevor sie abgehauen waren. Wie die Kakerlaken bei Licht

„Ich hab dir gesagt, dass es das nicht wert ist. Geh einfach. Geh und such dir was besseres. Ich komm alleine klar. Irgendwie. Du hast die Karriere bei den Bullen verkackt – na und? Du kannst immer noch was aus dir machen. Du musst hier nicht sein, du findest was anderes. Ich nicht.“

Er log. Max wusste, dass er log. Alles nur Scharade und Pantomime. Er brauchte jede Hilfe, die er kriegen konnte. Sie hatte keine Ahnung, wer dieser Haubenreißer war, wie viele… wie viele Leute er hatte. Ob er zu Gewalt bereit war oder mit sich reden ließ.

Wahrscheinlich nicht.

Der Beiß war nicht gerade ein sanfter Kerl. Wenn der zögerte, zuzupacken, dann lag Ärger in der Luft. Gewaltiger Ärger.

Aber Max wollte nicht zurück. Nicht, weil sie dieses Leben vermisst hätte – sondern weil das Angebot für den Jungen zu gut gewesen war.

„Scheiß drauf“, sagte sie, „Ich werd dich nicht hängen lassen. Du hast mir geholfen, ohne Fragen zu stellen. Das zählt dieser Tage viel für mich. Muss es.“

Sie sprang von der Couch, hielt Thommy die Hand hin.

„Los, sehen wir uns die Sache an. Vielleicht finden wir was, vielleicht nicht.“

Schwarm – Teil I: Ein dumpfer Traum

Die Sonne war ein Loch im Himmel, dunstig und belastend. Ihre Ränder fransten aus wie ein Mottenloch. Max blickte vom Himmel über das Häusermeer, die gesichtslosen Fassaden in der Ferne hinunter, den Platz entlang, zurück auf die Fensterscheibe zwischen ihnen. Ihr Gesicht spiegelte sich darin, undeutlich und unbedeutend.

Sie klopfte dagegen, als ob sie die wirre graue Masse vor dem Fenster damit zerbrechen könnte.

Nichts. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos und die ominöse Traurigkeit schwebte weiter über ihr. Max drehte den Kopf zur Seite.

Sie befand sich in einer kleinen Wohnung im zweiten Stockwerk einer Anlage aus Wohntürmen, die von allen nur „das Nest“ genannt wurde. Max hätte es eher einen Bau genannt, einen Termitenbau. Voller Parasiten und Schädlinge. Und es war der Treffpunkt einer ganz speziellen Bande von Nutzlosen und Tagedieben.

Sie hatte keinen Namen, keinen, der irgendetwas bedeutete. Eigentlich war auch schon der Name Bande zu viel gesagt, wie Max in den letzten Tagen heraus gefunden hatte. Im Grunde sammelten sich hier nur Kleinkriminelle an – Faulenzer und Junkies, die ihre Tage vor sich hertrieben ließen wie Treibgut. Irgendetwas spülte sie hier an. Vielleicht die verfügbaren Unterkünfte, vielleicht die gesichtslose Großstadtnachbarschaft, in der sie mühelos untertauchen konnten.

Einige von ihnen lagen im Wohnzimmer verteilt, saßen an den Wänden. Vielleicht zehn teilten sich dieses Appartement oder hatten es besetzt, was auch immer man dazu sagen wollte. Ein oder zwei unterhielten sich, kritzelten auf Zeichenblöcken herum. Der Rest schlief auf schäbigen Matratzen und würde bis in den frühen Nachmittag hinein schlafen.

Hartnäckig hatte Max die Couch verteidigt, auf der sie diese und die letzte Nacht verbracht hatte. Sie änderte ihre Haltung, hievte sich halb nach oben und zog die Beine an. Sie kauerte sich am Ende der Couch zusammen, Wange und Schulter gegen die kühle Fensterscheibe gepresst.

Sie kramte in ihrem Rucksack, den sie als Kopfkissen benutzt hatte. Wechselkleidung, ein wenig Essen, Hygieneartikel. Ein schlechter Liebesroman, den sie bereits drei Mal gelesen hatte. Verbandszeug und Spritzen hatte sie zu einem kleinen, ledernen Päckchen verschnürt und es nicht angerührt. Genau wie die etwa daumengroßen Aluminiumkügelchen, die sie aus der Tasche ihrer Strickjacke zog. Die waren Tarnung – und ersetzten hier drinnen das Schmiergeld.

Sie zog ein zweites kleines Täschchen hervor, aus dem Filter und Papiere quollen.

Sie zog die Nase hoch, rieb sich das Auge mit der linken Handfläche. Noch etwas verschlafen blinzelte sie den Körper an, der vor ihrer Couch auf einer dünnen Matratze lag. Genau wie sie trug er noch seine Kleidung vom Vortag, oder von der Vorwoche. Im Gegensatz zu ihr hatte er eine Decke.

Sie trat ihm gegen das Schienbein.

„Thommy“, sagte sie. „Thommy, ich brauch den Tabak.“

Seine Augen öffneten sich schwerfällig. Er blinzelte mit geröteten Augen, die er gar nicht richtig öffnen konnte. Sand klebte ihm zwischen den Lidern und er sah aus dünnen Schlitzen an Max vorbei aus dem Fenster.

„Ich hab den seltsamsten Scheiß geträumt“, sagte er und drehte sich auf den Rücken.

Max zog ihre Beine zurück unter sich, richtete sich ein Stück weit auf.

„Tabak“, grummelte sie und hielt die Hand auf.

„Ich hab geträumt, ich wäre irgendeine Art von Insekt. Ich weiß nicht mehr so recht, was es genau war. Ein kleines Viech mit vielen Beinen jedenfalls. Ein Käfer, sagen wir, wie bei Kafka. Aber ich fand es gar nicht schlimm, ein Ungeziefer zu sein. Ich glaube mir gefiel es besser, Insekt in einer Insektenwelt zu sein, denn als Mensch in einer Insektenwelt zu leben.“

Er fummelte an seiner Bauchtasche herum, die er unter seinem Pulli verborgen trug, und warf Max ein halbleeres Päckchen Tabak zu. Sie begann, eine Zigarette zu drehen. Sie schnaubte, einen Filter im Mundwinkel.

„Esoscheiße“, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Thommy schloß die Augen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Ein Lächeln blieb auf seinem Gesicht kleben, für einen Augenblick.

„Vielleicht“, sagte er. „Aber immerhin ein netter Traum.“

Max war fertig und steckte das Drehzeug wieder in ihre Taschen. Seinen Tabak eingeschlossen. Immerhin drückte sie Thommy eine brennende Zigarette in die Hand, bevor sie den Hinterkopf am kühlen Fensterglas anlehnte.

„Bisschen langweilig dein Traum“, sagte sie und bleckte die Zähne. „Aber ich wusste immer schon, dass du ein Fliegeviech mit zu viel Beinen bist. Vielleicht solltest du einfach hier bleiben und warten, bis sie dich abholen.“

Für einen Augenblick war Thommy darauf hin ruhig und rauchte nur mit geschlossenen Augen. Max sah wieder zu den anderen, die in der Wohnung waren. Sie kannte keinen einzigen davon und sie wollte auch niemanden kennen lernen. Die Gruppe Hausbesetzer zu nennen, wäre schon zu viel gesagt. Eher noch waren es Landstreicher, nur dass sie eben nicht über das Land, sondern durch die Stadt streiften, auf der Suche nach Spaß und Verantwortungslosigkeit.

Einer von ihnen musste wissen, wonach Max suchte, weswegen sie hier war.

Nur wer von Ihnen?

„Was ist so schlimm daran, seiner Natur gemäß zu leben? Warum findest du das ekelhaft?“, fragte Thommy und unterbrach ihre Gedanken. Sie fixierte Thommy, der sie aus seinen halb geöffneten Augen ansah.

„Weil es eine Scheißnatur ist, deswegen Thommy. Ich bin lieber Mensch in einer Menschenwelt.“

„Und trotzdem bist du hier.“

Max presste die Lippen aufeinander. Sie drückte ihren Zigarettenstummel im Aschenbecher hinter sich aus, dann stopfte sie ihre Hände wieder in die Taschen ihrer Jacke.

„Und trotzdem bin ich hier.“

„Ich wundere mich nur, Max, das ist alles. Ist ja nicht so, als hättest du keine anderen Möglichkeiten.“

Max sah wieder zu den Anderen hinüber. Der Großteil schlief weiterhin, auf Matratzen am hinteren Ende. Und die zwei, die schon wach waren, steckten die Köpfe in einer der Ecken zusammen. Sie notierten und besprachen eifrig, was sie notierten. Wenn Max sich nicht irrte, hatte einer von Ihnen ihr gestern Abend eine Stunde lang von einem sehr wirr klingenden Buch erzählt, das er schreiben wollte. Etwas über einen Ritter, der kein Ritter war, sondern ein Alptraum.

Sie hatte nicht wirklich zugehört, aber seinem Erzähldrang freien Lauf gelassen. Mit Menschen unter Drogeneinfluss sollte man nicht zu viel diskutieren.

„Du weißt, warum“, flüsterte sie Thommy zu.

„Jaja, schon klar. Undercover Rettungsaktion und all das. Aber ich bin eben neugierig, wieso du nach all der Zeit plötzlich… Ich meine, ich helfe ja gern. Aber gibt es da nicht andere Möglichkeiten?“

„Psst“, sagte sie und hob eine Hand. „Hörst du das?“

„Ich höre, dass du von Fragen ablenkst…“

„Nein, jetzt Mal ganz im Ernst. Hörst du das? Klingt, als würde da einer randalieren oder einen Schrank auseinander nehmen.“

Thommy schüttelte den Kopf, blickte zur Tür. „Du hörst die Flöhe husten“, sagte er, „Es wird einer der Nachbarn sein, zieht vielleicht aus oder ein oder…“

Ein Scheppern unterbrach Thommys Ausreden. Der Stahlbeton in den Wänden dämpfte es nur mühsam, die endlosen Gänge des Turms voller Linoleum und Leere verstärkten es. Es erschütterte Max und ließ sie auffahren. Die beiden Junkies in der Ecke sahen nicht einmal auf. Der Rest wälzte sich unruhig im Schlaf und knäulte sich zusammen.

„Was war das?“, fragte sie.

Thommy leckte sich über die Lippen, sah zur Tür.

„Der Sicherheitsdienst, schätze ich mal. Kommt ab und an vor, dass einer Streit mit denen sucht. Dann wird es manchmal etwas lauter. Aber das ist gleich wieder vorbei.“

Max war über Thommys Matratze hinweg gesprungen, noch bevor er seinen Satz beendet hatte. Er griff nach ihr, war aber zu langsam und kam nur mühsam auf die Knie.

„Nicht!“, sagte er, „Du fällst noch auf!“

Aber Max war bereits zur Tür hinaus und mitten im Chaos gelandet.

Der Korridor war wüst. Nicht nur, weil er voller Graffiti und Schmierereien war. Rucksäcke waren darin herum geworfen worden, ihre Inhalte verteilt. Endlos viele Zigarettenschachteln und Feuerzeuge, Klamotten, Schuhe, Stühle, Kissen, Unterwäsche, die irgendwie benutzt aussah – alles mögliche an persönlichem Kram lag hier zerstreut, hin und wieder auch ein Mensch.

Als hätte ein Riese eine Wohnung aus der Turmanlage gerissen, herum geschüttelt wie ein Puppenhaus und in genau diesen Korridor hinein geschleudert.

Den Gang hinunter, zwei Wohnungen weiter, standen zwei Kerle vor der Eingangstür, die sperrangelweit geöffnet war. Sie sahen eher gelangweilt aus, obwohl Lärm aus der Wohnung hinter ihnen zu hören war. Schreie von Menschen, zersplitterndes Geschirr, reißender Stoff.

Während sie noch hinsah, erschien ein Mann in der Tür, schleuderte einen Matrosensack hinaus, der die Hälfte seines Inhalts über den Boden verteilte. Nur einen Herzschlag später zerrte der Mann einen anderen hinaus, trat ihn in den Flur. Der Getretene stolperte und prallte mit einem fleischigen Klatschen gegen die Betonwand gegenüber. Als er wieder hoch kam und zurück in die Wohnung springen wollte, packte ihn einer der Türsteher am Kragen seines Shirts und schleifte ihn weiter in ihre Richtung.

Thommy hatte mittlerweile zu Max aufgeschlossen. Er warf nur einen flüchtigen Blick hinaus in den Flur, dann zog er sich schnell wieder in die Wohnung zurück.

„Lass uns wieder reingehen“, sagte er. „Die werfen nur jemanden raus. Relokation oder so. Hast du bestimmt schon gesehen, oder? Ist nicht weiter spannend.“

Max starrt zu der Wohnungstür hinüber, aus der Stück für Stück mehr Männer und Frauen kamen, die andere hinaus warfen. Es waren vielleicht acht oder neun Leute, alle ohne Uniformen oder irgendwelche anderen Kennzeichen. Eine handvoll von ihnen sah so aus, als würden sie selbst zu den Hausbesetzern und Junkies des Hauses gehören. Sie war sogar sicher, einen von ihnen vor ein paar Tagen erst draußen beim rumhängen gesehen zu haben.

„Selber schon gemacht“, sagte sie, ohne den Blick von der Gruppe abzuwenden. „Aber immer mit richterlichem Beschluss.“
Sie beobachtete, wie ein großer, blonder Mann aus der Wohnung kam. Er war größer als die anderen, sah auch irgendwie gesünder aus. Weniger Pockennarben, mehr Zähne im Gesicht. Er baute sich vor den ehemaligen Bewohnern auf, die von der Gruppe Schlägern in eine Ecke gedrängt wurden. Sie hatten alle die gleichen Gesichter: Eingefallen, kraftlos, desinteressiert. Es war wie Viehtreiben, dachte Max. Ganz anders, als sie es damals gemacht hatte. Die Menschen, die sie zwangsgeräumt hatte, hatten sich mit Zähnen und Klauen gewehrt.

Sie zog die Augenbrauen zusammen.

„Und auch immer nur in Uniform“, sagte sie.

Max war unfähig, die Augen von dem Geschehen abzuwenden. Sie sah dabei zu, wie zwei Männer und drei Frauen – Leute wie sie und Thommy, dachte sie – vor der Überzahl hergetrieben wurden.. Es war nicht fair und es war ganz sicher kein gerechter Kampf. Genau genommen war es nicht einmal ein Kampf, die Vertriebenen versuchten nur, den Stahlrohren und Balken auszuweichen, mit denen die Schläger nach ihnen hieben. Sie blieben Rücken an Rücken zusammen und ließen sich langsam durch den Korridor treiben.

Keine der anderen Türen im Gang öffnete sich. Niemand reagierte auf das Geschrei, auf das Klatschen von Schuhsohlen und Waffen auf Fleisch.

Nicht einmal sie.

Sie stand nur dort in der Wohnungstüre und beobachtete. Thommy duckte sich hinter sie, als ob er Angst hatte, gesehen zu werden. Vielleicht, weil er fürchtete, ebenfalls aus seinem Käfig gezerrt zu werden. Max hatte keine solche Ausrede. Sie hatte keinen Platz hier im Nest, sie wollte auch keinen.

Du bist kein Bulle mehr, dachte sie und knirschte mit den Zähnen. Ihr Job war ein anderer. Sie war nicht deswegen hier.

Sie beobachtete, wie der große Blonde die Truppe an Schlägern dirigierte. Seine Anwesenheit, sein Blick war genug, um die Bewohner vor sich her zu treiben. Er war hochgewachsen, einen guten Kopf größer als Max und um einiges breiter. Kurze Haare, straßenköterblond. Er trug eine verwaschene Jeans, ein weißes Muskelshirt, Sneaker – sonst nichts. Keine Marke am Revers, keine Pins oder Ausweise irgendwo. Nichts, das ihn als Sicherheitspersonal gekennzeichnet hätte, wie Thommy erst behauptet hatte.

Einfach nur ein Brutalo, der noch die anderen Schläger in den Schatten stellte.

Dann begegnete er Max‘ Blick.

Irgendetwas ließ sie erschauern. Es war nicht die Farbe seiner Augen, obwohl das eisklare Blau verstörend sein konnte. Nicht der durchdringende und trotzdem abwesende Blick, der Max gar nicht wahrzunehmen schien.

Sondern dass sie diese Art von Blick schon einmal gesehen hatte, vor Monaten. Kurz, bevor ihr ganzes Leben ruiniert worden war.


Dieser Augenblick der Ablenkung war genug.

Eine der Vertriebenen sprang nach vorne, sie prallte gegen den großen Mann. Sein Kopf peitschte nach hinten, ein hässliches Knirschen erschütterte sie alle. Gebrüll. Der Mann schwankte, wankte nach hinten. Blut spritzte. Brocken flogen durch die Luft.

Zwei der Schläger sprangen nach vorne, zerrten die Frau von ihrem Anführer herunter. Bruchstücke von irgendetwas polterten zu Boden. Die restlichen Handlanger hieben die anderen Bewohner auseinander.

Ihre alten Instinkte und ihr Training packten sie. Max wollte nach vorne springen, sich in das Getümmel werfen, irgendetwas tun, bevor die Sache weiter eskalierte.

Thommy packte sie an ihrem Pullover, zerrte sie mit einem Arm um ihren Hals zurück in die Wohnung und warf die Türe zu.

„Nein“, knurrte er mit einer Aggressivität, die sie ihm nicht zugetraut hätte. Er hielt sie mit beiden Armen umklammert.

„Spinnst du? Die massakrieren sich!“

„Mach keinen Scheiß, das geht uns nichts an. Der große Typ, dem sie grad den Schädel zertrümmert hat? Das ist Stephan Beiß, der Sicherheitschef vom Haus.“

„Der hat grad irgendwas schweres ins Gesicht bekommen, man! Der braucht Hilfe.“

„Dem geht‘s gut.“

„Du verarschst mich“, sagte Max und starrte Thommy an, versuchte eine Lüge in seinem Gesicht zu entdecken oder einen schlechten Scherz. Doch der schüttelte nur den Kopf, deutete auf den Türspion neben ihrem Kopf.

„Sieh hin“, sagte Thommy, ohne seinen Griff zu lockern. „Ich hab ihn das ein paar Mal abziehen sehen. Glaub mir. Ducken, in Deckung gehen und beten, dass er dich übersieht. Der Kerl frisst Nägel zum Frühstück und scheißt dir zum Mittag Macheten.“

Max drückte sich vorsichtig zur Seite. Sie sah durch das kleine Guckloch in der Tür und obwohl ihr Blickwinkel nicht sonderlich groß war, sah sie genug vom Treiben draußen.

Der Korridor vor der Tür war entsetzlich ruhig. Die Schläger hatten die Bewohner der Nachbarwohnung an die Wände gepresst, hielten sie im Würgegriff oder ihre Schlagwaffen vor die Kehle. Max entdeckte etwas, das wie die blutigen Stücke eines Kleiderständers aussah. Die Frau musste ihn ergriffen und Beiß wie mit einem Speer attackiert haben. Sie hockte mitten im Gang, ein Schläger hielt ihr die Arme schmerzhaft hinter dem Rücken verdreht.

Beiß war wankend auf die Beine gekommen. Sein Gesicht war eine Ruine. Der Aufprall hatte seine Nase zertrümmert, Fleisch war unter der Wucht aufgeplatzt. Eine Hälfte seines Kopfes wirkte, als wäre seine Augenhöhle zerschmettert worden. Irgendwie schief und weich, wie ein Apfel, dessen Kern verrottet war. Stücke und Haken von Metall, manche davon lang und dick wie Finger, steckten in seinem Schädelknochen. Überall klebte Blut.

Aber er stand und überragte seine Angreiferin.

Wie ein Bär, dachte Max.

Dann, mit einer überlegten, fast vorsichtigen Bewegung, zog er seinen Arm nach hinten. Und rammte ihr seine Faust ins Gesicht. Die Frau knallte auf den Boden, zuckte, und blieb liegen. Selbst der Schläger, der sie gehalten hatte, wurde nach hinten geschleudert. Der kam auf die Knie, packte die Frau bei den Haaren und begann, sie zurück zur Wohnung zu schleifen, aus der man sie eben vertrieben hatte.

Beiß spuckte aus. Blut und Knochen landeten im Rücken der Frau. Sein Blut und Stückchen seines Schädels. Er öffnete die Arme weit, blickte dem Rest der Gruppe in die Augen. Er brannte vor Hass. Es war eine Herausforderung. Eine stumme, grässliche Frage, ob es noch mehr Herausforderer gäbe.

Niemand trat vor. Wie Vieh auf der Flucht rannten sie in Richtung des Ausgangs. Niemand wehrte sich gegen die Hiebe, die ihnen in die Schläger zwischen die Beine warfen.

Max wurde schlecht, sie wankte zur Seite. Sie sackte nach vorne, presste die Stirn gegen das Holz mit dem schmalen Blechkern, die ihr so dünn vorkam wie Papier.

Aus den Augenwinkeln sah sie zum Türspion, der nur eine Handbreit neben ihrem Kopf war.

Sie wusste: Wenn sie hindurch sah, würde sie dieser Blick anstarren. Dieser Blick, klar wie Eis, der ihr bis ins Mark drang.

Und sie fürchtete sich, dass sie ihn damit herausfordern würde.

Vielleicht war das die Bande, nach der sie gesucht hatte.

Hendrik Schakal – Teil IV: Der letzte Ausweg

„Natürlich sind Sie verrückt, Hendrik. Ich denke in dieser Sache werden wir beide uns einig sein. Sie säßen nicht hier, wären Sie es nicht. Sie können nicht mit sich leben und mit dieser Verrücktheit. Tatsächlich zeugt das von Vernunft. Das bedeutet ein Teil von Ihnen, winzig und verkümmert wie er auch erscheinen mag, ist noch vernünftig genug, nicht verrückt sein zu wollen. Sie sind ein empathischer junger Mann. Sensibel geradezu, feinfühlig, auch wenn Sie es nicht glauben wollen. Dieses Geschenk sollten Sie nicht vergeuden. Ich glaube fest, dass in Ihnen ein Mensch steckt.“

Der Doktor faltete die Hände über der Brust. Zum ersten Mal sah ich von seinem Schreibtisch auf, betrachtete seine Handschuhe. Sie waren so weiß, so unschuldig.

„Ich… Ich denke das nicht“, sagte ich. „Ich kann nicht mehr. Sie sollten es besser machen. Sie sollten mir helfen. Aber alles ist schlimmer als vorher. Alles. Die Höhen sind höher, aber die Tiefen… Großer Gott, die Tiefen sind so viel furchtbarer und bodenloser.“

„Ich hatte Sie gewarnt“, sagte der Doktor. Er klang gar nicht vorwurfsvoll. Nicht so bösartig, wie ich es vermutet hatte. Vielleicht befürchtet oder gehofft. Stattdessen zeigte er Verständnis und die kühle Überlegung eines Fachmannes. Ich denke das war fast schlimmer. Ich hatte mit Ablehnung gerechnet. Mit Wut und tadelnden Worten. Stattdessen starrte mir sein klinisches Gesicht entgegen.

Ich weinte. Ich schäme mich nicht, das zuzugeben. Tränen sind eine Regung, die wie alle anderen menschlichen Gefühle gefeiert werden sollten. Selbst jene, die ich damals weinte, denn ich glaube sie waren die letzten Reste dessen, was wirklich unschuldig an mir war.

Ich erinnere mich an sie, mit Schuld und Scham, wie sie mir über das Gesicht liefen. Wie sie rostfarben auf den Boden trafen. Ein Bild meiner Sünden. Meiner Dummheit vielleicht.

„Was haben Sie getan, Hendrik?“

Eine einfache Frage, auf die ich mir eine Antwort mühselig erkämpfen musste. Mir steckte ein Stein in der Kehle, den ich nicht hinunter schlucken, aber auch nicht loswerden konnte. Ich würde an ihm ersticken, wenn ich mich nicht von ihm befreite, doch nichts in meinem Leben hatte mir je mehr Willenskraft abverlangt.

„Gemalt“, sagte ich, würgte das Wort beinahe hervor. „Gemalt wie besessen. Dutzende Bilder in den letzten sechs Wochen. Bilder, die ich selbst nicht für möglich gehalten habe. Die ich mir nicht einmal in Alpträumen vorgestellt hätte.“

„Dann hat die Therapie die gewünschte Wirkung erzielt“, sagte der Doktor. Es war wie ein Schlag ins Gesicht. Ich hob meine Hände, hielt sie ihm hin. Die Fingernägel, die mir zerbrochen waren, unter denen Reste von Haut und Haar klebten. Die Ränder, die ich nicht von den Blutresten hatte befreien können. Das wunde Fleisch, das ich mir mit Wasser und Seife bis auf die Knochen geschrubbt hatte, um die Zeugen meiner Taten loszuwerden.

„Sehen Sie das nicht, Herr Gott? Sehen Sie andere Hände als ich?“

Er runzelte die Stirn, betrachtete meine Hände genauer. Der selbe, klinische, distanzierte Blick. Als wären sie nicht an mir fest gewachsen, sondern in Alkohol in seinem Kabinett eingelegt. Dann nickte er.

„Wohl sehe ich das Blut an Ihren Händen, Hendrik. Doch frage ich mich, was Sie sich von mir nun erhoffen. Was immer Sie getan haben: Sie haben es bereits getan. Sie, niemand sonst. Und es ist getan, alle Bestrafung wäre nur Rache dafür. Ungeschehen kann ich es nicht machen.

Ich bin nicht die Polizei. Sie haben zu verstehen gegeben, dass Sie die Behandlung abbrechen wollen. Damit endet meine Verantwortung für Sie.“

Die Hände zog ich kurz vor mein Gesicht, nur um davor zurück zu schrecken. Es hatte mich Überwindung gekostet, mir das Gesicht damit zu waschen und ich hatte es nicht sehr gründlich getan. Die ganze Zeit musste ich mich selbst im Spiegel meines Badezimmers – Ihres Badezimmers – sehen. Meine Augen, vor einer Angst geweitet, die ich nicht verstand; etwas sehend, das ich nicht begreifen konnte.

Wasser wird bei diesen Flecken nicht helfen, dachte ich, während ich mir die Finger blutig schrubbte.

„Was soll ich jetzt tun?“

Es war eine hilflose Frage. Eine, auf die ich nicht einmal eine Antwort erwartete. Vielleicht hatte ich tatsächlich nur auf eine Bestrafung gehofft. Bösartigkeit hätte mich befreit. Sie hätte meine Gefühle mir selbst gegenüber bestätigt. Hätte mir gesagt, dass ich… Dass ich verrückt wäre, aber doch wenigstens in dieser Einschätzung meiner selbst richtig läge.

Stattdessen sah der Doktor mich ausdruckslos an.


Ausdruckslos, wie ich es seit Monaten von keiner Person mehr erlebt hatte. Bei allen anderen sah ich ihre Gefühle, ihre Seelen oder was auch immer ich dafür hielt. Ich sah es ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben, was sie fühlten. Heute verstehe ich, dass mich diese… Fragmente, diese Farben, auch zu meinen Untaten getrieben haben.

Ich hatte einen Käfig um meine Seele herum errichtet. Die Substanz, die mir der Arzt gegeben hatte, hatte diesen Käfig geöffnet und ich konnte nicht länger meine eigenen Gefühle und die von Fremden auseinander halten. Ich nahm sie auf wie ein Schwamm, der über Jahre in der bleichen Sonne gelegen hatte.

Nur bei ihm nicht. Er war fahl wie die Mondnacht draußen vor der Fensterfront. Und blass in seinen Gefühlen. Ich konnte in seinem Gesicht so wenig wie in seiner Seele lesen, was in ihm vorging.

„Das liegt bei Ihnen, Hendrik. Was sie getan haben ist… unorthodox. Ich habe allerdings schlimmere Fälle gesehen. Das wird für Sie nicht vorstellbar sein, Ihr kranker Verstand ist zu fixiert auf sich selbst – ein typisches Symptom von Neurosen – aber ich habe schlimmeres gesehen. Ich habe schlimmeres heilen können.“

Ich schüttelte den Kopf. Ein letztes Aufbäumen. Einer Eingebung folgend stand ich auf. Ging umher. Wie ein Tier. Wie im Käfig.

„Ich kann nicht. Ich weiß nicht einmal, weshalb ich hier bin. Weshalb ich Ihnen diese Dinge sage. Bevor ich zu Ihnen kam, war ich… was? Depressiv? Nein, einfach nur gefühllos. Eine leere Rüstung, ohne Ritter drinnen. Ein Automat, der gefühllos durch das Leben wanderte. Und jetzt? Jetzt…“

„Jetzt fühlen Sie“, sagte der Doktor.

Ich hielt inne, starrte ihn an. Er hatte sich nicht bewegt. Saß dort, in seinem Lehnsessel, Hände über seiner Weste gefaltet.

„Jetzt fühlen Sie jeden Tag mehr, als Sie die letzten Jahre zusammen gefühlt haben. Oder täusche ich?“

„Nein, aber…“

„Aber Sie können es nicht ertragen. Sie ertragen die Menge an Leben nicht, die aus Ihnen hervor sprudelt.“

„… Ja.“

Ich sah aus dem Fenster hinaus, hatte meine Arme verschränkt. Als könnte ich mir selbst damit Halt geben. Diese Fensterfront lud viel zu sehr dazu ein, brütend vor ihr zu stehen und in die Nacht zu starren.

„Ja, ich ertrage es nicht. Ich ertrage diese Gefühle nicht. Ich kann nicht… Ich kann keine Behandlung weiterführen, die mich zu solchen Dingen treibt. Ich habe…“

Der Arzt nickte sehr verständig. Er wägte alles ab, was ich gesagt hatte, was er über meinen Fall wusste. Ich glaube sogar, er wägte ab, was ich nicht gesagt hatte.

„Aber Sie können auch nicht mit sich leben.“

Der Satz war ein Stich, direkt in die Brust. Ich ging weiter auf und ab, biss mir auf die Unterlippe, wollte mich davon ablenken.

„Nein“, sagte ich. „Kann ich nicht.

Ich habe es versucht. Ich habe versucht, ich selbst zu sein. Es geht nicht. Es quält mich. Ich bin ein Geist in einer Rüstung. Nur mit… mit was auch immer Sie mir gegeben haben, fühle ich, bin ich kein Geist, sondern Mensch. Aber es treibt mich zu solchen Dingen. Es…

Befreie ich mich davon, so gehöre ich ins Gefängnis wegen der Dinge, die ich tue. Bleibe ich, so bin ich ein Gefangener in meinem eigenen Körper.

Wie kann ich so eine Entscheidung treffen?“

Der Doktor schwieg eine ganze Weile. Er wägte eine Unzahl an Dingen ab, die ich nicht verstand. Heute weiß ich das. Heute weiß ich, dass hinter jedem seiner Worte eine Gedankenfülle steckte, die ich mir nicht einmal erahnen kann.

„Es gibt noch eine dritte Möglichkeit“, sagte er. „Sie müssen sich nicht spalten. Sie können beide dieser Teile… Loswerden.“

Der Doktor griff in seinen Sekretär. Für einen Augenblick glaubte ich, er würde eine Pistole hervor holen und mir den Ausweg eines Ehrenmannes anweisen. Er war ein Mann solcher Art, dass ich es von ihm erwartet hatte, wenn auch nur für einen Moment.

Ich weiß nicht, ob ich mich dagegen verwehrt hätte.

Stattdessen holte er eine der Phiolen hervor. Eine der kleinen Glasröhrchen mit dem Korken und dem Wachsverschluss, worauf das Emblem mit der Burg und den zwei Schlüsseln als Türmen geprägt war.

Die Dritte, die ich je gesehen hatte. Die letzte, nach der ein Abbruch der Behandlung unmöglich wäre.

Vorsichtig stellte er sie auf den Tisch, schob sie hinüber. Ich stand noch einige Schritte entfernt, aber ich spürte eine Gier in mir aufwallen. Einen Drang, hinüber zu stürzen und die Substanz darin meine Kehle hinunter zu stürzen. Ein Gefühl, das ich bislang nicht gekannt hatte.

„Was soll das?“, fragte ich.

Meine Stimme zitterte. Unwillkürlich machte ich einen Schritt zurück. Die Stimme des Doktors erreichte mich nur gedämpft.
„Es gibt Mittel und Wege, einen neuen Menschen aus Ihnen zu machen. Sie hassen sich, so wie sie sind. Sie hassen sich, wenn sie sich befreien. Also muss der alte Hendrik sterben.“

Mit einer Handbewegung deutete er auf die Phiole zwischen uns.

„Das ist eines der Mittel dazu. Weniger krude, als die Schusswaffe oder das Messer. Die Substanz, die Sie genommen haben, ist ein starkes Psychoenergetikum. Sie befreit den Geist von seinen Fesseln und öffnet ihn – unter meiner Anleitung können wir ihn neu errichten.“

Ich starrte ihn an.

„Wieso?“, fragte ich, „Wieso lassen Sie mich nicht einweisen, rufen die Polizei, die Sicherheit? Sie haben keine Verantwortung für mich, das haben Sie selbst gesagt.“

Der Doktor zuckte mit den Schultern. Eine Bewegung, die nicht zu seiner Gravitas passen wollte. Sie verlieh ihm eine unnatürliche Menschlichkeit.

„Sie interessieren mich. Ihr Fall interessiert mich. Sie sind, denken wir, kein Fall klinischer Schizophrenie. Aber Sie haben eine problematische Strukturierung des Ego und des Selbst, die eine Neigung zu Aggression, Unfähigkeit zur Annahme von Kritik andeuten. Und ich sehe meine Aufgabe nicht als die eines Therapeuten, sondern eines Chirurgen des Geistes. Ich möchte Ihnen helfen, Ihre ungeformte, konfuse Geistesmasse zu der Schönheit zu bringen, zu der Sie imstande sind. Ich sehe in Ihnen eine Art Verwandtschaft. Sie sind ein Künstler mit Farben, ich mit Seelen.

Meinetwegen nennen Sie es einen Anfall von Philanthropie. Ich habe nicht das Bedürfnis, sie im Gefängnis zu sehen, sie hinter Gittern zu studieren. Der Käfig in ihrem Kopf ist bereits Hürde genug.“

Wie vom Blitz gerührt stand ich dort. Ich traute mich nicht näher zu ihm heran, aus Angst, ich könnte die Substanz, den Pakt, annehmen.

„Sie… Sie würden mich nicht verhaften lassen?“

„Nein. Sie müssten natürlich angezeigt werden“ – wie von der Schlange gebissen zuckte ich zurück. Der Doktor sprach weiter – „Aber mit meiner Fürsprache wird man Sie in die Obhut meines Sanatoriums übergeben. Sie wären Patient, kein Insasse.“

„Und meine Bilder?“, fragte ich. Der Gedanke an Herrn Mühsam schoss mir durch den Kopf. Der Kunstagent, der mich angefleht hatte, ihn meine Bilder verkaufen zu lassen. Ich musste malen. Malen. Alles andere war gleichgültig.

„Sie wären frei zu schaffen, was Ihnen in den Sinn kommt. Natürlich müssten Sie mich einen Blick darauf werfen lassen… Um Ihre geistige Gesundheit zu überprüfen. Aber Ihre Bilder wären Ihr Besitz.“

Ein Nachgeschmack von Eisen und Irrsinn breitete sich auf meiner Zunge aus. Ich leckte mir über die Lippen. Mein Blick hing an der Phiole.

Es war ein verlockendes Angebot. Eines, das mit Straffreiheit versprach. Nicht nur für die Tat, die ich in der letzten Nacht begangen hatte. Sondern auch für meine vergangenen Sünden. Ein Angebot, das mich auslöschen und neu erschaffen würde.

Zum Teufel mit den Vorbehalten, mit der Zögerlichkeit. Ich würde der Prophet der Verdammnis sein, den diese Stadt und ihre Bewohner verlangten. Ich würde selbst mein größtes Kunstwerk sein.

Ich sah zu dem Doktor, der mich auf diesen Weg gestoßen hatte. Dann zu der Phiole vor ihm.

Mit wenigen Schritten überwand ich den Abstand zwischen uns.

„Schaffen Sie mich neu“, sagte ich, „reißen Sie meine Psyche nieder und lassen Sie aus den Ruinen Kunst erstehen und sie können von mir fordern, was sie wollen.

Mein Leben, wenn Sie wollen, wird Ihnen gehören.“

Der Doktor lächelte. Ein finsterer Anblick.

„Wenn Sie künftig mit Ihrem eigenen Blut malen, soll mir das genügen.“

Hendrik Schakal – Teil III: Der Wind der Faulheit

KIch warf das Bild von mir, schleuderte es zu meinen anderen Schöpfungen und verließ fluchtartig das Haus. Den Mantel griff ich mir vom Stuhl und hastete durch die Wohnung. Feodorowna rief ich eine kurze Verabschiedung zu, dann war ich aus der Tür.

Ziellos trieb es mich um. Irgendwohin, dachte ich mir, ich musste irgendwohin, wo ich diese Bilder nicht sehen konnte. Wo ich nicht darüber nachdenken musste, wann ich sie gemalt hatte. Und womit.

Ich versuchte, den Menschen, die mir begegneten, nicht in die Augen zu blicken. Ich wollte ihre Gesichter nicht sehen. Zu viele Farben, zu viele Gefühle prasselten auf mich ein. Ich spürte, wie die Wirkung der Substanz nachließ. Langsam wuchsen die Gitterstäbe in meinem Schädel wieder heran. Und obwohl ich sie fürchtete, begrüßte ich sie auch. Sie schützten mich ebenso sehr vor der Welt, wie sie mich von ihr abtrennten.

Ich ertappte mich dabei, wie ich mich daran festklammerte. Wie ich es nicht loslassen wollte, obwohl es mich ängstigte. Wie ein Mann, der in der Finsternis seinen Weg verloren hat, lief ich jedem Lichtlein nach und verzweifelte daran.

Ich wollte fühlen. Ich wollte sehen, schmecken, leben. Aber mit jeder Stunde des Tages, mit jedem Strahl der Sonne spürte ich, wie mehr dieser Substanz in mir verdampfte.

Es war der achtundzwanzigste Tag und eine Sache war mir gewiss: Am nächsten Morgen wäre nichts davon übrig. Ich wäre wieder alleine, mit mir selbst in diesem Gefängnis eingesperrt, das ich selbst errichtet hatte.

Solche und andere Gedanken gingen mir durch den Geist, ich verfolgte keinen davon zu einer Entscheidung. Stattdessen lief ich irgendwohin, suchte mein eigenes Unglück. Durch die Parks, die Gassen und Alleen. Die Frankfurter Allee hinunter, mit den leerstehenden Prachtbauten. Sie war breit genug, dass ich niemanden ansehen musste, von niemandem angesehen wurde.

Ich wich den Staatsbütteln aus, ohne einen Grund dafür zu haben. Ich hatte nichts illegales getan, dachte ich, ich hatte alles unter der Verordnung eines anerkannten Arztes in einem bekannten Sanatorium eingenommen. Trotzdem wich ich Ihnen aus und schämte mich dafür, weder ganz ich selbst noch völlig jemand anderes zu sein. Wenn Sie mich aufgehalten und gefragt hätten, wer ich sei – ich denke, ich hätte es ihnen nicht sagen können.

Nach einigen Stunden dieser Anspannung landete ich in einem Café. Es lag an der Karl-Marx, an einer der endlos langen Häuserfronten zwischen Alexanderplatz und Frankfurter Tor. Direkt neben der Kaffeestube fand sich auch ein Buchladen, der vom selben Paar betrieben wurde. Ich hatte dort schon einige rastlose Tage zugebracht, wurde dieses Mal aber nicht willkommen geheißen.

Das Radio spritzte Chopin an die Wände, die wenigen Besucher ergossen sich in Karottenkuchen und Soda. Eine Frau im Nebenzimmer rieb sich das Gesicht mit Gottfried Benn. Ein groteskes Bild, das mich anwiderte. Aber ich musste sie nicht betrachten. Ich wollte mich mit mir selbst beschäftigen und ein wenig essen.

Nur einer von ihnen stieß mich nicht instinktiv ab.

Ein Mann. Er war schlank, groß gewachsen, aschblondes Haar. Keine ungewöhnliche Gestalt, von der Narbe über dem linken Auge einmal abgesehen, aber sie verlieh ihm Charakter. Er hatte einen Kaffee bestellt – oder was damals als Kaffee galt – und die abgelegte Tageszeitung eines anderen Gastes aufgeschlagen.

Ich weiß nicht, was es war, aber er zog mich an. Dabei fand ich ihn weder attraktiv noch sonst etwas, das will ich nicht falsch verstanden wissen. Es war ein Eindruck, ein ganz flüchtiger, der mich ergriff. Ich habe immer ein kleines Büchlein bei mir – es ist in rotem Leder eingebunden und mit einigen hundert Seiten festem Papier gefüllt. Eine Angewohnheit aus meiner Zeit, als ich noch zeichnen konnte oder malen. Ich hatte es in den letzten Jahren kaum benutzt, die ersten fünfzehn Seiten oder so waren angefüllt mit einigen Notizen, Beobachtungen, Elementen, die ich gesehen oder gemacht. Der Rest war leer. Eine Mahnung an meine Krise.

Als ich den Mann ansah, musste ich ihn darin festhalten.

Es war nicht… nicht wie der Rausch, der mich in den letzten Tagen ergriffen hatte. Es war unschuldiger. Ich hatte etwas in seinem Gesicht gesehen, in seinem Blick, das mich zu meinem Büchlein greifen ließ.

Ich sperrte ihn mit wenigen Bleistiftstrichen in mein Buch ein. Ich glaube, ich sah etwas in ihm, einen Funken seiner Träume vielleicht. Ich konnte sein Leben vor mir sehen, nicht klar und nicht deutlich, aber ich glaube ich hatte einen Eindruck seiner Gedanken in diesem Moment.

Ein Schatten legte sich über mich. Erschrocken sah ich auf und erkannte den Mann über mir. Während ich gezeichnet hatte, hatte sich herüber geschlichen und mich einen Augenblick lang bei der Arbeit beobachtet.

„Markus“, stellte er sich vor.

Ich sah ihn an, festgefroren an meinem Bleistift und dem Büchlein in meinen Händen.
„Sie sollten schon wissen, wie Sie ihr Kunstwerk betiteln werden“, sagte er, „Und es ist ein Markus.“

„Hendrik“, sagte ich.

„Sind Sie Zeichner? Sollten Sie nicht erst um Erlaubnis fragen, ehe Sie fremde Leute so einfach zeichnen?“, fragte er.

„Ich weiß nicht“, sagte ich. „Früher hätte ich wohl ja gesagt. Heute weiß ich es nicht mehr.“

„Wenn Sie keiner sind, sollten Sie einer werden“, sagte Markus. „Sie haben Talent. So wenig, wie ich von Kunst verstehe, würde ich das jedenfalls sagen. Sie… haben mich erschreckend gut eingefangen. Wie ich mich fühle, meine ich. Als hätten Sie einen Blick auf meine Seele geworfen.“

Ich leckte mir die Lippen, wich seinem Blick aus.

„Danke“, sagte ich und ignorierte die Stimme in meinem Kopf, die mir sagte, dass es nur die Drogen waren. Dass ich selbst ein talentloser Scharlatan war. „Sie würden das nicht sagen, wenn Sie meine anderen Werke kennen würden.“

„Nein? Wie sehen ihre anderen Stücke denn aus?“

„Grässlich. Ich glaube, ich werde sie verbrennen. Ich sollte sie verbrennen. Es war nicht wirklich ich, der sie gemalt hat. Sie sind mir zugeflogen. Wenn das einen Sinn ergibt.“

„Nicht wirklich, aber Sie sind der Künstler.“

Markus zuckte mit den Schultern, er zog einen Stuhl heran.

„Darf ich?“, fragte er und setzte sich, ohne die Antwort abzuwarten. „Wie kommen Sie auf die Idee, es wären nicht ihre Bilder? Sie haben sie gemalt, oder nicht?“

Ich überlegte einen Augenblick. Ich konnte ihm kaum sagen, dass ich unter dem Einfluss irgendeiner Droge gemalt hatte und mich an die letzten Reste davon klammerte, ehe mich die Untiefen einer Geisteskrankheit zurück in die Schafenskrise stürzten.

„Njaaa“, sagte ich, zog die Laute einzeln in die Länge. „Ich habe in den letzten Jahren nicht viel gezeichnet. Alles Mist, Müll, uninspiriert. Probleme im Kopf, sehen Sie? Konnte einfach nicht. Sehe ein weißes Blatt und bekomme es mit der Angst. Ich sehe Menschen und sehe ein weißes Blatt. Und sonst nichts. Keine Emotionen. Keine Gestalten. Nur eine weiße Fläche, die mich auslacht. Bin unfähig, sie mit Bedeutung zu füllen. Alles ist blutleer. Nicht ein vernünftiger Gedanke kommt aus mir heraus.“

Markus nickte, deutete auf die Zeichnung von ihm. Ich begann, mich dafür zu schämen.

„Wenn so uninspirierte Zeichnungen aussehen, muss ich wirklich ihre anderen Bilder sehen. Junge, sie haben Talent. Ich könnte sie gut verkaufen.“

„Man würde mich entartet nennen“, sagte ich. Ich senkte meine Stimme, sah mich in dem Lokal um. „Antisozialistisch.“

„Hendrik“, sagte er und kam mir verschwörerisch nahe. „Entartet sind nur die, die das sagen. Glauben Sie mir, insgeheim haben die alle einen Pollock in irgendeiner Datscha hängen. Irgendwo, wo sie es niemandem außer ihren kleinen Apparatschikfreunden zeigen.“

„Sie können die nicht verkaufen“, sagte ich.

„Ich kann alles verkaufen. Wieder nickte er und lehnte sich zurück. Er zog eine Papierschachtel aus seiner Westentasche, zündete sich eine Zigarette an. Mit dem Glimmstängel deutete er auf mich. „Ich kann ihre Bilder verkaufen. An Erich selbst, wenn es sein muss. Ich weiß wie. Sie kümmern sich nur ums Malen.“

„Njaa“, sagte ich… „Das ist so recht die Sache, sehen Sie? Ich kann nicht malen. Seit Jahren nicht.“

„Haben Sie nicht gesagt, sie haben erst neulich einige Sachen fertig gestellt? Sie wären nur nicht von Ihnen?“

Ich schüttelte den Kopf.

„Nein, ich meine sie dürfen nicht.“

„Weshalb nicht? Sind sie pervers? Schauen Sie nicht so, das ist ihr Problem, nicht meines. Ich will nur wissen, ob sie mehr solcher Bilder haben.“

„Nein. Also ja, aber die werde ich verbrennen. Ich ertrage sie nicht.“

Schweigen.

Markus nahm einen Zug seiner Zigarette. Tief. So tief, ich konnte den Tabak seine Lungen über den Tisch hinweg verbrennen hören.

Ich sah ihn einen Augenblick lang an, ließ ihn auf mich wirken.

Da war sie wieder. Diese Aureole, die ich um jeden Menschen in den letzten Tagen gesehen hatte. So eine Spur von Emotion, die sich aus seinem Leib heraus blutete, die die Umwelt benetzte wie ein Regenbogen. Wie ein Gespenst seiner selbst, das über seinem Kopf hing. Wovon tagsüber träumte, was ihn nachts verfolgte.

Damals war es schwer für mich, die Unterschiede zwischen diesen Dingen zu erkennen, die Feinheiten und Nuancen. Markus wirkte damals auf mich nur kalt, ein helles Blau. Ganz ruhig, ganz gelassen, von einer unersättlich scharfen Neugier, die sich durch meine Ausreden schnitt wie Wind durch einen Sommernachmittag. Es war Gier.

Ich wusste damals, mit diesem einen Blick, was ihn umtrieb. Wovon er träumte. Es war ein Wille, den ich sonst nirgendwo kennen gelernt habe. Dr. Vielfraß, wie wir ihn später nennen würden, war ein Mann unersättlicher Gelüste. Selbst in seinem Unterfangen, Käufer für unsere schmierigen kleinen Fotografien und unsere albernen Zeichnungen zu finden.

„Können Sie andere zeichnen?“, fragte er.

Ich sah zur Seite. Auf die Straße, als ob dort die Antwort und nicht nur Unglück wartete.

„Ich weiß es nicht. Es… es gefällt mir nicht, so zu arbeiten, wie ich gearbeitet habe. Das bin nicht ich. Das ist jemand anderes, der diese Bilder gemacht hat. Und ich weiß nicht, wie er es getan hat.“

Markus verzog das Gesicht.

„Nun… Das ist eine Entscheidung, die nur sie treffen können. Aber lassen Sie mich Ihnen eines sagen: Ein Wind geht in der Stadt und er trägt den Geruch von Fäulnis mit sich. Ich rede nicht von Politik, aber wenn… Egal, ob Ihre Hände schmutzig sind oder nicht. Der Geruch wird nie verschwinden. Ob Sie es geschafft haben oder nicht. Er ist hier. Sie finden sich entweder damit ab oder Sie ersticken dran, so wie wir alle.“

Er stand auf, drückte die Zigarette aus und nahm seinen Mantel. Eher er das Lokal verließ, warf er mir eine Visitenkarte hin.

„Mein Angebot steht: Sie zeigen mir ihre Bilder – und wenn sie nur halb so gut wie diese Zeichnung sind, verkaufe ich sie. Überall.“

Ich nahm die Karte in die Hände. „Markus Mühsam – Galerist“ stand dort und ein Postfach

„Meinen Sie das ernst?“

„Sie und ich. Wir werden diese Stadt umgraben und dem Verwesungsgeruch auf die Spur kommen. Wir werden all den Würmern und Krabbeltieren zeigen, was unter den feuchten Steinen lag. Ich werde ihnen die Hölle zeigen, in der sie leben. Ich werde sie dazu zwingen, wenn sie es nicht wollen. Wir haben Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen.“


Mit diesen Worten winkte er mir und verließ das Lokal.

Er ließ mich mit Gedanken zurück, mit einer halbfertigen Karikatur seiner selbst… und einer Anschrift auf einer knochenweißen Pappkarte.

Ich wusste dann und dort, dass ich vor einer Wahl stand. Selbst, wenn ich nicht das ganze Ausmaß dieser Entscheidung absehen konnte, stand ich an der Kreuzung zwischen Leid und Bedeutungslosigkeit.

Als ich nach einigen Überlegungen aus dem Café hinaus trat, strich mir der Geruch um die Nase, von dem Markus erzählt hatte. Ein Geruch von Eisen und Irrsinn und ich wusste, was ich zu tun hatte. Zum Teufel mit den Konsequenzen.

Hendrik Schakal – Teil II: Gefühle in Öl

Achtundzwanzig Tage verstrichen. Achtundzwanzig Tage, an die ich mich nur bruchstückhaft erinnern kann. Während deren ich so intensiv lebte, wie nie zuvor.

Achtundzwanzig Tage, bis es zur Behandlung meines kranken Geistes nötig war, die nächste Phiole des guten Doktors einzunehmen.

Es war ein erhabenes Gefühl und schrecklich. Haben Sie jemals die Kontrolle über sich verloren, wahrhaft einen Rausch gehabt, eine Raserei der Seele? Das und nichts anderes habe ich während dieser Tage durchlebt. Wie in einem Wildwasserstrom zogen Gefühle, Erinnerungen, selbst Menschen, an mir vorbei. Ich griff nach einigen davon, bekam aber keinen zu fassen. Sie entglitten mir wie die rettenden Äste am Ufer einer nassen Hand entglitten.

Als ich aus dem Strom auftauchte, schmerzte mir alles. Meine Augen glühten. Sie glühten, sie brannten wie kleine, braune Kohlen und sie versengten alles, worauf mein Blick sich legte. Ich lag auf dem Boden meines Zimmers und starrte an die Decke. Sie war die einzige Stelle im Raum, die nicht mit Bildern oder Skizzen angefüllt war. Die einzige freie Fläche, weiß und unschuldig, die ich ansehen konnte, um meinen Gedanken ein wenig Ruhe zu geben. Ich versuchte, mich an die vergangenen Wochen zu erinnern, aber ich bekam nichts aus mir heraus. Keine klaren Gedanken jedenfalls. Es waren Eindrücke, die ich zu fassen bekam. Wie das Nachbrennen der Sonne auf der Netzhaut.

Aus den Augenwinkeln sah ich die Bilder, die ich in den letzten Tagen gemalt haben musste, und erschauderte. Um sie alle legte sich eine Aureole, eine Halo. Sie quälten mich mit einer Intensität, die ich nicht beschreiben kann. Ich sah sie so deutlich vor mir, wie ich Sie jetzt vor mir sitzen sehe, mit der aderblauen Marmorierung ihres Fleisches, so wie ich das Loch in Ihrem linken Hosenbein und die fehlende Manschette sehe. Ich verschloss die Augen vor ihnen.

Die Tür öffnete sich einen Spalt breit. Ein Geruch von verbranntem Tee, von Nadelwald und altem Stoff überfiel mich. Keine Schritte waren zu hören, die Witwe Feodorowna verharrte in der Tür.

Mein Zimmer musste einen wilden Anblick bieten. Dutzende, wenn nicht hunderte Bilder und Skizzen lagen, hingen, klebten und stapelten sich auf jeder freien Fläche. An Schrank, Schreibtisch, Fensterbrett und Regalen. Inmitten meiner Bilder, umgeben von Farbe und Farbpaletten und dem dicken Gestank von Öl, der sich so tief in meine Haare und Kleidung gefressen hatte, dass ich ihn gar nicht mehr wahrnahm, lag ich. Wie eine ausgequetschte Tube Farbe.

Die alte Frau zögerte. Ich öffnete die Augen. Sie fühlten sich glasig an, wie ausgebrannt. Ich beobachtete sie. Sie betrachtete die Bilder. Die Grimassen, die ich gezeichnet, die Auren, die ich um sie her gemalt hatte. Von zwei Dutzend Leinwänden grinste sie die rohe Emotionalität des Menschen an. Lassnig war ein Nichts dagegen, noch viel zu konkret, viel zu formhaft. Sie gab den Körpern eine Seele – ich aber hatte der Seele Farben gegeben.

Es musste ein grässlicher Anblick sein.

„Kommen Sie ruhig“, sagte ich. „Verzeihen Sie die Unordnung, ich bin nicht dazu gekommen. Nehmen Sie die Dinge ruhig beiseite, setzen Sie sich, wenn Sie mögen.“

Die Witwe schlich durch den Bilderwald, versuchte, auf keine der Rahmen oder Leinwände zu treten, wich den Pinseln und Farbtöpfen aus. Einige Zeit später stand sie über mir, ihr Gesicht halb verdeckt von dem Silbertablett in ihren Händen.

Der Tee darauf kochte noch. Er roch wie ein Tannenwald. Stark, schwarz, mit einem distinkten Raucharoma.

„Sie arbeiten zu viel“, sagte sie. Ich fühlte ihren Blick durch das Zimmer streifen, wie ich eine fremde Hand in meinem Kopf gefühlt hätte.

Ich schnaubte.

„Ich arbeite noch nicht genug. Sie wissen, wie es vorher war? Wie Zähne ziehen.“

Die Wohnung, in der ich mich damals einquartiert hatte, gehörte ihr. Einer alte Frau, sechzig oder siebzig Jahre, die seit ich sie kannte von der Pension ihres Mannes lebte. Er musste ein russischer General oder wenigstens Offizier gewesen sein, dem Sie nach dem Krieg nachgefolgt war. Als er gestorben war, hatte sie Ihre Heimat bereits seit vierzig oder fünfzig Jahren nicht mehr gesehen und war daher in der Stadt geblieben.

Nur war ihr ihre große Wohnung zu kalt, sehen Sie? Zu einsam, um sie mit nichts als Geistern und Katzen zu füllen. Also vermietete sie einige Zimmer an Leute wie mich. Und Johann Wagner.

„Es stinkt hier“, sagte sie. Sie hatte den Tee auf den Schreibtisch gestellt, der noch übersät war mit Skizzenblättern, Zeichnungen, heraus gerissenen Fotografien. Sie öffnete die Fenster und die Luft stach mir in die Augen. Fast erstickte sie mich, diese kalte Luft.

Ich richtete mich auf. Die Alte umgab ein dünner Film. Wie eine Ölschicht auf dem Wasser, hätte ich vielleicht gesagt. Oder die selbe Art von Aureole, die meine Bilder umgab. Wenn ich mich anstrengte, konnte ich in diesem schwimmenden Gebilde Farben erkennen, die sie und ihre Gefühle dominierten. Knallpinkes Mitgefühl mit mir, Großzügigkeit in Rosa und unter allem – wie ein Spiegel – eine silbrige Traurigkeit.

Ich blinzelte den Eindruck fort und goss uns beiden etwas von ihrem Tee ein. Sie setzte sich mir gegenüber auf den Stuhl.

Ich wärmte mich an dem Becher in meiner Hand, starrte den aufsteigenden Wasserdampf an. Immerhin schrie er mir nicht sein Seelenleben entgegen. Aber selbst dort, selbst in dieser Bewegung von Vapor, entdeckte ich Schönheit. Entdeckte ich Gefühle, die aus mir heraus kamen.

Mir juckte es in den Fingern, ich suchte mit dem Blick nach einem Pinsel, der diesen feinen Tanz einfangen könnte.

„Ich mache mir Sorgen um Sie“, sagte Feodorowna.

Meine Aufmerksamkeit schnappte zu ihr zurück. Sie hatte ein eingefallenes Gesicht, runzlig, wie es nur Menschen haben konnten, die nicht nur die Nazis, sondern auch die Stalinisten überlebt hatten. Es war nicht grau, nicht alt. Sondern weiß, als hätte ihr Leben alle Farbe aus ihr heraus gesaugt. Sie gebleicht, bis nichts mehr als Knochen und Leib an ihr war.

„Die Miete diesen Monat wird pünktlich sein“, sagte ich. „Ich werde die letzten Monate auch sofort bezahlen können. Zweifeln Sie nicht daran: Ich werde eines dieser Bilder verkaufen können oder drei.“

„Genau das macht mir Sorgen. Sie arbeiten so viel. So plötzlich.“

Ich leckte mir die Zähne, wich ihrem Blick aus. Er war Nadeln, die meine Blase durchdrangen.

„Es ist eben ein spontaner Anfall. Eine Inspiration, Feodorowna, die ich lange nicht gespürt habe. Als wären Ketten von mir abgefallen.“

„Es ist beängstigend. Sie sind nicht mehr sie selbst.“ Dumpf hörte ich das Tapsen ihres Eheringes auf dem silbernen Becher. Sie war unruhig. Ich wusste, was gleich kommen würde. Was immer kam, wenn Sie mir Tee brachte, nur um ein Gespräch zu suchen.

„Sehen Sie mich an, Hendrik.“

Wie eine Mutter zu einem ungehörigen Kind. Oder eine Großmutter zu ihrem Enkel. Ich folgte ihrem Befehl. Selbst ihre Augen waren grau. Silbriggrau, wie der Spiegel auf dem Grund ihrer Seele. Als würde aus ihrem Gesicht kein Mensch sehen, sondern ein Engel. Ein Wesen, das diese Welt hinter sich gelassen hatte, das nur noch im Leib am Leben war, dem die Zeit aber alles menschliche heraus gebleicht hatte. Ich spürte in meinen Fingern dieselbe neue Unruhe, den Drang einen Pinsel zu nehmen und sie in Ewigkeit zu bannen, bevor sie verschwand. Bevor mir die Inspiration wieder flüchtete.

„Nehmen Sie Drogen?“

„Was?“

Ich blinzelte.

„Nehmen Sie Drogen?“, fragte sie wieder. „Lügen Sie nicht. Ich habe das bei anderen Jungen gesehen. Bei Soldaten. Erst Kriegszittern, das bis in die Träume reicht. Dann Lethargie und zerrüttete Nerven. Dann greifen sie zu Drogen. Zu Pervitin und was es heute nicht noch alles gibt. Dann bricht es aus ihnen heraus: Härter, intensiver als sie je zuvor waren.“

Ich lachte und schüttete mir den Tee über die Hand und die Oberschenkel. Das heiße Brennen spürte ich kaum.

„Nein“, sagte ich.

Ich überlegte einen Augenblick, schüttelte den Kopf.

„Das heißt ja“, sagte ich, „aber auf Anordnung des Arztes. Ich habe mich in Behandlung begeben, vor einigen Wochen. Wegen dieser… dieser Zustände. Sie entsinnen sich? Ich kam erst spät zurück. Der Arzt gab mir ein Mittel und ich habe es eingenommen. Vor einigen Tagen war ich erneut bei ihm, er hat sich meine Fortschritte angesehen und gab mir das zweite Mittel.“

„Also nehmen Sie Drogen.“

„Unter Aufsicht eines Arztes, ja.“

Feodorowna runzelte die Stirn. Sie schien nachzudenken, sagte aber nichts. Sie griff in die Schublade, die ich ihr angewiesen hatte, und zog die Phiole heraus. Wie die erste war sie klein, mit einem Korken und einem Wachsiegel versehen, und enthielt eine beinahe schwarze, zähe Flüssigkeit.

„Mir gefällt es nicht“, sagte sie. Sie ließ die Phiole auf einen Stapel Skizzen fallen, stand auf. Sie war so klein, dass sie meine sitzende Gestalt kaum um einen Kopf überragte.

„Es ist gefährlich“, sagte sie. Ihre Stimme war hart geworden.

„Unsinn. Sie machen sich unnötige Sorgen, Feodorowna. Ich bin in Höchstform, so energiegeladen wie noch nie in meinem Leben…“

„Sehen Sie sich ihre Bilder an“, befahl sie. Sie nahm willkürlich eines davon hervor, hielt es so, dass ich es sehen konnte.

Es zeigte die Fratze eines Mannes. Obwohl sein Gesicht normal schien, von keiner Narbe oder Regung verzerrt, wirkte es entstellt. Hass sprang daraus hervor. Rot und Purpur mischte sich zu mörderischen Intentionen, die nur zu bereit schienen, aus der Leinwand heraus zu greifen. Als wolle er die Pranken um den Hals des Betrachters legen und ihn würgen.

Ich erinnerte mich nicht, es gemalt zu haben.


„Das sind nicht sie“, sagte Feodorowna. „Ich weiß nicht, wer das ist, wer dieses Bild gemalt hat, aber nicht Sie. Sie könnten so etwas nicht.“

Ich sprang auf. Tee spritzte auf den Boden, auf die Papiere.

„Weil ich nicht gut genug bin? Ist es das, was sie sagen? Dass ich zu schlecht bin, diese Bilder zu malen, dass ich Drogen brauche, um fähig zu sein? Ich kann malen, Feodorowna, ich kann malen wie kein zweiter und diese Bilder, sie sind nichts, nicht einmal ein Anfang. Sie sind die Aufwärmübungen eines Genies, des nächsten Pollock! Wieso können Sie so etwas nur sagen?“

Ich hatte nicht bemerkt, dass ich die Stimme erhoben hatte. Aber das hatte ich. Feodorowna wich zurück, das Bild wie einen Schild vor sich haltend.

„Weil Sie nicht böse sind“, sagte sie.

Sie flüsterte. Sie sah so klein aus, so zerbrechlich. Wie eine Puppe, nicht wie ein Mensch. Ich könnte sie schütteln. Mit einer Hand hätte ich sie schütteln und fortschleudern können. Wie eine Puppe.

„Diese Bilder sind böse. Sie zeigen das schlechteste im Menschen. Ich habe Sie mir angesehen, als Sie fort waren. Wenn Sie ausgehen, um im Schlamm und Schmutz der Stadt zu suchen, dann lassen Sie Ihre Tür unverschlossen. Das sind nicht Sie, Hendrik. Das ist Wut und Hass und Lust und Gier und Neid, die Sie malen. Aber nicht sich. Nicht das, was in Ihnen ist.“

Ihre Worte verletzten mich. Ich weiß nicht, ob es die ersten Anzeichen des Entzugs waren oder ihr Tonfall, aber ich fiel nach hinten, auf mein Bett. Ich weinte. Der Becher fiel endgültig aus meiner Hand. Der Tee ruinierte die letzten Skizzen, an denen ich gearbeitet hatte.

Feodorowna legte das Bild behutsam zur Seite, mit dem Gesicht nach unten. Als fürchte Sie, wenn Sie es zerstörte, würde ein Geist aus den Rissen und Löchern der Leinwand steigen. Sie sank neben mir auf die Matratze, legte mir die Hand auf die Schulter.

„Ich weiß“, flüsterte ich. „Aber ich muss. Ich muss einfach. Sie können sich nicht vorstellen… Mag sein, dass das nicht ich bin in diesen Bildern. Aber es ist jemand, irgendjemand. Vorher war ich ein Niemand. Und das sind meine Bilder. Verstehen Sie? Ich kann nicht… Ich kann nicht nicht malen. Ich muss es. Und ich selbst, ich kann nicht malen. Nicht mehr. Seit Jahren nicht. Sie erinnern sich? An diese Qualen? Diesen Frust? Mit der Miete im Rückstand für sieben Monate, weil ich nicht ein erbärmliches Portrait verkauft das ganze Jahr? Weil ich seit Jahren nicht eines beendet habe?“

„Hendrik“, sagte sie und ihre Stimme war ganz weich, ganz sanft. Wie Balsam auf meiner rohen Seele. „Ist es das Wert? Sich selbst zu verlieren, meine ich?“

„Nein.“ Ich schüttelte den Kopf, barg ihn in den Händen. Die nächsten Worte fielen mir so unendlich schwer, noch so viel schwerer als meine Entscheidung, einen Arzt aufzusuchen.

„Aber ich ertrage mich auch selber nicht.

Ich kann nicht ich selbst sein… Und ich kann nicht, nicht anders sein. Nicht mit Drogen, nicht ohne. Es ist ein Rausch, eine Raserei der Seele. Aber was soll ich tun? In meinem Elend liegen? Ich kann nicht anders. Ich muss doch etwas tun.“

Feodorowna stand auf.

„Ich habe Angst vor Ihnen, wenn Sie so sind, Hendrik“, sagte sie. Sie war ganz leise, ganz behutsam. Als fürchte sie, ein falsches Wort könnte mich in diese Wut zurück stoßen, die ich gezeigt hatte. Ich weiß, dass ich es ebenso fürchtete.

„Ich habe Angst, dass Sie… Dass sie etwas tun, das sie vielleicht bereuen. Nur um irgendetwas zu fühlen. Sie sind nicht kalt, Hendrik. Tief in ihrem Inneren leben Sie. Egal, was Sie glauben oder behaupten. Tief in Ihnen drinnen leben Sie noch und Sie müssen nur wieder zu sich selbst finden.“

„Ich weiß nicht wie“, sagte ich. „ich weiß es nicht.“

Die Witwe hob den Silberbecher auf, den ich fallen gelassen hatte. Sie stellte ihn zu ihrem auf das Tablett zurück und ging halb hinaus.

„Wenn Sie jemals Hilfe brauchen“, sagte sie, „oder nur jemanden zum reden… Ich bin hier für Sie. Vergessen Sie das nie, Hendrik. Und jetzt kommen Sie, wir wischen den Tee vom Boden. Und sie räumen diese grässlichen Bilder aus dem Weg oder verbrennen Sie und morgen… Wir werden sehen, wie Sie sich morgen fühlen. Dann entscheiden Sie.“

Einen Augenblick zögerte ich, atmete die kühle Luft ein, die durch das Fenster strömte. Sie hatte den Ölgestank vertrieben und erstickte mich nicht länger. Dann machte ich mich ans Werk, die Bilder aus dem Weg zu räumen. Ich musste Raum schaffen für neue Bilder – und neue Gefühle.

Als ich an dem angekommen war, das Feodorowna wie einen Schild gegen mich benutzt hatte, hielt ich inne. Ich entsann mich nicht, es gemalt zu haben. Die Erinnerung war in einem dieser Tage verloren gegangen, die sich meinem bewussten Zugriff entzogen.

Aber ich sah, was ihr solches Unbehagen bereitete, obwohl sie nichts von Farben, von Komposition und Material verstand. Es war lebendig. Nicht lebensecht, keine Nachahmung, sondern wirklich lebendig, wie aus Fleisch und Blut.

Und in meinem Hinterkopf meldete sich eine leise, eine hässliche Stimme.

Es war nicht mit Farbe gemalt.

Alt

„I feel like I‘m being yanked around on a chain I can‘t see. Like I‘m an automaton, driven by impulse, by raw emotion.

Aber wenn ich sie nicht nehme… Bin ich ein Automat ohne Antrieb. Eine zerschlagene Maschine ohne Motor. Verstehen Sie? Ich fühle gar nichts dann, oder ich fühle alles. Einen anderen Weg gibt es nicht. Ist es nicht besser, ist es nicht besser, alles zu fühlen, als gar nichts? Ein Gefäß zu werden für die Gefühle anderer, die mich aus diesen Bildern anspringen? Auch wenn es schlecht ist?“

Hendrik Schakal – Teil I: Die Sonne meiner Seele

Mein Untergang begann mit einem Arztbesuch.

Ich hatte damals seit einigen Jahren Probleme mit dem, was man meinen Geisteszustand nennen könnte – Schlaflosigkeit, Reizbarkeit, Lethargie, das übliche – und mich nach einigen Überwindungen entschieden, die Hilfe eines Fachmanns in Anspruch zu nehmen.

Dieses Vertrauen war nur der erste in einer langen Reihe von Fehltritten, die mich mit einigen Umwegen schließlich in die Hölle führten.

Nicht die sprichwörtliche, ich bitte mein Leiden Ernst zu nehmen und nicht mit religiösen Gefühlen zu verspotten. Ich meine die wirkliche Hölle, die die anderen Menschen sind. Die wir im täglichen Miteinander errichten. Dieselbe, in der jedem Gesicht seine versteckte Bösartigkeit eingeschrieben sind, in der in jeder Geste eine Hinterhältigkeit zu lesen ist.

Ich weiß, dass Ihnen all das wie das Gestammel eines Irren vorkommen muss. Und ich gebe Ihnen recht. Bevor ich mich freiwillig der ärztlichen Untersuchung unterwarf, war ich bloß ein Irrer. Ich war lethargisch, geistig blind gegenüber meinen eigenen Bedürfnissen und denen anderer – aber doch harmlos. Wirklich sehen lernte ich erst danach. Der Prozess, den ich beim Nervenarzt durchlief, öffnete mir die Augen für diese Wahrheit in mir selbst.

Ich sehe seitdem klarer die Hässlichkeit in meiner eigenen Seele, falls sie denn existiert.

Ich erinnere mich, wie ich dort saß, in dem großen Büro des Herrn Doktor im Dachgeschoss seines Sanatoriums. Wie viel Furcht ich vor ihm hatte, der sich doch nach bestem Wissen und Gewissen bemühte, meiner Krankheit auf den Grund zu gehen. Ich war nervös, weil ich den halben Tag in den Gängen und Wartezimmern der Anstalt verbracht und weil ein Arzt nach dem anderen kurz mit mir gesprochen und mir die selben Fragen wie der vorherige gestellt hatte, nur, um mich dann an den nächsthöheren zu übergeben.

Es war eine kleine Irrfahrt gewesen. Mit jeder verstreichenden Stunde wurde ich unruhiger. Es war eine endlose Ungeduld in mir. Zwar hatte ich eingesehen oder jedenfalls vermutet, dass meine Heilung einige Zeit in Anspruch nehmen würde, doch derart lange Wartezeiten und Ungewissheit…

Gegen Abend schließlich landete ich dort. Im Büro des Anstaltsleiters.

Ein jovialer Mann, schien es mir damals, mit einem altmodischen Backenbart und einem freundlichen Blick, der mit aller Gewissenhaftigkeit die Untiefen meiner Seele erforschte.

Ich hatte die Hände zwischen den Knien und starrte auf die Unterlagen vor ihm. Ich kam mir albern vor, als er die von mir angegebenen Beschwerden vorlas. Wie ein kleiner Junge, der eine Dummheit gestanden hatte und nun von Erwachsenen dafür belächelt wurde.

„Sie sind beständig müde und antriebslos“, sagte der Doktor, „fühlen Ihre Triebe unterdrückt, wie gedämpft und sehen sich in Ihrer Arbeit beeinträchtigt.“

Ich nickte, ohne etwas zu sagen.

„Sie sind Künstler und fühlen sich blockiert.“

„Maler, genau genommen“, sagte ich.

„Sie wollen sich selbst einliefern lassen“, sagte der Doktor. „Weil sie sich in ihrem Geisteszustand beschädigt sehen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Er hatte mir noch gar keine Fragen gestellt, die ganze Zeit nicht. Ich glaube, er wiederholte überhaupt nur meine eigenen Antworten, die ich seinen Kollegen bereits gegeben hatte.

„So ist es.“

„Hm“, brummte der Doktor. „Ich liebe Malerei. Besonders natürlich Füssli und Friedrich. Die modernsten und verständigsten Köpfe unserer Zeit.

Sehen sie mich bitte an, Hendrik. Ich darf doch Hendrik sagen?“

„Natürlich, Herr Doktor“, sagte ich, ohne aufzublicken.

„Hm“, macht der Doktor wieder. „Sie sind freiwillig zu uns gekommen, sehe ich das richtig?“

„Ganz recht. Weil ich… weil ich mich für krank halte. Im Kopf eben. Krank im Geist, nicht im Körper. Obwohl auch der sich schwach anfühlt. Es sticht und zieht an allen Stellen. Ich… Ich war einmal gesund. Früher. Jetzt nicht mehr.“

Ich leckte mir die Lippen, starrte zwischen meinen Knien hindurch. Des Doktors Büro verfügte über einen Teppich mit sehr feinem Muster. Silbergewirkt, dachte ich, mit vielen Wirrungen und Irrungen und Heraldik. Ich glaubte sogar, einen Schlüssel darin zu erkennen, nach dem Muster alter Märchenbücher.

Irgendetwas in mir sträubte sich, ihm in die Augen zu sehen. Selbst als ich den Blick endlich hob, sah ich ihm auf die Ohren oder das Kinn. Aber nicht in die Augen.

„Und wie glauben Sie, dass wir Ihnen helfen können, Hendrik?“

„Das… Also das weiß ich nicht. Deswegen bin ich ja hier. Weil ich nicht weiter weiß. Weil ich leide.““

„Also dieses Urteil müssen Sie schon dem Fachmann überlassen“, sagte der Doktor. Er hatte eine Augenbraue nach oben gezogen. Sie war buschig wie ein Pinsel aus Eberhaar, und verlieh ihm trotz seiner belustigten Miene einen tyrannischen Blick.
„Also Hendrik, das ist höchst irregulär. Sie dagegen scheinen mir gänzlich regulär. Üblicherweise kommen unsere Patienten nicht freiwillig zu uns, sie verstehen? Und normalerweise lässt sich schnell heraus finden, inwiefern sie… Verrückt ist ein hässliches Wort. Sagen wir also: Inwiefern diese Menschen geistig abnorm sind.“

Ich zögerte einen Augenblick und wünschte, ich hätte eine gute Antwort darauf gehabt. Vielleicht hätte ich dann mein Problem ernstlich behandeln können.

„Das kann ich Ihnen nicht sagen.“

„Sie werden es versuchen müssen. So, wie es derzeit steht, halte ich sie vielleicht für ein wenig erschöpft, aber diese Dinge sind normal. Vor allem unter Kreativen sind solche Phasen ganz gewöhnlich.“

„Mein… mein Leben ist grau. Ich lebe es, bewusst und bestimmt und rational, aber… Aber ich fühle nichts. Verstehen Sie? Ich fühle mich wie gefangen in meinem eigenen Verstand. Als würde ich hinter dicken Gitterstäben sitzen und eine Welt dort draußen betrachten, von der ich kein Teil bin. Es gibt keine Gefühle in mir, in meiner Welt. Nur dort draußen. Aber dort komme ich nicht hin.“

Der Doktor betrachtete mich einen Augenblick lang eindringlich. Irgendetwas in mir, irgendeine Verzweiflung in mir, ließ mich aufblicken. Ich fühlte mich, als ob sein Blick sich in meinen Geist fraß, als ob er all das in meinen Augen las, was ich zu sagen nicht in der Lage gewesen war. Mir war, als wäre ein Gewicht nicht von meiner Brust genommen, sondern dort heraus gerissen worden.

„Hm“, sagte der Doktor wieder und nickte dieses Mal. „Wenn die Sache sich so verhält.“

Der Doktor wuchtete sich hoch. Eine beeindruckende Gestalte, dachte ich. Trotz seiner geringen Körpergröße war er ein Mann von Format. Etwas an der Art, wie er sich bewegte. Er ging zu den Regalen, die die eine Seite des Büros einnahmen. Zwischen den Büchern und den Eichenschränken befand sich ein Medizinschränkchen, vielleicht ein Drittel so breit wie er. Aus der Innentasche seiner Weste holte er einen schweren Eisenschlüssel und öffnete den Schrank.

Eine endlose Aneinanderreihung von Tigelchen, Fläschchen, Phiolen, Dosen und Büchsen öffnete sich vor ihm. Aus der obersten Schublade, ganz hinten versteckt, holte er ein Kästchen und ging mit ihm – ohne den Medizinschrank hinter sich zu schließen – zum Sekretär zurück, von wo aus ich ihm zugesehen.

Der Doktor stellte das Kästchen vor mir ab, aber gerade außer Reichweite, und strich mit seinen Handschuhen darüber. Beinahe streichelte er es, als wäre ihm lieb und teuer, was darin war.

Das Kästchen war vielleicht eine Elle lang, eine Hand breit und ebenso tief. Es war schwarz, aus einem matten Holz, das ich nicht identifizieren konnte. Eingelegt war es mit feinem Silber. Das selbe Muster wie auf dem Teppich fand sich darauf: Eine Burg mit zwei Schlüsseln anstelle von Türmen.

Ein weiterer Schlüssel, den der Doktor dieses Mal an einer Kette um seinen Hals trug, öffnete die zierliche Silberschnalle. Das Kästchen schnappte auf. Ich konnte seinen Inhalt nicht sehen, nur wie der Doktor vorsichtig und ehrfurchtsvoll hineingriff, um eine winzige Phiole zu produzieren, die er zwischen Daumen und Mittelfinger hielt.

Er legte sie zur Seite auf ein Polster aus Samt, das ich dort erst nicht bemerkt hatte, dann schloss er die geheimnisvolle Box wieder. Der Schlüssel verschwand unter seinem Hemd.

„Wenn Sie willens sind, Hendrik, sich unserer Behandlung zu unterwerfen – und wenn Sie es aus ihrem eigenen freien Willen heraus tun – so kann ich Ihnen dieses Panazee verabreichen.“

Ich runzelte die Stirn und nickte. Damals hätte ich alles versucht, alles, um aus diesem Zustand auszubrechen, in dem ich mich selber hielt. Aus dem ich nicht ausbrechen konnte, weil ich im Krieg mit mir selber lag.

Nur deswegen hatte ich nach Hilfe ersucht. Weil ich jemand Fremden brauchte, der von Außen auf meine zerrissene Seele blicken und mir helfen konnte. Der mich befreien könnte aus diesem Käfig, den ich mir selbst geschaffen hatte.

Der Leiter des Sanatoriums Schlüsselburg… hielt wortwörtlich den Schlüssel dazu in seinen Händen.

„Nur Sie können entscheiden, ob Sie sich dieser Behandlung unterziehen wollen. Ich kann Ihnen nur die Substanz übergeben und Sie warnen: Sie ist potent, über alle Ihre kühnsten Vorstellungen hinaus. Sie ist ebenso in der Lage, den menschlichen Geist zu zerschmettern wie ihn zu stählen.

Nur Sie können entscheiden, ob Sie es derart versuchen wollen. Außerhalb der kontrollierten Bedingungen dieses Kästchens verdirbt die Substanz rasch. Mit den ersten Sonnenstrahlen wird sie ihre Wirkung einbüßen und in nichts weiter zerfallen als inerte Eiweiße, Wasser und eine Reihe an mikroskopischen Mineralien.“

Er überreichte mir die Phiole, ich empfing sie mit beiden Händen. Es war eine dunkle Flüssigkeit, fast schwarz. Nur einige wenige Milliliter, die zäh-viskos in dem dünnen Glas herum wirbelten. Auf der Öffnung steckte ein Propfen aus Wachs, dunkelrot und dick.

Ich konnte nur auf diese Substanz starren. Den Doktor nahm ich kaum noch wahr, als er weiter sprach. Besser, hätte ich auf ihn gehört und seine Warnungen ernst genommen.

„Sollten Sie sich entscheiden, die Behandlung zu beginnen, wird die Substanz einen simplen Prozess in Bewegung bringen: Sie wird Sie energetisieren. Ihr Gefühlsleben wird sich um ein Vielfaches potenzieren, Ihre Begierden und Gelüste ungeahnt anschwellen. Die Welt wird Ihnen schärfer vorkommen, größer als je zuvor. Das kann ein schmerzhaftes Erlebnis sein, doch nur so werden wir die feinen Details Ihres Geistes und seiner Krankheit ausfindig machen können.

Während der ersten drei Monate können Sie die Behandlung jederzeit abbrechen. Sie müssen allerdings die nächste Dosis in spätestens 28 Tagen einnehmen – sonst verfliegt der Stoff endgültig und alle positive Wirkung kehrt sich in ihr Gegenteil um. Es ist eine überaus unangenehme Erfahrung. Es wird Ihnen kein Schaden daraus erstehen, jedenfalls kein physischer. Ihr Geist aber wird Narben davon tragen. Wahrscheinlich wird es Ihnen nach Abbruch der Behandlung schlechter gehen als zuvor.

Es gibt für ihr Leiden keine einmalige Heilung, dessen müssen Sie gewiss sein. Krankheiten des Geistes sind schwer zu behandeln, sie sind zäh, sie sind wandelbar. Nur allzu oft erwächst dieser Hydra ein neuer Kopf, wenn der alte gerade abgeschlagen scheint. Nach Ablauf der drei Monate werden Sie die Substanz regelmäßig nehmen müssen, oder alle positive Wirkung kehrt sich binnen weniger Tage in ihr Gegenteil um. Sie würden verwelken und sterben.

Es gibt dann kein Zurück mehr.“

Ich weiß nicht mehr, wie ich nach Hause kam oder ob ich meiner Haushälterin, der Witwe Feodorowna, sagte, wo ich bis zu dieser späten Stunde gewesen war.

Ich weiß nur, dass ich mich die restliche Nacht über in meinem Zimmer einschloss. Ich saß über meinen Schreibtisch gebeugt und zerbrach mir Verstand und Seele über dieser Substanz.

Mögliche negative Konsequenzen ängstigten mich ebenso wie die positiven. War ich bereit dazu, mich selbst aufzugeben? Die Person, die ich bis zu diesem Punkt in meinem Leben, über all die Jahre, gewesen war? Selbst wenn es grässliche Jahre gewesen waren, so waren es doch meine gewesen.

Sie wegzuwerfen kam mir damals vor, als wäre ich Verräter an mir selbst geworden. Als hätte ich allen Schmerz umsonst gelitten. Und wenn ich diese Substanz einmal eingenommen hätte…

Und doch wollte ich von ihnen fort. Was ich dem Arzt gesagt hatte, war nichts als die Wahrheit gewesen, vage wie ich geblieben war: Ich hasste mich. Ich hasste alles, was ich tat, was ich sah, was ich fühlte und dachte.

Ich war in einem Käfig gefangen, den ich mit meinen eigenen Händen über die letzten Jahre meines Lebens geschaffen hatte. Der mich zurück hielt und dem ich nicht entkommen konnte. Jeder Fluchtversuch, jeder Ausbruch zu mehr Glück, Zufriedenheit, selbst zu Kreativität, endete in einem Rückfall. In einem neuerlichen Angriff dieser Hydra, wie der Arzt es genannt hatte.

Ich wälzte meine alten Tagebücher, die Aufzeichnungen meiner Träume und endloser Nächte ohne Schlaf, ohne Erholung.

Es gab keine einzelne Quelle für diese Gefühle. Ich hätte nicht auf einen einzigen Moment meiner Kindheit zeigen können, auf ein schreckliches Erlebnis mit meinen Eltern oder einer Verlobten, dem alle mein Elend entsprangen. Aus tausend kleinen Wunden floss das Leid. Und jede einzelne davon hatte die Hydra in meinem Kopf gefüttert, bis sie mich mit Haut und Haar zu verschlingen drohte.

Lange rang ich mit mir, bis in die späten Stunden der Nacht, wenn die Dunkelheit am tiefsten ist.

Als ich sie endlich einnahm, stieß mich die Substanz durch eine Tür, die ich nie wieder würde schließen können. Kopfüber fiel ich in eine Welt der Farben, des Rausches und der Gefühle, die ich noch immer nicht beschreiben kann.

Gleich zu Beginn fühlte ich mich anders, überwältigt. Die Wirkung setzte bereits nach wenigen Sekunden ein.

Es war ein Gefühl von Leben, das ich so noch nie gekannt hatte. Sie veränderte etwas in mir – dauerhaft, wie ich später feststellen sollte – und zerschlug die Mauern meines Gefängnisses.

Es war ein heißes Gefühl, das sich erst in meiner Kehle und in meinem Magen ausbreitete. Wie ein Donnergrollen schoss mir die Substanz durch die Eingeweide, jagte durch meine Adern. Ich sprang von meinem Tisch auf, ich fegte all meine Unterlagen beiseite. Tagebücher und Traumnotizen klatschten auf das Parkett, der Wind stahl einige durch das Fenster davon.

Mir war es gleich.

In dieser ersten Nacht malte ich, wie ich in all den Jahren zuvor noch nie gemalt hatte. Erinnerungen kochten in mir hoch, vielleicht angeregt von meinen eigenen Ängsten und Tagebüchern, und brandeten aus mir heraus auf das Papier. Mir war, als bräche zum ersten Mal seit Jahren die Sonne in die Mitternacht meines Geistes ein.

Es gab nur eine Sache. Eine Kleinigkeit, wirklich, die den Sonnenaufgang meiner Seele trübte.

Ich konnte nicht aufhören.

Kinemathek Katakomb – Teil I: Der Tanz beginnt

Ein einfacher Briefumschlag genügte, um alle Vorstellungen Arthurs über sich selbst zu zerschmettern.

Er hatte sich stets für einen Man mit einem gleichmäßigen und ruhigen Gemüt gehalten. Einer, der alle Fakten nüchtern und pragmatisch in Betracht zog, sie abwog und nach bestem Wissen und Gewissen handelt. Doch das dicke Papier, das er eines Frühlingsabends in seinem Briefkasten vorfand, ließ ihm beinahe das Herz zerspringen. Seine Hände zitterten und sein Geist raste. Eine Reihe von Gedanken jagte ihm in den Kopf, der eine verdorbener und wilder als der andere. Der Brief enthielt nur einen einzelnen Satz, der sein ganzes restliches Leben in Unordnung bringen würde:

„Die Kinemathek Katakomb lädt Sie hiermit zu seiner Vorführung am siebzehnten April um 14:00 am Platz der vereinten Nationen ein.“

Verschämt blickte er sich um, als ob er sicherstellen wollte, dass niemand ihn bei diesen Gedanken beobachtet hatte. Er ging hinein in sein Haus, durch die Wohnküche und in den zweiten Stock, in sein Studierzimmer. Vorbei an den leeren und verschlossenen Zimmern seiner Kinder und seiner Gattin. Hinter sich sperrte er die Türe zu, ließ sich vor seinem Schreibtisch nieder und studierte den Brief noch einmal.

Er war unfrankiert, ohne Absender, mit einer feinen Handschrift geschrieben. Nicht einmal Arthur stand als Adressat auf dem Papier. Das Papier schien selbst geschöpft worden zu sein und damit kaum zurück zu verfolgen.

Nur der Name „Katakomb“ deutete auf seine Echtheit hin.

Arthur blickte aus dem Fenster, auf den Vorgarten hinaus, durch den in den letzten Stunden niemand gekommen war. Er hatte es genau beobachtet.

Mit gerunzelter Stirn schloss er das Briefpapier in dem geheimen Departement seines Schreibtisches ein und holte die Dienstpläne des Kriminaldezernats Lichtenberg hervor. Er hätte diese Aufgabe einem seiner Untergebenen anvertrauen können. Andersen oder Lilienthal. Sie waren vertrauenswürdig, auf sie war Verlass.

Aber er sehnte sich danach, nicht länger bloß in seinem Büro zu sitzen, sondern selbst Hand anzulegen.

Schon viel zu lange hatte sein Leben einen schalen Beigeschmack angenommen. Es war brackig geworden und wartete nurmehr auf Erlösung von diesem Stillstand.

Mit diesem Schreiben geriet er endlich wieder in Bewegung.

Für den siebzehnten und auch den achtzehnten April trug Arthur sich selbst Urlaub ein und machte die Dienste noch am selben Tage offiziell. Dass er seinen Urlaubstag mit Nachforschungen auf eigene Faust verbringen würde, erzählte er niemandem.

„Es ist nur eine Veranstaltung“, sagte er sich zum tausendsten Male, als er sich am angegebenen Morgen ankleidete. „Und es ist mindestens ebenso meine Pflicht, nicht jeden dummen Streich zu melden, wie solchen Dingen auf die Spur zu gehen. Wenn es wirklich eine Einladung der Kinemathek ist, kann ich sie immer noch melden, nachdem ich sie mit eigenen Augen bestätigt habe. Es gibt keinen Grund, mich mit leeren Vermutungen lächerlich zu machen.“

Nachdem der Dezernatsleiter der Kriminalpolizei Arthur Winterstein sich also in einen schönen Anzug und ein ruhiges Gewissen gekleidet hatte, fuhr er mit seinem Dienstwagen zum angegebenen Treffpunkt.

Der Platz der vereinten Nationen war eine Oase inmitten der Betonwüste. Menschen kamen und gingen, liefen von Wohnhäusern an einem Ende des Platzes zu denen am anderen Ende oder flohen mit den Straßenbahnen Richtung Innenstadt, über die Kreuzung der Landsberger Allee schoben sich Lawinen aus Metall. Alles erweckte den Eindruck, als würde es um den Platz herum wirbeln, dort aber nicht verweilen wollen.

Arthurwar einige Minuten vor der Zeit da. An mangelnder Sorgfalt sollte es nicht scheitern, auch wenn es eine ganz und gar ungewöhnliche Verabredung war. Er war eine Insel der Ruhe inmitten des städtischen Wirrsinns.

Er blieb vor dem Springbrunnen stehen. Dort konnte er warten und beobachten. Es war ein hässliches Teil, wie Arthurfand, aus Steinbrocken von allen fünf Erdteilen gebaut. Früher hatte dort das Abbild Lenins gestanden, übergroß und erdrückend, von dem nurmehr der Kopf übrig geblieben war. Ehe man ihn in ein Museum im Westen der Stadt geschafft hatte. Und er hätte nicht sagen können, was besser war: Ein belangloser Brunnen, der zum Namen des Platzes passte oder eine geladene Geschichte, die um ihrer selbst willen stehen gelassen wurde.

„Herr Winterstein?“

Arthurzuckte vor seinen Gedanken zurück. Die Stimme gehörte einer jungen Frau, die sich ihm unbemerkt genähert hatte. Ihre Kleidung war lässig, fast provokant: Tanktop, breite Hosen mit vielen Taschen und Stahlkappenstiefel. Arthurkam sich in seinem Dreiteiler sehr förmlich vor neben ihr.

„Ganz recht“, antwortete er, „und Sie sind?“

„Marie“, sagte sie und reichte ihm die Hand. Ihr Griff war fest, kräftiger als er bei ihrer schmalen Statur für möglich gehalten hätte. Mit dem Daumen deutete sie zum hinteren Ende des Platzes, hin zur Friedensstraße, wo eine Gruppe von vielleicht zehn Leute zusammen stand und wartete. Sie schwiegen und sahen sich nervös an. Nur zwei oder drei von ihnen schienen zu wissen, was auf sie zukommen würde. Sie beobachten weniger die Umgebung, als viel mehr die neueren Mitglieder ihrer Gruppe.

„Sie sind der letzte, Herr Winterstein. Wenn Sie bereit sind, können wir los.“

Arthurzog die Brauen zusammen. Sie kannte seinen vollen Namen, er nur ihren Vornamen und der war so häufig, dass er genau so gut falsch sein konnte. Trotzdem nickte er und folgte ihr.

Marie führte die Gruppe die Friedensstraße entlang, um den Park herum. Sie schwieg die meiste Zeit. Auch wenn sie Fragen gern beantwortete, erzählte sie nicht zu viel über die Kinemathek oder sich selbst oder auch nur ihre Rolle in der Veranstaltung.

Stattdessen erklärte sie recht einsichtig, wohin Sie sie führte. Die letzten Male hätte die Kinemathek unterhalb der ehemaligen Reichskanzlei getagt, doch dort sei es mit der Zeit zu heiß geworden. Zu viele Fragen, zu viele prahlerische Gäste. Die heutige Veranstaltung fände daher an einem etwas abgelegeneren Ort statt. Ihr Thema sei entsprechend weniger historisch als die letzten Male und man wolle mehr den Ausbruch aus überkommenen Gewohnheiten in den Fokus nehmen.

Auf der Rückseite des Parks angekommen, betraten sie ein kleines Waldstück, das sich über den rückwärtig gelegen Hügel zog. Für eine kurze Zeit gingen sie zwischen den Bäumen entlang, die in der Sommersonne einen angenehmen Schatten spendeten.

Bis sie zu einer Art Vorsprung kamen, der direkt aus dem Waldboden zu wachsen schien und etwas abseits des Weges lag, verborgen zwischen alten Bäumen und Unterholz und einem steilen Abstieg.

Dort hinein würde die Reise führen, sagte Marie und klopfte gegen die Stahlplatte, die in den Vorsprung eingelassen war. Aus ihren endlos vielen Taschen zog sie einen Schlüsselbund, der die Tür und den Riegel davor aufsperrte. Sie schob die Stahlplatte leicht aus dem Weg und ließ die ausgesuchte Gruppe an Gästen eintreten.

Als er in den Gang in den Untergrund blickte wurde Arthurklar, warum sie Stiefel und Tanktop trug und der exklusiven Aura der Kinemathek so widersprach.

Arthurwurde heiß. Er fühlte sich dumm in seiner Abendkleidung, in seinen Budapestern und der Krawatte. Aber er tröstete sich damit, dass es einigen der anderen Gäste ebenso ging: Auch sie hatten feinere Kleidung gewählt. Nur diejenigen, die die Neuzugänge neugierig beobachtet hatten, sahen legerer aus.

Als die Stahltür hinter ihnen ins Schloss krachte, hatte das Geräusch etwas endgültiges. Arthur fühlte sich wie in einem Sarg, der sich langsam schloss und in die Erde gelassen wurde. Er begriff, warum sich die Kinemathek „Katakomb“ nannte: Es war stickig hier unten und kalt wie in einem Grab. Nach nur fünf Minuten war er sicher, hier unten nie wieder heraus zu finden. Manche Gänge waren verschüttet worden, gesprengt oder notdürftig versiegelt. Andere von Unbekannten wieder aufgerissen oder im Gegenteil verbarrikadiert worden. Einige Lüftungs- und Rohranlagen schienen ersetzt, andere absichtlich sabotiert worden zu sein.

Das Ergebnis war ein undurchschaubares Labyrinth aus Tunneln, Biegungen und Rohren, in dem die Gruppe ohne die Taschenlampe Maries und ihr Gedächtnis völlig verloren war.

Dort unten aber begann die eigentliche Reise und ihre Begleitung erzählte endlich mehr von der Kinemathek – und dem Ort, an dem sie sich jetzt befanden.

Die meisten wüssten gar nicht mehr, dass an dieser Stelle einmal eine Batterie an Flaktürmen gestanden und den gesamten Friedrichshain überblickt hätte, sagte sie. Zwar hatten erst die Russen und dann der Bund oberirdisch vieles gesprengt und abgetragen, doch die darunter liegenden Luftschutzbunker und Tunnelanlagen seien zum Teil noch zugänglich.

Die Kinemathek habe sich vor einigen Jahren gegründet, um sich dieser Tyrannei entgegen zu stellen. Der Verkleisterung des Lebens durch aufgesetzte Fröhlichkeit und übermalte Schönheit, wollte man die Wahrheit entgegen setzen, auch wenn sie grausam sei. Man wolle das Innere freilegen, das sich noch immer im Menschen und seiner schönen neuen Welt verberge, auch wenn es beunruhige.

Ob sie zum Verein der Unterwelten gehöre, fragte ein älterer Herr weiter hinten in der Gruppe. Obwohl er ihr Gesicht nicht sehen konnte und Maries Stimme von den Wänden unmöglich verzerrt wurde, glaubte Arthur, sie spottete über einen solchen Vergleich.

„Die Unterwelten, mein Herr, sind Entdecker von vergessenen Abgründen. Wir dagegen erforschen nicht und wir dokumentieren auch nicht. Wir teilen was wir besitzen mit einer ausgewählten Gruppe, während sie es der gesamten Öffentlichkeit zugänglich machen.“

Arthur schauderte es bei diesen Worten. Mit jedem Schritt, den sie in die Katakomben unter der Stadt taten, war er ein Stück weit sicherer, an den richtigen Ort gekommen zu sein.

Nur seine Gründe dafür vergaß er und entdeckte eine Neugier in sich, die er zuvor nicht gekannt hatte. Die er in seinem Büro hatte verstecken müssen.

Zeit gab es dort unten nicht. Sie kroch zäh und dickflüssig durch die Tunnel, wie der Staub, der allenthalben die Betonböden bedeckte. Arthurhätte nicht sagen können, ob ihre Reise zehn Minuten oder Stunden andauerte und wie weit sie sich unter der Erde bewegt hatten. Nur, dass die frühjährliche Oberwelt mit ihren Bussen und Bahnen und den Touristen und dem hektischen Rhythmus des Alltags unendlich weit entfernt schien.

Irgendwann endeten die Tunnel, plötzlich und unvermittelt, und sie standen in einer größeren Halle. Nun, Halle. In der Welt oben wäre es kaum ein Raum gewesen, vielleicht 50 Meter im Quadrat, mit einer gerade drei Meter hohen Decke. Doch hier unten, nach einer unbestimmten Zeit des gebückten Gehens, während der der einzige Anblick der Rücken des Vordermanns gewesen war, war dieser Raum, in dem man gerade stehen und einige Meter weit sehen konnte, ein Saal von unendlicher Größe.

Und er war hell erleuchtet. Musik spielte leise im Hintergrund. Jazz, glaubte Arthur, ohne das Stück oder den Künstler oder auch nur die Musik wirklich zu erkennen. Die Akustik hier unten musste miserabel sein – zu viele Ecken und Kanten, an denen sich die Töne brechen konnten – und trotzdem war der Ton klar und sein Ursprung nicht zu entdecken.

„Meine Damen und Herren“, sagte Marie, „willkommen in der Kinemathek Katakomb.“

Sie lächelte und deutete eine Verneigung vor den Gästen an.

„Die Vorführung wird in Kürze beginnen, doch solange soll die Kunst regieren – und nur die Kunst. Lassen Sie Ihre Bedenken und Namen draußen, gesellen Sie sich für einen Augenblick an die Bar und lehnen Sie sich zurück. Und bitte, meine verehrten Gäste: keine Aufnahmen irgendwelcher Art.“

Die Bar bestand aus einer Theke, an der Seite der Betonbunkerhalle, und war aus Eichenholz gefertigt. Der Beton der Wand dahinter war nackt. Marie begann damit, Alkohol in ausgefallenen Sorten und Flaschen und Farben und Formen auszuschenken. Nur Alkohol. Es gab keine raschelnden Tüten von Popcorn oder Süßigkeiten, keine Sodagetränke, keine sinnlose Völlerei. Nur einen sanften Rausch, der Hemmungen löste und Geister öffnen sollte.

Der Großteil der Gäste hatte sich dort versammelt, nur zwei hatten sich direkt zu den Sesseln begeben. Der Rest stand herum, trank mal alleine und mal in Gesellschaft. Gerade die etwas erfahreneren Gäste schienen erpicht darauf, die Meinung der Neuzugänge zu erfahren.

Man sprach nicht über das Wetter oder die Arbeit oder tausend andere Dummheiten, mit denen Arthur sonst so oft seine Zeit verschwendete. Nichtigkeiten hatten hier unten keinen Platz. Es war eine ruhige, eine ganz gesetzte Atmosphäre, die in ihrer Behaglichkeit beinahe unerträglich war. Vor allem angesichts der „Kunstwerke“, von denen man sprach und bei denen Arthur schlecht wurde.

Der Dezernatsleiter trank einen Gin, um seine Nerven zu beruhigen, und hielt sich aus den Gesprächen heraus. Es genügte ihm, an der Bar zu lehnen und zu lauschen. Er kannte diese Menschen nicht, er wollte sie auch nicht wirklich kennen lernen. Aber er konnte sie belauschen. Und sein Pflichtgefühl sagte ihm, dass das die beste Entscheidung war, die er heute treffen konnte.

„Das Guignol ist großartig“, sagte einer, der ihm den Rücken zugewendet hatte und wohl versuchte, seiner Begleitung zu imponieren. „Haben sie den lebenden Tod gesehen? Das letzte große Werk von Georg Schneider. Ein Künstler weit vor seiner Zeit. In jedem anderen Land wäre es verboten worden.“

„Zu provokant“, sagte die Dame an seiner Seite, „und außerdem geschmacklos. Sein eigenes Sterben derart auszuschlachten. Sich todkrank auf eine Bühne legen und beim Sterben beobachten zu lassen… Was soll das schon sein?“

„Reine Emotion“, sagte ein Mann von der Seite. Er rauchte und niemand störte sich daran. „Die letzte große Erfahrung des Menschen – der Tod – in Kunst verwandelt. Das soll das sein.“

Die Frau lachte, dann fuhr sie fort, sich über das Grotesque und seine Skandale auszulassen. Vor allem über den Fotografen Wagner, der trotz gewisser unabweisbarer Vorwürfe nicht nur im Guignol noch immer geduldet, sondern sogar gefeiert wurde – und dem die Staatsgewalt wohl tatenlos gegenüber stand.

„Ich habe gehört, dass er eine Menge inkriminierendes Material über die Richter der Stadt besitzen soll, weswegen niemand ihm den Prozess machen will.“

„Unsinn“, sagte der Mann, der der Dame imponieren wollte und winkte ab, „der Mann ist klarerweise unschuldig. Alles eine einzige PR-Masche, um den Preis seiner Schundbilder in die Höhe zu treiben. Ich habe diese angeblich skandalösen Fotografien und Videos gesehen. Schlecht digital bearbeitet und manipuliert, allesamt. Ich frage mich tatsächlich, wie die Medien auf solch plumpe Fälschungen herein fallen konnten. Er kopiert ganz offensichtlich diesen Regisseur Deodato aus den achtziger Jahren.“

Arthur konnte nicht anders, als darüber lachen.

„Was lachen Sie da?“, fragte der Mann und wandte sich Arthur zu. Der biss sich auf die Zunge. Er hatte den Leiter der zuständigen Polizeidirektion in dieser Sache beraten, aber das konnte er schwerlich eingestehen, ohne seine Deckung zu verlassen. Also zuckte Arthur mit den Schultern.

„Ich finde eben amüsant, dass sie Deodato und Wagner miteinander vergleichen“, sagte er.

Der Mann mit der jungen Begleitung runzelte die Stirn, dann schnaubte er und wandte sich wieder dem anderen Herrn zu.

„Was glauben Sie“, fragte er ihn, „welchen Film werden wir heute gezeigt bekommen?“

„Méliès‘ verlorener Film!“, sagte der Mann, der Arthur noch immer den Rücken zugedreht hatte.

„Dieser… wie hieß er noch? Die ‚rage du demon‘?“, fragte seine Begleitung. „Ich hielt ihn immer für ein Gerücht. Irgendeine Mythe der Presse oder des Feuilletons, um von staatlicher Zensur berichten zu können.“

„Eben jener. Es heißt, er solle Menschen in den Irrsinn treiben und sei daher von den Franzosen verbrannt worden. Es wäre ein Film, den ich hier erwarten würde.“

Der Mann mit der Zigarette lächelte geheimnisvoll. Es schien ihm zu gefallen, die beiden Erstbesucher an seiner Erfahrung teilhaben zu lassen.

„Mit Sicherheit existiert der Film“, sagte er, „und mit Sicherheit kann man ihn hier erwarten. Ich habe ihn selbst gesehen, vor kaum zwei Monaten. Deswegen glaube ich auch nicht, dass Sie ihn noch einmal zeigen werden. Ich hätte nichts dagegen, verstehen Sie mich da nicht falsch. Es war ein Erlebnis, wie sie es sonst kaum erleben können. Aber ich erwarte doch etwas mehr Abwechslung, einen neuen Geschmack, wenn sie verstehen?

Etwas, das auch die abgestumpftesten Nerven zu kitzeln vermag.“

Schuld und Sünde – Teil XII: Spolien

Melissa saß, die Beine übereinander geschlagen, in einem älteren Lehnsessel. In ihren Händen hielt sie noch immer ein Buch, in dem seit etwa einer Stunde schon nicht mehr blätterte, sondern die immer gleichen Verse las, ohne sie aufzunehmen. Es war ein grässlich französisches Buch, das im Vorwort die Langeweile als die schlimmste aller menschlichen Sünden identifiziert hatte. Wenn es damit Recht hatte, war dieses Gedichtbändchen wohl die Erbsünde selbst.

Zwar befasste es sich mit einer Vielzahl an Schaurigkeiten, an Geschmacklosigkeiten, Perversionen und anderen Blumen des Bösen – aber die junge Frau fand sie blass und zart neben dem intensiv blühenden Garten ihrer eigenen Seele.

So fand sie die Zeit an sich vorüber ziehen, während sie hin und wieder in die verregnete Nacht hinaus oder an das andere Ende der Bibliothek blickte. Die Bücher, wie auch das Haus, gehörten dem Herrn Oberst von Büttner, oder einem seiner Handlanger, was letzten Endes das gleiche bedeutete: Er war der Herr im Haus, so wie Leopold im Sanatorium Schlüsselburg und sie in ihrem eigenen Nest.

Und wie es üblich war, wenn sie bei denen zu Besuch war, die älter als sie waren, wartete sie und verschwendete ihre Zeit, bis man sich ihrer erbarmte.

Nach einer Weile kam der Herr von Schlüsselburg dazu.

Wie lange er bereits im Haus gewesen und mit dem Oberst gesprochen hatte, konnte Melissa nicht sagen, aber sie fragte ihn auch nicht danach. Sie begrüßte ihn kühl und zurückhaltend und der Junker machte kaum Anstalten, eine höfliche Konversation mit ihr zu beginnen. Auf das Buch in ihren Händen ging er nur mit der Bemerkung ein, dass er wünschte, damals auch nur annähernd die Psyche und den Horror derart filigran begriffen zu haben, wie der Autor es tat. Für ihn habe es eine halbe Ewigkeit der Studien dazu gebraucht.

Kurz darauf trat der Oberst selbst in die Bibliothek, machte Vorwände für seine Verspätung und drückte seine Hoffnung aus, Melissa habe sich nicht zu sehr gelangweilt. Sie log und lobte seinen ausgesuchten Geschmack in literarischen Dingen und die Seltenheit seiner Sammlung, die sie köstlichst amüsiert habe.

Wie üblich bot der Gastgeber ihnen Erfrischungen an, die die Gäste wie gewohnt ablehnten. Er setzte sich und kam ohne Umschweife zum Grund seiner Einladung.

Wir haben einen schwierigen Fall“, sagte der Oberst. „Die Wette ist, streng genommen, noch nicht entschieden. Sowohl Maxine Schwarzbrunn, das von Herrn Junker von Schlüsselburg ausgewählte Asset, als auch Richard Hahntritt, das Asset des Fräuleins Morgenthau, sind noch am Leben. Keiner von ihnen hat tatsächlich die Tat begangen, obwohl beiden der Willen und die Mittel dazu attestiert werden müssen.“

Er nickte Melissa anerkennend zu.
„Die Anwesenheit von Fräulein Morgenthau
beim entscheidenden Vorfall der letzten Woche verkompliziert die Angelegenheit.

Angesichts der vernachlässigbaren Schäden, die das Asset des Herrn Junkers davon getragen hat und dass Fräulein Morgenthaus Asset gerade so durch die Magie ihres Blutes an der Schwelle des Lebens gehalten wird – im übrigen ein Verstoßen gegen die gesetzte Vereinbarung – muss dem Herrn Junker der Sieg nach Punkten zugestanden werden.“

Die zwei ehrenwerten Herren und die Dame saßen im Kreis, am großen Fenster der Bibliothek hinter der Regen prasselte, und schwiegen einen Augenblick.

Es war eine gedankenvolle Stille, die Melissa nur zu gerne zertrampelt hätte. Sie presste die Kiefer aufeinander und sah hinaus, um keinen der beiden Anderen ansehen zu müssen.

Verloren. Niederlage nach einem Punktesieg.

Fräulein Morgenthau“, sagte der Obrist. Sein Blick lastete schwer auf ihr, aber sie wich ihm weiter aus. Hier und jetzt hieß es, Ruhe bewahren, Contenance, sonst war alles für die Katz.

„Sind sie mit meiner Darstellung der Ereignisse zufrieden?“, fragte er.

Melissa öffnete den Mund, schloss ihn wieder, und erkaufte sich mit einem tiefen Atemzug ein wenig Bedenkzeit. Es war kein Urteil gefällt, noch konnte sie vielleicht eine Reihe von Wörtern finden, eine geheime Formel, die das Herz des alten Militärs erweichen könnte.

Mit Verlaub, Herr Oberst“, sagte sie und begegnete seinem Blickich protestiere. Ich befand mich im vertraulichen Gespräch mit meinem Asset, das er selbst mit mir gesucht hatte. Dass Schwarzbrunn gerade in diesem Moment herein platzen würde, hätte ich kaum wissen können. Hätte ich augenblicklich vom Schauplatz fliehen sollen, ohne den weiteren Verlauf abzuwarten?

Lügen Sie nicht, Fräulein Morgenthau. Ich habe den Geist ihres Assets gründlichst untersuchen lassen. Sie haben körperlich in eben jene Auseinandersetzung eingegriffen, die die Wette, deren Rechtmäßigkeit zu überwachen meine Aufgabe ist.“

Wie ertappt zuckte Melissa ein wenig zusammen.

Wenn er in dieser kurzen Zeit nur mit Richard gesprochen hatte… hatte der Oberst womöglich übersehen, dass Melissa selbst die Polizistin mit einem Tipp in diese dunkle Gasse gelockt hatte. Sie mahlte mit den Kiefern und sah zu Leopold von Schlüsselburg, der diese ganze Zeit über noch kein Wort gesagt hatte.

„Ich griff in das Handgemenge ein, das leugne ich nicht. Aber nur, weil das Asset des ehrenwerten Junkers sich äußert ungewöhnlich benahm und mein Misstrauen weckte.

Der Oberst sah zu Leopold, der aber nur mit vor dem Bauch gefalteten Händen stumm neben ihnen saß, und zuhörte.

„Inwiefern?“

„Ich habe sie einige Zeit selbst beobachtet und ein kurzes Gespräch mit ihr geführt, nur zwei Nächte vor dem Zwischenfall. Sie war gebrochen, antriebslos, überhaupt nicht zu solchen Gewalttaten in der Lage. Sie hätte eher sich selbst als einem Anderen das Leben genommen.“

Der Oberst zog die buschigen Augenbrauen zusammen, blickte streng.

„Sie haben mit dem Asset ihres Gegenspielers gesprochen.“

Es war keine Frage, sondern ein Vorwurf.

Ich kam gerade von einem Besuch beim Herrn von Schlüsselburg und im Torhaus begegnete sie mir. Da wird mir erlaubt gewesen sein, nur einen Blick auf sie zu werfen?“

Der Obrist zog eine Augenbraue nach oben. Diejenige, die nicht das Monokel hielt.

„Sie wissen so gut wie ich, dass insbesondere das Blicke Werfen von unserer Seite aus überaus einflußreich sein kann.“

Es war dieser Moment, in dem der Junker von Schlüsselburg sich in das Gespräch einschaltete.

„Gleich viel, Herr Oberst. Ich habe keinerlei derartige Kräfte auf das Fräulein Polizistin angewandt. Sie haben ein gutes Auge, Melissa, aber Sie denken weiterhin zu sehr in den Kategorien des Übernatürlichen. Die Magie ist noch frisch für Sie, noch neu und ungewohnt, und ich nehme an Sie betrachten sie noch zu sehr als eine Lösung für allerlei Probleme, denen Sie sich nicht gewachsen fühlen. Es wird noch einige Jahrzehnte dauern, bis sie Ihnen derart in Fleisch und Blut übergangen sind, dass Sie ihre Kräfte gleichwertig neben einer Vielzahl anderer Werkzeuge betrachten. Das ist keine Schande und auch keine Anklage, sondern ein Faktum.“

Melissa richtete sich in ihrem Sessel auf, sie bog den Kopf zurück und wollte empört etwas sagen, wollte aufspringen und protestieren. Sie hasste diese patronisierende Art, diese Bevormundung und Erklärung dieser bleichen alten Säcke.

Aber der Junker schnitt ihr mit einer heftigen Geste das Wort ab.

Ich bleibe bei meinem Lob unseres letzten Treffens, junges Fräulein: Sie haben ein Auge für diese Dinge, ein Gespür für die Löcher in der menschlichen Seele, in die sie ihre Klauen schlagen können. Ihre Methoden sind wohl brachial, gleich wohl unbestreitbar effektiv. Aber sie vertrauen zu sehr auf ihr Blut. Ich sage nicht, dass Sie meine Maxine beeinflußt hätten. Aber selbst wie weit dieser Blick, den sie haben, ein Geschenk ihres Blutes ist, ist fragwürdig – ich möchte diesen Punkt nicht weiter ausführen, es ist mir einerlei, ob Sie das zweite Gesicht verwendet haben, um in die Seele ihres Assets zu blicken oder ob es ein natürliches Gespür ist. Die Wahrheit ist, dass sich diese Dinge kaum voneinander trennen lassen.

Aber Sie verlassen sich zu sehr auf ihr Blut. Ohne es wäre der kleine Dieb erledigt. Ohne sie hätte er Sie womöglich verlassen, noch ehe Maxine einem anonymen Tipp folgend diese Gasse aufgesucht hätte. Sie wissen das. Sie fürchten es vielleicht sogar, jung wie sie sind. Sie haben sich zu tief und zu schnell in sein Leben eingemischt und dabei Fragen aufgeworfen und die Antworten darauf haben ihn von Ihnen entfremdet.

Also haben Sie ihn mit Blut an sich gekettet, wie einen bissigen Köter, den sie nicht anders kontrollieren können.“

Der Junker von Schlüsselburg ging sie ohne Unterlass an. Jedes seiner Worte war ein Urteil, das tiefer schnitt und grausamer war als jede Strafe, die der Oberst ihr hätte auferlegen können. Und noch war er nicht am Ende.

„Alles, was den geschändeten Leib ihres Assets noch am Leben hält, ist ihr Blut und die Magie darin. Und es ist zu wenig, um ihn zu heilen, aber zu viel, um ihn sterben zu lassen. Und er liebt sie. Sie haben ihn, von vorn bis hinten, ruiniert. Er ist eine Gefahr. Für Sie, für uns, und muss ausgeräumt werden.

Bei diesen Worten senkte Melissa den Blick, starrte auf ihre Hände, die sie zwischen den Knien gefaltet hatte. Unwillkürlich wurde ihr heiß, eine Reaktion aus früheren Tagen, die sie noch immer nicht unter Kontrolle hatte. Blut schoss ihr in die Wangen und sie sank weiter in das Polster ihres Sessels zurück.

Mit Widerspruch hätte sie sich nur noch mehr entblößt und ihm Recht gegeben.

Das genügt, Herr von Schlüsselburg“, sagte der Oberst. Seine Stimme war mit einem Male erstaunlich sanft.

„Sei es, wie es sei. Sie haben aktiv und wissentlich gegen die Regeln der zwischen ihnen geschlossenen Wette verstoßen, berechtigter Zweifel oder nicht: Sie hätten zu mir kommen müssen, ehe sie etwas unternehmen.“ Er hob die Hand, würgte ihre Einwände ab, als sie den Kopf hob und ihm einen bittenden Blick zuwarf. „Ja, selbst wenn es den Tod ihres Assets bedeutet hätte. Sogar ganz besonders dann, da es sich um einen spielentscheidenden Eingriff gehandelt hätte, der Ihnen den Sieg zugesprochen hätte.

Darüber hinaus haben Sie mit ihrem Eingriff die Regeln unserer Art verletzt oder sind dem mindestens gefährlich nahe gekommen. Wie der Herr von Schlüsselburg richtig bemerkt, ist die fortgesetzte Existenz von Richard Hahntritt ein schwerer Bruch des Paktes. Ich habe seine medizinischen Unterlagen besorgen lassen – die Ärzte beginnen sich bereits zu fragen, wie er mit derartigen Verletzungen noch bei Bewusstsein sein kann, wieso sein Körper die ihm zugeführten Blutkonserven mit erschreckender Geschwindigkeit kannibalisiert, weshalb nekrotisches Herzgewebe sich regeneriert, nur um erneut abzusterben…

Nicht mehr lange und sie werden Fragen stellen, die wir nicht beantwortet wissen wollen.“

Melissa klammerte die Finger um die Lehnen ihres Stuhls, krallte sich in die Löwenköpfe, die dahinein geschnitzt worden waren.

Das war der Lauf der Dinge. Die Ungerechtigkeit gehörte dazu. Sie waren beide älter, sagte Melissa sich. Sie hätte damit rechnen sollen, dass sie sich gegen eine jüngere verbünden würden. Selbst wenn sie einander normalerweise spinnefeind waren.

Betrogen und bestraft für einen technischen Fehler. Unwillkürlich dachte sie an die Polizistin und die kalte, impotente Wut, die sie das letzte Mal in ihr gespürt hatte. Der sie sich nun verwandt fühlte.

Sie zwang sich, zu atmen. Obwohl es eine nutzlose Handlung war, beruhigte sie Melissa.

Eine drakonische Strafe, erwartete Sie. Eine Verdopplung der geschuldeten Gefallen vermutlich, eine zweite Zahlung an den Oberst, damit er hinter ihr aufräumen würde. Selbst wenn – und vielleicht gerade weil – sie das auch selbst hätte erledigen können.

Nach einiger Beratung mit dem ehrenwerten Herrn von Schlüsselburg, werden wir Sie nicht für jugendliche Übertretungen bestrafen, die möglicherweise sogar Mitgefühl entspringen und einem Funken an Menschlichkeit, der zu bewundern und nicht zu bestrafen ist.“

Melissa öffnete den Mund. Sie wollte sich gegen die Implikation erwehren, wollte darauf bestehen, dass sie zu jedem Zoll das gleiche Ungeheuer wie sie war. Sie wollte erneut protestieren,

Schloss dann aber die Lippen wieder, nickte, und murmelte ein „Ich danke Ihnen.“

Wir sind keine Tyrannen“, sagte der Oberst. „Diese Regeln existieren zu Ihrem eigenen und unseren Schutz, Fräulein Morgenthau, selbst wenn Sie sich von Ihnen eingepfercht fühlen. Sie sind ein Käfig für die Bestie in uns, die wir niemals, niemals entkommen lassen können.

Wir sind uns also einig: Das Fräulein Morgenthau schuldet dem Herrn von Schlüsselburg eine Gefälligkeit und wird die Konsequenzen ihres Fehlverhaltens selbst so diskret als möglich beseitigen.“

Er erhob sich, was auch für Leopold und Melissa das Zeichen war, aufzubrechen. Der Oberst nickte Leopold zu, beglückwünschte ihn zu seinem Sieg. Melissa reichte er die Hand – eine seltene Ehre – und beglückwünschte sie.

„Sie haben gut gespielt, junges Fräulein, vor allem für ihr Alter. Mit Ruhe und Geduld. Ich werde ihren Weg weiter verfolgen“, sagte er und hielt ihre Hand so fest, dass sie sich nicht von ihm abwenden konnte.

Sehr genau. Ihre Spiele werden spannend bleiben. Ich freue mich darauf ihre nächste Wette zu begleiten. In ein oder zwei Jahrzehnten.“

Die beiden Altherren entließen Melissa in die Nacht. Und als sie wieder den Geruch von Smog und Herbstwind und Finsternis auf ihrem Gesicht spürte, war sich die junge Frau nicht sicher, ob es eine Warnung oder ein Versprechen gewesen war.

Sie wusste nur, dass diese Katz und Maus Spiele eine der wenigen Freuden ihrer endlosen Nacht waren.

Schuld und Sünde – Teil XI: Ein ungetrübter Blick auf die Dinge

Nachdem Richards Versuch, mit Maxine vernünftig zu reden, gescheitert war, war er geflüchtet um seine Wunden zu lecken. Nicht vor ihr – nicht nur – sondern vor seinen eigenen Zweifeln. Vor dem leisen Flüstern in seinem Kopf, das ihn überhaupt nur zu der Polizistin getrieben hatte.

Ein paar Tage, nachdem Melissa in sein Leben getreten war, setzte irgendein Fremder ihm die Polizistin auf den Hals. Nachdem er monatelang so unauffällig wie möglich gewesen war, bescheiden gewesen war.

Er hatte sich geweigert, Melissens Wohnung wieder zu betreten. Irgendwie hatte er Kontakt mit Melissa aufgenommen, hatte einen Zettel in der Wohnung gelassen, wo er auf sie warten würde: In der blinden Gasse, in der alles begonnen hatte. In seinem alten Loch, in das er sich wieder verkrochen hatte.

He would get to the bottom of this, even if he felt for Melissa. No women was worth being toyed with like this, having his sanity questioned like this. Er würde sich dieser Sache stellen.

He felt she would come at night. Ohne den Grund dafür zu kennen, vermutete er es. Sie war noch nie tagsüber bei ihm gewesen. Manchmal glaubte er nicht einmal daran, dass es sie überhaupt wirklich gab, dass sie nicht nur ein Traum war, der seinem Kopf entsprungen und Gestalt angenommen hatte.

Aber je näher der Sonnenuntergang rückte, desto nervöser wurde er. Das Röcheln aus der anderen Ecke der Gasse machte ihn unruhiger als früher. Es half wenig dabei, dass die Sonne schon lange vor Einbruch der Nacht nicht mehr bis auf den Grund der Gasse schien, dass es nicht einmal Fenster gab, in denen sich das Licht hätte brechen können, sondern nur ein diffuses Zwielicht in dieser blinden Gasse.

Richard fühlte die Minuten verstreichen und mit jedem Grad, den die Sonne weiter hinter den Horizont sank, fühlte er ein Gewicht auf sich lasten, das er nicht erklären konnte.

It came crashing down on him about an hour before midnight.

Als sie plötzlich vor seiner Schlafnische stand.

Melissa, die Arme verschränkt, das honigblonde Haar in den Nacken gebunden, die selbe furchtlose Arroganz im Gesicht, die sie bei ihrer allerersten Begegnung gezeigt hatte.

„So dankst du mir also meine Hilfe“, sagte sie. „Indem du mich zurück weist und in eine dunkle Gasse lockst.“

Sie machte einen Schritt auf ihn zu, eine Geste von Richard stoppte sie.

„Bleib genau da“, sagte er und streckte eine Hand nach vorn. „Bleib da, wo ich dich sehen kann.“

Auch, wenn sie in der Dunkelheit nur schwer auszumachen war. Aber er wollte sie nicht näher an sich heran lassen. Etwas an ihr stieß ihn ab.

Melissa sah verletzt aus. Sie zog eine Schnute, bewegte sich aber nicht von der Stelle.

„Was ist los, Richard? Ich… ich bin verletzt. Ich dachte, wir hätten hier etwas am Laufen, etwas gutes. Ich wollte dir nur helfen, wieso stößt du mich fort?“

„Du spielst mit mir. Hier läuft was, ein abgekatertes Spiel. Und ich will wissen, worum gespielt wird.“

„Natürlich spiele ich mit dir, Dummerchen.“

Die junge Frau lachte und ihr Lachen läutete wie Glocken in der engen Gasse, die das Geräusch vervielfältigte.

„Ich dachte das war von Anfang an klar? Du dachtest nicht wirklich, eine schöne Fremde hat einfach Erbarmen mit dir, weil du leidlich süß bist und überhäuft dich mit Geld und Geschenken?“

Sie tippte sich gegen die Stirn, rollte mit den Augen.

„Ich Trottel. Verzeih mir, Richard, es ist meine schlechteste Angewohnheit, wirklich. Mit dem Essen zu spielen.“

Ihre Stimme jagte ihm Schauer über den Rücken. Sie war kalt und gefräßig, sie schnitt durch alle Höflichkeit und hatte nichts mit der freundlichen Person gemein, die ihm in den letzten Wochen immer wieder mit Rat zur Seite gestanden hatte. Die den Eindruck erweckt hatte, sie würde sich um ihn scheren.

Das schmerzte mehr als die blauen Flecke, die Maxine ihm verpasst hatte.

„Aber wieso ich? Warum dieses Spiel?“

„Ich habe etwas in dir gesehen“, sagte sie und der Wechsel im Ton ihrer Stimme schleuderte Richards Trauma herum.

Sie kam näher, wischte seine Gegenwehr zur seite. Ihre Hand legte sich um sein Handgelenk und presste es gegen die Wand neben ihm, die andere zog ihn am Nacken zurück. Ihre Haut war kalt und trocken, ihr Griff unnachgiebig. Sein Fleisch zitterte unter ihrer Berührung.

Der Blick in ihren grünen Augen ließ sein Herz rase. Ihr Gesicht war seinem so nahe, dass er ihren Atem spüren konnte.

Das heißt, er hätte ihren Atem spüren können, wenn sie denn geatmet hätte.

„Ich habe einen Hunger in dir gesehen, mein Kleiner, mit dem ich mit gut auskenne. Einen Hunger, den ich gebraucht habe, den ich immer noch brauche. Und dem du dich hingeben wirst.“

Sprachlos starrte Richard zu ihr auf. Ihre Zähne schienen länger zu wirken, wie die Fänge einer Schlange oder eines Wolfes. Ihr Gesicht war animalischer geworden, kruder, als ob sie unmerklich und Stück für Stück eine innere Bestie entfesselte.

„Was zum Teufel…“, flüsterte Richard. Er spürte, wie seine Knie weich wurden, aber Melissens Griff hielt ihn aufrecht vor ihrem Gesicht.

„Ich bin der Hunger ganz tief in deinem Herzen, Kleiner. Das Verlangen in dir, das du wie eine gefährliche Bestie angeleint lässt. Und es wird Zeit, dass du es befreist.“

„Nein. Nein, ich will nicht.“

„Oh… oh, Nein ist keine Antwort mehr. Ich brauche eine sehr bestimmte Sache von dir. Und die werd ich bekommen.“

Sie fixierte ihn mit ihrem Blick, wie ein Insekt auf einer Nadel hing er dort unter ihrem Blick, unfähig, sich zu bewegen oder auch nur Widerworte zu geben.

„Du wirst die kleine Polizistenschlampe töten“, hörte Richard sie sagen. Die Worte dröhnten in seinen Ohren. „Sie ist auf dem Weg hierher, Willem hat ihr von mir ausgerichtet, wo sie dich finden kann. Ist mächtig sauer, hat wegen eurem kleinen Streit einen Prozess am Hals.

Du hast eine einfache Entscheidung zu treffen, Süßer: Töte Sie. Oder lass dich von ihr töten.

Und du wirst sie töten. Dafür sorge ich.“

Die Gewissheit, mit der Melissa das sagte, ließ Richard erbeben. Er bäumte sich in ihrem Griff auf, aber es half nichts. Sie war unendlich viel stärker, als ihre dünne Gestalt vermuten ließ.

„Ich kann nicht. Ich kann niemanden töten“, sagte er. Er wusste, dass seine Stimme zitterte, dass er den Tränen nahe war. Es war ihm gleichgültig – er wollte Melissa nicht mehr beeindrucken, er wollte nur noch fort von ihr.

Sie ließ sein Handgelenk los, ihre linke Hand wanderte nach hinten zu ihrem Gürtel. Die andere hielt Richard im Nacken gepackt, auch wenn ihre blanke Präsenz wohl gereicht hätte, ihn an der Flucht zu hindern. Ein Messer blitzte vor seinen Augen. Die Schneide war schmal, vielleicht so breit wie sein Daumen, und doppelt so lang.

Der Stahl fraß sich mühelos in das weiße Handgelenk. Dunkles Blut sprudelte hervor, ohne dass Melissa auch nur eine Miene verzogen hätte.

„Blutmagie wird dich schon dazu bringen“, flüsterte sie und presste ihm ihre Wunde auf den Mund.

Das Gefühl war unbeschreiblich.

Als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen und ihm gleichzeitig Flügel gegeben. Als ob sein Herz zerspringen würde und alle Scherben weiterschlagen und weiterleben würden.

Es schmeckte nicht nach Blut, was sich scheinbar mit einem eigenen Willen seine Kehle hinunter zwang, sondern nach Ambrosia. Ein Beigeschmack von Honig betäubte seine. Er konnte fühlen, wie es sich in ihm ausbreite. Wie ein Rausch, wie ein Rasen, den sein panisch schlagendes Herz im ganzen Körper verteilte.

Und er raubte ihm den Verstand. Wie eine Uhr, die immer schneller zu ticken begann, deren Zahnräder so schnell drehten, dass die Zeiger auf dem Ziffernblatt zu einem Wirbel wurden, so drehte sich alle Welt um ihn. Schneller, schneller. Nur noch Melissa vor ihm, dann neben ihm. Dann überall um ihn. Wie ein Kreisel, der immer schneller dreht. Ohne Anzuhalten. Nur mit dem Ziel, alles auseinander zu sprengen.

Ein Schrei flog ihm in den Rücken und riss ihn aus dem Himmel zurück.

ZURÜCKTRETEN“,schrie jemand.

Schmerz dröhnte in seinem Rücken, dumpf. Etwas hatte ihn getroffen und er trat zur Seite. Mehr, um die Quelle des Schreis in den Blick zu bekommen. Was immer Melissa getan hatte, es pumpte ihn auf, ließ ihn den Schmerz vergessen.

Ekstase in seinen Adern.

Sie war in Zivil, Stiefel und ein T-Shirt. Eine breite, aggressive Haltung. In ihrer Faust ein Totschläger, ein hässlicher Klumpen schwarzen Eisens. Damit hatte sie ihn in die Seite geschlagen und hielt ihn jetzt abwehrend vor sich.

Sie. Die Polizistin. Maxine.

Neben ihr Melissa. Blut strömte ihre Handgelenke hinunter. Es trocknete auch auf seinem Kinn. Der Geruch betörte ihn. Wie Honig. Er wollte mehr davon. Aber zwischen ihr und ihm stand sie. Die Polizistin. Sie beachtete Melissa nicht, hielt den Blick auf Richard fixiert.

Melissa war gegen die Wand gesunken. Sie starrte das Schauspiel an. Ihre Augen reglos, aber scharf. Tot und doch lebendig. Hätte die Polizistin nur den Kopf gedreht, dachte Richard, hätte sie einfach den Blick gewendet, sie würde das perverse Spiel sehen, das mit ihnen beiden gespielt wurde.

Sah sie es denn nicht? Sah sie nicht das Grinsen, diese Erwartung in ihrem Gesicht?

Er gurgelte, trat nach vorn, deutete auf Melissa. Er musste sie sehen machen, musste ihr zeigen, was sie nicht sah.

Nicht sehen konnte.

Bleib weg“, rief Maxine und holte mit dem Schlagstock aus. Die Kugel an seinem Ende traf seine ausgestreckte Hand. Ein Geräusch wie brechender Reisig und das Messer klapperte zu Boden.

Richard taumelte zurück, blinzelte.

Wieso hatte er das Messer in der Hand gehabt?

Er spürte nicht, dass der Totschläger ihn getroffen hatte, sah nur, wie sein Handgelenk in unnatürlichem Winkel abstand.

Wie war das passiert?

Seine Seele war ein Maelstrom aus Verwirrung, aus Gefühlen, die er nicht kannte und die zu stark waren, um sie zu beherrschen.

Er blickte zu Maxine. Sie sah wie verwandelt aus. Nicht, wie er sie in Erinnerung hatte.

Ihr Gesicht war verzerrt, vor Wut, vor Hass. Auf ihn. Auf sich vielleicht. Hässliche, rote Flecken schienen sie zu umgeben, und das wenige Licht hier hinten verzerrte sie noch mehr. Als ob ihre Gefühle Gestalt angenommen hätten oder wenigstens Farbe und aus ihr heraus flossen.

Richard sah den Hass in ihren Augen funkeln. Diese Verachtung.

Und er wusste, dass Melissa Recht gehabt hatte. Dass sie auf Gewalt aus war. Dass es nur einen Ausweg gab, dass er sie töten musste. Dass er diese Energie, diese übersprudelnde Kraft in seinen Adern gegen sie richten musste.

Mit einem Knurren sprang er nach vorn.

Seine Knochen brachen wie altes Holz.

Maxine wich zur Seite aus, der geschwärzte Stahl ihres Totschlägers dröhnte auf seinem Fleisch. Er fühlte seine Rippen bersten, hörte seinen Schädel auf den Boden schlagen. Sie war über ihm, drosch erbarmungslos auf ihn ein. Sein Widerstand brach wie sein Handgelenk, wie seine Rippen. Haut und Fleisch platzten auf, Blut spritzte.

Eine Minute, vielleicht, dann war er erledigt.

Richard sah, wie eine schmale Hand sich um den Nacken von Schwarzbrunn schloss und wie Melissa sie wie ein ungezogenes Tier hoch hob und von sich schleuderte. Zwei, drei Meter entfernt prallte Maxine auf den Boden, überschlug sich ungelenk.

Mit der Übung einer trainierten Kämpferin sprang sie auf, holte mit dem Schlagstock aus, um sich mit einem Sprung nach vorn zu katapultieren und ihrem unbekannten Angreifer die Knie zu zertrümmern.

Wie angewurzelt hielt sie inne.

Du ruinierst es“, zischte Melissa „Du ruinierst meine Wette. Du warst am Ende, ein Wrack.

Maxine sah zu der Frau auf, die zwischen ihr und Richard stand, dann zu ihm hinunter auf den Asphalt.
Grauen breitete sich in ihrem Gesicht aus.
Darüber, was sie angerichtet hatte, wozu sie in der Lage gewesen war. Was dort vor ihr stand, mit geifernden Fängen, mit der Kraft dreier starker Männer und einer Stimme wie ein Teufel.

Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte, rannte so schnell sie konnte in die Nacht.

Richard röchelte. Er wollte ihr nachrufen, wollte um ihre Hilfe flehen. Aber er brachte kein Wort heraus.

Sein Leib musste zerschmettert sein, auch wenn er es kaum fühlte. Er konnte sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Nicht einmal wirklich sehen. Alles um ihn her floss ineinander, flirrte mit einer Intensität, die von der Magie in ihm kommen konnte oder seinen Wunden. Seine Netzhaut löste sich ab und sein Schädel schien ihm zu zerspringen.

Das letzte, was er sah, war Melissa, die über ihm kniete. Alle Liebe, alle Zuneigung, die er in ihrem Gesicht je zu sehen geglaubt hatte, war daraus verschwunden.

Ihr Gesicht war kalt, gefühllos. Eine Totenmaske, die das Lächeln neu gelernt hatte. Ihre Augen fixierten ihn wie ein Insekt auf einer Nadel.

Sie sah ihm dabei zu, wie er zerbrochen dort auf dem Asphalt lag, in der blinden Gasse abseits aller Zivilisation. Wie sein zerschundener Körper zitterte und aufzugeben drohte. Und wie sein Herz trotzdem noch pumpte und schlug und ihn zusammen hielt. Angetrieben nur noch von unzähligen Leben, die sie selbst gestohlen hatte.

Deine Feigheit ist mich heute teuer zu stehen gekommen“, sagte sie, „Sei dankbar, dass ich mein Geschenk an dich nicht zurück nehmen werde: Es ist alles, was dich noch am Leben hält.“

Sie berührte seine Wangen. Ihre Hände waren kalt wie Schnee und trocken wie Eis und brannten auf seinem heißen Fleisch. Die Berührung raubte ihm das Bewusstsein.